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München, Juli 2022

Rufbereitschaft? Aber du frühstückst dann wenigstens bei uns!«

Emma verdrehte die Augen und wünschte sich, bereits im Flugzeug auf dem Weg nach Washington zu sitzen.

»Mama, du weißt doch, ich …«

»Dann kannst du auch ausschlafen.« Ihre Mutter klang erwartungsgemäß enttäuscht, als Emma ihr von ihren Überstunden erzählte und dass sie heute nicht wie geplant zum Abendessen erscheinen würde. »Dabei habe ich extra deine Lieblingspizza gemacht! Du hättest mir von diesem Sondereinsatz wirklich früher erzählen können.«

Manchmal hatte sie das Gefühl, ihre Mutter hörte ihr gar nicht richtig zu. Emma verzichtete auf nochmalige Erklärungen. »Die kannst du mir doch auch morgen Abend noch warmmachen«, erwiderte sie stattdessen versöhnlich.

Ihre Mutter schnaubte. »Ich mach dir lieber eine frische. Emma, es ist ja schön, wie du dich für deine Kollegin einsetzt, aber pass auf, dass du nicht ausgenutzt wirst. Menschen wie dir passiert so etwas häufig.«

Menschen wie dir. Sie zählte innerlich bis zehn und schaffte es, die Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag, hinunterzuschlucken. Genau diese Mischung aus Vorwürfen und Fürsorglichkeit machte sie wahnsinnig. Langsam war es dann auch mal gut.

»Wir haben auch eine kleine Überraschung«, erwiderte ihre Mutter geheimnisvoll.

 

Als der Wecker um sieben klingelte, plagten Emma starke Kopfschmerzen. Sie nahm ein Ibuprofen, duschte, verzichtete auf Make-up, schlüpfte in Jeans und T-Shirt und band sich die langen dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz, dann fuhr sie los.

Das kleine Stadthaus in der Nähe des Nymphenburger Schlosses in München, in dem ihre Eltern jahrzehntelang gewohnt und das sie von den Großeltern geerbt hatten, hatten sie vor zwei Monaten verkauft. Sie waren aufs Land in die Nähe des Starnberger Sees gezogen. Von den Arbeitern der Umzugsfirma waren die Möbel bereits aufgestellt und die nach Zimmern beschrifteten Kartons verteilt worden, aber Emma hatte versprochen, beim Auspacken und Einräumen in die Schränke zu helfen. Kaum war sie in dem neuen Zuhause ihrer Eltern angekommen, überfiel sie die Überraschung, von der ihre Mutter gesprochen hatte, schon im Eingangsbereich, und Emma stieß einen entzückten Schrei aus.

»Mama! Oh, mein Gott, ist das eurer?«, rief sie und ging in die Hocke, um einen um sie herumwuselnden und an ihren Händen knabbernden Hundewelpen zu streicheln. Er hatte dicke weiße Pfoten und einen kugelrunden rosa Welpenbauch. Das Rückenfell war schwarz, die kurzen Beinchen braun. Auch in seinem runden Gesicht fanden sich die drei Fellfarben wieder, ein weißer Streif zog sich von der dunklen Nase bis zur Stirn, und über den Augen lagen hellbraune Brauen, die in seiner Aufregung ständig in Bewegung waren. Emma schmolz dahin, kniete sich auf die rustikalen Fliesen und nahm den zappelnden Kerl auf den Schoß. Sein Fell war unglaublich weich, wie der Flaum von Küken.

»Das kannst du laut sagen. Wie heißt er denn? Oder ist es eine sie?«

»Ein Bernersennen-Mädel, und du darfst ihr einen Namen geben. Wir haben sie gestern von unserer Nachbarin bekommen. Der erste Wurf von Petras Hündin.«

Na, so was! Und als sie früher einen Hund haben wollte, hatte es geheißen, die würden nur Dreck und Arbeit machen, und man könne nicht mehr in den Urlaub fahren. Emma schluckte ihren aufkeimenden Ärger hinunter, sah auf und lächelte ihren Vater an, der gerade zu ihnen trat.

»Hallo, Papa!« Sie ließ das Fellknäuel los und stand auf. Ein durchdringendes Piepen ertönte plötzlich aus dem Hausinneren.

»Der Eierkocher!« Hastig schob sich ihre Mutter an ihr vorbei und verschwand hinter einer Tür.

»Das war der Deal, den ich eingehen musste. Wenn wir schon aufs Land ziehen, will ich auch einen Hund, hat deine Mutter gesagt. Jetzt habe ich die Bescherung.« Er verdrehte die Augen, aber seine Mundwinkel zuckten belustigt.

