Washington, Juli 2022
Emma legte ihren Rucksack in den Fußraum und gähnte, als das Flugzeug am späten Nachmittag landete. In ihrem Bauch machte sich ein Kribbeln breit, was sicherlich nicht nur von dem etwas holprigen Landeanflug auf den Dulles International Airport herrührte, sondern auch Zeichen ihrer Vorfreude war. Washington versprach endlich ein Wiedersehen mit Michael, drei Wochen romantischer Zweisamkeit und ein aufregender Roadtrip entlang der Ostküste winkten. Nichts hätte sie auf das vorbereiten können, was sie tatsächlich erwartete.
Über Lautsprecher gab der Pilot die aktuelle Zeit durch und verkündete warme 28 Grad Celsius und strahlenden Sonnenschein. Der Direktflug von München hätte ein Vermögen gekostet, daher hatte sie sich für eine längere Reisezeit und einen dreistündigen Zwischenstopp in Amsterdam entschieden. Als sie gegen sechs Uhr dann endlich alle Zoll- und Einreisekontrollen hinter sich gebracht hatte, mit dem Aero-Train zur Ankunftshalle gefahren war und ihren Koffer durch die Schiebetüren schob, fiel sie fast um vor Müdigkeit. Sie war froh, dass Michael sie abholen wollte und ihr die Dreiviertelstunde Fahrt mit der Bahn in die Stadt ersparte. Emma hatte vor der Reise schlecht geschlafen, war nun seit über siebzehn Stunden auf den Beinen und wünschte sich nichts mehr als eine heiße Dusche und einen gemütlichen Abend zu zweit bei einem Glas Rotwein. Über ein halbes Jahr hatte sie ihren Freund nicht gesehen.
Während ihr Blick über die Wartenden hinter der Absperrung glitt, begann ihr Herz unwillkürlich zu flattern und ihre Hände wurden feucht. Dann entdeckte sie ihn etwa zehn Meter von ihr entfernt, telefonierend und lässig an eine weiße Betonsäule gelehnt. Er hatte sich einen Drei-Tage-Bart wachsen lassen und trug die schwarzen Haare anders als gewohnt, seitlich kurz und das Deckhaar dafür umso länger. Es stand ihm gut, ließ ihn ein wenig wie den jungen Keanu Reeves aussehen und bildete einen rebellischen Kontrast zu dem strengen dunkelblauen Businessanzug, der an ihm saß wie maßgeschneidert. Gerade strich er sich eine ins Gesicht gefallene Haarsträhne aus der Stirn und wandte den Kopf in ihre Richtung. Sein Blick traf den ihren, und er lächelte. Emmas Knie wurden weich, und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Er sprach etwas in sein Smartphone und steckte es dann in die Tasche seines Sakkos, bevor er mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zu eilte. Seinem Outfit nach kam er direkt aus dem Office.
»Endlich!«, rief er zur Begrüßung und umarmte sie fest. »Ich habe schon gedacht, die lassen dich gar nicht mehr raus.«
Emma lehnte ihre Stirn an seine Schulter und genoss für ein paar Sekunden den herben Duft seines Aftershaves, seine Wärme und das Gefühl, von ihm gehalten zu werden.
»Ich hab dich vermisst«, murmelte sie und legte den Kopf in den Nacken. Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss, der viel zu kurz war, um als zärtlich oder gar leidenschaftlich durchzugehen. Ein wenig verwirrt sah sie seinen Lippen nach, während sie die Sehnsucht nach mehr auf den ihren schmeckte. Doch Michael hatte sich schon hinuntergebeugt und nach ihrem Koffer gegriffen.
»Wir müssen uns leider beeilen, Liebling, in der Rush Hour werden wir länger brauchen als sonst, und die anderen sollen nicht ewig auf uns warten. Alle freuen sich darauf, dich kennenzulernen.«
Emma blieb abrupt stehen und sah ihn an. »Alle? Wer sind denn alle?«, echote sie und beeilte sich, Michael wieder einzuholen, der losmarschiert war und gar nicht mitbekommen hatte, dass sie ihm nicht gefolgt war. Erneut hatte er sein Handy aus dem Sakko gezogen, und jetzt konnte sie hören, wie er etwas von Verspätung sagte und dass sie sich beeilen würden.
»Überraschung, mein Schatz! Meine Kollegen laden dich heute Abend zum Essen ins ›Rose’s Luxury‹ ein«, erklärte er, nachdem er das Gespräch beendet hatte, und strahlte sie an. »Die beste Küche hier in D.C. Aber man kann nicht vorneweg reservieren. Sie wechseln sich ab und stehen schon seit einer Stunde für uns in der Schlange. Und ich sag dir, die haben dort ein sensationelles Rib-Eye-Steak. Du wirst staunen. Auch die Nachspeisen sind der Wahnsinn.« Er zwinkerte ihr zu. »Schokoladenmousse mit Amaretto-Eiscreme. Na, was sagst du dazu?«
»Ich bin doch Vegetarierin.«
Sein Lächeln gefror, und Emma wünschte, sie könnte den Satz rückgängig machen. Aber sie fühlte sich von dieser Einladung vollkommen überrumpelt und fragte sich, warum er das vergessen hatte.
