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Temeswar, 1904

Immer wenn sie von Susanna zurückkehrte, kam Marie ihr Elternhaus ein Stück kleiner vor, als würde es bei der Erinnerung an das imposante Palais der Kellers schrumpfen.

Neben ihr und ihren Eltern lebten zwei Dienstmädchen und ein Dienstbote in dem barocken Haus in der Innenstadt, nicht weit von der Synagoge entfernt. Es besaß einen Hinterhof mit winzigem Garten, in dem Erbsen, Bohnen und anderes Gemüse und Kräuter angebaut wurden. Als sie noch klein gewesen war, hatte der Vater sie mit einer Laterne in der Hand in Neumondnächten mitgenommen, um die Kiddush Levana, die Heiligung des Mondes, zwischen den Beeten zu zelebrieren. Doch als sie größer wurde, hatte er immer weniger Wert auf die alten Rituale gelegt und auch keinen Abschied mehr vom Schabbat mit dem Löschen der Kerze durch einen Tropfen Wein aus dem Kiddush-Becher genommen. Diese Zeremonien gab es nur noch, wenn die Großeltern zu Besuch waren, so wie in diesen Tagen.

Im Haus roch es schon intensiv nach Fisch, als Marie und ihr Vater von der Familie Keller zurückkehrten. Es blieb kaum Zeit, die Kamera zu verstauen und sich umzuziehen. Marie legte ihr Kleid für den morgigen großen Tag besonders ordentlich zusammen, damit es in der Früh nicht wieder mit dem heißen Eisen geplättet werden musste, dann eilte sie zu Tisch. Der Großvater lobte das traditionelle Essen, das seine Tochter Elise

In den vergangenen Tagen hatte schon Aufregung darüber geherrscht, dass sie zusammen mit Susanna auf die Volksschule der Armen Schulschwestern Notre Dame und nicht auf eine jüdische Elementarschule gehen würde. Kaum war das Essen abgeräumt, griff der Großvater das Thema erneut auf:

»Benjamin, bist du dir wirklich sicher, dass du deiner einzigen Tochter damit etwas Gutes tust?«

Sonst unterhielten sie sich daheim und mit den Dienstboten auf Deutsch oder Ungarisch, doch mit den Großeltern sprachen sie Jiddisch. Marie mochte den melodischen Singsang der jiddischen Sprache, aber nicht an diesem Tag, denn im Streit klangen in ihren Ohren die ch-Laute härter als sonst. Der Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände ineinander.

»Marie ist klug genug, um später die Höhere Töchterschule zu besuchen. Notre Dame bietet ihr beste Voraussetzungen dafür. Nach der Volksschule und dem Abschluss des Gymnasiums könnte sie sich dort im Anschluss zur Lehrerin ausbilden lassen. Nach dem Besuch einer jüdischen Elementarschule müsste sie ohnehin auf eine nicht jüdische Schule wechseln, du weißt, es gibt keine israelitischen Gymnasien in Temeswar.«

»Ein Umstand, der geändert gehört und für den junge, gebildete Männer wie du sich einsetzen sollten, statt diesen neuen bürgerlich-liberalen Ideen anzuhängen und sich der Magyarisierung hier im Banat widerspruchslos zu beugen!« Maries

»Bitte verschone mich mit deinen zionistischen Ideen! Uns geht es hier doch gut, seit fast vierzig Jahren herrscht Religionsfreiheit, und wir sind rechtlich mit den Ungarn, Deutschen, Serben und Rumänen gleichgestellt. Wir sind längst keine Bürger zweiter Klasse mehr. Viele bedeutende Kaufleute, Fabrikanten, Ärzte und Künstler wie ich sind Juden. Ich bin nicht an einer Auswanderung interessiert, weder nach Amerika und schon gar nicht in einen neu zu gründenden israelitischen Staat. Das Königreich Ungarn ist unsere Heimat, und der Kaiser hält schützend die Hand über uns.«

Marie sah erschrocken zu ihrem Vater, der die Stimme erhoben hatte.

