Temeswar, Januar 1914
Johannes klopfte sich den Schnee von Hut und Mantelkragen und trat die Stiefel ab, bevor er den Arader Kulturpalast betrat. Ein Gefühl von Ehrfurcht überkam ihn beim Betreten des monumentalen Inneren. Erst im Oktober vergangenen Jahres war der Prachtbau feierlich eröffnet worden, ein architektonisches Meisterwerk hatte die ›Neue Arader Zeitung‹ geschrieben. Er verstand leider nichts von Architektur, aber auf ihn wirkte die breite Treppe mit den Säulen vor dem Portal wie der Eingang zu einem antiken Tempel. Doch er war sicher, Maries Vater würde aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommen, wäre er nicht seit dem Tod seiner geliebten Frau ein gebrochener Mann.
Johannes seufzte und schritt über den blank polierten Marmorboden des Foyers zur Garderobe, um Mantel und Hut abzugeben. Er hatte die traurige Nachricht vor einer Woche von Gisela erfahren, nachdem Elise Rosenfeld bereits beerdigt worden war, denn die Weihnachtsfeiertage und Neujahr hatte er bei seiner Familie in Lugosch verbracht und dem Vater anschließend noch ein paar Tage in der Schreinerei ausgeholfen. Es war eine fröhliche Zeit gewesen. Aus dem Annerl, seiner kleinen Schwester, war in dem Dreivierteljahr, in dem er sie nicht gesehen hatte, ein richtiger Backfisch geworden. Ihren vierzehnten Geburtstag hatten sie einen Tag vor seiner Abreise gefeiert, und so war er frohgemut zurückgekehrt und von der traurigen Kunde umso schlimmer überrascht worden. Das Studium hatte wieder begonnen, und es war ihm nicht möglich gewesen, Marie und ihrem Vater persönlich sein Beileid auszusprechen. Nur eine Kondolenzkarte hatte er ihnen schreiben können und Gisela einen vertraulichen Brief an sie mitgegeben, den ihre Schwester Susanna ihr heimlich aushändigen sollte.
Eine Gruppe von Jungen in Schuluniformen mit Matrosenkragen lief lachend an ihm vorbei, ermahnt von ihrem Erzieher, der ihnen schnellen Schrittes folgte und dabei eine säuerliche Miene machte. Im Kulturpalast waren auch die Stadtbibliothek und das Museum untergebracht, die Philharmonie befand sich ein Stockwerk darüber. Johannes hatte gerade den ersten Treppenabsatz erreicht, da hörte er von oben aufgebrachte Stimmen.
»Aber alle großen Opernhäuser haben den Parsifal neu ins Programm genommen, jetzt da er endlich außerhalb von Bayreuth aufgeführt werden darf, nicht nur in Budapest war er ein Riesenerfolg. Ich verstehe überhaupt nicht, was du dagegen einzuwenden hast. Allein das Vorspiel zum ersten Akt ist von fast überirdischer Schönheit!«
Johannes sah hoch zur Kuppel. Trübes Winterlicht fiel durch die Jugendstilfenster und vermochte den gemalten Sternbildern und dem Halleyschen Kometen nicht den üblichen strahlenden Glanz zu verleihen. An der Brüstung aus rotem Marmor standen der Intendant des Hauses und sein Chefdirigent.
»Überirdisch?«, rief Letzterer mit gerunzelter Stirn. »Reihst du dich jetzt etwa auch in die Wagner-Jünger ein, für die seine Opern Religion sind? Soll unser Kulturpalast zu einem Zufluchtsort nationaler Reaktionäre verkommen?«
»Das kann doch nur ein Jud sagen!«, donnerte der Intendant, und Johannes hielt im Gehen erschrocken inne. »Wenn du dich weigerst, werde ich eben einen Gastdirigenten für das Stück engagieren.«
In diesem Augenblick drehte sich der Chefdirigent um und nahm ihn auf den Stufen wahr. Sein Gesicht war zorngerötet, als er sich zurück zu dem Intendanten beugte und ihm in leisem Tonfall etwas sagte, das er wegen der Entfernung nicht verstand. Der Intendant wandte sich nun ebenfalls der Treppe zu, und Johannes beeilte sich, weiterzugehen, weil er nicht den Eindruck erwecken wollte, er wäre absichtlich stehen geblieben, um sie zu belauschen. Es war nicht das erste Mal, dass er die beiden im Streit angetroffen hatte. Einen derart zornigen Wortwechsel hatte er bislang allerdings nicht mitbekommen.