»Gemüse haben sie sicher auch«, lenkte er ein. Seine gute Laune flaute ab, das sah sie ihm deutlich an. Mist, jetzt fühlte sie sich wie eine Spielverderberin. Während sie auf den Ausgang zuliefen, spiegelten sich ihre Gesichter in den Türen, Emma las in beiden eine stille Enttäuschung.
Sobald sie die Ankunftshalle verlassen hatten, schlug ihnen feuchte Wärme entgegen. Dumpf erinnerte sich Emma daran, dass Washington in der subtropischen Klimazone lag. Sie überquerten die belebte, von Taxis und Reisebussen überfüllte Zufahrtsstraße zu den großen Parkplatzanlagen, und Emmas Bluse klebte nach kurzer Zeit an ihr. Siebzehn Stunden Vollklimatisierung ließen ihre Haut auf die plötzliche Schwüle empfindlich reagieren.
»Fahren wir vorher noch zu dir nach Hause?«, brach sie das Schweigen, das sich unheilvoll zwischen ihnen auftürmte.
Michael wandte im Gehen den Kopf und taxierte sie kurz.
»Dein Outfit ist doch perfekt. Man sieht dir den langen Flug überhaupt nicht an. Ehrlich.« Er schenkte ihr wieder sein gewinnendes Lächeln. »Keine Sorge, der Name ist vielleicht irreführend, aber im ›Rose’s Luxury‹ ist Casual Dress und nicht Abendgarderobe angesagt. Wir haben leider keine Zeit mehr, bei mir noch vorbeizufahren, und du möchtest meine Kollegen sicher nicht warten lassen.«
Natürlich wollte sie das nicht. Sie schluckte den Einwand, dass er sie wenigstens vorab hätte fragen können, wieder hinunter. Am besten, sie bestellte sich im Restaurant erst einmal einen doppelten Espresso, dann würde sie diesen Abend schon durchstehen. Schließlich konnte sie morgen ausschlafen, und es war doch auch wirklich nett von Michaels Kollegen, sie gleich bei ihrer Ankunft einzuladen und extra für sie vor einem In-Lokal Schlange zu stehen.
Die Stimme ihrer Mutter klang plötzlich wieder in ihrem Kopf. Emma war neun gewesen, nachts aufgewacht, hatte noch ein Glas Wasser in der Küche trinken wollen und war an der Schlafzimmertür ihrer Eltern hängengeblieben, hinter der sie aufgeregte Stimmen gehört hatte.
»Ich übertreibe überhaupt nicht, Christian. Hier steht es: Knapp die Hälfte aller hochbegabten Kinder hat soziale oder emotionale Probleme.«
»Ich halte das für ein verdammt dummes Vorurteil.«
»Du hast dir die Statistik nicht mal angeschaut!«
»Falls sie stimmt, gehört unsere Tochter eben zu der anderen Hälfte.«
»Natürlich, du weißt ja immer alles besser. Ich will Emma doch nur beistehen und verhindern, dass es so weit kommt.«
»Indem du ständig Spielnachmittage mit anderen Kindern über ihren Kopf hinweg organisierst? Überleg mal, was macht das denn auf ihre Klassenkameraden für einen Eindruck, wenn du ihre Mütter bittest, dass ihre Sprösslinge sich mal mit unserer Tochter treffen? Die fühlen sich doch total bevormundet. Lass Emma ihre Freundschaften besser selbst regeln.«
»Das habe ich versucht. Aber sie igelt sich am liebsten nur mit ihren Büchern in ihrem Zimmer ein.«
»Möglicherweise braucht sie einfach nur ihre Zeit. Himmel, sie ist doch gerade erst ins Gymnasium gekommen. Alles ist neu für sie, und dann ist sie wegen der Klassenüberspringerei auch noch ein oder zwei Jahre jünger als die anderen. Vielleicht hat sie nur noch nicht die richtigen gefunden, mit denen sie sich anfreunden will.«
»Ich habe mich von dir breitschlagen lassen, sie nicht auf ein Internat für Hochbegabte, sondern auf ein musisches Gymnasium zu geben. Aber du kannst mich nicht daran hindern, ihre Entwicklung so zu fördern, wie Experten es vorschlagen. Ich meine es doch nur gut mit ihr!«
Emma war vor der halb geöffneten Schlafzimmertür ihrer Eltern gestanden und hatte fest die Lippen aufeinandergepresst, um nicht aufzuschreien.
»Alles okay?«
Emma fuhr zusammen und registrierte jetzt erst, dass sie vor einer silbernen Limousine stehen geblieben waren. Sie knipste rasch ein Lächeln an.
»Wow. Ist das dein Wagen?«
»Ja, ein Camaro. Gefällt er dir?« Michael öffnete mit der Fernbedienung den Kofferraum und schickte sich an, ihren Koffer hineinzuwuchten.
