Makawao auf Maui, Hawaii, Juli 2022
Das blecherne Scheppern weckte ihn noch vor dem Morgengrauen. Es folgte ein Tippeln und Kratzen, das klang, als würden die Geräusche direkt von der Veranda kommen. Dazwischen mischte sich der flötende Gesang eines Sonnenvogels, und in der Ferne krähte Noahs Hahn. Elias stöhnte. Sein Wecker würde sicher gleich in das Konzert mit einstimmen. Gähnend tastete er nach dem Handy auf dem Nachttisch. Offenbar sah er viel zu zerknittert aus, denn die Gesichtserkennung ignorierte ihn geflissentlich, und gerade, als er den Entsperrungscode eingab, begann das Gerät zu vibrieren. Zeitgleich gab es einen unangenehmen schrillen Ton von sich. Seine Finger flogen sofort über das Display, um den Wecker abzustellen. Vor Jahren hatte seine Freundin, inzwischen Ex-Freundin, ihm eine Sinfonie von Mozart als Weckmelodie ausgesucht und behauptet, dass er so viel gelassener in den Tag starten könne. Seither hatte er den unwiderstehlichen Drang, sofort den Ton abzudrehen, sobald er dieses Stück im Radio hörte. Das kratzende Geräusch klang jetzt noch näher, als befände sich etwas direkt auf dem Fenstersims. Mungos? Oder nur einer dieser neugierigen Safranfinken, die sich morgens auf das Holzgeländer setzten und darauf warteten, dass er ihnen ein paar Körner aus der Blechdose zuwarf? Er schwang sich aus dem Bett und tappte barfuß über die Holzdielen zum Fenster. Mit einem entschlossenen Ruck riss er die Innenjalousie an der Kordel nach oben. Auf seinem Fenstersims, in der Dämmerung kaum wahrnehmbar, kauerte ein Reptil, vor Schreck in der Bewegung erstarrt, und musterte ihn reglos aus vorgewölbten Augen.
»Neo!«, stöhnte Elias und befestigte die Kordel in der Halterung, damit die Jalousien nicht wieder zurückfielen. »Was soll das? Jagst du etwa Insekten an meinem Fliegengitter?«
Als er vor knapp zwei Jahren nach der Trennung von Colleen in dieses Cottage mitten in einem Wald Mauis auf neunhundert Meter Höhe gezogen war, hatte das Chamäleon seinen Wunsch nach Einsamkeit ignoriert und ihn gleich am ersten Abend auf seiner Veranda besucht. Es war etwas größer als seine Hand, ein Männchen, was man an den drei kurzen Hörnern zwischen seinen Augen erkennen konnte. Eines von ihnen war ein wenig schief gewachsen, weshalb er sichergehen konnte, dass es immer derselbe Geselle war, der ihm regelmäßig einen Besuch abstattete. Elias hatte ihn Neo genannt, nach dem Science-Fiction-Filmhelden aus Matrix, denn bei ihrer ersten Begegnung war er von einem überhängenden Ast auf seine Veranda wie aus einer anderen Realität in sein Leben gefallen. Blitzschnell hatte er die dunkle Holzfärbung des Bodens angenommen und sich in einem seltsam wiegenden Moonwalk zum Tisch bewegt. Elias, der sich eben eine Flasche Rotwein und ein Glas aus der Küche geholt hatte, war an der Tür stehen geblieben, um den Überraschungsgast zu beobachten. Er hatte ihn dabei erwischt, wie er sich ein Stück Mango schnappte, das ihm vom Abendessen heruntergefallen sein musste, und sich dann auf den Rückweg machte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Elias gar nicht gewusst, dass Reptilien nicht nur Insekten fraßen. Später hatte er nachgelesen, dass Chamäleons sich im Wiegeschritt bewegten, um potenzielle Feinde davon zu überzeugen, ein Blatt oder Gestrüpp im Wind zu beobachten und nicht ein anderes Tier und damit leckere Beute. Von diesem Tag an hatte Elias öfter ein Stück Obst für Neo am Fuße der Veranda deponiert. Heute war er über seinen morgendlichen Besuch allerdings wenig erfreut.
»Seit wann stehst du denn auf Vogelfutter?« Elias betrachtete im Halbdunkel missmutig die Bescherung. Neo hatte die Blechdose mit den Körnern vom Fenstersims gestoßen, und ihr Inhalt verteilte sich über die halbe Veranda. Neo schien sein rechtes Auge schuldbewusst nach unten auf die Körner zu senken, während er ihn mit dem linken unentwegt fixierte. Der Anblick brachte Elias zum Grinsen. Die scharfen Augen eines Chamäleons konnten nicht nur unabhängig voneinander sehen, sondern sich dabei auch noch so verdrehen, dass sie ein Sichtfeld von mehr als 340 Grad erfassten. Für ihn, der sich mit der Entwicklung und dem Bau von gigantischen Teleskopen zur Weltraumerforschung befasste, war die Optik dieses kleinen Wesens ein wahres Wunderwerk der Natur. Er unterdrückte den Impuls, Neo zu streicheln, das mochten Reptilien nämlich gar nicht, und ging stattdessen ins Bad, um zu duschen.
