Ludwigskirchen, April 1914
Noch nie hatte sich der Frühling so hinterrücks angeschlichen wie in diesem Jahr. Wochen waren vergangen, seit Marie Johannes zuletzt gesehen hatte und die Zeit für sie innerlich stehen geblieben war. Wenn sie auf die Haustür zuging, glaubte sie, ihn wieder dahinter vorzufinden. Wie er sich schwungvoll ein letztes Mal umwandte, auf der Gasse stand und ihr diesen verletzten Blick aus seinen sommerblauen Augen zuwarf. Um sie herum lief die Zeit jedoch unbarmherzig weiter. Wenn sie die Tür öffnete, sah sie Krokusse und Tulpen im Vorgarten blühen, Vögel zwitscherten vor ihrem Fenster, und die Tauben unter dem Dach hatten Eier in die sorgsam von ihr mit Stroh gefüllten Nistplätze gelegt. Selbst die tot geglaubten Scherenschnitte der Bäume kleideten sich neu in ihr weißes Frühlingskleid. Statt Schneeflocken blies der Frühling ihr nun duftende Blüten ins Haar – und Marie konnte nichts tun, um all das aufzuhalten. Es fühlte sich falsch an, als hätte die Natur sich gegen sie verschworen, denn mit jedem weiteren warmen Sonnenstrahl rückte der Tag näher, an dem sie Johannes für immer verlieren würde.
Wäre sie doch nur nie mit Samuel zu diesem Ball gegangen! Gleich nach Mamas Tod hatte sie bittere Tränen geweint, dass sie in ihrer furchtbaren letzten Nacht nicht bei ihr gewesen war. Ja, sie schämte sich, und Johannes hatte wirklich allen Grund, sie dafür zu verachten. Woher auch immer er es erfahren hatte. Aber sie hatte Samuel geschworen, niemandem von ihm und Paula zu erzählen.
Und zu alledem bestürmte ihr Vater sie seit dem Besuch des Rabbi immerzu, endlich in die Auswanderung nach Amerika einzuwilligen. Er war wie ausgewechselt, seit er dieses neue Ziel vor Augen hatte, und sie fühlte sich schuldig, dass sie seine Begeisterung nicht teilen konnte und seinen Optimismus dämpfte. Alles hing jetzt von ihrer Entscheidung ab, denn er würde Temeswar nicht ohne sie verlassen. Wenn sie doch nur mit Susanna darüber reden könnte. Aber sie wagte nicht, ihr zu erzählen, dass Johannes sie verachtete und dass sie beide bald für immer getrennt auf verschiedenen Kontinenten leben würden. Alles war wie ein Albtraum, der mit dem Tod ihrer Mutter seinen Anfang genommen hatte. Sie aß wenig, schlief kaum und lernte wie besessen auf die bevorstehenden Abschlussprüfungen, um sich abzulenken. Und dann kam an einem Schabbat-Morgen Selma in die Küche gelaufen, ein Papier in der Hand schwenkend, und verkündete: »Ein Brief aus Arad ist angekommen.«
Maries Herzschlag setzte aus, sie sprang mit zittrigen Knien auf und riss Selma regelrecht den Umschlag aus der Hand. Doch ein Blick auf den Absender genügte, um grenzenlos enttäuscht zu sein.
»Von wem ist er?«, fragte ihr Vater neugierig. Er hatte sich heute besonders fein angezogen und war schon bereit zum Aufbruch in die Synagoge.
»Von Gisela«, sagte Marie und musste sich zwingen, den Umschlag zu öffnen. Sie überflog den Inhalt stirnrunzelnd. »Eine Einladungskarte zur Taufe ihres kleinen Jungen. Sie soll …«, ihre Stimme stockte kurz, weil die Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit Johannes sie übermannten, »… auf dem Dorf bei ihren Großeltern stattfinden. Wir sind beide herzlich eingeladen.«
Sie hatte sich wieder an den Tisch gesetzt, und ihr Vater beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Sanft sagte er: »Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für uns, Conrad und Susanna endlich von unseren Auswanderungsplänen zu erzählen?«
Von deinen Plänen, hätte sie am liebsten geschrien. Aber sie konnte ihm diese Hoffnung, an die er sich wie an einen Rettungsring klammerte, nicht nehmen. Was, wenn er wieder in seinen selbstzerstörerischen Zustand verfallen würde wie nach Mamas Tod? Und wovon sollten sie hier auch leben?