»Und was macht ihr, wenn ihr in den Urlaub fahren wollt?«, konnte sich Emma nicht verkneifen.

»Na, da haben wir natürlich sofort an dich gedacht«, erklärte er. »Du wolltest doch immer einen Hund.«

»Was?« Meinte er das ernst? Sie dachte an ihre kleine Wohnung und daran, was Michael dazu sagen würde, wenn er wieder nach München zurückkam. Der ergriff doch schon vor winzigen Katzen auf der Straße die Flucht, weil er Angst hatte, sie könnten seine Anzughose vollhaaren, sobald sie an ihm vorüberstreifen. Was würde er erst zu dieser Sabberschnauze sagen?

Ihr Vater verzog keine Miene und ergänzte: »Du kannst dann auch hier wohnen.«

»Sicher hat deine Chefin nichts dagegen, wenn du sie mitnimmst. Vielleicht suchen sie schon händeringend einen Hund, mit dem sie ihre KIs für anspruchsvolle Aufgaben wie Gassigehen und Hundekoteinsammeln programmieren können. Überleg doch mal, was das für ein Millionenmarkt wäre.«

In Emmas Kopf erschien ein humanoider Roboter, der von einem davonstürmenden Bernersennenhund an der Leine hinter sich her gezerrt und gegen einen Baum schlagend in seine Einzelteile gesprengt wurde. Marc würde ausflippen, wenn seinen KI-Babys was geschah. Bevor sie noch etwas erwidern konnte, knuffte ihre Mutter, die gerade aus der Küche zurückgekehrt war, ihn in die Seite. »Lass dich nicht wieder von ihm aufziehen! Wir verreisen entweder mit dem Bärchen oder geben sie zu Petra. Sie hat uns zugesichert, sie jederzeit in Pflege zu nehmen, wenn wir wegfahren.«

»Und was ist deine Überraschung? Hoffentlich nicht auch was Vierbeiniges«, entgegnete er.

»Das verrate ich euch beim Frühstück. Jetzt brauche ich erst mal einen Kaffee!«

 

Eine halbe Stunde später saßen sie in der gemütlichen Wohnküche aus hellem Ahornholz. An den Fenstern hingen noch keine Gardinen, aber auf den Fensterbänken standen bereits Mamas bunte Keramiktöpfe aus Spanien mit frischen Kräutern und auf dem Tisch eine Vase mit Pfingstrosen aus dem Garten. Emma hatte sie vor einer halben Ewigkeit mit Glasmalfarben dunkelblau mit gelben Sternen bemalt und ihr zum Muttertag geschenkt. Seither hütete ihre Mutter sie wie einen Schatz. Es waren diese Kleinigkeiten, die den Raum wohnlich machten

»Also, was ich euch sagen möchte, steht noch nicht hundertprozentig fest.« Sie sah in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Eltern. Ihre Mutter strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie hatte dieselben dunkelblonden Haare mit störrischer Naturwelle wie sie, aber ihre Mutter trug einen Bob, während Emmas Haar fast bis zur Taille reichte. Schon vor einer Weile hatte sie es schneiden lassen wollen, aber Michael war strikt dagegen gewesen.

»Kurze Haare stehen dir doch gar nicht«, hatte er behauptet. »Außerdem gefällst du mir mit langer Mähne viel besser.«

Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sich je eingemischt hatte, wenn ihre Mutter mit neuer Frisur nach Hause kam. Emma sah ihren Vater an. Ganz schön viel Grau hatte sich mittlerweile in sein schwarzes Haar gemischt. Seltsam, als Kind kamen einem die eigenen Eltern wie eine unveränderliche Konstante vor. Jetzt war es befremdend, sie langsam altern zu sehen.

Ihr Vater fasste ihren Blick offenbar falsch auf und verzog die Miene.

»Du willst dauerhaft nach Washington zu Michael ziehen?«, mutmaßte er, und obwohl er sich bemühte, neutral zu klingen, schwang ein bedauernder Unterton in seiner Stimme mit.

»Nein, nein, das ist es nicht. Aber wenn alles klappt und ich sehr viel Glück habe, könnte es sein, dass ich bei einer der nächsten Mondlandungen dabei bin.«

In die Stille hinein war nur das Ticken der Küchenuhr und das Zwitschern der Vögel im Garten zu hören. Ihre Mutter hatte den Mund geöffnet, aber brachte keinen Ton heraus.

»Sag das noch mal!« Die Miene ihres Vaters wechselte von Unglauben zu Begeisterung.