»Na klar, der sieht richtig toll aus!« Emma interessierte sich für Autos ungefähr so sehr wie für die Ergebnisse der Bundesliga, nämlich gar nicht. Aber Michael hatte einen Narren an Fahrzeugen jedweder Art gefressen. Sie zwang sich zu einer interessierten Mimik. »Fährt er denn gut?«
Während sie einstiegen, zählte er ihr mit Begeisterung die Fahrzeugdaten auf, und sie nickte beipflichtend, während ihre Gedanken wieder zurück in ihre Kindheit wanderten. Auf ein Internat gehen zu müssen war nach jenem belauschten Gespräch lange Zeit wie ein Damoklesschwert über ihr gehangen. Sie hatte nicht von daheim, insbesondere nicht von ihrem Vater getrennt sein wollen. Also hatte sie alles versucht, um ihrer Mutter zu beweisen, dass ihre hochbegabte Tochter keine sozialen Probleme hatte. Emma hatte früh gelernt zu schauspielern. Und genau das würde sie jetzt auch tun, um Michael nicht gleich an ihrem ersten gemeinsamen Abend zu enttäuschen.
»Rose’s« stand in geschwungenen, grün leuchtenden Lettern über der weißen Holztür eines Lokals, das auf den ersten Blick erstaunlich unscheinbar wirkte – wäre da nicht eine Warteschlange bis an die nächste Straßenecke gewesen, schlimmer als vor dem P1. »In ist, wer drin ist!«, hatte Michael damals behauptet, während sie sich vor Münchens angesagtem Club bei fünf Grad und Schneeregen die Beine in den Bauch gestanden hatten. Offenbar galt etwas Ähnliches für dieses Restaurant. Ihr Freund hatte das Auto eine Straße weiter geparkt und ihr ein »die Obamas waren auch schon hier zum Essen« ehrfürchtig zugeraunt, als sie an den Wartenden vorbeiliefen. Michaels Kollegen waren offenbar schon ins Lokal gelangt. Emma ahnte nichts Gutes. Sie trug einen geblümten Wickelrock und eine marineblaue Bluse. Nicht gerade das perfekte Outfit für ein Lokal, in dem der Ex-Präsident mit seiner Gattin verkehrte. Beim Eintreten wurde sie jedoch angenehm überrascht. Schlichtes Holzmobiliar, von rustikalen Balken herabhängende Grünpflanzen und Laternenlampen über den Tischen, die Wände grob verputzt, es sah einladend und gemütlich aus. Ein kleines, nettes Nachbarschaftslokal, und entsprechend waren auch die Gäste leger angezogen. Michael fiel jedenfalls mit seinem Businesslook mehr aus dem Rahmen als sie. Während sie von einem freundlichen jungen Mann in schwarzer Jeans, T-Shirt und umgebundener grauer Schürze zu ihrem Platz geleitet wurden, entspannte sie sich. Es versprach ein netter Abend zu werden.
Eine Stunde später nippte Emma an ihrem Sauvignon Blanc und unterdrückte ein Gähnen. Sie spürte, wie der Aperitif und der Wein ihr trotz des Espressos zu Kopf stiegen. Im Großen und Ganzen waren Michaels Kollegen in Ordnung, mit einer Ausnahme, und die wandte sich eben an sie.
»Michael hat erzählt, du beschäftigst dich hauptsächlich mit dem Archivieren von Daten. Ist das so eine Art Sekretärinnen-Job?«
Emma blinzelte. Whitneys Tonfall klang die ganze Zeit schon herablassend. Nach der für deutsche Verhältnisse ungewohnt herzlichen Vorstellungsrunde hatten sie sich alle erst einmal über ihren Flug, das Wetter, die geplante Ostküsten-Reise und die von Emma verpassten Feierlichkeiten am vierten Juli unterhalten. Scheinbar fand am amerikanischen Unabhängigkeitstag am Kapitol nicht nur ein gigantisches Feuerwerk statt, auch jede Menge berühmter Musikkünstler gaben ein kostenloses Konzert.
»Michael ist mit mir dort gewesen, weil wir beide Singles …«, Whitney hatte sich unterbrochen und künstlich gelacht, »… sorry, Emma, ich meinte natürlich, solo waren. Das war so furchtbar lieb von ihm«, hatte sie ergänzt, die Hand auf seinen Arm gelegt und ihn getätschelt. Dort lag ihre Hand jetzt immer noch, wobei sie sich bei ihrer Frage so zu Emma herüberbeugte, dass das tiefe Dekolleté ihres eng anliegenden Shirts mehr von dem schwarzen Spitzen-BH zeigte, als es verbarg. Ihr entging nicht, wie Michaels Blick daran hängen blieb, während er die Herabwürdigung ihrer Tätigkeit offenbar gar nicht mitbekommen hatte. Emma spürte, wie der Ärger in ihr hochkroch.
»Genau genommen betreiben wir am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum wissenschaftliche Forschung. Basierend auf den Satellitendaten entwickeln wir weltweit Frühwarnsysteme und Prozessketten für das Katastrophenmanagement, die humanitäre Hilfe und zivile Sicherheit«, entgegnete sie kühl und hatte ihre Antwort bewusst präzise und professionell formuliert.
