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Temeswar, Februar 1914

Ich verstehe das einfach nicht!«

Marie sah von dem ›Rechenbuch für höhere Töchterschulen auf und ließ ihren Blick aus dem Fenster schweifen. Dicke Schneeflocken schwebten vor dem Keller’schen Palais vom Himmel, sammelten sich auf dem steinernen Sims und hatten der Laterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine riesige weiße Haube aufgesetzt. Die Eiszapfen darunter funkelten wie geschliffene Edelsteine, aber Marie konnte dem Anblick ebenso wenig abgewinnen wie den lilienförmigen Eisblumen am Fensterrand. Sie fühlte sich vollkommen erstarrt, wie die Welt draußen. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Susanna den Bleistift, an dessen Ende sie seit einiger Zeit knabberte, aus dem Mund zog und neben das Schulheft legte.

»Also, wenn du das schon sagst, fange ich gar nicht erst mit dieser Aufgabe an!« Sie schlug die Seiten des Buches um und las spöttisch aus dem Vorwort des Verfassers: »Die Vermittlung mathematischen Wissens trägt nicht nur dazu bei, die weibliche Natur zur Exaktheit des Denkens zu erziehen, sondern auch, dass die Frau den geistigen Interessen des Mannes nicht fremd und gleichgültig gegenübersteht.« Sie verdrehte die Augen. »Als ob wir mit unseren künftigen Ehemännern über Algebra reden würden!«

»Die Aufgaben meine ich doch gar nicht!« Verzweifelt schüttelte Marie den Kopf. »Ich verstehe nicht, warum Johannes mir

Susanna überging die Frage. »Was meinst du? Du selbst hast mir die Kondolenzkarte gezeigt.«

»Ja, aber die war doch nur ganz förmlich gehalten, ohne vertrauliche Worte. Er hat darin Papa und mir sein Mitgefühl ausgesprochen.«

»Vielleicht weiß er nur nicht, was es sonst noch dazu zu sagen gibt.«

Marie starrte ihre Freundin entgeistert an. »Meine liebste Mama ist gestorben, und alles, was ihm einfällt, ist eine kurz gefasste, förmliche Karte, wie wir sie zu Dutzenden von Bekannten bekommen haben?«

»Was weiß denn ich? Bestimmt ist er mit Lernen und Üben eingespannt. Du solltest dich besser auch auf unsere Abschlussarbeiten und nicht auf den Johannes konzentrieren! Wenn du die Prüfungen vermasselst, kannst du hinterher nicht auf die Lehrerinnenbildungsanstalt.«

»Ich weiß eh nicht, ob ich das machen soll«, platzte es aus Marie heraus.

Susanna stieß einen überraschten Laut aus und rückte ihren Stuhl herum, sodass sie ihr gegenübersaß.

»Was? Hat der Samuel dir einen Antrag gemacht?«

Marie starrte sie verblüfft an und zog die Stirn in Falten. »Warum kommst du mir nur immer mit dem Samuel? Ich habe dir doch erzählt, dass er wie ein Bruder für mich ist!« Sie hatte ihm schwören müssen, niemandem von seinen Heiratsplänen mit Paula zu erzählen. Viel zu groß war die Gefahr, dass seine oder ihre Eltern davon Wind bekamen und ihr Vater versuchen würde, seine Tochter vor ihrer Volljährigkeit zu verheiraten. Deshalb hatte sie auch Susanna nicht eingeweiht.

»Schau, wenn der Johannes und ich heiraten werden, kann ich gar keine Lehrerin mehr sein.«

»Wegen des Zölibatgebots, das eine Ehe von Lehrerinnen verbietet? Aber du weißt noch gar nicht, ob das mit der Hochzeit jemals klappen wird.«

Susannes Worte versetzten ihr einen Stich. »Wie meinst du das? Hat Gisela dir etwas von ihm verraten?« Sie griff nach den Händen ihrer Freundin. »Bitte, du musst mir sagen, wenn du was von ihm weißt. Warum er mir nicht mehr schreibt. Ich will die Wahrheit wissen.«

Susanna wand sich unter ihrem forschenden Blick. »Die Gisela hat mir nur erzählt, dass er jetzt in einem Streichquartett mitspielt und mächtig viel zu tun hat.« Marie atmete auf. »Aber du weißt ja, wie die Musiker sind.«

»Wie sind sie denn?«

Die Freundin entzog ihr die Hände und zupfte an den Rüschen ihres Kleides. »Na, sie kommen mit ihren Konzerten eben viel herum und haben jede Menge Bewunderer, vor allem weibliche.«

Es fühlte sich an, als würde sie in ein Korsett geschnürt, das Susanna Wort für Wort enger anzog. Marie rang nach Luft.