»Du nimmst uns auf den Arm, oder? Mein Sternchen wird wahrhaftig zu den Sternen fliegen!« Jetzt lachte er, klatschte in die Hände.

Ein warmes Glücksgefühl breitete sich in ihr aus. »Na ja, noch ist es nicht spruchreif. Und selbst wenn mich die Europäische Weltraumorganisation in ihr Astronautenprogramm aufnimmt, gibt es viele Astronauten und Bewerber für die Raumfahrtstarts. Nicht jeder schafft es, tatsächlich auf die internationale Weltraumstation, auf den Mond oder vielleicht sogar zum Mars zu fliegen.«

»Aber … wieso … und wie …?«, krächzte ihre Mutter fassungslos und umklammerte haltsuchend ihre Tasse.

»Vergangenes Jahr hat die ESA in einer Presseerklärung bekannt gegeben, dass sie vier bis sechs neue Berufsastronauten sucht. Das war für mich eine einmalige Chance. Bis zur nächsten Auswahl können zehn bis zwanzig Jahre vergehen.«

»Und da hast du dich einfach beworben und uns gar nichts gesagt? Oder wusste Michael Bescheid?«

Bevor Emma ihrer Mutter antworten konnte, mischte sich ihr Vater ein. »Jetzt lass sie doch erzählen, Moni, und komm ihr nicht gleich wieder mit Vorwürfen!«

Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Ich finde nur …«, in einer hilflosen Geste hob sie die Hände und ließ sie zurück in ihren Schoß fallen. »Das kommt so überraschend. Musst du denn nicht … keine Ahnung … Astrophysikerin sein, um Astronautin zu werden?«

Emma schüttelte den Kopf. »Nein. Und um deine Frage zu beantworten: Michael weiß auch noch nichts. Ich wollte erst einmal warten, ob ich nicht gleich in der Vorauswahl rausfliege, bevor ich euch alle in Aufregung versetze. Es haben sich nämlich europaweit mehr als zweiundzwanzigtausend Menschen beworben.«

»Ach, eigentlich nichts Besonders. Bewerbungsbogen, Motivationsschreiben, Berufserfahrung als Naturwissenschaftler, gute Sprachkenntnisse und … na ja … man muss natürlich fit und gesund sein.«

»Ich dachte immer, Astronauten wären Leistungssportler«, warf er ein.

»Nein, dann würden sie mich sogar ausschließen. Zu viel Muskelmasse, insbesondere ein zu großer Herzmuskel, führen im Weltraum zu Problemen wegen der Schwerelosigkeit.«

»Aber zu einem Flugmediziner musstest du schon«, vermutete er.

»Klar, aber das war alles kein Problem«, wiegelte Emma mit einem besorgten Seitenblick auf ihre Mutter ab.

»Und dann haben sie dich einfach so angenommen?«, fragte diese. Sie schien ihr Frühstück vollkommen vergessen zu haben und streichelte jetzt hektisch den Hund, der sich neben sie gesetzt hatte und vergeblich um mehr Aufmerksamkeit oder ein Häppchen vom Tisch bettelte.

»Im November habe ich erfahren, dass ich zu den sechs Prozent Bewerbern gehöre, die es tatsächlich in die zweite Phase geschafft haben.«

»Das hättest du uns an Weihnachten aber wirklich erzählen können!«

»Moni, bitte!«, stöhnte Emmas Vater.

»Ist doch wahr, Christian! Ich verstehe einfach nicht, warum sie laufend ein Geheimnis aus allem macht. Als ob wir sie nicht immer unterstützen würden. Mit ihrer Entscheidung, Geowissenschaften zu studieren, statt aufs Konservatorium zu gehen, war das damals auch so eine Geheimniskrämerei bis zum allerletzten Moment.«

Emma seufzte innerlich. Das würde sie ihr vermutlich bis an

»Wie viele Phasen sind es denn? Hast du alle schon durchlaufen?«

»So gut wie. Dass ich auch die vierte Phase mit den psychologischen und psychometrischen Tests geschafft habe, habe ich erst gestern Abend erfahren. Jetzt stehen nur noch die Interviewrunden an. Bis dahin möchte ich euch bitten, niemandem davon zu erzählen.« Letzteres hatte sie demonstrativ in Richtung ihrer Mutter verkündet.

Die sah ein wenig bleich um die Nase aus, legte die Hand auf ihre und drückte sie. »Ich freu mich für dich! Wirklich! Aber ein bisschen mulmig ist mir bei dem Gedanken schon, dass du in den Weltraum fliegst. Ist schließlich kein ungefährlicher Job.«

»Ich weiß, Mama. Aber es gibt einen Haufen Sicherheitsvorkehrungen und strenge Protokolle, und die Technik ist inzwischen schon viel weiter als in den Anfangsjahren der Raumfahrt.«

»Was sind denn psychometrische Tests?«, wollte ihr Vater wissen.