»Wow, das hat Michael uns gar nicht erzählt«, warf Craig überrascht ein. Er saß Emma gegenüber und musterte sie nun neugierig. Es gab ihr einen Stich, wie Michael mal wieder ihre Arbeit bei seinen Kollegen herabgewürdigt hatte. »Wie spannend! Dann versucht ihr also, über die Daten aus dem Weltall Menschenleben zu retten?«
Craig war ihr gleich bei der Vorstellungsrunde am sympathischsten gewesen. Er hatte ein freundliches Lachen und im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen offenbar nicht das Bedürfnis, sich ständig in den Vordergrund zu drängen. Am stillsten war Estefania, eine aus Griechenland stammende Informatikerin, die sich um die Chartanalyse-Software und das Firmennetzwerk kümmerte.
»Genau. Unsere Auswertungen werden von Hilfsorganisationen beispielsweise bei Naturgefahren wie Hochwasser, Feuer, Vulkanausbrüchen und Erdbeben oder für das rechtzeitige Errichten von Lagern bei unerwartet hohen Flüchtlingsströmen eingesetzt.«
»Nur gut, dass solche Katastrophen nicht allzu häufig vorkommen«, lachte Michael gezwungen. »In der übrigen Zeit steht zum Glück das Archivieren im Vordergrund, oder?«
Einen kurzen Augenblick lang erwog Emma, einfach nachzugeben und es dabei zu belassen. Vermutlich sah sie seine Kollegen nie wieder, es konnte ihr doch herzlich egal sein, was sie über sie dachten. Aber Whitneys Hand lag immer noch besitzergreifend auf Michaels Arm, und sie sah nicht ein, warum sie sich ihm zuliebe kleinmachen sollte.
»Nein. Das Sichern der Daten läuft automatisiert. Wir werten die Datenströme aus und arbeiten in der Zwischenzeit an Problemlösungen für zukünftige Krisen«, sagte sie mit kalter Stimme.
Michael presste die Lippen zusammen, und Emma beantwortete eine neue Frage von Craig. Der Hauptgang wurde serviert, und die Gespräche drehten sich bald wieder um die Aktienmärkte und neue Sterne am Finanzhimmel. Der Kellner schenkte Wein nach, und Emma entspannte sich ein wenig und konzentrierte sich auf ihr Essen, Süßkartoffelgnocchi mit Ricotta-Pilz-Sauce und frischen Kräutern. Es schmeckte köstlich.
Mehrmals versuchte Whitney, das Wort an sich zu reißen. Ihre Stimme klang in ihren Ohren zu schrill, das Lachen affektiert. Aber Michael schien sich aufrichtig über jeden ihrer Witze zu amüsieren. Aus dem Augenwinkel registrierte Emma, dass seine Kollegin exakt dasselbe Menü bestellt hatte wie er. Innerlich rollte sie die Augen.
»Wir müssen dich schrecklich langweilen«, wandte Whitney sich plötzlich wieder an sie. »Für die meisten Leute ist der komplexe Finanzmarkt ein Buch mit sieben Siegeln. Nicht jeder kann so ein Profi sein wie Michael. Du hast ja so ein Glück!« Diesmal landete ihre Hand auf seiner, und während sie sie drückte, schenkte sie ihm ein hinreißendes Lächeln, das er mit errötenden Wangen erwiderte.
Gerade hielt sich Emmas Glücksgefühl ziemlich in Grenzen. Was wurde das hier? Ein Zweikampf um den männlichen Hauptgewinn? Sie hatte ihren Gang beendet, beschloss, sich eine Auszeit zu nehmen, und legte ihr Besteck beiseite.
»Bin gleich wieder da«, sagte sie zu Michael und marschierte zu den Toiletten.
Dort ließ sie erst einmal kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen und hätte sich gerne auch einen Schwall ins Gesicht geschüttet, nur um munter zu werden, wenn das nicht ihr Make-up ruiniert hätte. Sie überlegte, ob sie ihren Lippenstift nachziehen sollte, um wenigstens ein bisschen Farbe hineinzuzaubern, als die Tür sich öffnete und Estefania eintrat. Die Informatikerin schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
»Hey«, sagte sie. »Du musst ganz schön erschöpft sein.«
»Sieht man mir das so deutlich an?«, fragte Emma. Hätte sie sich noch mehr an den Gesprächen beteiligen sollen? Aber sie war so müde, es fiel ihr wirklich schwer, sich zu konzentrieren.
Estefania schüttelte den Kopf. »Nein. Aber es wäre nur normal, nach der langen Reise. Ehrlich, ich würde meinem Freund was erzählen, wenn er mich kurz nach meiner Ankunft erst mal zu einem Dinner mit völlig fremden Menschen schleppt.«
Überrascht starrte Emma sie an. Estefania wusch sich nun ebenfalls die Hände, zog dann aus ihrer Handtasche ein Fläschchen heraus und tropfte sich etwas in die Augen. »Sorry, Augentropfen. Die Kontaktlinsen trocknen meine Bindehaut immer so aus«, erklärte sie blinzelnd. »War übrigens Whitneys Idee.«
Emma kam nicht ganz mit. »Die Augentropfen?«
Estefania lachte. »Nein. Dass wir dich gleich am Ankunftstag überfallen.« Sie schraubte das Fläschchen zu und verstaute es wieder in ihrer Handtasche. Dann drehte sie sich zu Emma um, und diesmal war ihre Miene ernst.
