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Alser Straße, Palais von Krause

Seit Minuten war das Ticken der Standuhr das einzige Geräusch im Esszimmer der Wohnung im dritten Stock des Palais von Krause. Noch vor zwanzig Jahren war das gesamte Gebäude im Besitz der Familie gewesen. Doch dann hatte Gottfried von Krause riesige Waldgebiete, zwei Zinshäuser und den Rest des Palais durch Spekulationen verloren. Als das Vermögen weg war, hatte er das Zeitliche gesegnet und seine Witwe und den gemeinsamen Sohn mit einem Haufen Schulden zurückgelassen. Mittlerweile waren alle Verbindlichkeiten getilgt, und übrig geblieben war eine Wohnung in einer der vornehmsten Gegenden Wiens. Stattliche vierhundert Quadratmeter teilte sich Max von Krause mit seiner Mutter Adele und Hedwig, der einzigen Hausangestellten, die noch für sie arbeitete. Dass ihr Schicksal weitaus schlimmer hätte ausfallen können, tröstete Adele von Krause nicht. Auch dass ein paar Straßenzüge weiter siebenköpfige Familien auf Zimmer, Küche hausen mussten, war ihr egal. Von Kindheit an waren Reichtum und Einfluss für sie selbstverständlich gewesen, den finanziellen Abstieg wollte sie nicht akzeptieren. Und so gelang es ihr, trotz geschrumpften Wohlstands ihren Einfluss in der Wiener Gesellschaft nicht zu verlieren. Nach wie vor gehörte sie zu den wenigen alleinstehenden Frauen Wiens, die bei keiner wichtigen Veranstaltung fehlen durften. Ihre Beliebtheit war Adele von Krauses Attraktivität und ihrem Charme geschuldet. Lud man sie zu einem Kultursalon, einer Soiree oder einer Tanzveranstaltung ein, konnte man sicher sein, dass der Abend ein Erfolg wurde. Niemand verstand es besser als sie, Menschen zusammenzuführen und zu unterhalten.

Ihr Sohn Max von Krause saß ihr nun gegenüber und musterte seine Mutter. Wie immer war sie tadellos gekleidet, perfekt frisiert und dezent geschminkt. Ihre Körperhaltung war trotz ihrer Schmerzen in den Gelenken und starken Rheumas kerzengerade. Niemals würde sie Schwäche zeigen.

»Du hast wieder einmal nichts gegessen«, tadelte sie ihren Sohn.

»Bröselkarfiol gehört nicht zu meinen Lieblingsgerichten.«

Dreimal pro Woche gab es dieses Armeleuteessen im Palais, gekochten Karfiol, den man in angerösteten Semmelbröseln wälzte. Allein vom Geruch wurde Max übel. Seine Mutter sparte beim Essen und gab das Geld, das ihr zur Verfügung stand, lieber im Café Français aus oder für einen Fiaker, wenn sie eine ihrer Freundinnen besuchen wollte.

Mit gerümpfter Nase schob Max den Teller von sich.

»Würdest du einer Arbeit nachgehen, die deiner Ausbildung entspricht, dann könnte Hedwig etwas anderes für uns kochen.«

Da war er wieder, der Vorwurf, den Adele von Krause in regelmäßigen Abständen aussprach. Sie konnte und wollte nicht verstehen, warum Max Polizeiagent war, wo er als Jurist doch genauso gut in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeiten oder Notar werden könnte. Stattdessen quälte er sich Tag für Tag mit primitiven Kriminellen und einem völlig unqualifizierten Vorgesetzten herum, der die Stelle eines Oberkommissars nur deshalb innehatte, weil sein Schwiegervater der Schwager des Polizeipräsidenten war.

»Was ich tue, ist von großer Wichtigkeit«, sagte Max bestimmt. »Ich sorge Tag für Tag dafür, dass Wien eine sichere Stadt ist, in der man sich angstfrei bewegen kann!« Seit er sich zurückerinnern konnte, war Polizeiagent sein Traumberuf gewesen. Schon als kleiner Junge hatte er die Männer des Kaisers bewundert, die Verbrecher zur Strecke brachten. Max ahnte, dass sein Sinn für Gerechtigkeit etwas mit der Unehrlichkeit seines Vaters zu tun hatte. Doch darüber mit seiner Mutter zu sprechen hätte bloß alte Wunden aufgerissen.

»Ha, dass ich nicht lache!« Adele von Krause faltete die feine Stoffserviette und legte sie zur Seite. Auch sie hatte kaum etwas vom Gemüse auf ihrem Teller gegessen. »Wien wird niemals eine sichere Stadt werden. Es ist ein Moloch, eine Ansammlung von Kriminellen. Aus allen fünfzehn Kronländern kommen sie zu uns, in der Hoffnung auf Wohlstand. Und wenn sie ihn durch brave Arbeit nicht kriegen, dann fangen sie zu stehlen an.«

Max verdrehte die Augen. Immer wieder führte er mit seiner Mutter diese Diskussion. Sie war fest davon überzeugt, dass Menschen aus Galizien, Böhmen und Mähren, aus Serbien und Kroatien das Verbrechen nach Wien brachten. Es mochte ja stimmen, dass so mancher Taschendieb oder Kleinkriminelle nur gebrochen Deutsch sprach, aber die wirklichen Verbrecher, jene, die sich an der Not der ungebildeten Menschen bereicherten, waren Leute aus den höheren Schichten der Gesellschaft. Fabrikbesitzer, die ihre Arbeiter für einen Hungerlohn schuften ließen, Miethausbesitzer, die für feuchte, schimmlige Löcher viel Geld verlangten, oder Bordellbesitzer, die mit Mädchenhandel reich wurden. Gerade eben hielt ein Prozess Wien in Atem. Angeklagt war eine gewisse Regine Riehl, die als angesehene Bürgerin galt und in ihrem Bordell junge Prostituierte wie Gefangene gehalten hatte. Wenn auch nur die Hälfte dessen stimmte, was die Mädchen erzählten, würde man einem ganzen Ring von Menschenhändlern das Handwerk legen müssen.

