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Ludwigskirchen, April 1914

Johannes war nur in dieses elende Dorf gekommen, um Marie zu sehen, und nun saß er eingepfercht zwischen einem ohne Unterlass auf ihn einredenden Stabführer der Regimentsmusik und Giselas sich besinnungslos zusaufenden Onkel an der langen Festtafel und wünschte sich zurück in seine Studentenbude. Er hatte sich gesagt, dass es unhöflich wäre, die Einladung auszuschlagen, nachdem Gisela ihm schon mehrfach private Soireen und Auftritte auf Hochzeiten vermittelt hatte. Als er erfahren hatte, dass Marie auch eingeladen war, hatte er in sich gehorcht. Der brennende Schmerz bei dem Gedanken an sie war einem dumpfen Pochen gewichen. Zeit, sich wie ein erwachsener Mann zu benehmen und der Tatsache offen ins Auge zu sehen, dass sie nun mal einem anderen versprochen war.

Und dann hatte Maries Anblick ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Predigt, die Leute um ihn herum, einfach alles verblasste, und er konnte sie nur noch anstarren und Samuel zum Teufel wünschen. Jede ihrer Regungen trank er wie ein Verdurstender. Die Art, wie sie den Kopf neigte, die widerspenstigen Locken, die aus ihrer Frisur sprangen, ihr seliges Lächeln beim Anblick von Susanna mit dem kleinen Ferdinand. Der Moment dehnte sich aus, wie ein Ton, der in einem leeren Konzertsaal verhallte. Als Marie ihn in der Menge erkannte, sich ihre Augen erschrocken weiteten und Samuel sie beiseitezog, fühlte er sich ohnmächtig vor Wut. Sein Zug zurück nach

»Mir war’n auch so frehlich gwen, bei da Taufn von meina Kleena«, lallte Giselas Onkel gerade und fixierte ihn mit seinen blutunterlaufenen Augen. »Aba dann ham’s unbedingt auf das verfluchte Schiff gehn missn! Alle sans dasauft wia di Ratzn. Iberall am Ufer san die Leichn angschwemmt wordn. Mir san gar nimma nachkemma mit dem raufziahn auf die Böschung. Und all die klane Kinda. Die unschuldige Kinda!« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und kippte sein Glas hinunter.

Johannes ließ sich daraufhin ebenfalls von dem Slibowitz nachschenken. Gisela hatte ihm von dem Untergang der ›General Slocum‹ in New York erzählt, ein schwerer Schlag für die deutsche Auswanderergemeinde, bei dem ihr Onkel seine gesamte Familie verloren hatte. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte, und war froh, dass er keine Antwort zu erwarten schien. Die Musikkapelle bereitete die Instrumente für den anschließenden Tanz vor, dem Himmel sei Dank, war er heute nur als Gast hier und musste nicht spielen. Aufgewühlt wie er war, hätte er keinen Ton getroffen. Während er vorgab, dem Stabführer zuzuhören, der über den neuen Fürsten von Albanien und einen möglichen Krieg mit Griechenland schwadronierte, legte sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter. Süßer Rosenblütenduft umfing ihn, er wandte den Kopf und sah Susannas verschwörerische Miene. Sie beugte sich zu ihrem Onkel hinunter und schob sein Glas Schnaps ein wenig beiseite. Als sie »Jo, komm bitte in den Obstgarten, ich muss dir unbedingt etwas sagen« raunte, musste es für die anderen Gäste so aussehen, als spräche sie zu ihrem Onkel und nicht zu ihm. Ein Blinzeln, dann verschwand sie. Johannes unterdrückte den

»… oder denken Sie etwa, der Fürst ist Manns genug, der Misere Herr zu werden?«, fragte der Stabsoffizier in diesem Moment.

»Ganz und gar nicht!«, entgegnete Johannes, der keine Ahnung hatte, wovon der Mann sprach, und überhaupt, was ging ihn der Fürst von Albanien an? Er entschuldigte sich, dass er einmal austreten müsse, sprang auf und machte sich, ein wenig schwindlig von dem Bier und dem Schnaps, auf den Weg in den Garten.

 

Die Sonne brannte heute mit erstaunlicher Kraft. Johannes lockerte seinen Kragen und hätte am liebsten auch seinen Rock ausgezogen. Aber es kam ihm unschicklich vor, Susanna nur in Hemd und Weste zu begegnen, und er beneidete die kleinen Jungen, die mit hochgekrempelten Hemdsärmeln an ihm vorbeiliefen. Eine Weile irrte er auf seiner Suche zwischen anderen Taufgästen und spielenden Kindern umher, bis er Maries Freundin einsam im hinteren Teil des Gartens bei den Weichselbäumen fand. Ihm war zuvor gar nicht aufgefallen, wie hübsch sie heute aussah. Das hellblaue Kleid betonte ihre schmale Taille und ließ unter zarter weißer Spitze am Ausschnitt und den Ärmeln ihre Haut verführerisch durchschimmern. Kein Wunder, du hast dich immer nur auf Marie konzentriert und kein anderes Mädchen mehr wahrgenommen! Ein Leuchten trat in ihre blauen Augen, und er musste ihr anziehendes Lächeln einfach erwidern. Sie legte ihre Hand sanft auf seinen Arm.