»Hör mal, ich will mich nicht einmischen, aber du solltest deinen Freund ein bisschen im Auge behalten. Whitney hängt seit der Trennung von ihrem Ex wie eine Klette an Michael.«
Also hatte ihr Eindruck sie nicht getäuscht. Bevor Emma noch etwas entgegnen konnte, schwang die Tür erneut auf und ausgerechnet Whitney kam herein. Ihre Blicke kreuzten sich wie zwei Klingen.
»Oh, Girls Party?«, flötete sie. »Hab ich was verpasst?«
»Nur dass Michael sich Herpes eingefangen hat und wir uns leider zur Begrüßung am Flughafen nicht küssen konnten«, erwiderte Emma spitz.
Whitneys Gesichtszüge entgleisten, und Estefania drehte sich mit einem unterdrückten Lachen weg. Hastig ging sie zur Tür, und Emma folgte ihr. Aber sie konnte ihren spontanen Einfall nicht wirklich genießen. Denn Whitney war nicht nur überrascht gewesen, sondern hatte auch blitzschnell im Spiegel auf ihre Lippen gestarrt.
Auf der Rückfahrt zu Michaels Wohnung schob Emma die Rückenlehne ihres Sitzes ein Stück nach hinten und schloss die Augen. Es war immer noch schwül und es dauerte eine Weile, bis die Klimaanlage die Temperatur im Wageninneren abkühlte.
»Müde?«, fragte er. »Früher haben wir die Nächte durchgefeiert.«
Ein schaler Geschmack machte sich in ihrem Mund breit, als sie an ihre Studentenzeit, lange Nächte in Clubs, Kneipen und an Silvesterpartys dachte. Meistens war die Initiative von ihm ausgegangen. Emma dämmerte plötzlich, dass sie sich schon damals öfter seinen Wünschen angepasst und ihre eigenen Interessen hintenangestellt hatte, damit er nur ja nicht ihre soziale Kompetenz in Frage stellte. Umgekehrt hatte sie die Sternwarte und klassische Klavierkonzerte fast immer allein besuchen müssen. Sie fegte die Gedanken rasch beiseite, bevor sie sich in ihrem Kopf verankern konnten, und schob ihre empfindliche Stimmung auf die Erschöpfung zurück. Morgen, nach ausreichend Schlaf, würde sie die Welt bestimmt wieder rosiger sehen und sich auf ihren gemeinsamen Urlaub und alles, was sie unternehmen wollten, freuen.
»Ich glaube, der Jetlag macht sich langsam bemerkbar«, murmelte sie.
Michael seufzte. »Glaub mir, sie wollten dir mit der Einladung wirklich nur eine Freude bereiten.«
Natürlich. Ganz besonders Whitney, die erfolgreich verhindert hatte, dass sie ihren ersten Abend allein mit ihrem Freund verbringen konnte. Emma hob den Kopf und sah ihn von der Seite an.
»Ich mag Craig und Estefania. Arbeitest du viel mit ihnen zusammen?«
»Kaum. Craig kümmert sich hauptsächlich um die Immobilienfonds. Mit Estefania habe ich nur zu tun, wenn was an meinem Rechner nicht läuft. Im Moment arbeite ich am meisten mit Whitney zusammen.«
Na, toll. Emma sah wieder zum Fenster hinaus. Ein imposantes beleuchtetes Gebäude im Renaissancestil war rechts von ihr zu sehen. Es kam ihr bekannt vor. Bevor sie fragen konnte, erklärte Michael: »Die Library of Congress. Stand die nicht auch auf deinem Besichtigungsplan?«
»Hm.« Emma beugte sich vor und erhaschte im Vorbeifahren einen Blick auf die gewaltigen geschwungenen Steintreppen. Allein die Eingangshalle der zweitgrößten Bibliothek der Welt war einen Besuch wert. Fast vierzig Millionen Bücher wurden hier aufbewahrt, und es gab sogar ein unterirdisches Tunnelsystem. Das würde sie sich auf jeden Fall ansehen. Emma war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass ihr Weg sie am Capitol Hill vorbeiführte. Eben wollte sie Michael fragen, ob sie auch am Weißen Haus vorbeifahren würden, als er verkündete:
»Du hättest übrigens ruhig etwas freundlicher zu Whitney sein können. Sie hat sich so viel Mühe gegeben.«
»Womit?«, entfuhr es Emma, und ihre Finger verkrampften sich im Stoff ihres Wickelrocks. »Ständig deine Hand oder deinen Arm zu tätscheln?«
Sein Blick flog kurz zu ihr, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte. Überraschung und ein Anflug von Belustigung lagen in seiner Miene.