»Verstehe. Auf so engem Raum wie einem Raumschiff oder der Raumstation ISS muss man natürlich miteinander auskommen können.« Ihr Vater stand auf und legte ihr feierlich die Hand auf die Schulter. »Ich hol jetzt mal einen Sekt.«

»Ach, Papa, dafür ist es doch zu früh! Wie gesagt, wenn ich aus den USA zurückkomme, stehen mir noch zwei Interviewrunden bevor. Genaue Zahlen kenne ich nicht, aber schätzungsweise sind wir jetzt an die fünfzig übrig gebliebene Bewerber. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für einen anderen entscheiden, ist immer noch hoch.«

»Sternchen, du bist von über zweiundzwanzigtausend unter die ersten fünfzig gekommen! Egal wie es im Herbst ausgeht – das allein ist schon ein Grund zum Feiern.«

 

Ein wenig beschwipst stand Emma eine Stunde später mit ihrer Mutter im Wohnzimmer und räumte die Bücher aus den Umzugskartons in die Regale. In die Schränke kamen Fotoalben, kleine Boxen mit Andenken und Fotos, die noch nicht in Alben geklebt worden waren. Artemis, Emma hatte die Hündin nach der griechischen Göttin der Jagd und des Mondes benannt, passend zu dem neuen Mondprogramm der NASA, lag zwischen ihnen auf ihrer Hundedecke und knabberte an einem Kauknochen.

»Magst du das nicht lieber vorher ausmisten?«, fragte Emma skeptisch und nahm sich den Umzugskarton vor, in dem sich eine Mappe mit krakeligen Kinderzeichnungen, aller möglicher Andenken-Krimskrams und alte VHS-Kassetten befanden. Warum hob ihre Mutter so was auf?

»Das kann ich später immer noch machen. Wirf bitte nichts weg, ich hänge an all den Sachen! Und jetzt habe ich auch gar

Emmas Mundwinkel zuckten. Sie klappte die Mappe auf und starrte auf ein von ihr gemaltes Bild aus der Kindergartenzeit.

»Hinterher wirst du das alles bestimmt nicht mehr anrühren. Sag mal, habt ihr überhaupt noch einen Recorder, um diese alten Kassetten und die hier«, sie hob kopfschüttelnd eine Blechbox mit einer Filmrolle hoch und verdrehte die Augen, »abzuspielen? Was ist denn auf dem Old-Tech Wichtiges drauf, dass ihr es nicht endlich entsorgt?«

»Wir besitzen einen VHS-Recorder. Und auf der Super-8-Rolle ist unsere Hochzeitsfeier. Die hebe ich aus nostalgischen Gründen auf. Wir haben sie inzwischen digitalisieren lassen.«

»Ehrlich? Kann ich sie mir mal anschauen?« Sie deutete auf ein Hochzeitsfoto ihrer Eltern im Regal. »Dein Kleid war so was von Seventies mit der Blümchenspitze und den ausgestellten Ärmeln!«

»Gibt weitaus verrücktere Klamotten, die wir in der Zeit getragen haben.«

»Oh, ja, ich erinnere mich noch gut an das giftgrüne geometrisch gemusterte Minikleid, das du mir zur Schulfaschingsparty ausgeliehen hast.« Emma legte kichernd die Dose mit der Filmrolle beiseite und griff beschwingt nach einer cremefarbenen Schachtel, die mit handbemalten Blümchen verziert war. Als sie sie öffnete, blickte sie auf ein Bündel alter Briefe und vergilbter Schwarz-Weiß-Fotos. In schöner, schnörkeliger Handschrift stand eine Marie Rosenfeld in New York als Absender auf mehreren Umschlägen.

»Sag mal, haben wir Verwandte in den USA?«, fragte sie verwundert.