»Ich will dich nicht drängen, Kind. Doch spätestens nach deinem Schulabschluss müssen wir uns entscheiden.«
Vielleicht, so dachte Marie verzweifelt, würde bis dahin noch ein Wunder geschehen.
Aber Wunder waren launisch und ließen gerade dann auf sich warten, wenn man sie am meisten brauchte. Am Tag der Taufe hatte Agnes ihnen eine Droschke geschickt, die sie frühmorgens zur Feier aufs Dorf und am Abend wieder nach Hause bringen würde. Marie saß in einem dunkelgrünen Kleid ihrer Mutter neben ihrem Vater und wünschte sich weit weg. Ihre dichten Haarlocken hatte Selma ihr mit seidenbezogenen Kämmen in derselben Farbe hochgesteckt und das Kleid in der Taille ein wenig enger genäht. Ende April konnte das Wetter launisch sein, aber der kleine Ferdinand hatte sich für seine Taufe einen strahlenden Sonnentag ausgesucht. Geradezu frühsommerlich warm war es, und Marie war froh, Mamas Sonnenschirm mitgenommen zu haben. Nicht nur das ganze Dorf, jede Menge Freunde und Verwandte von Gisela und ihrem schmucken Offiziersgatten Friedrich waren erschienen, weshalb die Taufzeremonie nicht in der kleinen Dorfkirche, sondern im Freien vorgenommen wurde. Mädchen in Rüschenkleidern mit bunten Schürzen sprangen mit den Buben zwischen den Bäumen herum und spielten Fangen, bevor sie von ihren Eltern ermahnt wurden, still zu sein, als der Pfarrer erschien und die Predigt begann. Marie fiel auf, wie viele Jungen Kinderuniformen trugen, obwohl sie sicher noch zu klein für die Kadettenschule waren. Sie verliehen ihnen eine seltsam militärische Strenge, die nicht recht zu ihren jugendlichen Gesichtern passen wollte. Der kleine Ferdinand hielt sich tapfer und gab keinen Mucks von sich, als ihm das Wasser über das blonde Köpfchen gegossen wurde.
Da Marie und ihr Vater nicht zur Gemeinde gehörten, hielten sie sich zusammen mit Samuel und seinen Eltern ein wenig abseits, und Marie ließ ihren Blick über die Menschenmenge schweifen. Ganz vorne, neben ihrer glücklich strahlenden Schwester Gisela, stand Susanna, die in ihrem hellblauen Kleid wie eine vornehme Dame aussah und als Taufpatin voller Stolz den kleinen Ferdinand in den Armen hielt. Ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf Maries Lippen. Sie hatte immer gehofft, sie und Susanna würden einmal zur selben Zeit Mütter werden und ihre Erfahrungen teilen. Ihre Kinder sollten zusammen spielen, so wie sie und Susanna es getan hatten. Würden sie sich je wiedersehen, wenn sie nach Amerika auswanderte? Ihr Blick glitt weiter, über Klara und Conrad und die Großeltern, bei denen sie so viele schöne Sommer verbracht hatte. Kurz blieb er an Emil hängen, der nicht weit entfernt stand und ihre Freundin anstarrte, wie einen vom Himmel herabgestiegenen Engel. Ein wenig weiter entdeckte sie Samuels große Liebe, die hübsche Paula. Dann hörten die bekannten Gesichter auf, und erst, als sie mitten in ein Paar blauer Augen sah, die sie unverhohlen fixierten, erkannte sie ihn. Johannes!
Maries Knie wurden auf einen Schlag weich, und sie musste sich am Arm des Vaters festhalten, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass auch er zur Taufe kommen würde, dabei hätte sie es sich angesichts der großen Menge an geladenen Gästen denken können! Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und alle unterdrückten Gefühle für ihn überschwemmten sie wieder mit voller Wucht.
»Geht es dir nicht gut?«, raunte der Vater ihr zu.
»Es ist nichts, nur die unerwartete Hitze heute«, flüsterte sie zurück. »Mir ist ein wenig schwindlig.«
Samuel, der neben ihr stand und ihre Unterhaltung mitangehört hatte, bot sich sofort an, sie ein Stück zu einer Bank zu begleiten, und ahnte nicht, dass er Marie damit alles andere als einen Gefallen tat. Ihren Einwendungen zum Trotz schob ihr Vater sie zu ihm hin, und so blieb ihr nichts übrig, als Samuels Arm zu nehmen und sich unter Johannes’ aufmerksamem Blick fortführen zu lassen.
