Temeswar, März 1914
Susanna fuhr mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Die Luft war vom warmen Kachelofen stickig, und sie rang nach Atem. Barfuß tappte sie über den Dielenboden zu den schweren Vorhängen, zog sie beiseite, machte das Fenster auf und erschauerte, als die Kälte unbarmherzig unter ihr Nachthemd fuhr. Eine ganze Weile stand sie so da und starrte auf die Sterne, als könnten sie eine Antwort auf ihre Frage geben. Hatte sie richtig gehandelt, als sie Johannes in der Konzertprobe all diese Lügen über Marie erzählt hatte? Erst als sie vor Kälte mit den Zähnen klapperte und ihre Hände klamm waren, schloss sie das Fenster wieder und schlüpfte zurück ins Bett.
Den ganzen Sonntag über fühlte sie eine seltsame innere Unruhe. Sie zankte mit ihrer Kammerzofe beim Einkleiden, wurde von der Mutter gerügt, weil sie bei Tisch nicht gerade saß, und in der Kirche zwickte es sie im Bauch, als der Pfarrer von der Barbarei auf dem Balkan sprach und dass man Lügnern und Verleumdern nicht glauben dürfe, die das Ansehen des Kaisers beschmutzten. »Du sollst nicht lügen!«, rief er laut von der Kanzel, und Susannas Härchen auf dem Arm stellten sich auf. »Denn schlimmer als ein Dieb ist ein Mensch, der lügt! Aber zuletzt kommen sie beide an den Galgen.«
Am Montag darauf erschien Marie zu spät zum Unterricht, was, solange Susanna denken konnte, noch nie vorgekommen war. Kreidebleich, mit verweinten Augen saß sie neben ihr in der Bank, wurde von der Lehrerin gerügt und kippte in der dritten Schulstunde so plötzlich zur Seite, dass Susanna nicht mehr nach ihr greifen konnte. Marie schlug mit einem dumpfen Laut am Boden auf, und Blut rann ihr aus der Nase und über die Schläfe. Ein Aufschrei ging durch die Klasse, und einen schrecklichen Moment lang glaubte sie, ihre Freundin wäre tot.
»Marie!«, schrie Susanna außer sich und fiel neben ihr auf die Knie, griff nach ihrer Hand und begann, laut zur Heiligen Jungfrau Maria zu beten. Die Lehrerin eilte mit einem Fläschchen Riechsalz herbei und tätschelte Maries Wangen, bis sie rot aufblühten wie der Bluterguss an ihrer Schläfe. Es dauerte fünf ›Ave Maria‹, bis ihre Lider endlich flatterten, sie die Augen wieder aufschlug und Susanna nur noch schlimmer weinte, weil sie nicht wusste, wie sie ihrer Gefühle Herr werden konnte. Zwei Wochen vergingen, und Marie trug weiterhin dunkle Schatten unter den Augen, die Haut spannte sich straff über ihre Wangenknochen, und Susannas Gewissensbisse waren zu einem gewaltigen Berg angewachsen. Marie aber war verstummt.
Sie wirkte völlig abwesend, sprach nur das Notwendigste, tauschte Höflichkeitsfloskeln mit ihr und den anderen Schülerinnen aus, aber sie besuchte Susanna nicht mehr zum gemeinsamen Lernen, sondern schützte Erschöpfung und Arbeit daheim vor. Vorbei war alle Vertrautheit. Ihr Schweigen machte Susanna wahnsinnig. Sie malte sich aus, dass Jo bei ihr gewesen war und Marie nun von ihrem Verrat wusste. An anderen Tagen überlegte sie, ob irgendjemand sonst ihr verraten haben könnte, dass sie die Konzertprobe besucht hatte. Eine zufällig am Theater vorbeigehende Schulfreundin oder der Platzanweiser. Hatte Gisela jemandem von seinen Briefen, die sie nicht weitergeleitet hatte, erzählt? Ihr Verstand malte sich die aberwitzigsten Szenarien aus und beschäftigte sich mit allem, nur nicht dem Lernen auf die bald anstehenden Prüfungen. Sollte sie ihrer Freundin die Wahrheit gestehen und sie um Verzeihung bitten? Was, wenn Marie womöglich ernsthaft krank wurde, vielleicht sogar starb? Mit dieser Schuld würde sie nicht leben können! Und überhaupt war doch ganz und gar ungewiss, ob Johannes sich nun, da er sich von Marie abgewandt zu haben schien, auch für Susanna interessieren würde. Die Angst zerriss sie, überlagerte immer mehr ihre starken Gefühle für Johannes, und bald bereute sie, die beiden auseinandergebracht zu haben. Sollte sie Gisela anrufen, die in Arad Kontakt zu ihm hatte? Ihre Schwester war ihre letzte Hoffnung, die Einzige, die sie jetzt um Rat fragen konnte.