Mit feuchtem Haar und einem Becher dampfenden Kaffees stand er wenig später barfuß auf der Veranda. Das Holz war angenehm kühl vom Morgentau. Neo hatte sich inzwischen verzogen, dafür flogen einige Finken, die sich über die Körner am Dielenboden hergemacht hatten, wie ein Schwarm gelber Schmetterlinge auf. Elias trank einen Schluck Kaffee und stützte sich auf das Geländer. Er war so froh, dem brodelnden Trubel der Stadt entkommen zu sein. In der Ferne konnte er das Murmeln des Baches vernehmen, der sein Grundstück von Noahs Farm trennte, und zwischen den Ästen tanzten letzte Nebelschleier. Jasmin-, Hibiskus- und Frangipani-Blüten, verschwenderisch ins grüne Meer getupft, sandten ihm ihren Duft. Durch die Höhenlage war es hier im Sommer angenehm warm, verglichen mit der Hitze unten an der Küste. Davor hatte er mit Colleen in Kahului, im Norden Mauis, gelebt, einer Küstenstadt, die zusammen mit einigen Vororten zum größten Ballungsraum der Insel angewachsen war. Sie hatte den Trubel am Campus, die Ausstellungen im nahe gelegenen Kulturzentrum und die gigantische Shopping Mall um die Ecke geliebt.
Er nicht.
Das Cottage, das er von Noah gemietet hatte, lag auf einem Hang. Von der Veranda aus sah man über ein Blätterdach von Palmen, Bananenstauden, Ohia- und Mangobäumen hinweg auf die tiefhängende Wolkendecke, Stratocumulus, aber für ihn zog gerade eine Flotte lilafarbener, langer polynesischer Kanus gemächlich am morgendlichen Himmel. Schon als Kind hatte es ihm Spaß gemacht, Wolkenformen zu erraten. Es gab eine Zeit, da hatte Colleen das wahnsinnig sexy gefunden. Er hatte sie auf der Hochzeit eines Freundes getroffen, sie war eine der Brautjungfern gewesen, er der Trauzeuge. Ein von den wohlhabenden Eltern der Braut mit Hochzeitsplanern für ihr einziges Töchterchen bis ins kleinste Detail durchorganisiertes Spektakel, das sicher sämtliche Liebesschmonzetten-Regisseure in Hollywood vor Neid hätte erblassen lassen. Colleen in einem grünen Kleid mit tiefem Rückenausschnitt, weiße Blüten und Muscheln im hochgesteckten schwarzen Haar und übersprühend vor guter Laune, hatte mit der Braut um die Wette gestrahlt und alle Blicke auf sich gezogen. Die Feier zog sich endlos hin, und Elias hatte sich nachts am Strand gefragt, ob es sehr blöd rüberkommen würde, wenn der Trauzeuge nun einen Abgang machen würde, als Colleen plötzlich neben ihm an der Bar stand. Mit dem Cocktailglas nach oben deutend hatte sie mit alkoholschwerer Zunge gefragt: »Jen meint, so ein Ring ist ein gutes Omen für das Brautpaar. Was meinst du?«
Elias, der insgeheim dieser Ehe maximal drei Jahre gab, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und in den Nachthimmel gestarrt. Er erinnerte sich heute noch an den faszinierenden Anblick. Um den cremefarbenen Vollmond hatten sich Wolken wie ein schmaler Reif geschoben, ein Schauspiel, das nur wenige Sekunden anhielt, bevor sie weiterzogen.
»Der Mond hat sich einen Wolkenlei umgehängt und als Saturn verkleidet, damit ihn niemand auf dem kitschigsten Hochzeitsevent des Jahres wiedererkennt.« Es war ihm einfach so herausgerutscht.