»Du denkst, er hat … ein anderes Mädchen gefunden?« Dem er Briefe schreibt und seine Küsse schenkt. Der erste heimlich ausgetauschte Kuss im Flur der Wohnung brannte immer noch süß auf ihren Lippen. Jedes Detail scharf wie eine Fotografie – ihre Hand in seinen schwarzen Locken, der zärtliche Blick aus seinen Augen, wie er die langen Wimpern über ihr Blau senkte, ihr Kinn, das an seinen Bartstoppeln rieb, der Pomadenduft seines Haars und seine Hand an ihrer Taille. Oh, Himmel, sie sehnte sich so sehr nach seiner Nähe, dass jeder Gedanke an ihn wie tausend Nadelstiche auf ihrer Haut brannte. Das Zimmer drehte sich plötzlich, und Marie klammerte sich an die

Susanna hob abwehrend die Hände. »Marie, ich weiß gar nichts. Ich finde nur, du solltest jetzt keinen Fehler machen und wegen ihm die Lehrerinnenausbildung sausen lassen. Ihr seid doch noch nicht mal verlobt!«

Einen Moment lang schloss sie die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Dass Johannes ihr nicht schrieb, konnte viele Gründe haben. Sie wünschte, sie hätte ihrer Mutter von ihm erzählen und sie jetzt um Rat fragen können. Und dann war da auch noch die Sorge um Papa. Er schloss sich Tag und Nacht im Atelier ein und kam nicht einmal zu den Mahlzeiten heraus. Sie und Selma mussten sich allein um den Haushalt kümmern. Aber so konnte es nicht weitergehen. Ihre Ersparnisse waren so gut wie aufgebraucht, das Dienstmädchen hatte für diesen Monat sogar auf ihren Lohn verzichten müssen, und das Essen wurde täglich karger. Tränen stahlen sich unter ihren Lidern hervor und liefen ihr über die Wangen, als Marie die Augen wieder aufschlug.

»Ach, Marie!« Susanna beugte sich vor und nahm sie in den Arm. »Alles wird gut werden! Soll ich … Papa bitten, euch Geld zu leihen?«

Brüsk löste sie sich von ihr und schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass Klara ihrer Mutter Vorwürfe deswegen gemacht hatte. »Nein. Wir kommen schon zurecht.« Marie atmete tief durch, straffte die Schultern und strich sich die Tränen von den Wangen. »Ich werde versuchen, neben dem Fotografieren in einem Modeatelier eine Anstellung als Näherin zu bekommen.«

Susanna schlug die Hände zusammen. »So schlimm steht es um euch? Aber du wirst einen furchtbar geringen Lohn erhalten! Unser Stubenmädchen hat sich mit der Fanni darüber unterhalten, dass ihre Freundin nur unwesentlich mehr verdient als sie, zwanzig Kronen im Monat, und dass sie zumindest hier

Marie dachte daran, dass sie sich den Luxus von Zucker schon sehr lange nicht mehr leisten konnten, und sie froh war, wenn genug Geld vorhanden war, um Erdäpfel und Brot zu kaufen. Aber damit wollte sie ihre Freundin nicht belasten. Susanna würde sich nur noch mehr Sorgen machen.

»Das lässt sich nun mal nicht ändern«, erklärte sie daher. »Wer weiß, vielleicht kommen wieder bessere Zeiten, Papa verkauft seine Bilder endlich an eine berühmte Galerie, und ich studiere in Budapest Medizin und werde eine Frau Doktor.«

»Das wolltest du doch nie werden!«

Marie seufzte. »Ich möchte damit sagen, es ist nicht alles verloren, nur weil ich keine Lehrerin werden will, ich …«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Eines der Dienstmädchen streckte den Kopf zur Tür herein und verkündete:

»Die Frau Mutter lässt Sie und Fräulein Rosenfeld in den Salon bitten. Ein junger Herr ist zu Besuch.«

Susanna zog die Augenbrauen hoch. »Wer soll das sein?«

»Das weiß ich leider nicht, gnädiges Fräulein.«

»Ist gut, wir kommen gleich.«

»Hilde ist erst seit ein paar Wochen bei uns«, erklärte Susanna entschuldigend, nachdem das Dienstmädchen die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte.

»Erwartest du jemanden?«, fragte Marie verwundert.

»Nein. Aber ich kann mir denken, wer das ist.« Sie verdrehte die Augen.

»Jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter! Ein junger Herr …« Marie gab ihrer Freundin einen Stupser, froh, von

Susannas Wangen färbten sich rosa. »Unfug! Ich sage dir, wen ich im Salon vermute. Den Schmidt Emil.«

»Ach! Was macht denn der in der Stadt?«

»Soweit ich weiß, möchte seine Familie das Wirtshaus neu mit Mobiliar, Wäsche und Geschirr ausstatten. Sie haben einen Anbau gemacht und nennen es jetzt großspurig ›Hotel zur goldenen Gans‹.«

Marie lachte laut auf. »Ausgerechnet! Der Emil ist doch vor einem wütenden Gänserich im Sommer ausgerissen!«

»Du sagst es. Auf die Idee kam seine Mutter, weil ihr Gänsebraten – wie sie selbst behauptet – der beste weit und breit ist.«

»Und sie haben auf dem brachen Land so viele Gäste, die sich diesen weltberühmten Gänsebraten nicht entgehen lassen wollen? Dann wollen wir den Herrn Hotelier mal nicht zu lange warten lassen.«

Susanna gab zustimmend einen schnatternden Laut wie den einer Gans von sich, und sie sprangen auf und liefen kichernd mit fliegenden Zöpfen zum Salon. Kurz klopfte Marie an, und schwungvoll öffnete die Freundin die Tür. Im nächsten Augenblick wich alle Farbe aus Susannas Gesicht.