Drei Monate später
Austin
Seit einer Woche schlief er unglaublich schlecht, und seine Hände zitterten wie verrückt. Auf der Autofahrt, während des Fluges, und während einer weiteren Fahrt in einem Taxi.
Er war nur noch ein Häufchen Elend, und als sie endlich die neurologische Abteilung der Mayo Clinic Minnesota
erreichten, war er in Schweiß gebadet und konnte kaum noch geradeaus laufen.
Gabes Hand schlang sich in seine und er blieb abrupt stehen. »Beruhige dich«, sagte er mit seiner tiefen, warmen Stimme. Er sah Austin in die Augen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Du bist perfekt, so wie du bist. Nichts, was wir heute erfahren, wird irgendetwas ändern. Nicht an dir, nicht an mir und sowieso nicht an uns, okay? Hast du mich gehört?«
Austin nickte automatisch, zu mehr war er nicht in der Lage. Sie meldeten sich an und mussten noch ein paar Minuten warten, bis sie zu Dr. Knight gerufen wurden, der sie wie auch die letzten Male sehr freundlich begrüßte.
Austin hatte die Klinik in den vergangenen Wochen mehrmals aufgesucht. Neben einer Blutentnahme und einer Speichelprobe, zur Untersuchung seiner DNA, hatte er auch eine Kernspintomografie hinter sich gebracht, die ihn ziemlich aus der Bahn geworfen hatte.
Ihm wurden während einer gefühlten Ewigkeit Zusammensetzungen aus Buchstaben und Wörtern vor Augen abgespielt und gleichzeitig die Funktionstätigkeit seines Gehirns kontrolliert.
Noch immer konnte Austin die Angst nicht abschütteln, dass Dr. Knight und seine Assistenten rein gar nichts gefunden hatten, dass mit seinem Gehirn alles in Ordnung und er wirklich einfach nur dumm war.
Was, wenn der Arzt ihm gleich hochoffiziell Dummheit bescheinigen würde?
Sie setzten sich dem Mann gegenüber, der ein paar Klicks an seinem Computer machte und sich dann ihnen zuwandte. Er faltete seine Hände auf dem Tisch, seine blauen Augen waren klug und unverwandt auf Austin gerichtet, dann lächelte er.
»Was wollen Sie hören?«
»Alles«, sagte Gabe an seiner Stelle mit fester Stimme, weil Austin kein Wort herausbracht. »Wir sind bereit für alles.«
Austin fühlte sich, überhaupt nicht bereit, rang sich aber zu einem Nicken durch.
»Gut. Wie ich Ihnen schon erklärt habe, können wir anhand ihres genetischen Protokolls nur Vermutungen anstellen, inwieweit Genmutationen für Ihre Dyslexie verantwortlich ist. Es gibt Marker in ihrem Profil, die erfahrungsgemäß bei
Ihren Symptomen häufiger gefunden werden.« Dr. Knight verstummte und sah Austin einen langen Moment an.
Was bedeutete das? Waren die Gene schuld? Oder doch seine Dummheit? Austin schluckte schwer, Gabe drückte seine Hand.
»Während der Kernspintomografie haben wir jedoch deutliche Veränderungen in der Informationsverarbeitung der für das Lesen und Schreiben nötigen Gehirnareale wahrgenommen. Sie mögen ein fantastisches Gedächtnis haben und sich die erstaunlichsten Spielzüge ausdenken können, doch wenn es ums Lesen und Schreiben geht, hat Ihr Gehirn offenbar andere Pläne mit Ihnen.«
Austin schluckte. Tränen traten ihm in die Augen, weil er einfach nicht wusste, was das zu bedeuten hatte. War er zwar ein guter Footballspieler, ansonsten aber ein kompletter Vollidiot?
»Und zuletzt liegt mir auch noch die Auswertung Ihres Intelligenztests vor.«
»Ich kann das nicht«, sagte Austin. Es war eine hirnrissige Idee gewesen, diesen Test zu machen, er hätte sich das überhaupt nie in den Kopf setzen dürfen. Er erhob sich und wollte aus dem Raum stürmen, doch Dr. Knights Stimme hielt ihn zurück.