Susanna starrte auf ihre abgekauten Fingernägel und fasste einen Entschluss. Zum Glück besaßen ihrer beider Familien den Luxus eines Telefonapparats, und sie brauchte nicht aufs Amt zu gehen, um mit Gisela zu sprechen. Der Apparat stand in Vaters Arbeitszimmer, und da er um diese Uhrzeit noch nicht aus der Textilfabrik zurück war, musste sie schnell handeln. Hoffentlich lief ihr niemand vom Personal oder gar ihre Mutter über den Weg! Susanna lugte aus der Zimmertür, fand den Gang leer vor und huschte hinaus. Doch beim Arbeitszimmer angekommen, hörte sie zu ihrer Enttäuschung aufgebrachte Stimmen hinter der Tür. Scheinbar war ihr Vater früher als gewöhnlich zurückgekehrt und stritt wieder einmal mit ihrer Mutter.
»Worüber beschwerst du dich eigentlich, Klara? Die Textilfabrik läuft so gut wie nie. Wir arbeiten sechzehn Stunden durch, Wollwäscherei, Spinnerei und Kämmerei kommen ja kaum nach, den Webern genügend Material zu liefern. Keine andere Fabrik im Umkreis bietet neben den Stoffen für Uniformen und den Damen- und Herrenbekleidungen auch Velours- und Paletotstoffe sowie Strümpfe an. Außerdem haben wir die modernste Färberei weit und breit!«
»Und doch könnten wir mehr verdienen, wenn du dich nicht immerzu als großzügiger Wohltäter gebärden würdest! Dein Säuglingsheim auf dem Fabrikgelände kostet uns jährlich Unmengen von Kronen.«
»Wo sollen denn die Arbeiterinnen während der Arbeitszeit ihre Säuglinge unterbringen? Etwa in den Werkshallen?«
»Keine Ahnung! Irgendein altes Mütterchen wird daheim schon auf sie aufpassen, wenn sie in die Fabrik gehen.«
»Du bist selbst Mutter! Muss ich dich daran erinnern, dass Säuglinge gestillt werden? Nicht jede Frau hat den Luxus, eine Amme zu haben wie du.«
»Ach, das wirfst du mir nun vor?«
»Keineswegs, aber ich verbitte mir, dass du dich in meine Geschäfte einmischst und insgeheim meine Bücher durchsiehst!« Ein lautes Klatschen folgte seinen Worten, und Susanna, die lauschend an der Tür lehnte, fuhr erschrocken zusammen. Es klang, als hätte ihr sonst so besonnener Vater ein schweres Buch auf den Tisch geworfen.
»Dann sag mir nur noch eins. Wozu spenden wir dem Rabbi der Innenstadtsynagoge solche Unsummen? Willst du jetzt etwa zum Judentum konvertieren?«
Eisige Stille folgte ihren Worten.
»Das geht dich nichts an«, antwortete ihr Vater endlich mit mühsam beherrschter Stimme.
»Ich bin nicht dumm, Conrad. Willst du Benjamin nun über diesen Umweg weiterhin unterstützen? Weil er genügend Anstand hat, dich nicht anzubetteln.«
»Benjamin hat mich noch nie angebettelt!«, brüllte ihr Vater. »Sieh dieses Geld als eine einmalige Spende an die jüdische Gemeinde. Mehr wirst du von mir nicht erfahren. Und nun geh bitte deinen häuslichen Pflichten nach und überlass mich meinen Geschäften!«
Rasch drehte Susanna sich um und hastete in ihr Zimmer zurück. Was hatte das zu bedeuten? Wenn ihr Vater Benjamin Rosenfeld eine größere Summe über den Rabbi zukommen ließ, musste etwas geschehen sein. War Marie womöglich ernsthaft krank? War das Geld für einen Arztbesuch oder einen Kuraufenthalt gedacht? Ihre Kehle schnürte sich vor Sorge um die Freundin zu, und sie wartete atemlos hinter der Tür, bis sie das Stoffrascheln des Kleides ihrer Mutter und ihre Schritte auf der Treppe hörte. Dann lief sie wieder zurück zum Arbeitszimmer. Ohne anzuklopfen, betrat sie das Zimmer. Ihr Vater stand mit verschränkten Armen am Fenster und fuhr bei ihrem Eintreten überrascht herum. Sein finsteres Gesicht hellte sich auf, als er sie sah.
»Susanna! Ist etwas geschehen?«
Sie eilte zu ihm und warf sich ihm wortlos in die Arme. Die Anspannung der vergangenen Wochen brach sich plötzlich Bahn, und sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Unbeholfen strich er ihr über den unter Schluchzern bebenden Rücken.
»Ja, Kind! Was ist denn nur mit dir?«
Sie versuchte sich zu beruhigen, atmete tief durch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.
»Verzeih mir, Papa! Ich wollte vorhin zu dir kommen und habe versehentlich dein Gespräch mit Mama belauscht.«
Das Gesicht ihres Vaters verschloss sich, und eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. Bevor er zornig werden konnte, sprach sie schnell weiter:
»Ich habe nicht viel verstanden und bin auch gleich wieder gegangen, nur, dass Mama vermutet, du hättest Onkel Benjamin Geld zukommen lassen. Und jetzt mache ich mir furchtbare Sorgen, weil die Marie doch so verändert ist.«
»Was meinst du damit?« In seinen Augen flackerte Besorgnis. Susanna wusste, dass er sich für ihre Freundin ähnlich wie ein Patenonkel verantwortlich fühlte.
