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Temeswar, August, 1914

Überall wurde die Ernte eingebracht, Garben trockneten ordentlich gebündelt in der Sonne, Mohnblumen säumten die stoppelkurzen Felder, und in der flirrenden Luft schwirrten Mücken. Schon die Kleinsten bückten sich nach den Ähren, die vom Wagen heruntergefallen waren, und im Vorbeifahren entdeckte Susanna zwei Mädchen, die am Wegrand mit ihren Kukuruz-Puppen spielten. Sie hatten die Mais-Lieschen in Streifen hinuntergebogen, sodass sie von den goldgelben Kolben wie Ballettröckchen abstanden. Der Maisbart bildete die Puppenhaare, und auf die Körner darunter hatten sie Augen und Mund gemalt. Susanna dachte daran, wie sie mit Marie früher mit dem Puppenhaus gespielt hatte, und die Schuldgefühle übermannten sie. Immer wieder hatte sie sich vorgenommen, ihr zu schreiben, und dann doch das Papier zerrissen. Dafür kannte sie jede Zeile aus Maries Briefen bald auswendig. Johannes schien Marie nichts von ihrer gemeinsamen Nacht erzählt zu haben, vielleicht hatte er ihr überhaupt noch nicht geschrieben oder sein Brief war verloren gegangen. Susanna presste die Lippen aufeinander und zwang sich, nicht an ihn, sondern an das, was vor ihr lag, zu denken. Die Droschke holperte zurück Richtung Temeswar, und wenn alles nach Plan lief, würde sie in zwei Wochen zurückkehren und vor der Weinlese ihres Großvaters verheiratet sein. Den ganzen Nachhauseweg lang versuchte sie, die richtigen Worte zu finden. Viel zu schnell

Emil hatte bei ihren Großeltern vorbeigeschaut und sich von ihr verabschiedet und ihr heimlich ein Briefchen zugesteckt, in dem er ihr mitteilte, dass er in zwei Tagen nach Temeswar kommen und bei ihrem Vater förmlich um ihre Hand anhalten werde.

»Der Emil is a fescher Bursch gwordn, gelt?«, hatte die Großmutter hinterher neckend zu ihr gesagt. »Hast ihn inzwischen a an bissl gern?«

Ihr Großvater hatte die Pfeife aus dem Mund genommen und ihr einen strengen Blick zugeworfen. »Setz dem Mädel keine Flausen in den Kopf. Die Klara würd einen vom Land nie und nimma als Schwiegersohn akzeptieren.«

Damit hatte er nicht unrecht. Umso schwerer würde dieses Gespräch werden. Seufzend stieg Susanna vom Wagen und eilte ins Haus, während Nanni Anweisungen für das Gepäck gab. In der Eingangshalle roch es nach Möbelpolitur und einem Strauß Blumen, der in einer hohen Vase neben der Treppe stand. Sie machte sich rasch frisch und begab sich dann in den Salon.

»Da bist du ja wieder, mein Augenstern!« Susannas Vater legte die Zeitung weg und stand vom Sessel auf. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, aber er lächelte seine Tochter bei ihrem Eintreten zärtlich an und breitete die Arme aus. Susanna ignorierte ihre Mutter, die auf dem gegenüberliegenden Diwan wesentlich näher zur Tür saß und stickte, und stürzte sich erst einmal in die Arme ihres Vaters. Sie roch den vertrauten Geruch von Tabak und Seife aus der Wäscherei der Textilfabrik

»Oh, ja, Papa! Alle lassen euch ganz lieb grüßen.« Sie wandte sich um und ging zu ihrer Mutter, die sie über ihre Stickarbeit hinweg kühl musterte.

»Grüß Gott, Mama. Wie geht es denn der Gisela und dem kleinen Ferdinand?« Susanna beugte sich vor und hauchte der Mutter einen Kuss auf die Wange.

»Ausgezeichnet. Sie ist mächtig stolz, dass ihr Mann als Offizier pflichtbewusst und im Herzen voller Vaterlandsliebe gegen die Russen gezogen ist, um unsere Heimat zu verteidigen.«

»Ja, das kann ich mir denken«, erwiderte sie. Ihr entging nicht der missbilligende Blick, den ihre Mutter dem Vater an ihr vorbei zuwarf. Wünschte sie sich etwa, er würde sich freiwillig melden? Papa war doch schon fünfundvierzig Jahre alt, galt er überhaupt noch als wehrtauglich? »Warum bist du denn so früh zurückgekommen?«, fragte ihre Mutter misstrauisch.

