Ludwigskirchen, 1913
Johannes wagte nicht, sich zu rühren, wagte nicht, zu atmen oder gar zu blinzeln, um nur ja den Moment nicht zu zerstören. Noch nie hatte ihn etwas jenseits der Musik so sehr in seinem Innersten erschüttert wie diese junge Frau. Seit Marie gestern aus dem Wirtshaus gestürmt und mitten in seine Arme gestolpert war, schien die Welt stehen geblieben zu sein, fand er keinen Schlaf, kreisten all seine Gedanken nur noch um sie, wie um eine Melodie, die er einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam. Staubpartikel wirbelten jetzt zu Maries Füßen auf und tanzten im Morgenlicht, während sie sich lachend im Kreis drehte, den Weidenkorb in die schmale Taille geklemmt, die fütternde Hand mit den herabrieselnden Körnern weit ausgestreckt. Unter ihr die bunte Hühnerschar, über ihr der blaue Himmel mit ein paar wenigen Schäfchenwolken – es war ein Bild, wie es berühmte Maler festhalten sollten. Die Magd, die ihn beim Tor hereingelassen hatte, kicherte in seinem Rücken, und gerade da blickte Marie auf und ließ erschrocken den Korb fallen. Rasch nahm Johannes den Strohhut ab und verbeugte sich höflich.
»Guten Morgen, Fräulein Marie!«
Ihre Wangen färbten sich rosa, was sie nur noch entzückender aussehen ließ, und sein Herz begann in wildem Takt zu trommeln.
»Grüß Gott, Herr Johannes! Ich wusste gar nicht, dass Sie heute vorbeikommen.«
Sie bückte sich nach dem Korb, hob ihn auf und kam auf ihn zu. Der lange Rock wippte beim Gehen, und Johannes fiel auf, dass er genau die Farbe ihrer Augen hatte. Man konnte sich in ihrem dunklen Tannengrün mit den winzigen bernsteinfarbenen Einschlüssen verlieren wie in einem verzauberten Wald.
Reiß dich mal zusammen und starr sie nicht dümmlich an wie einen Stern, der dir vor die Füße gefallen ist!
Er rang nach Worten, und während Marie das Türchen öffnete und aus dem Hühnerhof schlüpfte, sagte er: »Bitte nennen Sie mich doch Jo, gnädiges Fräulein.«
Im nächsten Augenblick wollte er sich ohrfeigen. Wie konnte er nur so forsch sein, es gehörte sich nicht für ein ehrbares Mädchen, so rasch mit einem jungen Herrn vertraulich zu werden. Überhaupt sollten sie sich nicht in Abwesenheit einer Gouvernante oder einer Verwandten hier allein unterhalten. Doch Johannes kam es vor, als lägen zwischen ihrem letzten Wiedersehen nicht Stunden, sondern Wochen oder gar Monate, er mochte sich einfach nicht von ihr trennen. Zu seiner Erleichterung lag kein Zorn, sondern ein spitzbübisches Lächeln auf ihren Zügen, als sie ihn ansah. Einige ihrer dunklen Locken hatten sich aus ihrer Frisur gelöst und sprangen ihr ins Gesicht, und am liebsten hätte er sie ihr von den Wangen gestrichen.
»Sie schließen schnell Freundschaften, Jo. Ist das nicht bisweilen gefährlich?«
Klug und schlagfertig war sie auch noch, das war ihm schon gestern Abend aufgefallen. »Muss ich mich vor Ihnen hüten, gnädiges Fräulein? Sie scheinen mir keine Hexe zu sein, eher eine Fee.« Und verzaubert hatte sie ihn längst.
Jetzt lachte sie, und ein Prickeln lief ihm über die Haut.
»In eine Hexe verwandle ich mich nur, wenn ich weiterhin von Ihnen gnädiges Fräulein genannt werde. Oder gefällt Ihnen mein Name nicht?«, scherzte sie.
»Ganz im Gegenteil.« Er trat einen Schritt näher. »Es gibt seit gestern keine schönere Harmonie als Marie in meinen Ohren«, wisperte Johannes nun so leise, dass nur sie und nicht die Magd es verstehen konnte, die nicht weit von ihnen entfernt die Dahlien goss und der Unterhaltung begierig lauschte.
In diesem Moment wurde die Hintertür des Hauses aufgerissen und Giselas jüngere Schwester eilte die Stufen hinab in den Vorgarten und schritt wie eine Königin auf sie zu. Während Johannes sich verbeugte und ihr ebenfalls einen guten Morgen wünschte, fragte er sich irritiert, warum in aller Welt Susanna vormittags hier mitten auf dem Land ein so elegantes Kleid trug? Es war aus hellblauer Seide mit Volants, Spitze und aufgestickten Perlen verziert und umschloss ihre Taille so eng, dass er glaubte, sie müsste darin ersticken. Als sie näher kam, schlug ihm ein Schwall süßes Parfum entgegen.