»Wie geht es dir?«, fragte sie, und ehrliche Sorge schwamm in ihrer Stimme mit.

Die Frage verwirrte ihn. Er hatte damit gerechnet, dass sie ihm irgendetwas von Marie erzählen würde.

Ein Schatten huschte über ihr schönes Gesicht.

»Das auch. Aber vor allem mit deinem Studium und den vielen Proben. Sicher bist du furchtbar beschäftigt, und deine Familie erwartet von dir, dass du in die Fußstapfen deines Großvaters trittst. Das wird nicht einfach für dich sein.«

Er seufzte. Ihre Anteilnahme tat ihm gut. »Die schwierigsten Prüfungen stehen mir in den nächsten Wochen bevor. Wenn es nur das Spielen wäre, aber wir müssen auch eine Menge Musiktheorie und -geschichte lernen.«

»Das erfordert bestimmt viel Disziplin und Fleiß. Ich bin aber sicher, dass du es schaffen wirst. Du bist so unglaublich begabt, Jo! Noch nie habe ich jemanden wie dich musizieren hören. Ich könnte dir stundenlang lauschen.« Ihre Wangen röteten sich, und sie kam einen Schritt näher, viel näher, als es schicklich war, denn der Saum ihres Kleides wogte jetzt gegen seine Beine. »Du ahnst gar nicht, was es mit mir anstellt, wenn du auf der Violine spielst.«

Johannes starrte sie an, unfähig sich zu bewegen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und in seinem Kopf drehte sich alles, während ihr süßer Duft auf einmal überall war.

»Jo!«, raunte sie, und ihr zärtlicher Tonfall brachte etwas tief in ihm zum Vibrieren, eine unerfüllte Sehnsucht schoss heiß in ihm empor, und er sah, wie ihr Blick an ihm vorbeiglitt, ihre Augen sich weiteten und sich dann wieder ihm zuwandten. Aus heiterem Himmel ging alles ganz schnell, viel zu schnell für seinen alkoholvernebelten Verstand, um zu begreifen, was gerade geschah. Ihre Lippen trafen ungestüm auf die seinen, und zugleich fühlte er ihre Hände auf seiner Brust, die ihn am Hemd näher zogen und zärtlich hinunter zu seinem Bauch strichen. Susannas Mund öffnete sich und liebkoste ihn ein wenig ungeschickt mit der Zungenspitze und erbat zwischen seinen Lippen

Ein heftiger Stoß gegen seine Brust ließ ihn unerwartet zurücktaumeln. Susanna schlüpfte wie der Blitz unter seinen Armen hindurch und lief mit fliegenden Röcken quer durch den Garten, vorbei an den Aprikosenbäumen, zwischen denen Johannes gerade noch eine Gestalt in Grün verschwinden sah. Er rang nach Atem und machte ein paar unsichere Schritte hinter ihr her.

»Susanna! Warte!« Seine Stimme klang heiser und fremd.

Bevor er noch irgendetwas unternehmen konnte, war sie schon aus dem Garten verschwunden. Alles drehte sich in seinem Kopf, und erst jetzt rührte sich sein Verstand, begriff er, dass er gerade eben Maries beste Freundin geküsst hatte. Marie! Großer Gott! War sie das eben gewesen? Hatte sie gesehen, wie er Susanna gegen den Baum gedrängt hatte? Jemand anderes? Was war denn nur in ihn gefahren? Er stützte sich an den Stamm und versuchte nachzudenken. Aber es fühlte sich an, als schlüge jemand mit dem Hammer unentwegt auf seinen Kopf. Poch. Poch. Nein, es konnte nicht sein, dass sie ihn zuerst geküsst hatte. Warum hätte sie ihn dann wegstoßen sollen? Und was sollte er jetzt nur tun? Nachdem sein Atem sich einigermaßen wieder beruhigt hatte, beschloss er, zurückzugehen und nach Susanna zu sehen, um sich zu entschuldigen. Doch im Festsaal konnte er sie nirgends ausfindig machen.

Ebenso wenig wie Marie und ihren Vater.

Jemand klopfte ihm gutmütig auf den Rücken. »Na, junger Kamerad, Sie sehen aus, als hätten sie einen Geist am Abort gesehen und könnten einen Slibowitz vertragen!« Der Regimentsmusiker lachte dröhnend, und wie betäubt ließ sich Johannes von ihm zurück auf seinen Platz ziehen und das Glas nachschenken.

Jetzt ist’s auch schon egal, ob ich mich noch mehr betrinke, dachte er bitter. Schlimmer kann der Tag gar nicht mehr werden.

Darin sollte er sich allerdings täuschen.