»Du siehst ja furchtbar aus«, sagte er zu ihr, kaum dass sie allein auf der Bank saßen. Er betrachtete sie besorgt.
Marie verdrehte die Augen. »An deiner Galanterie musst du noch feilen, wenn du dir Paulas Herz erhalten willst.«
Samuel grinste. »Geh, sei mir nicht böse, Marie! Wir waren immer ehrlich zueinander. Sag schon, was liegt dir auf dem Herzen?« Er wurde ernst. »Fehlt dir deine Mutter noch so sehr?«
»Das auch. Aber …« Sie zögerte.
»Du weißt, dass du mir vertrauen kannst. Niemand außer dir weiß von Paula und mir.«
Und da erzählte sie ihm, was alles zwischen ihr und Johannes seit der Beerdigung ihrer Mutter geschehen war und dass ihr Vater nach Amerika auswandern wollte. Samuels Miene wechselte von Überraschung zu Bestürzung und schließlich zu Wut.
»Was bildet sich der Schmock eigentlich ein, so mit dir umzugehen, nur weil du auf einem Ball mit mir warst!«, zischte er und reckte den Kopf, um ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, aber zum Glück konnte Marie ihn in der Menge nicht mehr ausmachen. War er schon gegangen? »Dem werde ich was erzählen!«
»Das lässt du schön bleiben! Es ist nicht seine Schuld, dass ich mit dir Tanzen war und Mama im Sterben lag.«
Unwillig schüttelte Samuel den Kopf. »Sie war lange Zeit davor krank, niemand konnte wissen, dass sie ausgerechnet in dieser Nacht von uns gehen würde. Glaubst du wirklich, sie würde wollen, dass du dich dafür marterst?«
Marie schluckte. Sie dachte an den letzten Abend mit ihr und wie sie ihr zugeredet hatte, mit Samuel den Ball zu besuchen. Vielleicht hatte ihre Mutter es geahnt und wollte sie noch einmal fröhlich wissen, bevor ihr Tod nahte. Langsam schüttelte sie den Kopf. »Ich schäme mich dennoch!«, murmelte sie. »Jedermann denkt …«
»Ach, der Herr Jedermann!« Seine Stimme wurde eindringlich. »Die Leute suchen immer etwas, worüber sie reden können. Was meinst du wohl, wird erst los sein, wenn Paula und ich gegen den Willen unserer Eltern heiraten werden? Was kümmert uns ihr Geschwätz? Wichtig ist doch nur unsere Liebe, und die ist wahrhaftig! Ob dieser Johannes die deine erwidert, wage ich zu bezweifeln.«
»Sag das nicht!«, entgegnete Marie unglücklich.
»Warum? Damit du dich weiterhin in deiner angeblichen Schuld suhlen kannst?«
»Samuel!«
»Ist doch wahr!«
»Ich glaube, dass du ihm unrecht tust.«
»Dann sprich dich nachher mit ihm aus. Sollte ich recht behalten, freu dich auf ein neues Leben in New York. Ich würde dir mit Paula lieber heute als morgen folgen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte.«
»Wie läuft es denn mit deinen Plänen, in Temeswar eine Anstellung zu finden?«
Er verzog das Gesicht. »Nicht gut. Außer meiner Schulzeit und der Tätigkeit im Laden meines Vaters kann ich keine Qualifikation nachweisen. Ich habe jetzt meine Eltern überredet, nach Arad auf die Handelsschule zu gehen. Dort lerne ich Englisch, Buchführung, Kaufmännisches Rechnen und Handelsgeografie. Mein Vater glaubt, ich möchte hinterher sein Geschäft erweitern.«
»Er wird sehr wütend auf dich sein, wenn er dir erst die Schule zahlt und du dann nicht dein Wort hältst«, warf Marie stirnrunzelnd ein.
»Glaub mir, ich werde ihm jede Krone, die er dafür ausgibt, zurückzahlen, sobald ich eigenes Geld verdiene. Und er wird ohnehin mit mir nicht mehr sprechen wollen, wenn ich die Schickse – wie er Paula nennt – geheiratet habe.« Seine Miene hatte sich verdüstert, und Marie beeilte sich, das Thema zu wechseln.