»Herr Johannes! Wie aufregend, Sie hier zu sehen! Bitte, wollen Sie uns etwas vorspielen?« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und deutete mit einem vielsagenden Kopfnicken zu seinem Violinenkasten, den er neben der Reisetasche am Boden abgestellt hatte.
Ihm war am Abend zuvor schon aufgefallen, dass sie sich ihm einige Male wie zufällig in den Weg gestellt hatte, wenn er Marie zum Tanz auffordern wollte. Ihr aufdringliches Verhalten war ihm ausgesprochen unangenehm, dennoch bemühte er sich um ein freundliches Lächeln, schließlich hatte er ihrer Schwester viel zu verdanken. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass auch Marie die Freundin irritiert musterte.
»Würden Sie sich das ebenfalls wünschen, Marie?«, fragte er und wandte sich wieder ihr zu.
»Von Herzen gern!« Marie erwiderte unbefangen sein Lächeln. »Aber kommen Sie doch bitte erst ins Haus, sicher werden auch alle anderen mit Freuden Ihrem Spiel lauschen.«
Sie wies ihm den Weg in die Küche, und Johannes unterdrückte ein Grinsen, als er Susannas erschrockenes Gesicht sah. Hatte er doch richtig geraten. Diese Festtagsaufmachung hatte gewiss nicht ihre Mutter angeordnet.
Mehrere Köpfe drehten sich zu ihm herum, sobald er das Wohnhaus betrat und sich knapp verbeugte.
»Grüß Gott, Johannes!«, rief Susannas Vater überrascht. »Sind Sie extra den weiten Weg hierher marschiert? Wir hätten Sie bei der Heimfahrt auch im Wirtshaus abholen können.«
»Ein Spaziergang am Morgen ist genau das Richtige nach einer Feier, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen«, entgegnete er. »Außerdem wollte ich Ihnen keine Umstände machen, Herr Keller, wenn Sie durchaus so freundlich sind, mich nach Temeswar mitzunehmen.«
»Setzens Ihna doch und trinkens noch aanen Kaffee mit uns!«, bot die alte Bäuerin freundlich an, und Johannes nahm das Angebot dankend an. Während er sich auf einem Stuhl niederließ, bekam er mit, wie Frau Keller ihrer Tochter zuflüsterte:
»Wie siehst du denn aus? Zieh dich auf der Stelle um! Wozu hast du überhaupt das feine Kleid in dieses Nest mitgenommen?«
Susanna wurde blass, und es war Marie, die ihre Freundin aus der peinlichen Situation rettete, indem sie ihre Hand ergriff und laut sagte: »Der Herr Farber war so reizend, uns heute ein Konzert anzubieten, gewissermaßen eine private Matinee, deshalb haben wir uns ein wenig herausgeputzt.«
Klara Keller machte ein Gesicht, als hätte sie einen Frosch verschluckt.
»Natürlich nur, wenn es Ihnen allen genehm ist, gnädige Frau«, beeilte sich Johannes zu sagen.
»Aba freilich is uns das genehm«, mischte sich die Bäuerin ein und betonte spöttisch das Wort. Er wurde das Gefühl nicht los, in ein Hornissennest gestochen zu haben, aber Susannas Vater legte ihm die Hand auf die Schulter und erklärte freundlich:
»Jetzt trinken Sie erst einmal Ihren Kaffee aus, mein Freund, und dann spielen Sie uns noch ein bisschen was vor. Schade, dass die Gisela schon abgereist ist. Die hätte sich ebenfalls sehr darüber gefreut.«
»Wir könnten doch auch einen Liederabend mit Herrn Farber daheim veranstalten!«, platzte Susanna heraus, und nun glaubte Johannes wirklich, ihre Mutter würde gleich explodieren. Er nahm schnell einen großen Schluck Kaffee, wunderte sich, dass es richtiger und keiner aus Zichorie war, und verbrühte sich prompt die Zunge. Sein schmerzerfüllter Blick begegnete dem Maries, die ihm gegenüber Platz genommen hatte und nun rasch aufsprang und ihm ein Glas Wasser reichte. Er nickte ihr dankbar zu und leerte es in einem Zug.
Wenig später saß sein Publikum vor ihm in der guten Stube, und Johannes spielte den Rosenkavalierwalzer von Richard Strauss und einige ungarische Bauernweisen von Béla Bártok. Sein Blick streifte immer wieder Marie, die hingebungsvoll den Klängen seiner Violine lauschte, und in diesem Moment fasste er den Entschluss, dass er sie einfach wiedersehen musste. Vielleicht konnte er über Susanna ein gemeinsames Treffen arrangieren. Und falls das misslang – hatte Marie nicht gesagt, ihr Vater wäre Fotograf und Maler? Notfalls würde er all seine Ersparnisse opfern und ein Porträt von sich in Auftrag geben, nur um einen Vorwand zu haben, ihr wieder nahe zu sein.