Tief unter ihr brach sich das Meer an lavaschwarzen Felsen, spitze Drachenzähne, die in einer geschwungenen Linie aus dem schäumenden Wasser ragten. Wind zerzauste ihr Haar und trieb ihr den schweren, süßen Duft von Frangipani-Blüten und Jasmin aus den angrenzenden Gärten mit der Gischt entgegen. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte das Salz.

Im Traum war die Brandung über sie hinweggefegt und hatte sie unter sich begraben. Sie war hochgeschreckt, hatte nach Luft gerungen und minutenlang zum offenen Fenster gestarrt. Die Gardine, ein sich aufblähendes und wieder in sich zusammenfallendes Segel, schimmerte gespenstisch im fahlen Licht des Mondes. Emma hatte sich aus dem Bett geschält und das verschwitzte Nachthemd abgestreift – genauso wie vor zwei Wochen ihr altes Leben. Dann war sie in ihr Sommerkleid geschlüpft, barfuß durch die Terrassentür nach draußen und über das morgentaufeuchte Gras bis zum Tor gelaufen, vorbei am Observatorium und der Felsgrotte. Sie war immer noch vollkommen verzaubert von diesem Ort. Die Morgendämmerung fraß langsam Löcher in die Dunkelheit, und die längst erloschenen schmiedeeisernen Fackeln ragten grimmig wie Speere aus dem Boden, als wollten sie sich ihr in den Weg stellen. Sie verliehen der Gartenanlage etwas Archaisches, passend zu der exzentrischen Architektur eines Hauses, das sich amerikanischen Konventionen ebenso wenig beugen wollte wie seine Besitzerin. Fern am Himmel hing der Mond und schmiegte sich in

Was soll ich denn jetzt nur tun?

Tränen brannten in ihrer Kehle, dabei hatte sie sich geschworen, nicht zu heulen, schon gar nicht vor ihm, aber auch nicht später allein. Doch nun ging es auf einmal um so viel mehr als ihre verletzten Gefühle. Sie senkte den Blick auf den schmalen gewundenen Pfad zu ihren Füßen, der von Farnen, Hibiskus und Kletterpflanzen mit sternförmigen weißen Blüten gesäumt war und sich in Serpentinen zum Strand hinunterwand. Doch für die Schönheit hatte sie im Moment nichts übrig, sie sah nur den Abgrund und glaubte, auf der Klippe stehend zu ertrinken.

Plötzlich dachte sie an ihren Vater, daran, wie sie vor vielen Jahren eines Nachts aufs Land gefahren waren, um Sternschnuppen ohne die Lichtverschmutzung der Großstadt zu beobachten. Sie hatte gewusst, dass es nur Meteore waren, winzige Gesteins- oder Staubteilchen, die in der Erdatmosphäre verglühten, dennoch hatte er gesagt, sie solle sich etwas wünschen, und genau das war das Problem. Jeder wünschte sich damals was, schmiedete Pläne, hatte Ziele. Nur sie nicht. Obwohl alle Welt das Gegenteil von ihr erwartete.

»So schweigsam heute Nacht? Was ist los, Sternchen?«

Sternchen nannte er sie, seit er ihr das erste Mal die Sternbilder gezeigt und ihre Begeisterung für den nächtlichen Himmel und die unerforschten Welten anderer Planeten geweckt hatte.

»Ich weiß nicht … es ist nur … meine Freundinnen sehen alle ihr Leben wie eine Autobahn vor sich. Franzi will am Mozarteum in Salzburg studieren, Alina fängt eine Banklehre an, Steffi geht erst einmal als Au-pair für ein Jahr in die USA. Nur ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, was ich nach

Sie hatte ihm natürlich verschwiegen, dass sie die Berufswünsche ihrer Klassenkameradinnen nur mitbekommen hatte, weil sie im Vorbeigehen Gesprächsfetzen aufgeschnappt hatte. Emma hatte seit dem Beginn ihrer Schulzeit keine richtigen Freundinnen gehabt, aber schon früh gelernt, dass es zielführender war, ihren Eltern vorzuspielen, dass alles in Ordnung war. Damit sie nicht wieder in tagelange Diskussionen darüber verfielen, wie sie ihre Tochter besser fördern könnten. Ein simpler Test in ihrer Grundschulzeit und ein anschließendes Gespräch mit der Klassenlehrerin waren in ihr Leben eingeschlagen wie ein Komet und hatten alles für sie verändert. Später hatte Emma sich oft gewünscht, sie hätte bei der Einschätzung ihrer sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten mehr Fehler gemacht und die vierte Klasse nicht übersprungen.