»Ach Papa, sie ist ganz furchtbar dünn geworden, ihre Finger sind knochig und die Wangen eingefallen. Vor zwei Wochen ist sie im Unterricht sogar in Ohnmacht gefallen.«
Seine Augen weiteten sich. »Ja, warum hast du mir das denn nicht gleich gesagt?«
Weil ich glaube, dass ich daran schuld bin, dachte Susanna verzweifelt. Laut erwiderte sie: »Ich dachte, Onkel Benjamin hat dir davon erzählt. Und du hast ihm deshalb das Geld gegeben. Sag, ist Marie krank? Hat sie jetzt auch die Schwindsucht?«
Ihr Vater seufzte tief und strich sich mit der Hand durch das Haar. Ihr fiel auf, dass es nicht mehr so dicht wie früher war und die grauen Strähnen in den vergangenen Jahren zugenommen hatten.
»Das bleibt jetzt aber unter uns, Susanna. Versprich mir, dass du nichts von dem, was ich dir nun verraten werde, deiner Mutter oder gar Marie erzählst.«
»Natürlich nicht, Papa!«
»Manchmal brauchen Erwachsene eine neue Umgebung, um nach einem schweren Schicksalsschlag wieder neu anfangen zu können«, begann er und Susanna nickte eifrig.
»Du willst dafür sorgen, dass sie aus diesem schrecklichen kleinen Haus ausziehen können«, fiel sie ihm ins Wort.
»Ich fürchte, damit ist es nicht getan«, seufzte er. »Benjamins Kunst ist grandios, findet aber hier keine Abnehmer. Ich habe dem Rabbiner Geld gegeben, um ihn darin zu bekräftigen, auszuwandern und sich in New York zusammen mit Marie ein neues Leben aufzubauen.«
Susanna stolperte zurück, als hätte ihr Vater ihr einen Stoß versetzt. Amerika?
»Aber Papa! Marie ist doch meine beste Freundin!«, stieß sie hervor. »Du kannst sie mir nicht einfach wegnehmen!«
»Benjamin ist auch mein engster Freund. Glaub mir, ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und Elise wieder lebendig machen. Schau, wahre Freundschaft bedeutet, dass man nicht nur an sich selbst denkt, sondern daran, was für den Freund oder die Freundin am besten ist. Dass man Opfer bringt. Ich werde unter dem Verlust von Benjamin ebenso leiden wie du unter der Trennung von Marie, und deshalb bitte ich dich, stark zu sein, mein kleiner Engel. Wie es aussieht, scheint er ja nicht einmal mehr genug Geld für Lebensmittel zu haben. Willst du, dass Marie und er bei der Armenspeisung enden?«
Sie schüttelte entsetzt den Kopf und dachte daran, dass Marie plante, nach dem Schulabschluss Näherin zu werden, um Geld zu verdienen. Vielleicht war sie überhaupt nicht wegen Johannes traurig und hatte ihn längst vergessen? Das würde auch erklären, warum sie nicht mit ihr darüber sprach. Sie schämte sich, dass sie nicht genug zu essen hatten. Ihr fielen Maries vielfach gestopfte Strümpfe ein und dass sie die Kleider ihrer Mutter auftrug, die gar nicht mehr der Mode entsprachen. Wie hatte sie nur so blind sein können! Ob ihr Vater ihr schon von Amerika erzählt hatte? Vielleicht wusste sie es längst und fand nur nicht die richtigen Worte, um mit ihr darüber zu reden?
»Ich bin überzeugt, dass Benjamin in Amerika sein Glück finden wird. Du und Marie könnt euch schreiben, und in einigen Jahren werden wir sie über den großen Teich besuchen fahren. Würde dir das gefallen?«
»Ach ja, Papa! Versprichst du es mir?«, flüsterte Susanna, ihre Gedanken überschlugen sich, und sie sah sich schon auf einem luxuriösen Schiff, die Hand an der Reling und über das weite Meer schauend. Sie hatte so viel von diesen Dampfern gehört.
»Du hast mein Wort!« Er nahm sie fest in die Arme. Susanna drückte ihre Wange an seine Brust und atmete den vertrauten Geruch von Zigarrenduft und Seife ein. Sie wollte noch nicht daran denken, wie ein Leben ohne Marie an ihrer Seite werden würde. Aber nun hing alles davon ab, wie Onkel Benjamin sich entschied. Und ein Gutes hatte die Sache. Wenn Marie ohnehin auswanderte, gab es für Susanna auch gar keinen Grund mehr, den Verrat an der Freundin und ihre Lügen aufzudecken. Marie würde einen neuen Mann in Amerika finden, und Johannes war frei. Für sie. Sie musste ihn jetzt nur noch davon überzeugen.