17

Maui, Juli 2022

Riesige, aus Metall geschmiedete Blätter und Strelitzien-Blüten ragten mannshoch vor Emma auf und verschmolzen mit dem Garten dahinter. Elias griff in das Fach über der Mittelkonsole und drückte auf einen Sender. Zwei Flügel des Metalldschungels schwangen auf und gaben den Blick auf einen gekiesten Weg frei, der sich zwischen Palmen, Calathea- und Hibiskus-Sträuchern zu einem Haus aus Redwood-Holz schlängelte. Das Gebäude schmiegte sich in die Pflanzenwelt, als wäre es ebenfalls aus dem Boden gewachsen, und über allem schwebte auf der rückwärtigen Seite die metallene Kuppel des Observatoriums wie ein dunkler Mond.

»Wundere dich bitte nicht, das Haus hat meine Mom zusammen mit einer Architektin entworfen, die ganz ähnlich tickte wie sie.«

»Soll heißen?«, fragte Emma amüsiert.

»Sie haben sich mit ihren exzentrischen Einfällen wechselseitig zu übertreffen versucht.« Er grinste. »Mein Dad hat ausschließlich sein Arbeitszimmer selbst gestalten dürfen.«

»Es hat also einen anderen Stil als der Rest des Hauses?«

»Sagen wir mal, es steht an guter alter amerikanischer Tradition dem Oval Office in nichts nach.«

»Oh, mein Gott!« Emma lachte und schnallte sich ab, denn Elias war vor einem Garagentor stehen geblieben. Rechts und links davon ragten schmiedeeiserne Fackelhalter wie Speere aus

»Emma! Wie schön, dass du hier bist!«

Überrumpelt erwiderte Emma die herzliche Umarmung. »War deine Fahrt angenehm?«, fragte Becky laut und fügte leiser hinzu: »Muss ich ihm den Kopf waschen?«

Emma unterdrückte ein Lachen, warf einen kurzen Blick nach hinten zum Jeep, aus dem Elias gerade ihren Koffer wuchtete, und schüttelte den Kopf. »Die Straße nach Hāna war traumhaft. Ich habe dir was von unterwegs mitgebracht.«

Sie eilte zurück zum Wagen und angelte die Tüte mit dem Bananenbrot vom Rücksitz. Währenddessen rollte Elias ihren Koffer vorbei und umarmte seine Mutter.

»Ich hoffe, du magst die Sorten«, sagte Emma und reichte ihr das duftende Brot.

»Oh! Ihr seid bei Sandy vorbeigefahren? Wie lieb von dir, Danke!« Sie schnupperte und verzog genießerisch die Miene. »Es gibt nichts Besseres als dieses Bananenbrot hier auf Maui!«

»Gut zu wissen. Falls das ein Hinweis darauf sein soll, dass dir dein Abendessen misslungen ist, können wir dann immer noch das Brot futtern«, sagte Elias und fing sich von seiner Mutter einen Hieb gegen den Arm ein.

»Das könnte dir so passen! Und jetzt kommt endlich rein!«

Emma gefiel das freche Lächeln, das Elias seiner Mutter schenkte. Ein leises Rauschen war in der Ferne zu hören. Das musste das Meer sein. Im Eingang des Hauses schoss plötzlich etwas an ihren Beinen vorbei, und sie drehte sich erschrocken um. Über den Kiesweg flitzte eine getigerte Katze und verschwand irgendwo zwischen den Büschen.

Emma drehte sich um und folgte ihr. »Nein. Ich habe zum Glück überhaupt keine …« Sie brach ab und starrte verblüfft in den lichtdurchfluteten, riesigen Raum, dessen bodentiefe Fenster allesamt zum Garten und auf das Meer ausgerichtet waren. Eine helle moderne Sitzgruppe lag wie hingewürfelt zwischen der Küche mit wuchtiger Theke und Esszimmermobiliar auf der einen und einer Bibliothek auf der anderen Seite. Halbmondförmig angelegt schien der Raum das Meer und den Garten davor liebevoll zu umarmen. Neben den maßgenau eingepassten Bücherregalen stand ein weißes Klavier, über dem das Bild eines Mädchens mit langen blonden Haaren hing.

»Du hast mir gar nicht erzählt, dass du auch Klavier spielst«, rief sie.

»Ich habe es leider nie gelernt. Das ist das Instrument meiner Tochter Jane.«

Emma bemerkte auf einmal Elias’ seltsamen Blick.

