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Temeswar, 1904

Herts, ihr Zwa, wann da nit gleich aane Ruh ist wia am Gottesacker, dann kannts ihr was erlebn, was nit aamol der Herrgott zu Christi Himmelfahrt erlebt, wenn er die Erdn verlasst und fir imma in die Wolkn steigt«, rief Frieda ungehalten und stemmte die Hände in die breiten Hüften.

Ihre Schürze war mehlbestäubt, die Wangen gerötet, und ihre hellblauen Augen blitzten aufgebracht. Sie musste ihnen aus der Küche in den Salon hinterhergerannt sein, denn sie keuchte und ein paar Haare hatten sich aus ihrer Haube gelöst. Gut, dass Marie die Frieda schon so lange kannte wie ihre liebste Susanna, sonst hätte sie sich bestimmt erschrocken. Nun schielte sie zu der Freundin hinüber, die ihrer Köchin ein zuckersüßes Lächeln schenkte und erwiderte:

»Ach, liebe Frieda, wir haben uns doch nur ein wenig die Zeit vertrieben, bis Maries Vater endlich die Fotografie von uns macht.«

Aber so leicht ließ sich die Köchin nicht besänftigen. Während sie sich vor Susanna aufbaute, versuchte Marie hastig, die süßen Mehlspeisen, die sie aus der Küche stibitzt hatten und die sie am Rücken versteckt hielt, auf dem runden Tischchen neben sich abzulegen. Von dort schob sie das Gebäck hinter die Vase mit den weißen Hortensien aus Friedas Sichtfeld. Der mit Teppichen ausgelegte Eichendielenboden knarrte unter ihren blank polierten Lederstiefeln, als sie wieder einen Schritt zur

»Auch ein Beregszászy wird Giselas mangelndes Talent nicht ausbügeln können. Ich fürchte, aus ihr wird nie die berühmte Pianistin werden, die Conrad gerne in ihr sehen möchte.«

»Natürlich nicht. Schade nur um das schöne Instrument. Wenn ich den neuen Auftrag für das Porträt von Graf Pálffys Sohn bekomme, würde ich gerne auch für Marie ein solches Pianoforte anschaffen. Stell dir vor, der Graf möchte eine Miniatur im alten Stil haben, Aquarell oder Öl auf Elfenbein. Eigentlich ist so etwas längst aus der Mode gekommen. Aber bitte, wenn er es unbedingt so haben will.«

»Ich finde, unser altes Pianoforte erfüllt seinen Zweck für Maries Übungen vollkommen, kein Grund, unnötig so viel Geld auszugeben, nur weil Conrad das tut«, hatte ihre Mutter kopfschüttelnd erwidert und sich über ihr Buch gebeugt.

»Meine Liebe, die Bildung unserer Tochter ist mir jeden Fillér wert!«, hatte ihr Vater geschnaubt. »Das hat mit Conrad nichts zu tun!«

Marie wusste nicht, ob es daran lag, dass ihr Vater den Malauftrag nicht erhalten oder ob er das Geld doch für andere Anschaffungen verwendet hatte. Es war ihr jedenfalls ganz recht, dass sie dieses Jahr kein neues Pianoforte bekommen hatte. Die ewigen Tonleiterübungen und der strenge Hausunterricht bereiteten ihr ohnehin keine Freude, und Susanna hatte ihr verraten, dass auf dem Instrument ihrer Schwester verpatzte Töne grausam laut durchs ganze Haus hallten.

»Bis in Friedas Küche hinunter hört man es, wenn ich mal danebengreife«, hatte sie gejammert. »Und der Herr Studienrat macht dann immer ein Gesicht wie bei einer Zahnextraktion.«

Maries Herz schlug seit einigen Monaten für die Fotografie. Im Frühjahr hatte der Vater ihr das erste Mal erlaubt, ihm in der Dunkelkammer auszuhelfen, auch wenn die Mutter das nicht gerne sah, weil sie befürchtete, die Chemikalien könnten ihrer Lunge schaden oder würden Flecken auf ihren Kleidern hinterlassen. Deshalb trug sie immer eine Schürze, sobald sie den