»Ah, der hoffnungsvolle Nachwuchs!«, rief der Intendant und winkte Johannes näher, der, bei ihnen angelangt, die Männer ehrerbietig begrüßte. »Sie kommen wegen des neuen studentischen Streichquartetts?«
Er nickte eingeschüchtert.
»Dann überlasse ich Sie jetzt der Planung.« Mit einem stechenden Seitenblick zum Dirigenten und einem »Wir sprechen uns hinterher« verabschiedete er sich und eilte mit langen Schritten davon.
»Das Streichquartett ist die Königsdisziplin der Kammermusik«, dozierte der Dirigent wenig später. »Sie sind der jüngste Musikschüler, den wir in unser Ensemble aufnehmen, ich erwarte von Ihnen absolute Präzision und Hingabe.«
»Ich bin mir der Ehre durchaus bewusst und werde mein Bestes geben«, versicherte Johannes und fühlte, wie seine Wangen heiß wurden. Die anderen drei Studenten waren zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig Jahren alt und viel konzerterfahrener als er. Ihm standen anstrengende Wochen unermüdlichen Übens bevor, wenn er mit ihnen mithalten wollte.
»Für das erste Konzert haben wir das ›Quartetto serioso‹ von Beethoven und das ›Amerikanische Quartett‹ von Antonín Dvořák gewählt, zwei einzigartige Werke, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Wir werden …«
Während der Dirigent die Pläne für die nächsten Wochen erläuterte, schweiften Johannes’ Gedanken wieder zu dem unwillentlich belauschten Streit und zu Marie. Waren sie und ihr Vater auch Anfeindungen wegen ihres mosaischen Glaubens ausgesetzt? Er hatte von einem Kommilitonen aus Wien erfahren, dass immer öfter Flugblätter umgingen, in denen jüdische Musiker aufgefordert wurden, ihre dreckigen Finger von den Meisterwerken deutscher Komponisten zu lassen. Wer etwas an der Oper und anderen Konzerthäusern werden wollte, war gezwungen, zum christlichen Glauben zu konvertieren. Aber bislang hatte er nicht bemerkt, dass derartige Gesinnungen sich auch hier im westlichen Banat breitmachten.
»Können Sie das bis Ende des Monats schaffen, Herr Farber?«
Erschrocken zuckte Johannes zusammen. Er musste aufhören, ständig an Marie zu denken, und sich besser auf seine Arbeit konzentrieren. Je fleißiger er war, umso schneller würde er die finanziellen Mittel aufbringen, um Benjamin Rosenfeld um ihre Hand zu bitten. Aber Marie in diesen schweren Zeiten nicht beistehen zu können, brach ihm das Herz. Hoffentlich hatte sie wenigstens seinen Brief von Susanna erhalten. Er hatte ganz besondere Worte für sie finden wollen, mehrere Anläufe gebraucht und zwischendrin immer wieder die Seiten zerrissen und neu begonnen, bis er zufrieden war. Die letzten Zeilen des Briefes kannte er daher auswendig.
Liebste, ich denke Tag und Nacht an dich. Ich sehe deine Augen im Immergrün der Tannen, die das Ufer der Mieresch säumen. Und wenn du lächelst, glänzen sie wie die Sterne, zu denen ich jede Nacht emporschaue, unendlich weit weg wie du, während mein Herz dem deinen doch so nah ist, als schlüge es gleich neben mir.
In tiefer Sehnsucht auf ein Wiedersehen mit dir wartend,
Dein dir treu ergebener J.
Endlos zogen die Wochen ins Land, bis Johannes Mitte Februar überraschend mit dem Streichquartett nach Temeswar reisen konnte, um ein Konzert am Städtischen Theater zu geben. Die ursprünglich geplante Aufführung musste aufgrund einer Erkrankung zweier Musiker ausfallen. Sein Herz raste im Takt der ratternd am Bahnhof einfahrenden Eisenbahn. Auf seinen Brief hatte er keine Nachricht von Marie erhalten, und er befürchtete das Schlimmste. War sie etwa auch erkrankt? Oder war sie nur vor Trauer nicht in der Lage, ihm zu schreiben? Kaum hatte er seine Reisetasche und die Violine im Hotelzimmer verstaut, machte er sich auf den Weg ins Fabrikviertel, um Marie zu besuchen. Doch bei der neuen Adresse der Rosenfelds angekommen, waren die Fenster dunkel, und er erfuhr von Selma, dass es dem gnädigen Herrn nicht gut ginge und seine Tochter außer Haus wäre und erst am Abend zurückkehren würde. Unschlüssig, was er nun tun sollte, beschloss er, der Familie Keller seine Aufwartung zu machen und später wiederzukommen.