»Manchmal bist du so gnadenlos ehrlich wie Omi Viktória«, hatte ihre Mutter ihr vorgeworfen. »Die schert sich auch nicht um Höflichkeiten oder gesellschaftliche Konventionen, sondern platzt einfach mit dem heraus, was ihr gerade in den Sinn kommt.«

Aber das stimmte nicht. Sie wollte niemanden brüskieren, schon gar nicht Becky. Es fiel ihr nur manchmal schwer, angemessen zu reagieren, weil ihre Gedanken sofort weitersprangen, so wie eben jetzt von der traumhaften Einrichtung zu dem Klavier.

»Was für eine wahnsinnig schöne Aussicht!«, beeilte sie sich mit einer Geste zum Garten hin, zu sagen. »Und dein Haus ist ein Traum!«

Becky strahlte sie an. »Nach dem Essen machen wir einen

 

Eineinhalb Stunden später half Emma, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, und Elias deckte unterdessen den Tisch mit Desserttellern. Ein Schokoladen-Pie mit Mango stand auf der Theke als Nachtisch bereit, und ihre Gastgeberin kramte in einer Schublade, auf der Suche nach dem Kuchenmesser.

Da vibrierte Emmas Handy, und stirnrunzelnd warf sie einen Blick auf das Display. Bestimmt war das wieder Michael. Sie wollte den Anruf gerade wegdrücken und hielt im letzten Moment inne. Omi Viktória?

»Entschuldigt bitte!«, rief sie. Elias machte sich gerade an der Espressomaschine zu schaffen. »Für mich einen Cappuccino«, raunte sie ihm noch rasch zu und nahm den Anruf an.

»Hallo, Omi! Wie geht es dir?«, fragte sie und ging Richtung Schiebetür, zog sie auf und trat auf die Terrasse, um ungestört zu reden. Schwüle Abendluft schlug ihr entgegen. Die Dämmerung war hereingebrochen, nur noch ein schmaler orangefarbener Streifen am Horizont war vom Tag übrig geblieben, und der Mond und erste Sterne spannen silberne Fäden ins Meer. In den Palmenzweigen flüsterte der Wind und trieb ihr einige Haarsträhnen ins Gesicht.

»Das sollte ich besser dich fragen«, erwiderte Viktória amüsiert. »Wie ich hörte, hast du dich von Mr. Business getrennt und bist vom Erdboden verschluckt.«

Vor Schreck rutschte Emma fast das Handy aus der Hand. »Woher weißt du das, Omi?«

»Michael hat heute Morgen bei deiner Mutter angerufen, und Moni hat sofort wie eine aufgescheuchte Glucke bei mir nachgefragt, ob ich etwas davon wüsste.«

Emma sah auf ihre Armbanduhr und rechnete nach. Elf Stunden Zeitunterschied, in München musste es jetzt morgens um

»Er hat sich ungewohnt besorgt gezeigt und wollte wissen, wo du jetzt steckst.«

Emma verdrehte die Augen. »Bei einer sehr netten Frau auf Hawaii. Sie ist etwa in Mamas Alter und war auch einmal Astronautin.« Der Satz war raus, bevor ihr bewusst wurde, dass Omi Viktória von ihren Weltraumambitionen noch gar nichts wissen konnte. Sie seufzte. »Weißt du, ich dachte, ich erzähle dir das alles in Ruhe, wenn ich wieder zurück bin«, fügte sie kleinlaut hinzu. »Vergangenes Jahr habe ich mich bei der Europäischen Weltraumorganisation beworben, und wie es aussieht, habe ich ganz gute Chancen, dass ich als Astronautin aufgenommen werde.«

»Das hat mir deine Mutter eben erzählt.«

Natürlich. Diese Klatschtante! Konnte sie es nicht ein einziges Mal ihr selbst überlassen, der Großmutter davon zu berichten? Emma schnaubte verärgert.

»Und im Gegensatz zu ihr finde ich es einfach großartig.«

»Wirklich?«, fragte Emma atemlos.

»Natürlich! Lass mich raten, dein Michael war von deinen Plänen nicht angetan?«

»Nein. Er hat mich vor die Wahl gestellt – der Weltraum oder er.«

Omi Viktória lachte leise. »Das wundert mich gar nicht, Liebes. Dann darf ich dich also zu deiner Entscheidung beglückwünschen.«

Ein warmes Gefühl überrollte Emma. Michael war mit ihrer Großmutter nie sonderlich gut ausgekommen. Sie hatte ihm mehr als einmal sehr direkt ihre Meinung gesagt, daher hatte

»Es tut mir leid, dass wir uns so lange nicht gesehen haben«, sagte sie mit belegter Stimme. »Ich hätte schon früher …« Sie stockte und rang nach Worten.

