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Maui, August 2022

Die Schatten der Nacht klebten noch wie Schuppen am Horizont, aber die Wolken über ihnen hatten sich bereits rosa gefärbt, und die Sonne pflügte mit ihren Strahlen durch ihre dichten Reihen.

»Wir haben Glück. Die Prognosen für den Haleakalā sind heute gut«, sagte Elias und sah von seinem Handy auf. »Das Wetter kann in dieser Höhe nämlich schnell umschlagen.«

Emma saß neben ihm am Terrassentisch mit seinem Lieblingsbecher in der Hand, dem mit der Aufschrift Schrödinger’s Cup – it’s both full and empty until you look inside. Ein Geschenk von Kaleo zu seinem bestandenen Master. Die Schrift war von dem vielen Spülen schon ganz blass geworden. Aber irgendwie hing er daran und fand es passend, dass sie heute aus der Tasse trank. Da war dieser Moment gestern Abend gewesen, gleich nach ihrer Ankunft, und Elias versuchte immer noch, daraus schlau zu werden. Irgendetwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Und du wirst es nie erfahren, solange du nicht hineinschaust! Aber was, wenn da nichts war? Wenn er sich das, was er zu fühlen glaubte, alles nur einbildete, Emma einfach nur ein paar nette Urlaubstage mit ihm verbringen wollte, um darüber hinwegzukommen, was auch immer in Washington geschehen war? Die Bemerkung seiner Mutter vor der Abfahrt, während Emma noch kurz auf der Toilette war, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Und überhaupt war das doch gerade mal erst knapp zwei Wochen her. Wenn er eines ganz sicher nicht sein wollte, dann eine Ablenkung. Außerdem würde Emma bald zurück nach Deutschland fliegen, und dann lagen Kontinente zwischen ihnen! All das waren keine idealen Voraussetzungen für eine wie auch immer geartete Beziehung, falls sie überhaupt dasselbe empfand wie er. Und selbst über seine eigenen Gefühle war er sich noch nicht im Klaren. Er hatte sich schon einmal zu schnell auf eine Frau eingelassen und die ganz große Liebe vermutet. Inzwischen war er ernüchtert, was das anbelangte, und vorsichtig geworden.

Ein Safranfink ließ sich auf der Brüstung nieder, wo er zuvor ein paar Körner ausgestreut hatte, und brachte ihn dazu, seinen Blick von Emmas Lippen zu lösen. Der kleine Vogel legte den Kopf schief, beäugte sie erst misstrauisch und begann dann zu picken.

Ihm fiel plötzlich auf, dass Emma gar nichts gesagt hatte, sondern etwas in der Ferne fixierte. »Ist das Neo?«, raunte sie, als er ihrem Blick folgte. Und tatsächlich, farblich gut getarnt, kauerte das Chamäleon in einem Ohiabaum, dessen feuerrote Blüten geschickt von ihm ablenkten.

»Ja. Magst du rübergehen?«

Emma schüttelte den Kopf. »Ich will ihn nicht erschrecken. Vielleicht kommt er von selbst näher, wenn wir ihn nicht beachten.«

»Wir könnten ein wenig nachhelfen«, entgegnete Elias, schnitt ein Stück von seiner Mango ab und warf es auf die Holzplanken in der Nähe des Baumes. Doch nichts geschah.

Jetzt wandte sich Emma ihm zu, und ihre Augen glänzten wie dunkler Bernstein. Schon wieder fühlte er seinen Puls in die Höhe schnellen.

»Keine Sorge, die werden dir eher Löcher zu deiner Astronautenbewerbung in den Bauch fragen, seit ich ihnen erzählt habe, dass du ihnen demnächst von der ISS aus zuwinken könntest.«

»Oh, nein! Das ist doch noch gar nicht durch!«

»Ich bin eben optimistisch.«

Sie schüttelte den Kopf. »Auf den Sonnenaufgang über dem Haleakalā freu ich mich auch schon! Schade, dass wir heute zu spät dran sind.«

Die Nachricht von seinem Chef und dessen Vorgesetzten war gestern Abend eingegangen, und er hatte ihr gleich nach dem Aufstehen verraten, dass ihr Besuch nächste Woche genehmigt worden war. Sie hatte ihn so glücklich angesehen, als hätte er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Verdammt, was dachte er denn nun schon wieder! Um sich von seinem Gefühlschaos abzulenken, und weil ihr dankbares Lächeln ihn ganz verlegen machte, schaute er auf seine Armbanduhr.

»Der wird nächste Woche ebenso schön sein. Aber jetzt müssen wir los.« Er wollte gerade aufstehen, da hielt sie ihn am Arm fest.

