Kapitel 59

Wie in einer weißen Wolke raste Lauren blindlings in den Sturm und auf den riesigen See hinaus, dessen Weite sich in dieser Nacht mit der des Ozeans messen konnte. Lautlos wirbelten die Räder des Lexus mit hundertsechzig Stundenkilometern über das Eis. Sie hätte ebenso gut fliegen können.

Es gab kein Entrinnen, da machte sie sich keine Illusionen. Sie würde sterben. Bei diesem Blutverlust konnte es keine Rettung geben. Ihr Herz pumpte den roten Strom auf ihre blaue Bluse, färbte sie lila und tropfte auf die Ledersitze des Lexus. Das würde Dan nicht gefallen. Alles konnte er verzeihen, aber er würde noch an ihrem Grab mit ihr hadern, weil sie sich zum Sterben nicht in den Schnee gelegt hatte, statt das maßgefertigte Interieur zu ruinieren. So war Dan. Liebe war für ihn Sex, aber seine große Liebe war das Geld.

Es war ihr egal, dass sie hier draußen sterben würde, aber es ärgerte sie maßlos, dass niemand verstehen würde, dass es ihr weder um Geld noch um Macht gegangen war. Und Angst vor dem Skandal war es auch nicht gewesen. Als sie Tanjy mit der Taschenlampe den Schädel einschlug, wollte sie nicht verhindern, dass die Wahrheit herauskam. Sie tat es, weil Dan in Tanjy verliebt war.

Seine anderen Affären hatte sie immer ignoriert, weil er am Ende doch zu ihr zurückkehrte und sich in allem auf sie verließ. Wenn es seinem Selbstbewusstsein guttat, mit Mädchen ins Bett zu springen, die hofften, er würde ihretwegen seine Frau verlassen, war ihr das egal; sie wollte nur nichts davon wissen. Sex war ihr nie besonders wichtig gewesen, deswegen ließ sie Dan freie Hand. Sie war die Frau, die ihn liebte, die ihn geschaffen hatte. Ihre Partnerschaft war wichtiger als alles andere.

Bis Tanjy kam.

Die perverse Schönheit, die ihr Leben zerstört hatte.

Sie hatte keine Ahnung, wie Tanjy und ihre widerlichen Fantasien Dan so hatten verändern können, dass er vergaß, was er ihr verdankte. Man nannte sie die Eiskönigin und lachte über ihre kühle Art. Was für ein Irrtum! Als dieser schreckliche Billy Deed ihr gezeigt hatte, was zwischen Tanjy und Dan lief, hatte sie beschlossen, Tanjy zu bestrafen. Sie war besessen von dem Gedanken, die andere zu vernichten, sie auszulöschen.

Es ging nicht nur um die Fotos, obwohl sie nicht verstehen konnte, dass Dan so unvorsichtig gewesen war. Ein einziges dieser Bilder hätte genügt, um alles, was sie sich aufgebaut hatten, zu zerstören. Aber das war noch nicht alles. Blue Dog hatte ihr E-Mails gezeigt. Was sie dort las, jagte ihr Angst ein und trieb sie gleichzeitig zur Weißglut. Dan erging sich in Liebeserklärungen an Tanjy, schrieb ihr, wie sehr sie ihn errege. Tag und Nacht dachte er an sie.

Er wollte sich für Tanjy scheiden lassen.

Das war nicht gelogen. Lauren hatte seine Anrufliste und seinen Terminkalender überprüft. Er hatte tatsächlich einen Termin bei einem Scheidungsanwalt in Minneapolis-Saint Paul. Scheidung. Er wollte die Frau, die ihn zu dem gemacht hatte, was er war, die ihr ganzes Leben für seine Karriere geopfert hatte, für eine gestörte kleine Nutte wie Tanjy Powell über Bord werfen. Das konnte Lauren nicht dulden.

Wenn Tanjy Vergewaltigungen so erregend fand, sollte sie bekommen, was sie verdiente.