Colleen hatte so sehr gelacht, dass sie einen Teil ihres Cocktails verschüttete. »Du bist doch der Ingenieur, der irgendwas mit Weltraum studiert hat, so wie der Bräutigam?«
»Luft- und Raumfahrttechnik und Maschinenbau. Warum? Willst du eine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen?«
»Bloß nicht! Ich dachte nur immer, Ingenieure haben keinen Sinn für ihre Umgebung und noch weniger Humor, sind nüchterne, fantasielose Kopfmenschen.«
»Voll von Zahlen, technischen Zeichnungen und Prototypen?«
»Unbedingt!« Sie hatte ihr Glas ausgetrunken und auf dem Stehtisch abgestellt. Einen Augenblick lang war er von ihrem aufwendigen Tattoo abgelenkt gewesen, einer kunstvoll verzierten Spirale, die bei den Maori für Neubeginn, Harmonie und Selbstverwirklichung stand und die sich von ihrem Handrücken über den Unterarm wand. Dann hatte er sich in ihrem intensiven Blick verfangen. Ihre Augen waren dunkel wie Lavasteine.
Der Schrei eines Hawaii-Bussards riss Elias aus seinen Erinnerungen an seine Ex. Jene Nacht hatte sich wie ein einziger unbeschwerter Traum angefühlt. Er hatte sich nicht vorstellen können, was eine Wahnsinnsfrau wie sie ausgerechnet an ihm fand. Ihr mitreißendes Lachen, ihre Berührungen, der Duft ihrer Haut, wie sie sich später in seinen Armen bewegt, ihn in sich aufgenommen und seine Küsse leidenschaftlich erwidert hatte, waren wie ein Fieberrausch gewesen. Tagelang war er vollkommen neben der Spur gewesen, und kurz darauf waren sie zusammengezogen. Sie hatte mit ihrem unstillbaren Lebenshunger und ihrer Fröhlichkeit sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, und er hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen, dass sie doch unmöglich zusammenpassen konnten. Gegensätze zogen sich an, hatte er gedacht, und dass er der ruhige Pol in ihrem Leben sein würde. Derjenige, der sie erdete. Wie falsch er damit lag und dass Colleen etwas vor ihm verbarg, war ihm erst nach und nach klar geworden. Und selbst nachdem er es erkannt hatte, hatte er noch sehr lange gebraucht, bis er es endlich geschafft hatte, sich von ihr zu lösen.
Der Kaffee schmeckte plötzlich bitter. Elias stieß sich abrupt vom Geländer ab und ging zurück in die Küche, wo er sich am Herd French Toasts machte.
Eine Dreiviertelstunde später saß er im Jeep und fuhr über die langen Serpentinen des Haleakalā-Highways zu seinem Arbeitsplatz auf rund dreitausend Metern Höhe. Um diese Uhrzeit war die Straße wieder frei, alle, die sich den Sternenhimmel oder den Sonnenaufgang über dem Vulkankrater hatten ansehen wollen, waren bereits zwischen drei und sieben Uhr hinaufgefahren und hatten die Eintrittskarte zum Visitor Center Monate vorausgebucht. Entsprechend groß war jetzt der Gegenverkehr. Doch ihn winkte man durch, bevor er noch seinen Dienstausweis aus der Sonnenblende ziehen musste. Je höher Elias kam, desto mehr veränderte sich die Landschaft. Er schien direkt auf die Wolkendecke zuzusteuern, und von dem üppigen Grün des Regenwalds war nicht mehr viel zu sehen, scharf zeichnete sich in warmen Rot-, Gelb- und Brauntönen eine karge, marsartige Wüstenlandschaft mit bizarren Felsen vor ihm ab. Er sollte sich nach all der Zeit an diesen Anblick gewöhnt haben, aber Elias beeindruckte das Haus der Sonne, wie die Einheimischen den Krater nannten, immer noch, und er ging hier oft wandern. Es war ein interessanter Kontrast zu der Regenwaldgegend seines Elternhauses. Er lächelte, als er daran dachte, wie er als Kind bei den Wasserfällen den Regenbogen einzufangen versucht hatte. Als hätte die Erinnerung an die Kindheit sie heraufbeschworen, klingelte sein Handy und auf dem Autodisplay erschien der Name seiner Mutter. Elias hob die Augenbrauen. Gewöhnlich rief sie ihn am Wochenende oder abends an, nicht vor der Arbeit. Er aktivierte die Freisprechanlage.
»Hi, Mom. Was ist passiert?«
»Guten Morgen! Warum? Bin ich etwa schon so klapprig, dass du befürchten musst, ich würde mit einem Rollator über die Klippen stürzen?«
Elias lachte und fühlte sich gleichzeitig ertappt. Seine Mutter lebte nach dem plötzlichen Herzinfarkttod seines Vaters vor drei Jahren allein, war Mitte sechzig, viel beschäftigt und sportlich fitter als so manche Vierzigjährige, aber genau das bereitete ihm Angst. Dad war immer der vernünftige, ausgleichende Part in der Familie gewesen. Becky Walsh dagegen hatte in ihrem Leben mehr waghalsige, spontane Entscheidungen getroffen als vermutlich der gesamte Jahrgang ihrer damaligen High School zusammen. In seiner Kindheit hatte er ihre verrückten Ideen geliebt. Statt Tupperpartys und Nachbarschafts-BBQs hatte es bei ihr Klettertouren, Kajakfahrten oder kleine Tauchexkursionen gegeben. An seiner oder Janes Geburtstagsfeier hatte Mom mit brennenden Teebeutelraketen, Cola-Fontänen mit Mentos und brodelnden Backpulver-Vulkanen für Aufregung gesorgt. Ihre unkonventionellen Experimente waren auch in der Hanā Elementary School, in der sie bis zu ihrer Pensionierung unterrichtet hatte, legendär gewesen.