»Pst! Warte!«, flüsterte sie mit einem Kopfnicken zur Terrasse.

Ha! Hatte er es sich doch gedacht. Vielfraß Neo hatte seinen Beobachtungsposten aufgegeben und bewegte sich nun in dem für ihn typischen wiegenden Gang auf das Mangostück zu.

Emma kicherte leise. »Jetzt weiß ich, was du mit Moonwalk gemeint hast.«

 

»Welcome to Mars«, sagte Emma kopfschüttelnd, während sie Sonnencreme auf ihr Gesicht auftrug und ihre Sonnenbrille aufsetzte. Sicherheitshalber hatte er Emmas Ausrüstung inspiziert. Doch sie schien bei ihren Touren in den Alpen Erfahrung gesammelt zu haben. Ihre Trekkingschuhe hatten einen hohen Schaft und waren ebenso robust und zweckmäßig wie ihre Kleidung. Sie trug über ihrem T-Shirt eine Fleecejacke und darüber eine regenfeste Jacke. Außerdem hatte sie ein Stirnband und eine Sonnencap dabei. Der Haleakalā war über dreitausend Meter hoch, und gerade eben blies ihnen ein empfindlich kalter Wind entgegen.

 

Elias war diesen Trail schon öfter gegangen. Es gab viele beeindruckende Wanderrouten im Haleakalā-Gebiet, aber der Keoneheehee Trail mit den Sliding Sands war in seinen Augen einer der spektakulärsten. Anfangs war es noch etwas voll, und sie mussten sich in die Schlange von anderen Parkbesuchern regelrecht einreihen. Doch seiner Erfahrung nach hielten sie nicht lange durch, und tatsächlich kehrten auch die meisten schon nach wenigen Kilometern um. Emma bewältigte das anspruchsvolle Terrain ohne Schwierigkeiten. Sliding Sands hieß der Trail nicht von ungefähr. Bei den Steigungen rutschte man auf der Vulkanasche immer ein wenig zurück. Bei jeder Kehre überraschte die Landschaft dafür mit neuen Aussichten. Es gab helle Kraterkegel, die einer Mondlandschaft glichen, dann wiederum schwarzgrüne Kegel, zwischen denen weiße Nebelschleier wallten und in der immer stärker werdenden

»Du hast hoffentlich genügend Speicher?«, fragte er belustigt, als er sah, wie viele Fotos sie schoss.

»Mach dich nur lustig, du kannst das ja jederzeit wieder erleben. Ich muss es konservieren für all die langweiligen Regentage in Deutschland.« Emma klang ein wenig außer Atem, vielleicht machte ihr die Höhenluft doch zu schaffen. Elias schlug vor, eine kurze Rast zu machen. Sie packten die Sandwiches und Trinkflaschen aus. Er hatte darauf bestanden, dass jeder von ihnen drei Liter Wasser mitnahm.

»Fühlst du dich noch fit genug für den Halemauu Trailhead? Der Rückweg wird bergauf beschwerlicher werden.«

»Klar! Ich kann das hier«, sie deutete mit ausgestrecktem Arm um sich, »gar nicht in Worte fassen. Atemberaubend trifft es nicht annähernd!«

»Den schönsten Ausblick hat man aber erst nachher am Pele’s Painting Pot.«

»Noch mehr Farben für das Element Erde?«

»Die Einheimischen sagen, die Feuergöttin Pele wäre hier geboren worden, und die Gegend sieht aus, als hätte sie händeweise Farbpigmente darübergestreut.«

»Und du fragst mich ernsthaft, ob ich noch durchhalte, um mir das anzusehen?« Emmas Blick schweifte ab, und sie deutete auf etwas hinter ihm. »Hey, ist das eine Silberschwertpflanze?«

Er drehte sich um und entdeckte ein Stück des Wegs voraus die kugelförmige Pflanze mit langen, silbrig behaarten Blättern, die es nur auf Hawaii gab. »Ja. Sieht aber eher wie ein silbernes Stachelschwein aus.«

»Ich sehe schon, zum Poeten taugst du nicht!«, gluckste Emma.

»Ein Schwert stelle ich mir jedenfalls anders vor.«

»Und das ist dann poetischer?«, fragte er grinsend.