»… mit diesem Egoisten Schluss machen sollen?«

Emma grinste. Das war typisch für Omi.

»Magst du darüber reden?«

Ihr Handy vibrierte und zeigte den Eingang eines weiteren Anrufs, den ihrer Mutter. Auch das noch! Emma drückte sie entschlossen weg.

»Jetzt nicht. Ich bin hier gerade beim Abendessen. Aber ich rufe dich in den nächsten Tagen bestimmt zurück.«

»Ich werde Moni sagen, dass es dir gut geht und sie dich in Ruhe lassen soll.«

»Zu spät, Mama ruft gerade pausenlos durch«, stöhnte Emma.

»Lass das meine Sorge sein. Genieß du jetzt erst mal deine Freiheit.«

Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Sie hätte niemals zulassen dürfen, dass Michael einen Keil zwischen sie und ihre Großmutter getrieben und den Kontakt auf das Notwendigste beschränkt hatte.

»Mach ich. Ich hab dich lieb, Omi!« Ein Satz, den sie vermutlich zuletzt als Kleinkind gesagt hatte. Sie blinzelte. Was war denn nur mit ihr los? Weder sie noch Omi Viktória waren sonst so rührselig miteinander. Sekundenlang herrschte Schweigen. Emma wollte sich schon verlegen verabschieden, da erwiderte ihre Großmutter mit belegter Stimme: »Ich dich auch, Kind!«

Sie blieb einen Moment stehen, um sich wieder zu sammeln. Inzwischen war der letzte Lichtstreifen am Horizont

 

»Glaub mir, der Unterdrucktank, die Zentrifuge und das Überlebenstraining am offenen Meer waren nicht das Schwierigste in der Ausbildung. Noch nicht mal der Kotzbomber, also der Parabelflug«, sagte Becky wenig später zu ihrem Sohn beim Nachtisch und rührte so energisch einen Löffel Zucker in den Cappuccino, dass der Kaffee fast überschwappte.

Elias lachte. »Mom, willst du Emma etwa Angst einjagen?«

Becky setzte eine leidende Miene auf. »Das Schlimmste waren die unzähligen Schalter und Knöpfe im Shuttle und die technischen Notfallszenarien, die wir auswendig lernen mussten, um im Ernstfall richtig reagieren zu können. Und wir Teacher-in-Space-Mitglieder wurden nur in einem Bruchteil dessen ausgebildet, was bei den professionellen Astronauten auf dem Plan stand, wie Andock- oder Landemanöver, Raumfahrt- und Elektrotechnik. Meine Güte, waren die alle ehrgeizig! Judy hat endlos mit diesem störrischen Roboterarm trainiert.«

»Bis auch noch der Letzte zu kotzen anfängt?«, fragte Elias mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Keine Sorge, die Tüten werden vorab kostenlos ausgeteilt. Das hat man mir zugesichert.« Sie grinste.

»Und am Ende rast der Jet dann in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel zur Erde, bis der Pilot ihn abfängt.« Becky strahlte ihren Sohn an. »Man kann einen Parabelflug inzwischen auch als Privatperson buchen. Soll ich dir einen zum Geburtstag spendieren?«

»Nein danke, Mom! Ich fühle mich hier auf der Erde wirklich ausgesprochen wohl.« Elias trank seinen Espresso in einem Zug aus und stellte die Tasse eine Spur zu heftig ab.

Emma lachte und schob sich ein Stück Schokoladen-Pie in den Mund.

»Wir lernen auch, wie man in Notsituationen eingreifen kann, wenn die Technik versagt. Brände oder giftige Gase auf der Raumstation bekämpfen, Überleben im Falle einer Notlandung auf dem Wasser oder in der Wildnis bei minus zwanzig Grad. Die Ausbildung ist unglaublich vielseitig, sie zeigen uns, wie man aus einem Rettungsfallschirm ein provisorisches Zelt baut, Wunden näht oder Zahnfüllungen setzt, solche Sachen.«

»Sich in der Wildnis durchschlagen ist auf jeden Fall spannend. Dazu muss man noch nicht mal Astronaut sein.«

»Du übertreibst, Mom!«

»Von wegen. Du und Kaleo wart früher ständig irgendwo unterwegs.«

»Mein bester Freund aus Kindertagen«, erklärte er Emma. »Seine Eltern wohnen nicht weit weg von hier, aber er ist inzwischen zu seiner Frau nach Big Island gezogen und veranstaltet auf allen Inseln Trekkingtouren in die abgelegensten Gebiete.«

»Beneidenswert! Kann er davon denn leben?«, fragte Emma.