Ihr Vater hatte gelacht und ihr wissend über den Kopf gestrichen.

»Bei deinen vielseitigen Interessen und Begabungen – was hast du denn anderes erwartet? Und welche Entscheidung richtig war, weiß man im Leben sowieso immer erst hinterher.«

»Wirklich hilfreich, Papa!«

»Kopf hoch. Lass dir ein bisschen mehr Zeit. Und denk immer daran: Antoine de Saint-Exupéry hat einmal gesagt, man soll nicht nur glatte Straßen gehen, sondern auch Wege, die noch niemand vor einem gegangen ist.«

»Um Neues zu entdecken?«

»Vermutlich. Und um Spuren in der Welt zu hinterlassen, nicht nur Staub.« Er hatte ihr zugezwinkert. »Ich bin überzeugt davon, dass dir das gelingen wird.«

Emma wusste, dass ihr Vater sie nur hatte motivieren wollen, aber die Erwartungen ihrer Eltern, anderer Verwandter und Lehrer hatten sie erdrückt. »Leben ist Zeichnen ohne hatte jemand in krakeliger Kugelschreiberschrift auf die Klotür neben den Umkleideräumen der Turnhalle geschrieben. »Aber du kannst alles erreichen, wenn du nur fest genug an dich glaubst!«

Na, klar! Sprüche wie diese weckten in ihr das Gefühl, bloß keine Fehler machen zu dürfen, nur keine falschen Wege zu gehen oder nicht fest genug an sich zu glauben.

Sie hatte sich schließlich gegen das von ihrem Klavierlehrer angepriesene Konservatorium und die Aussicht auf eine – wie er behauptete – sichere Karriere als aufsehenerregende Pianistin entschieden und stattdessen Geowissenschaften mit Schwerpunkt Klimaforschung studiert. Daran zu arbeiten, ihren blauen Planeten für zukünftige Menschengenerationen zu bewahren, erschien ihr wichtiger, als Konzertsäle mit ihrer Rachmaninoff-Interpretation zu füllen, sosehr sie das Klavierspiel auch liebte und ihre Mutter mit dieser Entscheidung bitter enttäuschte.

Und jetzt werde ich wieder einmal eine Enttäuschung für sie sein.

Emma drückte den Rücken durch und schluckte. Reiß dich zusammen! Du bist nicht die Erste, der so etwas passiert ist. Immerhin wusste sie, dass ihre Eltern sie unterstützen würden. Auf ihre Weise. Aber wollte sie das? Sie hatte endlich unabhängig sein und ihren eigenen Weg gehen wollen, sie stand so verdammt kurz davor! Spuren hinterlassen – das sagte sich leicht, wenn man nicht wusste, wie viel Ablehnung und Hindernisse denen entgegenschlugen, die den Mut aufbrachten, vorauszugehen. Den Forschern und Entdeckern. Den Neugierigen. All den Andersdenkenden. Emma strich eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, so energisch fort wie diese unnützen Gedanken und betrachtete die rosafarbenen Konturen, die an den dunklen Wolkensäumen aufblitzten. Und dann brach der bedeckte Himmel am Horizont mit einem Mal auf, orangerotes

»Oh nein! Komm her, das tut mir leid!« Emma streckte die Hand nach dem Kater aus, aber er schoss beleidigt an ihr vorbei und sauste durch die offene Terrassentür in den Garten. Seufzend betrachtete sie die Bescherung. Zum Glück war nicht die Vase auf dem Sideboard zu Bruch gegangen. Doch vor ihr auf dem Teppich lag eine Schatulle aus dunklem Wurzelholz, deren Inhalt sich über den Boden verstreut hatte. Emma kniete nieder, griff nach einem mit einer Seidenschleife zusammengehaltenen

Unmöglich! Oder doch? Sie hob das Foto hoch und studierte es genauer, drehte es um und entdeckte den bekannten Stempel des Fotografen. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Dieselbe Fotografie hatte sie erst vor Kurzem in den Händen gehalten. Bei ihren Eltern am Starnberger See. Aber wie kam ein Abzug des Fotos ihrer Urgroßmutter mehr als zwölftausend Kilometer entfernt nach Maui in das Haus einer Amerikanerin, die sie gerade erst zufällig kennengelernt hatte?