 

»Ja, schämts ihr eich nit?« Friedas laute Stimme holte sie wieder in die Gegenwart zurück. »Tanzts in der Kuchl rum in dene scheene Kleida wia der Leichentoni mit der Holzhackafanni ihra Tochter! Wann die Paradeissuppn auf eich gspritzt wär, wärs heit vorbei gwen mit da Fotografiererei. Na, morgn, wann die Schul anfangt, werdns eich die Flausn scho no austreibn. Scheene Damen seids!«

»Uns ist doch gar kein Malheur passiert!«, versuchte Susanna sie zu beschwichtigen. Aber Frieda war mit dem Schimpfen längst nicht fertig, sie kam gerade erst in Fahrt. Auf den Fotografie-Apparat deutend, der mit seinem Balgen wie ein Akkordeon aus dem Lederkoffer gezogen wurde und nun auf einem Holzstativ in der Mitte des Raumes thronte, rief sie: »Kannts froh sein, dass der bei eirem wuiden Galopp nit zu Schaden kemma is. So aana kost bestimmt a Schippl Geld.«

»Was haben unsere Mädel denn diesmal wieder ausgeheckt, Frieda? Sehen sie nicht wie zwei kleine Engel aus?«

Wie zur Bekräftigung stellte sich Susanna brav neben Marie und lächelte treuherzig.

»Wer ist denn der Leichentoni?«, wisperte Marie ihr ins Ohr, der Friedas Bemerkung noch im Kopf herumspukte. Etwa ein Gespenst? Sie schauderte, wenn sie an die gruseligen Geschichten dachte, die die Großmutter ihr manchmal aus dem Schtetl erzählte. Und dennoch bat sie vor dem Schlafengehen immer wieder die Oma aufs Neue: Nor nokh eyn geshikhte, Bubbe, bite!

Susanna, die ihre Gedanken offenbar erriet, kicherte. »Doch keine echte Leiche, sie meint nur den Toni Gruber«, raunte sie zurück. »Der spielt bei den Beerdigungen in dem Dorf, wo die Frieda herkommt, immer die Geige am Grab. Deshalb nennen alle ihn den Leichentoni.«

»Freilich, gnädiger Herr«, seufzte die Köchin in diesem Augenblick und warf ihnen einen strengen Seitenblick zu.

Während Maries Vater die Vorhänge aufzog, damit mehr Tageslicht in den Raum fiel, drückte Susanna ihre Hand. »Frieda, hier riecht es gerade irgendwie verbrannt, gelt?«, sagte sie laut und schnupperte.

»Jessas, die Angelakipferl!« Friedas Augen weiteten sich vor Schreck, sie machte einen unbeholfenen Knicks in Richtung Susannas Vater und versuchte gleichzeitig, sich zur Tür zu drehen, was natürlich misslang und sie fast das Gleichgewicht verlieren ließ. Marie musste die Lippen zusammenpressen, um nicht laut loszuprusten. Unerwartet behände verschwand Frieda unter einem hastig gemurmelten Gruß durch die Tür. Kurz darauf hörte man sie die Stufen zur Küche hinunterpoltern.

Maries Vater kam auf die Mädchen zu und stellte die beiden nach frischem Lederfett riechenden Tornister neben sie. Marie schluckte. Ein wenig aufgeregt war sie natürlich schon, wie morgen der erste Schultag verlaufen würde. Doch der Vater musterte sie und ihre Freundin wohlwollend.

»Wunderbar, bleibt genau so stehen und legt die Köpfe aneinander, das gibt ein entzückendes Bild für euren großen Tag.« Sein Blick fiel auf den Tisch, und er zwinkerte ihnen zu, als er die Kuchenstücke entdeckte. »Kein Wunder, dass die Frieda so narrisch ist. Deine Mutter wird aber wenig begeistert sein, wenn du vor dem Mittagessen Süßes naschst, wo sie sich doch heute ganz besonders viel Mühe gibt.«