»Es freut mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie mit einem Intelligenzquotienten von 133 als hochbegabt eingestuft werden. Nicht, dass ich jemals daran gezweifelt hätte. Dennoch würde es mich freuen, wenn dieser Wert Sie von all Ihren Ängsten befreit, die Sie im Moment mit sich herumtragen.«
Austin blieb stehen. Er konnte nicht dagegen tun, dass sein Kinn zitterte und er nicht länger die Kontrolle über seinen Körper besaß. Tränen brannten in seinen Augen, sein Hals war trocken und er brachte kein Wort hervor.
Gabe trat zu ihm und umarmte ihn. »Ich wusste es immer, Liebling. Ich hatte nie einen Zweifel daran.«
»Aber …« Austin schluchzte auf, als ihm klar wurde, was dieser Wert für ihn bedeutete. »Aber …«, sagte er wieder.
»Ich rate sonst all meinen klugen Patienten dazu, sich nicht zu sehr über ihren IQ zu identifizieren, doch ich denke, dass ich in Ihrem Fall eine Ausnahme machen kann.« Dr. Knight lächelte. »Ihre Intelligenz hat rein gar nichts mit ihrer Lese- und Schreibfähigkeit zu tun. Es ist eine große Leistung, Ihr Defizit über so viele Jahre im Verborgenen gehalten zu haben, aber ich denke, dass es eine ebenso große Erleichterung sein wird, nichts mehr verbergen zu müssen.
Ihre Dyslexie gehört genauso zu Ihnen wie Ihre Intelligenz. Ich denke, es ist an der Zeit, beiden Teilen in Ihnen den Raum zu geben, den sie benötigen. Ich bin mir sicher, Sie werden eine gute Lösung finden.«
Austin nickte unter Tränen. Er presste die Lippen aufeinander und erwiderte Gabes feste Umarmung, bis er das Gefühl hatte, nicht mehr im nächsten Moment zusammenbrechen zu müssen.
»Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie weiterhin Teil unseres Forschungsprogramms sein würden. Vor allem, wenn Sie mit der Therapie beginnen sollten, wovon ich ausgehe.«
Austin nickte. Gabe und er hatten das Netz durchsucht, um geeignete Therapeuten zu finden, und waren auf einen Arzt in der Nähe von New York gestoßen, bei dem sie in der nächsten Woche ein Erstgespräch haben würden.
»Wenn wir den Verlauf ihrer Hirnfunktion aufzeichnen, bekommen wir ein besseres Bild davon, wie die Dyslexie funktioniert, was hilft und was auch nicht.«
Der Arzt kam lächelnd um seinen Schreibtisch herum. Sie verabschiedeten sich voneinander, und Dr. Knight hielt Austins Hand länger als nötig fest, während Gabe schon das Büro verlassen hatte. »Zweifeln Sie niemals an sich, Mr. Perkins. Ihre Gene haben Ihnen zwei Geschenke überreicht. Das der
Leichtigkeit und das der Demut. Nehmen Sie beide an.« Er klopfte ihm auf die Schulter und entließ ihn.
Als Austin zu Gabe trat, fühlte er sich leicht wie noch nie. Er war nicht dumm, das hatte er nun schwarz auf weiß. Er war sogar überdurchschnittlich intelligent, nur …
Sein Blick heftete sich auf zwei Personen, die in genau diesem Moment von ihren Stühlen aufstanden und jetzt langsam auf sie zukamen. Austin blinzelte. »Was machen meine Eltern hier?«
Gabe zuckte mit den Schultern. »Du hättest dem niemals zugestimmt, aber ich glaube … es ist wichtig, dass sie heute hier sind, Austin. Bei dir.« Gabe küsste ihn auf die Wange. »Du bist nicht mehr allein, und wer, wenn nicht deine Eltern, sollten am heutigen Tag hier sein?«
»Aber … was soll ich Ihnen sagen?« Austin zitterte schon wieder. Mächtig und klug kamen seine Eltern auf ihn zu. Seine Mutter klammerte sich an den Riemen ihrer Handtasche und lächelte das wackligste Lächeln aller Zeiten, während sein Vater sich immer wieder räusperte.
Er war nicht allein mit seiner Nervosität und seinen Zweifeln, stellte Austin plötzlich fest. Diese Erkenntnis gab ihm einen Teil seiner Fassung zurück.
»Hallo Mom, hallo Dad«, sagte er. Ihr letztes Wiedersehen lag eine Ewigkeit zurück, und er wusste nicht, was er sagen sollte.