»Nicht dass ich wüsste.« Ihre Mutter blickte ihr jetzt über die Schulter. »Den Namen hab ich noch nie gehört. Da müsstest du Omi Viktória mal fragen. Das ganze Zeug stammt von den

»Omi Viktória ist aber mit dir schon früher geflüchtet, oder?«

»In den Sechzigern. Damals war ich neun Jahre alt. Eine abenteuerliche Sache, im Schneetreiben mit dem Schlauchboot über die Donau, mit dem klapprigen Auto eines Fluchthelfers weiter gen Westen und später zu Fuß über die Berge, ständig in der Angst, Grenzsoldaten könnten auf uns schießen.«

Emma sah erschrocken auf. »Davon hast du mir noch nie erzählt.«

Ihre Mutter seufzte. »Weil ich mich selbst kaum an die Flucht erinnere. Vermutlich habe ich als Kind hinterher alles verdrängt. Geblieben sind nur ein paar verschwommene Bilder in meinem Kopf. Frag Omi Viktória, die kann dir bestimmt mehr darüber sagen.« Sie deutete auf den Brief. »Der hier ist an deine Urgroßmutter adressiert. Susanna Keller in Temesvár. Das war Viktórias Schwiegermutter.«

»Dort bist du auch zur Welt gekommen, nicht wahr?« Emma erinnerte sich, den Ortsnamen auf dem Personalausweis ihrer Mutter gesehen zu haben. Allerdings in anderer Schreibweise: Temeswar.

Bisher hatte sie sich nie großartig für die Vergangenheit ihrer Familie interessiert. Dabei hörte sich die Sache mit der Flucht schon spannend an. Ein anderer Umschlag erregte ihre Aufmerksamkeit. Diesmal war der Absender ihre Urgroßmutter Susanna, aber die Briefmarke darauf war scheinbar nie abgestempelt worden. »Was bedeutet denn magyar kir?« Sie deutete auf die Marke.

»Magyar Kiraly, königlich-ungarisch. Temesvár gehörte damals nicht zu Rumänien, sondern zum Königreich Ungarn der k.u.k. Monarchie, daher auch die ungarische Schreibweise.

»Kannst du denn noch gut Ungarisch?«

Emma erinnerte sich, dass ihre Mutter manchmal mit Omi Viktória ein paar Sätze auf Ungarisch gewechselt hatte. Meistens hatte sie sich als Kind darüber geärgert, es war, als tauschten sie untereinander etwas aus, das Emma nicht hören sollte. Sie hatte sich ausgeschlossen gefühlt, und besonders freundlich hatten Mutter und Großmutter in jenen Momenten auch nicht geklungen.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Ein paar Brocken. Daheim haben wir doch immer nur Deutsch gesprochen. Aber zu der Zeit, als deine Urgroßmutter gelebt hat, waren Deutsch und Ungarisch die meistgesprochenen Sprachen in Temeswar. Die Stadt hat zum Banat gehört, einer Gegend, in der damals viele Deutsche gelebt haben.«

Emma hatte nie so recht begriffen, warum ihre Mutter die Großmutter nie Mama, sondern sie immer nur bei ihrem Namen oder in ihrem Beisein Omi Viktória nannte. Als sie sie einmal darauf angesprochen hatte, meinte sie nur, das hätte sich eben so ergeben. Aber Emma vermutete, dass ihre Mutter ihr etwas verschwieg, und die Beziehung der beiden war, solange sie sich zurückerinnern konnte, angespannt gewesen.

Sie lugte in den Briefumschlag, aber es steckte kein Schreiben darin, nur ein Foto von zwei Mädchen. Ihr Alter war schwer einzuschätzen, weil sie furchtbar ernst in die Kamera blickten. Sie schätzte sie auf sieben Jahre. Beide trugen ein Kleid mit weitem Rock, das knapp über den Knien endete. Lederstiefel, die ihnen über die Knöchel reichten, waren über den dunklen Wollstrumpfhosen geschnürt. Die bauschigen Ärmel der Kleider mündeten in engen Bündchen mit Streifen, und auf ihren schmalen Schultern wand sich ein breiter gestreifter Kragen, der vorne in einer Schleife endete, was der Kleidung etwas

»Die zwei sehen aus, als ob sie gerade was aushecken!« Sie lächelte und drehte das Foto um. 1904 stand darauf und li. Susanna, re. Marie. Ein Stempel des Fotografen wies ihn als B. Rosenfeld, Hofphotograph und Hofmaler, Temesvár aus.

»Was habt ihr denn da Schönes?« Ihr Vater lehnte mit einer Tasse Kaffee im Türrahmen.

»Nur alte Fotos und Briefe von meiner Mutter aus dem Banat.« Sie nahm Emma das Bild aus der Hand, legte es zu den anderen und verschloss die Schachtel wieder. »Lass uns weitermachen. Wenn du aus den USA zurückkommst, bringst du das am besten Omi Viktória vorbei und kannst ihr bei der Gelegenheit auch von deinen neuen beruflichen Plänen erzählen.«

Irgendwie wurde Emma das Gefühl nicht los, ihre Mutter hatte ihr absichtlich den Umzugskarton mit der Andenkenschachtel untergejubelt, damit ihr die Aufgabe zufiel, sie