Sie zuckte die Schultern und wechselte das Thema. »Du hast mir bisher noch gar nichts von deiner Arbeit am Sonnenteleskop erzählt.«

Elias zögerte erst. Colleen hatte sich nie für seine Arbeit interessiert, und er wollte Emma nicht langweilen, doch nach kurzer Zeit waren sie schon in die Details vertieft. Er war überrascht, sie musste sich schon intensiv mit Teleskoptechnik befasst haben. Sie waren inzwischen weitergewandert, und bei einer besonders in die Einzelheiten führenden Nachfrage von ihr musste er auflachen.

»Sag mal, warum hast du denn nicht Luft- und Raumfahrttechnik oder einen anderen technischen Studiengang gewählt? Du hättest deinen Prof ganz schön ins Schwitzen gebracht.«

Ihre Wangen wurden rot, und sie wich seinem Blick aus. »Na ja, ich finde alles Mögliche spannend, und für irgendwas muss man sich doch entscheiden.«

Dann wandte sie sich ab und marschierte weiter. Hatte er etwas Falsches gesagt? Elias holte sie ein, und eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her. Es war, als hätte er versehentlich eine Tür zugeschlagen. Aber warum? Er hatte sich in ihrer Gesellschaft doch gerade so wohlgefühlt und gedacht, dass sie ebenso empfand. Unangenehme Erinnerungen an Colleen stiegen in ihm hoch. Auch bei ihr hatte er oft nicht gewusst, woran er war.

»Bereust du es inzwischen?«, wagte er vorsichtig einen Schuss ins Blaue.

Sie schüttelte den Kopf. Und plötzlich sagte sie etwas, das ihm die Sprache verschlug: »Sorry, Elias, ich wollte mich gerade eben nicht ins Rampenlicht drängen.« Sie strich sich eine verschwitzte Haarsträhne hinters Ohr, starrte aber weiterhin geradeaus. »Das passiert mir manchmal, wenn mich Sachen

Er blieb wie angewurzelt stehen, während Emma erst einige Schritte weiter stoppte und sich zu ihm umwandte. In ihrer Miene flackerte Unsicherheit. Sie waren allein auf dem Trail, die wenigen, die bis hierhin durchgehalten hatten, außer Blickweite.

»Emma, ich habe …«, er rang nach Worten.

»Nein, sag nichts, es tut mir ehrlich leid.«

»Was? Dass du mehr kluge Fragen zu meinem Job stellen kannst, besser als so mancher meiner Kollegen?« Mit wenigen Schritten war er bei ihr und sah ihr fest in die Augen. »Das eben war ein gutes Gespräch. Ein richtig gutes! Eins, wie ich es schon sehr lange nicht mehr geführt habe. Und das Einzige, wofür du dich entschuldigen musst, ist, dass du es jetzt einfach abgebrochen hast, nur weil du glaubst, dich damit ins Rampenlicht zu stellen. Wer hat dir denn so einen Quatsch eingeredet?«

Der letzte Satz war ihm einfach so herausgerutscht, und an der Art, wie ihre Miene sich verschloss, erkannte er die Antwort, bevor sie sie aussprach.

»Mein Exfreund.« Sie schluckte und sah so traurig aus, dass er sie am liebsten in die Arme genommen hätte. Aber es fühlte sich falsch an, ihre Verletzlichkeit in diesem Moment auszunutzen. Verdammt! Er war nicht gut in diesen Dingen. Elias kratzte sich am Hinterkopf, überlegte kurz und beschloss dann, ehrlich zu sagen, was er dachte: »Okay. Kann es sein, dass dein Ex unter einem beachtlichen Minderwertigkeitskomplex leidet?«

Ihre Mundwinkel zuckten. »Im Gegenteil. Michael tritt ausgesprochen selbstsicher auf.«

Michael. So hieß der Arsch also. Elias schüttelte den Kopf. »Das sagt noch gar nichts.« Und plötzlich fand er es nur fair, ihr

Ihr Lächeln brachte den Glanz zurück in ihre Augen, und Elias atmete innerlich auf. »Also, wo waren wir gerade bei der Gregory-Anordnung der Spiegel stehengeblieben?«, fragte er.

»Wie ihr den perfekten schiefen Winkel berechnet habt, in dem die zwei Spiegel zueinander stehen müssen, damit das Streulicht minimiert wird und man die Corona der Sonne besser einfangen kann.«

»Das war eine ganz schöne Herausforderung.« Er ging langsam weiter, und sie nahm wieder den Platz neben ihm ein. Das Lächeln lag noch in ihren Augen, und der konzentrierte Gesichtsausdruck mit der kleinen nachdenklichen Falte auf der Stirn war zurückgekehrt. Elias ertappte sich dabei, wie er ihr Mienenspiel beobachtete, während er weitersprach und sich wünschte, der Trail würde nicht so bald enden.