»Geh, Klara, das klingt ganz so, als würden wir uns nicht darüber freuen, dass sie wieder daheim ist!« Ihr Vater lachte, und Susanna wurde noch schwerer ums Herz. Es half nichts, besser, sie brachte es gleich hinter sich. Sie ließ sich auf dem Diwan neben ihrer Mutter nieder, straffte die Schultern und sah zu, wie ihr Vater sich zurück in den Sessel setzte.

»Ich muss euch etwas sagen«, begann sie. Papa ließ die Zeitung, die er gerade wieder hochgehoben hatte, überrascht sinken und sah sie erwartungsvoll an.

»Ich habe mich verlobt.«

In die unheilvolle Stille nach ihren Worten platzte das Dienstmädchen, das an der Tür klopfte und, weil es keine Antwort hörte, eintrat:

»Möchte das gnädige Fräulein auch eine Tasse Tee?«

Es war das Mädchen, das Susanna heimlich Johannes’ Nachricht zugesteckt hatte, als er sie im Park treffen wollte. Hastig knickste sie, drehte sich um, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Susanna würde ihren neuen Seidenhut darauf wetten, dass sie dahinter lauschte.

»Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?«, zischte ihre Mutter, warf die Stickarbeit auf den Beistelltisch, sodass sie um ein Haar im Teegeschirr landete, und funkelte sie zornig an.

Susannas Vater räusperte sich unbehaglich. »Jetzt lass sie doch erst einmal erklären.«

»Wem hast du dich versprochen?«, schnitt die Mutter ihm das Wort ab. »Kann man dich denn überhaupt nicht mehr alleine lassen?«

Susanna konnte ihrem Vater nicht in die Augen sehen, sondern blickte auf ihre im Schoß ineinanderverschränkten Hände und sagte leise: »Ich habe dem Emil Schmidt mein Wort gegeben, dass ich ihn heiraten werde. In zwei Tagen wird er kommen und bei Papa förmlich um meine Hand anhalten.«

»Susanna!«, rief ihr Vater schockiert, und ihre Mutter lachte gehässig auf.

»Hab ich dir nicht immer gesagt, du sollst sie nicht so oft zu deinen Eltern aufs Land lassen? Das haben wir nun davon. Weder die Agnes noch dein versoffener Bruder und erst recht nicht du werden das Weingut übernehmen. Jetzt haben sie ein neues Opfer gefunden, das zu ihnen ins Dorf ziehen soll.«

»Nein«, widersprach Susanna erschrocken und blickte auf. »So ist es ganz und gar nicht. Die Großeltern wissen noch überhaupt nichts von dem Emil und mir.«

Ihr Vater erhob sich, ging zum Diwan und blieb vor ihr stehen. Mit ernster, bleicher Miene betrachtete er sie, und sie wagte kaum zu atmen.

»Das dein Vater dir niemals geben wird!«, keifte ihre Mutter.

»Natürlich nicht!«, stimmte er zu. »Wir werden dem jungen Mann erklären, dass du noch viel zu jung bist und zur Schule gehst.«

Susanna fühlte sich scheußlich. Nun musste sie die Eltern belügen, denn, das hatte sie Emil versprechen müssen, niemand sollte je erfahren, dass es nicht sein Kind war, das in ihr heranwuchs. Es war die einzige Bedingung, die er ihr gestellt hatte, und sie würde sich ihm und dem Kind zuliebe daran halten.

»Ich habe damals nur so getan, als würde ich ihn nicht lieb haben«, flüsterte sie. »In Wahrheit gehört ihm schon lange mein Herz.«

»Du lügst!« Klara war nun ebenfalls aufgesprungen und stellte sich neben ihren Mann.

»Nein, Mama.«

»Conrad, ich habe genug! Wenn du jetzt kein Machtwort sprichst …«

»Wie gesagt, ich werde dieser Vermählung nicht zustimmen, Susanna«, erklärte ihr Vater ruhig. »Du bist zu jung und magst dich verliebt haben, doch du kannst die Konsequenzen deines Handelns noch nicht begreifen, wie es scheint.«

»Papa, ich kann aber nicht …«

»Nein, Susanna!«, unterbrach der Vater sie streng. »Du weißt, ich will immer dein Bestes und habe oft genug nachgegeben und deine Launen hingenommen. Emil Schmidt ist kein standesgemäßer Ehemann für dich. Ich habe nicht diese Fabrik

»Ich erwarte ein Kind von ihm.«

Sie hatte es gefasst und laut ausgesprochen, um die Ansprache ihres Vaters zu beenden, und im nächsten Moment fühlte sie einen brennenden Schmerz auf der Wange und sah in das wutverzerrte Gesicht ihrer Mutter. Dann wurde es laut, und spätestens jetzt wusste Susanna, dass die gesamte Dienerschaft mitbekam, was im Salon vor sich ging.