Ungerührt hatte sie zugesehen, wie Tanjy, nackt an den Zaun gefesselt, litt. Als die Medien über sie herfielen, beendete Dan die Affäre endlich. Lauren war überglücklich. Endlich hatte sie ihre Welt wieder unter Kontrolle. Sie unternahm alles, um Dan einen lukrativen Job weit weg von Duluth und Tanjy Powell zu besorgen.

Alles lief wie geschmiert – bis Tanjy in jener Nacht bei ihr anrief und behauptete zu wissen, wer sie vergewaltigt hatte.

Lauren erfüllte eine tödliche Ruhe. Sie stand an einem Kreuzweg. Die Wahrheit durfte niemals herauskommen. Tanjy sollte keine Gelegenheit haben, Dan wieder in ihre Fänge zu bekommen. Also behauptete sie, Dan sei draußen auf dem See. Sie wusste, dass Tanjy noch in derselben Nacht hinausfahren würde, um mit ihm zu reden und ihn zu verführen. Aber an Dans Stelle würde Lauren dort auf sie warten.

Um sie zu töten. Nicht nur, um das Geheimnis zu wahren, sondern um sie ein für alle Mal aus Dans Gedanken zu löschen. Sie wusste, dass sie es tun konnte.

Dumme, kleine Tanjy. Der Witz war, dass Tanjy den Falschen verdächtigte. Aber als sie Billy Deed in dem Byte-Patrol-Van hinter ihnen auftauchen sah, gab es kein Zurück mehr.

Und so sagte Lauren ihr die Wahrheit.

»Ich war es, du perverse Schlampe.«

Als sich Tanjy zur Flucht wandte, entlud sich Laurens ganze Wut in einem einzigen Schlag. Einer war genug. Tanjy sank zu Boden und starb. Kaltblütig? Bestimmt nicht. Sie brannte vor Leidenschaft.

Aber alles hatte seinen Preis. Das hatte sie von ihrem Vater gelernt. Von ihrem Vater, der sich überall durchlavierte und bereit war, seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Doch irgendwann kam immer der gerechte Ausgleich.

So wie jetzt.

Immerhin fühlte sie keinen Schmerz. Nicht mehr. Medizinisch betrachtet war es vermutlich ein Endorphinrausch ihres todgeweihten Körpers, aber ein wunderbarer Frieden erfüllte sie auf ihrem Weg durch die Nacht.

Sie fühlte nichts, nicht einmal, als der Lexus an den warnenden Flaggen vorbei auf das dünne Eis hinausschoss und einbrach. Der Aufprall war so heftig, dass der Airbag auslöste, aber sie spürte nichts.

Als die Luft aus dem Airbag entwich, bemerkte sie die burgunderroten Flecken auf dem Luftsack. Es sah aus, als hätte sie eine Flasche Rotwein darüber gekippt.

Der Lexus dümpelte träge im Wasser. Da der Wagen praktisch schalldicht war, hörte sie kaum, wie das Eis brach und unter ihr nachgab. Eisiges Wasser sickerte in den Fußraum, doch auch das fühlte sie nicht. Sie wusste, dass sie die Tür hätte öffnen sollen, aber ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Tanjy war aus dem See aufgetaucht, in dem sie nun versank. Der gerechte Ausgleich. Tod um Tod.

Das Wasser stieg ihr bis zur Taille, bedeckte ihre Brüste, ihren Hals. Dann trieb sie im Wagen, der nun unter der Oberfläche verschwand. Es gab weder See noch Sturm noch Schnee für sie, nur die kalten, nassen Hände des Teufels, die nach ihr griffen. Ihre Lungen rebellierten, als wollten sie nicht mit dem Rest ihres Körpers sterben, doch bald ergaben sie sich in das Unausweichliche und überließen sich mit dem nächsten Atemzug dem Wasser.

Sie dachte flüchtig daran, dass der See bis zum Morgen wieder zufrieren würde. Ob man je erfahren würde, was aus ihr geworden war? Sie würde einfach nur weg sein.

Armer Dan. Er würde das Auto vermissen.