Marie verzog den Mund. Es gab Gefilte Fisch mit Latkes nach einem alten Rezept ihrer Oma Edith. Sie mochte die Fischhackklöße nicht und hoffte, dass ihre Mutter ihr mehr von den Latkes, den kleinen, golden gebratenen Kartoffelpuffern, auf den Teller geben würde. »Ach bitte, Vati! Die sind einfach so lecker. Niemand kann so gute Mehlspeisen wie die Frieda backen.«

»Hört, hört!«, lachte Conrad Keller. »Da haben wir wohl Glück mit unserer Köchin.«

Benjamin Rosenfeld beugte sich über Marie, zupfte ihr liebevoll den Zopf vom Rücken und drapierte ihn neben der Schleife ihres Matrosenkragens. Dann wandte er sich zu Susanna und rückte ihre weiße Haarschleife am Hinterkopf zurecht. Er trat einen Schritt zurück und begutachtete zufrieden sein Werk, bevor er zu dem Tischchen zurücktrat, die Vase verschob, sodass sie die Kuchenstücke vollständig verbarg, und anschließend die Blumen ein wenig anordnete.

»Also gut«, sagte er an seine Tochter gewandt. »Aber erzähl der Mama nichts davon. Und jetzt haltet bitte still und macht ein feierliches Gesicht, wie es sich für zwei junge Fräulein gehört.«

Marie setzte die gewünschte ernste Miene auf, was ihr nicht ganz leichtfiel, da Susanna sie heimlich in die Seite stupste und gluckste. An einem anderen Tag hätte sie sich die Mehlspeisen einpacken lassen und nach dem Mittagessen verspeist. Aber zu ihrer bevorstehenden Einschulung waren Mamas Eltern aus Lemberg zu Besuch gekommen und würden bis Rosch Haschana bleiben. Es sollte nicht ihretwegen vorwurfsvolle Blicke geben, weil der Vati ihr erlaubte, nicht koschere Speisen zu verzehren.

»Und jetzt noch ein paar Einzelaufnahmen.« Die Stimme ihres Vaters riss Marie aus den Gedanken. Susanna trat zur Seite, und sie folgte seinen Anweisungen, nachdem er die Fotoplatte gewechselt hatte. Dann war ihre Freundin an der Reihe. Die beiden atmeten erleichtert auf, als sie endlich auf Susannas Zimmer gehen durften. Im Hinauseilen hörte sie, wie Onkel Conrad ihrem Vater von einem Schiffsunglück in New York erzählte.

 

»Was ist denn mit der Familie deines Onkels passiert?«, fragte Marie kurz darauf in Susannas Zimmer. Sie saßen auf dem Bett und knabberten an Friedas Kuchen.

Ihre Freundin verzog den Mund und legte das Gebäck beiseite. »Stell dir vor, über tausend Frauen und Kinder sind im Juni in New York ertrunken.«

»Nein! Wie furchtbar! Aber wieso denn nur Frauen und Kinder? Wo waren die Männer?«

»Die haben gearbeitet, weil es doch mitten unter der Woche war. Der Onkel Theo hat erzählt, dass die deutsche Gemeinde von New York einen Schaufelraddampfer gemietet hat, um zum Schuljahresende einen Ausflug zu machen. Sie wollten damit zu einem Erholungspark fahren, zum Picknicken und Spielen.«

Vor Aufregung hatte Marie das Kuchenstück in ihrer Hand ganz vergessen und zu fest zugedrückt. Jetzt wischte sie hastig die Krümel vom Kleid und legte es ebenfalls beiseite. »Und was ist dann geschehen?«

Susanna senkte dramatisch die Stimme. »Mitten auf dem Fluss ist plötzlich Feuer auf dem Schiff ausgebrochen.« Sie hob die Hände und unterstrich die folgenden Sätze mit ausholenden Gesten. »Es loderte und loderte immer stärker, und der Kapitän fuhr immer schneller, um das Ufer zu erreichen, aber dadurch wurde das Feuer vom Fahrtwind immer mehr entfacht und fiel wie ein menschenfressender Riese über den Dampfer her.«

Marie schauderte bei dem Bild, das sich vor ihren Augen auftat. Susanna hatte schon immer eine blühende Fantasie gehabt. Sie wünschte nur, sie würde nicht auch diese Begebenheit so