»Bist du etwa eifersüchtig?«
»Habe ich einen Grund dazu?«
Er schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht!«
Seine Stimme klang neutral, vielleicht ein wenig genervt, schwer herauszuhören, ob er die Wahrheit sagte. Estefania hatte ihr nicht verraten, ob Michael Whitneys Annäherungsversuche bereits erwidert hatte. Du solltest ihn ein bisschen im Auge behalten. Möglicherweise sahen sie beide auch nur Gespenster. Sie bogen nach rechts ab, und Michael fuhr auf einmal langsamer.
»Pass auf, gleich lichtet sich die Allee, dann musst du zu den Seiten sehen.«
Emma schaute sich um. Sie waren gerade quer durch den Park der National Mall gefahren, rollten an dem letzten hohen Laubbaum vorbei, und hinter seinen Ästen öffneten sich die weiten Rasenflächen des Parks. In der Ferne sah sie den weißen Marmorobelisken, das Washington Monument, in den Himmel ragen. Ihm gegenüber auf der anderen Seite thronte das Kapitol. Die illuminierte weiße Kuppel strahlte wie ein Mond vor dem schwarzen Nachthimmel.
»Wow!«, entfuhr es Emma, und sie spürte, wie Michael nach ihrer Hand tastete, sie hochhob und einen Kuss auf ihren Handrücken drückte, ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden.
»Whitney kann dir nicht annähernd das Wasser reichen, Schatz. Wir hatten heute keinen guten Start. Lass es uns den Rest der Nacht besser machen.«
Der Duft von Kaffee kitzelte Emma am nächsten Morgen in der Nase, und sie fühlte das Tageslicht auf ihren Lidern brennen. Jemand berührte ihre Wange, strich zärtlich bis zu ihrem Kinn.
»Michael?« Ohne die Augen zu öffnen, rollte sie sich zur Seite. »Es ist doch noch viel zu früh«, stöhnte sie.
Ein dunkles Lachen. »Elf Uhr, du Schlafmütze! Ich dachte, du wolltest mit deiner Besichtigungstour vor dem Nachmittag starten.«
Emma blinzelte. »Was? Oh, mein Gott. Das muss der Jetlag sein.« Sie stemmte sich im Bett hoch. Verschwommen erinnerte sie sich an die vergangene Nacht, an Küsse, die nach Rotwein schmeckten, seinen warmen Atem, der an ihrem Ohr kitzelte, die langjährige Vertrautheit seines muskulösen Körpers, wie er sich auf ihr bewegte und sie beide kurz nach dem Sex eingeschlafen waren. Irgendwann in den frühen Morgenstunden hatten sie sich erneut geliebt. Emma hatte den fremden Geräuschen von der Straße und dem Ticken der Uhr in der Küche gelauscht und einen fahlen Streifen grauer Dämmerung ins Schlafzimmer kriechen sehen, bevor ihr die Augen wieder zugefallen waren. Sie lächelte glücklich und betrachtete ihren Freund dabei, wie er sich ein frisches Hemd aus dem Schrank holte, hineinschlüpfte und über seiner sandfarbenen Chino zuknöpfte. Jetzt würde sie es ihm sagen. Das war der perfekte Moment.
»Ich habe einen neuen Job in Aussicht.«
Er hielt im Zuknöpfen inne und hob die Augenbrauen. »Ich dachte, du bist rundum glücklich mit deiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit?«
Sie versuchte, ihre Verärgerung, die bei seiner spöttischen Betonung erneut in ihr aufflammte, zu ignorieren. Was hatte er denn nur für ein Problem? Sie freute sich doch auch für ihn, weil er Karriere machte.
»Bin ich. Aber dieser Job ist besser. Viel besser.« Sie grinste ihn frech an.
»Jetzt machst du mich neugierig.« Er trat zu ihr ans Bett und setzte sich auf die Bettkante. »Also, was ist es?«
»Erst brauche ich einen Kaffee.«
»Du spinnst ja wohl. Sag mir …« Bevor er nach ihr greifen konnte, entwischte sie lachend auf der anderen Bettseite und lief in die Küche.
»Hey! Mach’s doch nicht so spannend!«, rief er ihr nach.
Sie hörte seine Schritte auf dem Parkett. Michaels Apartment war modern und geräumig. Außerdem lag es an der Red Line, der Hauptlinie der Metro durch die Washingtoner Innenstadt, was für ihre geplanten Besichtigungstouren durch die City äußerst praktisch war. Emma sah sich in der Küche um. Sie bestand aus einer Zeile mit den wichtigsten Geräten wie Mikrowelle, Backofen, Kaffeemaschine und Gasherd sowie einem XXL-Edelstahlkühlschrank mit Eisspender. Wenn das nicht typisch amerikanisch war! Emma grinste. Gegenüber lag eine Kücheninsel mit Bar, vor der vier hohe Stühle mit Rückenlehne standen. Michael hatte dort bereits Teller und zwei dampfende Kaffeebecher abgestellt. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf einem der Hocker nieder und trank einen Schluck.
»Bagel oder Toast?« Er hatte sie eingeholt und deutete auf zwei Papiertüten.