 

Eine Stunde später saß sie in ihrem Zimmer, das sie erst wieder verlassen durfte, wenn sie dazu aufgefordert werden würde. Selbst durch die geschlossenen Türen hörte sie die aufgebrachten Stimmen ihrer Eltern, auch wenn sie deren Worte nicht verstand. Die Dienerschaft huschte auf Zehenspitzen durchs Haus, Nanni hatte ihr nur einen mitleidigen Blick zuwerfen können, bevor ihre Mutter sie wegscheuchte. Susanna trat ans Fenster und blickte hinaus in den Park. Noch nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt. Die Rosen waren fast alle verblüht, und Gärtner kehrten mit Reisigbesen welke Blätter zusammen und luden sie auf Schubkarren. In den Rabatten jäteten sie Unkraut und gossen die Geranien, die purpurn und rot zwischen den gelborangen Blüten der Ranunkeln leuchteten. Wehmütig dachte sie an ihr Treffen mit Johannes, sah wieder sein schwarzes, glänzendes Haar, die sommerblauen Augen und den Schmerz darin bei ihrem Geständnis. Er war nicht zurückgekehrt, hatte ihr noch nicht einmal geschrieben. Emil war ihre einzige Chance, der Schande, ein uneheliches Kind zu bekommen, zu

Die Sonne war bereits untergegangen, als ihr Zimmer aufgesperrt wurde und er mit gebeugten Schultern eintrat wie ein um Jahre gealterter Greis.

»Papa!«, rief Susanna und sprang auf.

»Schweig und hör mir zu!« Noch nie hatte er sie auf diese Weise angesehen. Seine Haut war fahl, und die Enttäuschung hatte tiefe Furchen in seine Miene gegraben. »Da du jedweden Anstand vergessen zu haben scheinst und mit deinem schamlosen Handeln das Ansehen der gesamten Familie aufs Spiel gesetzt hast, sollst du deinen Willen bekommen. Dein Liebhaber«, er spuckte ihr das Wort geradezu ins Gesicht, und Susanna wich einen Schritt zurück, weil sie fürchtete, er würde sie nun ebenfalls schlagen wie die Mutter, »wird dieses ehrbare Haus niemals betreten. Du wirst heute noch deine Sachen packen. Wir beide fahren morgen zu ihm, damit ich mich mit ihm und seinen Eltern unterhalte und deine Mitgift aushandele. Bis zu deiner Vermählung wirst du bei deinen Großeltern leben. Deine Mutter möchte dich hier nie wieder sehen.«

Susanna fühlte, wie ihr Tränen über die Wangen liefen, aber sie nickte tapfer.

»Morgen melde ich dich bei der Schule ab. Unter den gegebenen Umständen wirst du keinen Schulabschluss erlangen können. Du hattest deine Chance und hast sie verwirkt. Mein Gott, du hattest alles, Susanna, alles!« Er fuhr sich müde durch das schüttere Haar und atmete schwer, bis er sich wieder beruhigte und leiser fortfuhr: »Wir werden deine Hochzeit in aller Stille und ohne Feier vollziehen. Weder deine Mutter noch deine Schwester oder Agnes werden zugegen sein. Denn es gibt nichts zu feiern, nur zu beten, dass dieser elende Lump wenigstens bereit ist, zu seinem Kind zu stehen.«

»Bitte, Papa, sei dem Emil nicht bös. Er kann …«

Kaum war sie ins Schloss gefallen, brach Susanna auf dem Boden zusammen und weinte bitterlich. Sie konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, bis irgendwann erneut die Tür geöffnet wurde und Nanni zu ihr ins Zimmer huschte.

»Na na na, Kind, zuckasißes, beruhig di doch. Des wird scho alles wieda werdn«, murmelte sie und nahm sie in die Arme.

Aber Susanna war überzeugt davon, dass der Vater ihr niemals verzeihen und den Emil akzeptieren würde, der doch für all das gar nichts konnte. Und das verletzte sie noch mehr als die Tatsache, dass Johannes sie und ihr gemeinsames Kind im Stich gelassen hatte.