Elias zuckte die Schultern. »Soweit ich weiß, läuft das Geschäft ganz gut. Hawaii ist ja ein ziemlicher Tourismusmagnet.« Er sah Emma an. »Aber sag mal, abgesehen von der Ausbildung – was reizt dich am Weltraum am meisten?« Seine Augen waren voll offener Neugier auf sie gerichtet, und Emma musste plötzlich an Michaels spontane Ablehnung denken. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie zu fragen, warum sie ins All wollte, sondern ihr nur diesen Plan sofort ausreden wollen.

»Hm, ich denke, die Klimaforschung und all die Experimente, die man auf der Internationalen Raumstation durchführt.«

»Ich dachte immer, ihr Astronauten wollt vor allem andere Planeten erkunden. Aber deckt sich die Forschung nicht mit dem, was du am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum beim Auswerten der Satellitendaten machst?«

»Das ist doch nicht dasselbe, Elias!«, empörte sich Becky. »Denk nur, was für ein unvergleichliches Gefühl es sein muss, unsere Welt aus dem All zu sehen und …«, sie unterbrach sich und grinste, »jetzt hätte ich ums Haar gesagt Weltraumluft zu schnuppern

Alle lachten.

»Keine gute Idee, Mom. Was für ein Glück, dass du nicht dort oben warst. Dir hätte ich zugetraut, dass du vor lauter Neugier draußen einfach den Helm abnimmst.«

»Ich bin jetzt schon gespannt, was du riechen wirst. Angekokeltes Popcorn? Lass es uns unbedingt wissen, sobald du dort oben warst.« Sein Gesicht hob sich im Kerzenschein hell vom dunklen Zimmer ab und wirkte auf einmal unheimlich anziehend. Sie war gefangen von seinem Lächeln, das sich in den geheimnisvollen grünen Augen wiederfand, und den Grübchen, die sich auf seinen Wangen bildeten. Emmas Atem ging schneller.

Dass er sich so für ihre beruflichen Ambitionen interessierte, obwohl er sie kaum kannte, brachte etwas in ihr zum Klingen. Emma räusperte sich und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

»Es gibt noch viele andere Forschungsgebiete, wie Pflanzen in Schwerelosigkeit wachsen oder medizinische Experimente. Langweilig wird mir bestimmt nicht werden.«

»Irgendwo habe ich gelesen, dass man sogar an degenerativen Erkrankungen des Gehirns wie Alzheimer und Demenz forscht«, erklärte Becky.

»Weil man im All schneller altert?« Elias beugte sich hinunter und hob Jazzpurr auf seinen Schoß. Der kleine Kater ließ sich von ihm genüsslich am Hals kraulen und gab ein tiefes entspanntes Schnurren von sich, während er Emma immer noch misstrauisch unter halb geschlossenen Lidern fixierte.

»Ja, genau.« Emma erwiderte schmunzelnd Jazzpurrs Blick. Kaum zu glauben, wie zutraulich der Kater bei Elias war.

Elias sah zu seiner Mutter. »Ich glaube, Dad hatte damals eine Heidenangst, ich könnte ebenfalls ins All wollen, als ich

Becky lachte schallend auf. »Oh Gott, das sieht John ähnlich!«

»Hatte dein Opa auch was mit Raumfahrt zu tun?«, fragte Emma neugierig.

»Nein, aber Ian war Flugzeugmechaniker bei Boeing«, antwortete Becky an seiner statt. »John hat sich lange nicht damit abfinden können, dass Elias mehr nach seinem Vater kam und sich für alles Technische begeisterte statt für Jura.«

»War einfach nicht mein Ding«, erklärte Elias schulterzuckend.

»Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich aufs Konservatorium gehe«, gab Emma zu. »Ich liebe die Musik, aber am Ende habe ich mich dann doch für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden.«

»So gut spielst du Klavier?« Becky lächelte. »Oh, bitte, würdest du uns etwas vorspielen?«

Da hatte sie sich was eingebrockt! Aber einen Rückzieher konnte sie jetzt auch nicht mehr machen.