»Also Anpassung wie all die Jahrhunderte zuvor? Das wird uns vor neuen Anfeindungen auf Dauer nicht bewahren. Hör auf mich, Benjamin! Wir hätten die Möglichkeit, einen eigenen Staat aufzubauen. Wir brauchen junge Männer wie dich.«

Doch Maries Vater schüttelte unwillig den Kopf. »Ich bitte dich! Du hast dich in Galizien ebenfalls angepasst und Polnisch gelernt. Und studiert Jakob nicht Rechtswissenschaften in Lemberg? Die Doppelmonarchie vereint friedlich viele Völker, und das kommt auch uns Juden zugute.«

Wie immer, wenn er aufgeregt war, zupfte der Großvater an seinem langen Bart und erwiderte traurig: »Sollst du dich da

»Wenn es in Galizien derart schlimm um euch steht, warum zieht ihr dann nicht hierher zu uns? Wie oft haben Elise und ich dir das schon angeboten? In Temeswar herrscht eine ganz andere Geisteshaltung.«

Maries Großvater seufzte. »Du siehst dein Heil in Reformen, in Anpassung, in diesem neologen Gedankengut, ich in der Tradition und im orthodoxen Glauben. Wir haben zu unterschiedliche Vorstellungen, Benjamin. Wenn Edith und ich aus Lemberg wegziehen, dann in ein Land, in dem niemand uns anfeindet, nur weil wir unseren alten Bräuchen nachgehen.«

In diesem Moment traf der Blick ihres Vaters den verängstigten Maries, und seine harte Miene wurde weich. Er ging zu dem alten Mann und legte ihm versöhnlich die Hand auf die Schulter.

»Schau, ich verstehe dich doch, Tate. Aber ich habe nun mal in Budapest und Szeged studiert. Unsere Marie spricht neben Jiddisch und Deutsch auch Ungarisch fließend. Damit erfüllt sie alle Voraussetzungen für eine höhere Bildung, die wir ihr auch gewähren wollen. Was soll sie denn in Palästina? Eine Bäuerin werden? Wer weiß, wohin ihr Weg sie einmal führen wird. Vielleicht sogar zu einem Studium der Philosophie oder Medizin in Budapest oder Wien? Seit drei Jahren steht ihr dieser Weg offen.«

Marie erschrak bei seinen Worten mindestens so sehr wie der Großvater. Sie sollte von daheim weg ins ferne Budapest gehen und Ärztin werden?

»Du willst, dass deine Tochter studiert?« Der Großvater wandte sich den beiden Frauen zu. »Edith, hat Elise dir davon erzählt?«

»Sicher ist keine von ihnen verheiratet, wenn sie sich ihrer natürlichen Rolle als Hausfrau und Mutter verweigern.«

»Ich hätte dich mit Freuden auch als Doktor der Medizin geheiratet«, erwiderte Papa, lächelte seine Frau zärtlich an und legte seine Hand auf ihre. Mama errötete tief.

Aber Marie war traurig, weil sie sich ihretwegen zankten. Sie hätte zu gerne ihrem Großvater verraten, dass er beruhigt sein könne, sie würde niemals Medizin studieren, denn sie konnte doch gar kein Blut sehen.

Nachdenklich sah sie jetzt zu ihrem Vater hinüber. Hoffentlich würden sie sich bis Rosch Haschana, sobald ihr Onkel Jakob zu Besuch kam, wieder vertragen! Am liebsten mochte sie es, wenn die Großmutter Geschichten aus dem Schtetl bei Lemberg erzählte oder die drei Männer abends und an den Festtagen musizierten. Ihr Vater sang dann mit seiner vollen dunklen Stimme, der Großvater spielte Klarinette und Onkel Jakob die Geige. Alle Meinungsverschiedenheiten in der Familie waren in diesen kostbaren Momenten vergessen, und sobald sie einen Freylekhs spielten, tanzten Mama und sie ausgelassen mit, und manchmal konnten sie sogar Bubbe Edith zu ein paar Schritten auf dem Parkett in der guten Stube überreden.

 

Wie sehr Marie ihr Elternhaus und diese seltenen fröhlichen Stunden mit den Großeltern liebte, sollte sie erst begreifen, als sie beides verlor.