»Beides. Ich habe einen Mordshunger!«
»Umso besser. Du kriegst sie aber erst, wenn du mir verrätst, welcher Job dir vorschwebt.« Er fuchtelte mit den Tüten vor ihrer Nase herum. Emma lachte, nahm noch einen tiefen Schluck und genoss den belebenden Geschmack.
»Astronautin.«
Michael lachte laut auf. »Schon klar. Also, was ist es?«
»Hab ich dir gerade gesagt.«
Er legte die Tüten vor ihr auf die Theke und starrte sie an. Emma angelte sich rasch einen Bagel heraus, biss ein Stück ab und kaute zufrieden.
»Okay, es stehen noch ein paar Interviews an, hundertprozentig sicher ist mir die Stelle nicht. Die schwierigsten Hürden und Auswahltests habe ich aber bestanden. Na? Was sagst du nun?«
Michael sagte gar nichts. Dafür wechselte sein Mienenspiel von Ungläubigkeit zu Verärgerung. Er verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. Erst nach einer langen Pause erwiderte er eisig: »Astronautin. Na, so was. Und das hast du einfach so entschieden, ohne mich vorab zu fragen.«
Der Bagel in Emmas Mund fühlte sich auf einmal staubtrocken an. Sie nahm noch einen Schluck Kaffee und legte dann beide Hände um den Becher. Angenehme Wärme gegen die plötzliche Kälte in ihrem Inneren.
»Na ja, es war doch anfangs vollkommen unwahrscheinlich, dass ich überhaupt in die engere Auswahl komme. Ich wollte dich nicht damit überfallen und hinterher enttäuschen.«
»Enttäuschen?« Er lachte erneut auf, aber diesmal war es kein fröhlicher Laut. »Oh, natürlich, wo du doch sonst in deinem Leben nie zu den Besten gezählt und immer alles erreicht hast, was du dir in den hübschen Kopf gesetzt hast.« Aus seinem Mund klang es wie eine Beleidigung. Emma zuckte zusammen. »Hast du vielleicht mal daran gedacht, wie anstrengend es ist, mit jemandem zusammenzuleben, der sich immer nur um die eigene Karriere ohne Rücksicht auf den Partner kümmert? Hauptsache, du stehst wieder mal im Rampenlicht, nicht wahr?«
Jetzt war Emma sprachlos. »Du bist doch hierher nach Washington gegangen, um Karriere zu machen, und hast dich nicht darum gekümmert, ob mir so eine Fernbeziehung gefallen würde!«, brachte sie schließlich heraus.
»Das ist doch was völlig anderes! Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich was dagegen haben könnte, dass meine Frau sich auf lebensgefährliche Missionen ins All begibt?«
»Seit wann sind wir denn verheiratet?«
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Lass die Haarspalterei! Das werden wir in ein paar Jahren sein, und wenn wir eine Familie gründen, wer soll sich denn um unsere Kinder kümmern, während du den Mars erkundest? Wie hast du dir das überhaupt vorgestellt? Soll ich dann etwa meinen Job an den Nagel hängen, damit du die gefeierte Berühmtheit bist und Interviews im Fernsehen gibst? Vergiss es! Zu diesen letzten Auswahlrunden brauchst du gar nicht erst anzutreten!«
Seine Hand schoss vor, er griff nach dem Becher und trank seinen Kaffee in einem Zug aus. Dann knallte er ihn lautstark auf die Theke. Emma zuckte zusammen, und ihr Herz raste. Sie hatte immer gehofft, er würde sie irgendwann fragen, ob sie ihn heiraten wollte. Sie war keine überbordende Romantikerin. Aber neben allem anderen, das er ihr gerade an den Kopf geworfen hatte, hätte sie sich nie im Leben ausgemalt, dass sein »Antrag« so ablaufen würde. Und nun wollte er ihr die Teilnahme an den Interviews verbieten?
»Das ist nicht dein Ernst?!«
»Natürlich. Du hättest dir die ganzen Tests sparen können, wenn du nur ein einziges Mal offen und ehrlich mit mir darüber gesprochen hättest.«
»Du entscheidest also, ob und welchen Beruf ich ausüben darf?« Ihre Stimme zitterte.