»Frauen und Kinder, sogar Säuglinge, mussten ins Wasser, wenn sie nicht bei lebendigem Leib verbrennen wollten. Und die meisten konnten überhaupt nicht schwimmen und ertranken elendig.«

»Aber …«, Marie schluckte schwer und fühlte, wie ihr das Herz wild in der Brust schlug, »aber bestimmt gab es doch Rettungsboote? Hat man ihnen denn vom Ufer aus nicht geholfen?«

»Onkel Theo sagt, die Boote hat man erst kurz vorher frisch angemalt und da sind sie dann mit der Farbe einfach am Dampfer festgeklebt gewesen.«

Marie schlug die Hände vor den Mund, doch Susanna fuhr aufgeregt mit den Armen fuchtelnd fort: »Und stell dir vor, der Kork in den Schwimmwesten zerbröselte wie der von Papas alten Weinflaschen.« Jetzt füllten sich auch ihre Augen mit Tränen. »Meine Tante und meine beiden Cousins sind tot an Land gespült worden.«

»Oh, Susanna, das tut mir ganz furchtbar leid!« Marie umarmte ihre Freundin. Minutenlang saßen sie stumm da und versuchten sich zu beruhigen. Durch das geöffnete Fenster hörte Marie die Vögel zwitschern und aus der Ferne dumpfe Stimmen, Lachen und Schritte auf dem Straßenpflaster. Der Klang von Pferdehufen kündigte eine Kutsche an, wurde lauter und verhallte wieder. Plötzlich trieb ein Windstoß das Fenster weit auf, und sie glaubte, den süßen Duft von Rosen zu riechen. Das Palais lag am Franz-Joseph-Park, in dem zur Weltausstellung und dem Besuch des Kaisers ein Rosengarten mit hunderten verschiedener Rosen angelegt worden war. Die meisten waren jetzt schon verwelkt, aber einige blühten ein zweites Mal bis in den Oktober hinein. Sie dachte daran, wie sie mit Susanna im Juli durch dieses Blütenmeer im Park spaziert war und sie den

»Weißt du, mein Großvater redet auch ständig davon, nach Amerika oder nach Palästina auszuwandern. Zum Glück will Vati momentan davon nichts wissen«, murmelte Marie. »Amerika muss ein ganz schreckliches Land sein. So etwas Furchtbares wäre hier doch niemals passiert!«

Susanna drückte sie fest an sich. »Nein, das hätte der Kaiser bestimmt nicht zugelassen. Marie, bitte versprich mir, dass du mich nie, nie verlassen wirst!«

»Niemals! Wir beide bleiben immer zusammen.«

»Genau! Wir suchen uns zwei hübsche junge Männer, heiraten am selben Tag und feiern gemeinsam die schönste Hochzeit, die Temeswar je gesehen hat.«

Marie kicherte bei der Vorstellung und löste sich von ihrer Freundin. Sie lächelten sich liebevoll an und hielten sich an den Händen. Vorbei war die gedrückte Stimmung, doch dann runzelte sie nachdenklich die Stirn. »Aber ich werde unter einer Chuppa heiraten.«

»Und ich vor dem Altar in der Temeswarer Notre-Dame-Kirche. Na und? Das macht doch gar nichts. Wir nehmen einfach die Elektrische und fahren erst zu deiner Trauung und anschließend zu meiner.«

»Susanna, das ist eine herrliche Idee! Wir werden auch bestimmt schrecklich viele Hochzeitsgäste haben, und die Straßenbahn fährt dann nur für unsere Gesellschaft allein. Das wird ein Spaß! Alle anderen müssen an den Haltestellen warten und werden lange Gesichter machen.«

»Und hinterher feiern wir in dem piekfeinen Hotel ›Trompeter‹.« Susannas Augen leuchteten, und Maries Wangen wurden heiß, als sie sich ausmalte, wie sie beide in ihren langen weißen Kleidern aussehen würden. Bestimmt so zauberhaft wie die Kaiserin Elisabeth bei ihrer Krönung zur ungarischen Königin.