»Gabe hat uns gebeten, herzukommen«, sagte seine Mutter Carol. »Danke dafür.« Sie lächelte Gabe dankbar an und der lächelte zurück.
»Was ist rausgekommen?«, fragte sein Vater jetzt. Er rang seine Hände ineinander und wirkte nervös und unsicher.
»Ich habe Dyslexie«, sagte Austin schließlich ganz ruhig. »Ich kann nicht lesen und kaum schreiben.« Er hielt inne und wartete, ließ zu, dass all seine Ängste in ihm emporstiegen, sich
zu einem Sturm zusammenbrauten, um ihn – mal wieder – in Stücke zu reißen. Er würde sich davon erholen. So wie immer.
Seine Mutter schlug die Hand vor den Mund, in ihren Augen schimmerten Tränen und sie schüttelte fassungslos den Kopf. Sein Vater neigte nur den Kopf. Vielleicht berechnete er im Kopf gerade wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass ein Kind von hochintelligenten Menschen an Dyslexie litt.
»Aber … wie kann das sein?«, fragte Carol schließlich. »Wie kann es sein, dass wir nie etwas davon bemerkt haben? Du hast Vorträge geschrieben und Tests, wie kann das alles …« Ihre Stimme versiegte.
Austin zuckte mit den Schultern. »Ich habe gelogen. Und betrogen, habe andere Schüler dafür bezahlt, dass sie für mich mitarbeiten. In der Highschool habe ich sogar einen Lehrer geschmiert, damit er mich nicht durchfallen lässt. Ich habe ihm seinen Sommerurlaub in Europa finanziert.«
»Ich will sofort seinen Namen haben«, brummte sein Vater.
»Das ergibt keinen Sinn«, sagte Carol wieder. »Warum hast du nie etwas gesagt?«
»Weil mir nie klar war, dass es eine Krankheit sein könnte. Ich wusste nur, dass ich nicht kann, wozu praktisch alle Menschen auf der Welt in der Lage sind, und das als Sohn von zwei Raketenforschern.« Austins Hals wurde eng. »Ihr seid so unfassbar klug und ich kann nicht mal lesen.«
»Ich hätte es bemerken müssen. Was bin ich für eine Mutter, dass ich das nicht gesehen habe?« Carol kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche hervor und tupfte sich damit die Augen ab. »Es tut mir leid, Liebling, dass wir es nicht bemerkt haben, wir …«
Austin trat zu seiner Mutter und umarmte sie. Das erste Mal seit Jahrzehnten umarmte er ihren zierlichen, schmalen Körper und hielt sie fest. Himmel, woher hätte er auch wissen sollen, dass sich eine simple Umarmung so gut anfühlte?
»Du musst dir keine Schuld geben, Mom. Ich habe alles dafür getan, damit niemand hinter mein Geheimnis kommt. Außerdem bin ich anscheinend auch Teil des Hochbegabten-Clubs in unserer Familie, ihr hattet also keine Chance, es rauszubekommen.«
»Was heißt das?«, fragte sein Vater irritiert.
»133«, warf Gabe vergnügt ein. »Einfach so hochbegabt.«
Carol schnaubte. »Als ob mein Sohn dumm wäre.«
Du hast ja keine Ahnung, Mom.
Doch Austin entschied, dass er diesen Gedanken für heute wegschieben wollte. Heute wollte er sich nicht mehr seinen Zweifeln und Ängsten hingeben, sondern einfach nur das Gefühl haben, dass er okay war, so unperfekt das auch sein mochte.
Seine Mutter machte plötzlich große Augen. »Moment mal, wie konntest du dann all die Bücher lesen, die ich dir empfohlen habe?«
Austin lächelte. »Hörbücher. Außerdem habe ich ein cooles Programm, das mir aus Büchern vorliest, die es noch nicht als Hörbücher gibt.«
»Um Himmels willen …«
»Aber ich habe gelogen. Ich mochte Herr der Fliegen
nicht. Was für eine schreckliche Geschichte.«
Seine Mutter lachte unter Tränen auf und umarmte ihn wieder, während sein Vater brummte, dass er mit dem Buch auch nichts anfangen konnte, aber um des lieben Friedens willen nie etwas gesagt hatte.
Austin lächelte, ließ sich von seinen Eltern halten und spürte Gabe, der ihm kurz über den Rücken strich.
Ich bin da für dich.
Du bist genug.
Für dich, für mich, für uns.
Ende