»Nein. Wir beschließen zusammen, was für unsere gemeinsame Zukunft am besten ist, und treffen dann eine Entscheidung. Es sei denn, du bist daran nicht mehr interessiert.«
Emmas Lachen klang mehr wie ein Krächzen. »Du meinst, du triffst eine Entscheidung, die für deine Zukunft am besten ist.«
»Schon klar, dass dir das umgekehrt lieber wäre. Aber offenbar hast du eine vollkommen verzerrte Sichtweise. Sonst würdest du nicht auf die absurde Idee kommen, einen so gefährlichen Beruf ergreifen zu wollen, ohne mich vorab zu fragen, ob ich damit leben kann und was du unseren Kindern später zumutest. Glaubst du, ich habe Lust, dabei zuzusehen, wie du, wie diese Judith Resnik damals, Sekunden nach dem Start pulverisiert wirst?«
Emma atmete tief durch. »Okay. Michael, du hast bestimmt ein enormes Expertenwissen über den Finanzmarkt, aber wirklich keine Ahnung von aktueller Raketentechnik. Die Challenger-Katastrophe ist inzwischen mehr als dreißig Jahre her. Seither hat sich eine Menge in der Forschung und Entwicklung von Raketen getan. Wenn das deine Befürchtung ist …«
»Wie gesagt, es geht mir auch um unsere gemeinsame Familienplanung.«
»Über die wir noch nie gesprochen haben. Woher willst du denn wissen, ob ich überhaupt Kinder bekommen möchte?«
»Ach, so ist das? Also ein Leben nur für die Wissenschaft und Karriere? Das hättest du mir vielleicht früher sagen können, bevor ich meine Zeit mit dir verschwende!«
Jeder seiner Sätze war wie eine Ohrfeige. Mit aller Kraft versuchte sie, ruhig zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen. »Ich weiß es einfach noch nicht, Michael. Ich weiß nicht, ob ich Kinder haben möchte. Im Moment möchte ich nur diese einmalige Chance ergreifen. Außerdem haben Astronautinnen doch auch Kinder. Was hast du denn gedacht? Dass ich meinen Beruf, gleichgültig welchen, dann vollständig an den Nagel hänge?«
Zwei Stunden später fühlte Emma sich wie nach einem ihrer Auswahltests bei der ESA in Köln. Sie hatte in einem Astronautenanzug in einem Becken mit zehn Meter Tiefe tauchen und Arbeiten in Schwerelosigkeit üben müssen, sich mit Leinen sichern, Werkzeuge benutzen und gleichzeitig den aus dem Nichts auf sie zudriftenden Weltraummüll im Auge behalten. Hinterher war Emma erschöpft wie nach einem Marathonlauf gewesen. Das war sie jetzt auch. Sie hatte versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich eingeredet, dass Michael überrumpelt war und sich nur so aggressiv verhielt, weil er sich um sie sorgte. Aber er hatte all ihre Bemühungen um eine Aussprache und ihre Bitte, Verständnis für ihre Situation zu zeigen, ignoriert. Geendet hatte ihre Auseinandersetzung am Nachmittag damit, dass Michael die Tür knallend seine Wohnung verließ, nicht ohne ihr vorher sein Ultimatum ins Gesicht zu schreien:
»Überleg dir bis heute Abend gut, ob du unserer Beziehung noch eine Chance geben willst. Ich kann und werde es niemals akzeptieren, dass du Astronautin wirst und dich damit bewusst in Lebensgefahr begibst, nur um dich wieder einmal ins Rampenlicht zu rücken und deinen angeblichen Lebenstraum zu verwirklichen. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.«
Sie stand am Fenster und blickte hinaus auf die belebte Straße. Menschen hasteten zur Metro, andere schlenderten vorbei, aßen ein Eis oder unterhielten sich. Und auf einmal kam sie sich schrecklich einsam vor. Es war einer dieser Momente, in denen Emma sich ein Klavier herbeisehnte. Ihr Spiel hatte ihr in der Vergangenheit immer darüber hinweggeholfen, wenn ihre Gefühle aus dem Ruder liefen und sie sich verlassen fühlte, so wie jetzt in diesem Augenblick. Ein Zittern lief durch ihren Körper, sie wollte schreien, die Kaffeebecher, die noch auf der Theke standen, an die Wand schleudern, damit sie in Scherben brachen wie gerade eben ihre Liebe. Ihre Kehle brannte, ihr Atem ging stoßweise. Nein, sie würde nicht wegen Michael und seiner bescheuerten patriarchalischen Ansichten heulen! Stattdessen stand sie still, schluckte gegen die Enge in ihrem Hals an und schloss die Augen. Erste Regel im Weltall: Eine Astronautin musste in jedweder noch so ausweglos erscheinenden Situation einen kühlen Kopf bewahren.
Endlich klopften in ihr die ersten Töne an. Ganz zart, dann ergoss sich in ihren Gedanken das Allegro ma non tanto des dritten Klavierkonzerts in d-Moll von Rachmaninow wie ein Wasserfall. Erster Satz, Mitte. Ihre Finger flogen über die kühle Fensterscheibe, ihr Herz raste im Takt der Musik, und ganz am Ende woben die Töne in ihr einen Namen, den Michael zu Beginn ihres Streits in den Raum geworfen hatte: Judith Resnik.
Als Teenager hatte sie sich erstmals für Weltraummissionen zu interessieren begonnen und war auf eine Astronautin gestoßen, mit der sie auf geradezu unheimliche Weise zwei Leidenschaften verbanden: die für das Klavierspiel und die für die unendlichen Weiten des Weltalls. Irgendwann musste sie Michael von dieser überraschenden Übereinstimmung erzählt haben, und jetzt hatte er es im Streit gegen sie verwendet. Abrupt hielt Emma inne und riss die Augen auf. Sie schaute auf die Uhr. Noch war es nicht zu spät. Sie würde hier nicht in Michaels Wohnung ausharren und verrückt werden, bis er zurückkam und ihre Auseinandersetzung womöglich erneut begann.
Es war der richtige Moment, Judith einen Besuch abzustatten.