»Du rufst mich doch nie vor der Arbeit an«, erklärte er und klappte die Blende herunter, weil ihn in der Kurve die Sonne in die Augen stach.
»Ich war heute schon früh auf.« Sie zögerte einen Moment, dann fuhr sie fort. »Elias, ich habe wieder von Judy geträumt.«
Ein Prickeln lief ihm über den Rücken.
»Das tut mir leid, Mom. Ich bin sicher, sie hätte nicht gewollt, dass du dich so lange Zeit mit ihrem Tod quälst.«
»Ja, ich weiß. Es ist auch schon eine halbe Ewigkeit her, dass ich so einen intensiven Traum von ihr hatte. Sie saß am Klavier und hat einfach wundervoll gespielt. Und dabei hat sie mich angesehen und mir zugelächelt. Sie … ich …« Ihre Stimme brach.
Er sagte nichts und wartete, bis sie sich wieder gesammelt hatte.
»Du fliegst doch nächste Woche nach Washington wegen der neuen Anhörung zum Bau des Thirty-Meter-Telescope.«
Dieser plötzliche Themenwechsel verwunderte ihn. »Ja. Und?«
»Ich würde dich gerne begleiten.«
Vor Überraschung kam Elias in der nächsten Kurve um ein Haar auf die Gegenspur. »Zur Anhörung? Was willst du denn da, Mom? Ich weiß gar nicht, ob die öffentlich ist und selbst wenn …«
»Doch nicht zur Anhörung!«, unterbrach sie ihn. »Arlington liegt ja praktisch nebenan, mit der U-Bahn brauche ich nicht mal eine Viertelstunde, und ich habe so ein Gefühl … ich würde einfach mal wieder gerne ihr Grab besuchen.«
Jetzt bekam er Gänsehaut. Elias seufzte und versuchte gar nicht erst, sie davon abzubringen. Er kannte seine Mutter gut genug. Was sie sich einmal in den Kopf setzte, konnte man ihr so gut wie nicht ausreden, schon gar nicht, wenn es um diese Geschichte ging.
»Okay, Mom. Ich werde nachher gleich mal schauen, ob ich noch einen Platz in der Maschine bekomme. Aber ich kann nicht garantieren, dass wir nebeneinandersitzen werden.«
»Ich bin schon ein großes Mädchen, Elias«, spottete sie.
Elias blickte hoch. Vor ihm erhob sich der Gipfel des Haleakalā und auf dem nahe gelegenen Plateau gruppierten sich weiße und silbern glänzende Kuppeln. Sie reihten sich wie Perlen in der roten Vulkanlandschaft und schienen auf den Wolken, die wie ein Wasserfall über den Abhang wallten, zu schweben. Der Himmel strahlte bereits azurblau. Elias liebte den Anblick seines Arbeitsplatzes. Science City wurde der Komplex von Observatorien mit verschiedenen Teleskopen und anderen astronomischen Instrumenten genannt. Er diente als Forschungsstation der Universität von Hawaii, aber auch zur Weltraumüberwachung durch die Air Force. Es erfüllte ihn mit Stolz, hier am Bau und der Entwicklung des weltweit größten Sonnenteleskops mitgewirkt zu haben.
»Gibst du mir Bescheid, ob das Buchen geklappt hat?«
Die Stimme seiner Mutter riss ihn aus dem imposanten Anblick. »Natürlich. Ich ruf dich gleich an.«
»Danke. Mach’s gut heute!«
»Du auch, und schieb bitte alle Gedanken an Judy und die anderen vorerst beiseite und heb sie dir für Arlington auf, versprochen?«
»Ich versuch’s.«
Elias bog auf den Parkplatz, schaltete den Motor ab und atmete erst einmal durch. Sechsunddreißig Jahre war das jetzt her, aber so etwas vergisst man wohl sein Leben lang nicht. Wäre Judys Kollegin Christa an jenem eiskalten Januartag 1986 krank gewesen, hätten Elias und seine Schwester Jane niemals das Licht der Welt erblickt. Denn Mom wäre dann für sie eingesprungen und zusammen mit Judy gestorben.