»Aber warum Arad? Bei uns in der Stadt gibt es doch auch eine Handelsschule?«
»Ein Vetter meines Vaters arbeitet dort im Kontor der Spiritusfabrik. Er hat versprochen, mir bei den Aufgaben zu helfen. Schließlich kennt er sich mit kaufmännischen Angelegenheiten gut aus. Sein Sohn ist in der Kadettenschule in Temeswar aufgenommen worden, und jetzt hat er sein Bett für mich frei.« Der einsetzende Gesang der Taufgemeinde setzte ihrem Gespräch vorerst ein Ende.
Das »Hotel zur goldenen Gans«, wie das Wirtshaus der Schmidts sich neuerdings nannte, war um einen Anbau erweitert und weiß gekalkt worden. Die Flügel der hohen Fenster standen an diesem frühsommerlich warmen Tag weit offen und der Duft von Braten und frisch gezapftem Bier schlug ihnen schon auf halbem Wege entgegen. Marie hatte sich nach dem Beglückwünschen der jungen Eltern schnell bei Susanna untergehakt, um ihrem Vater zu entfliehen. Aber bislang hatte sie keine Gelegenheit gefunden, sie auf Johannes anzusprechen, da sich in dem Gedränge der Gäste, die nach der Taufe zum Wirtshaus strömten, immer jemand in ihrer Nähe befunden hatte. Jetzt zog sie ihre Freundin vor dem Eingang der Wirtsstube beiseite, um endlich mit ihr allein reden zu können. Vom Festsaal waren Gelächter, die Blaskapelle und Akkordeonklänge zu vernehmen, und Marie raunte der sie verwundert ansehenden Susanna zu:
»Ich wusste gar nicht, dass Gisela den Johannes eingeladen hat.«
»Das habe ich auch erst bei unserer Ankunft gestern Abend erfahren. Ich hätte es dir ansonsten doch gleich erzählt.« Ihr besorgter Blick tat Marie gut. Sie hatte ihr immer noch nicht gestanden, dass er sie nach dem Konzert aufgesucht und ihr den Ballabend mit Samuel vorgeworfen hatte. Aber natürlich wusste sie, dass Johannes ihr nicht mehr schrieb, und hatte sich bestimmt schon ihre eigenen Gedanken darüber gemacht.
»Ich möchte ihn gerne allein sprechen und weiß nicht, wie ich das anstellen soll.«
»Ach, Marie! Was soll das denn bringen? Es wird dich nur weiter quälen. Schlag ihn dir lieber aus dem Kopf. Frag Gisela, wie leichtlebig diese Musiker sind.«
Eine Gruppe Jungen und Mädchen eilte lachend aus dem Wirtshaus. Ganz in der Nähe fassten sie sich an den Händen und spielten Ringelreihen. Susanna zog Marie ein Stück weiter zu einer Holzbank am Hauptplatz, die unter einem Akazienbaum stand. Der honigsüße Duft der Blüten stieg ihr in die Nase, sobald sie sich darauf niederließen.
»Ich weiß. Aber gerade eben hat er mich so seltsam angeschaut. Ich werde aus seinem Verhalten nicht schlau.«
»Warum ist er dann nicht zu dir gegangen? Weißt du, ich glaube, du machst dir nur etwas vor.«
Marie knetete ihre Finger. »Weil der Samuel mit mir zusammenstand.«
Susanna zog die Augenbrauen hoch.
Blasmusikfetzen aus dem Wirtshaus vermischten sich mit dem Gesang der Kinder auf dem Platz. ›Goldne, goldne Brücke, wer hat sie denn gebrochen? Der Goldschmied, der Goldschmied mit seiner jüngsten Tochter …‹
»Guck nicht so! Er ist wirklich nur ein guter Freund! Susanna, ich bitte dich, kannst du den Johannes nachher nicht nach draußen locken, damit ich kurz mit ihm reden kann?«
›Den letzten wolln wir fangen mit Spießen und mit Stangen!‹
Ein Windstoß riss einige Blüten aus den Ästen über ihnen. Susanna zögerte mit der Antwort und zupfte sie langsam einzeln von ihrem Rock und strich ihn hinterher glatt.
»Du würdest mir wirklich einen großen Gefallen damit tun!«, bedrängte Marie sie.
Sie seufzte und sah auf. »Na gut. Aber erst, wenn das Festmahl vorbei ist und zum Tanz geblasen wird. Ich möchte nicht, dass meine Mutter mich dabei erwischt, wie ich mit ihm fortgehe, und sich wer weiß was dabei denkt.«