»Da du von deinen aberwitzigen Ideen niemals ablassen wirst, habe ich beschlossen, selbst dafür zu sorgen, dass wir wieder zu den finanziellen Mitteln gelangen, die uns zustehen.«

Erstaunt hob Max die schwarzen Augenbrauen. Sie hatten die gleiche Farbe wie sein dichtes, struppiges Haar und passten zu den dunkelbraunen Augen.

»Willst du etwa reich heiraten?«, fragte er amüsiert.

»Ich nicht«, sagte seine Mutter kopfschüttelnd. »Für derlei Abenteuer bin ich reichlich zu alt.«

»Seit wann fühlst du dich für irgendetwas zu alt?« Erst letzte Woche hatte seine Mutter eine Landpartie auf den Tivoli mitgemacht und dort fröhlich das Tanzbein geschwungen.

»Na, ich werde doch nicht noch einmal zusehen, wie mein Gatte sich in fremden Betten vergnügt. Davon habe ich nach der Ehe mit deinem Vater genug.«

»Nicht alle Ehemänner betrügen ihre Frauen«, widersprach Max, auch wenn er seine Mutter verstehen konnte. Es gab kaum eine Frau in Wien, in deren Bett Gottfried von Krause nicht gelegen hatte. Max wollte sich nicht ausmalen, wie viele Halbgeschwister er hatte, von denen er nichts wusste.

»Die halbwegs Attraktiven tun es«, entgegnete Adele von Krause. »Nein danke, von der Ehe habe ich genug.« Seit dem Tod ihres Ehemanns genoss sie die Freiheiten, die ihr das Dasein als Witwe bescherte. »Aber es wird höchste Zeit, dass du selbst in den heiligen Stand der Ehe eintrittst und dafür sorgst, dass der Name von Krause nicht ausstirbt.« Bei diesen Worten richtete sie ihren Zeigefinger auf Max. Der verschluckte sich an dem winzigen Brösel, das noch in seiner Kehle steckte, und musste husten.

»Nimm einen Schluck Wasser!« Adele von Krause schob ihm Krug und Glas entgegen. Doch Max winkte ab. Er hatte das Brösel weggehustet und richtete sich mit geröteten Wangen wieder auf.

»Es kann dich wohl kaum überraschen, dass ich diesen Wunsch äußere«, fuhr seine Mutter unbeirrt fort. »Du hast die dreißig überschritten.«

»Ja und? Es gibt Männer, die werden mit fünfzig noch Vater.«

»Mach dich nicht lächerlich, Max. Du wirst doch nicht als Tattergreis mit Stock deinem Kind hinterherlaufen wollen.« Adele verzog den Mund. »Außerdem möchte ich noch zu meinen Lebzeiten Großmutter werden. Das wirst du mir wohl nicht verwehren.«

»Du hast noch viele Jahre vor dir.«

Adele winkte ungeduldig ab. »Keine Widerrede. Ich habe bereits mehrere junge Damen im Visier.«

Fassungslos starrte Max seine Mutter an. »Du hast was?«

»Im Moment kommen drei in die engere Wahl«, erklärte Adele so seelenruhig, als würde sie eben die Zutaten eines Rezepts aufzählen. »Katharina von Bernstein, ihr Vater ist Bankier. Gertrude Rothenberg, sie stammt aus einer Unternehmerfamilie, den Rothenbergs gehören mehrere Kaufhäuser und Fabriken in und rund um Wien. Und Sibille von Aehrenthal.« Adeles Gesicht hellte sich auf. Offenbar war diese junge Dame in ihren Augen die ideale Schwiegertochter.

»Die Tochter des Außenministers?« Max glaubte, sich verhört zu haben.

»Ebendie«, bestätigte Adele. »Die Familie hat Geld wie Heu, trotzdem ist es nicht einfach, fünf Töchter standesgemäß unter die Haube zu bringen. Sibille ist die jüngste der jungen Damen. Niemals würde Aehrenthal einen einfachen Kommissar als Schwiegersohn akzeptieren.«

Es fiel Max schwer, der Logik seiner Mutter zu folgen. Von seinem Adelstitel abgesehen, war er ein einfacher Kommissar.

»Der Außenminister würde dafür sorgen, dass du die Karriereleiter hinaufpurzelst. Und zwar gleich um mehrere Stufen.« Zufrieden rieb sich Adele die Hände. »Auf diese Weise wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.« Sie schien von ihrer Idee begeistert.

»Vergiss es!« Ungehalten schnitt Max seiner Mutter das Wort ab. Genau in diesem Moment klopfte es an der Wohnungstür.

Es dauerte ein wenig, bis Hedwig öffnete, die Haushälterin war nicht mehr die Jüngste. Alle ihre Bewegungen waren langsam und bedächtig. Als sie ein paar Minuten später mit einem jungen Mann im Schlepptau ins Esszimmer kam, war Max erstaunt und erleichtert zugleich. Es war der Polizeidiener Carel Novak. Der fleißige junge Mann war noch nie zu Max nach Hause gekommen, es musste sich also um eine äußerst dringende Angelegenheit handeln. Eine, die keinen Aufschub duldete und Max die Fortführung dieser unerfreulichen Unterhaltung ersparte.

»Guten Abend!« Carel knüllte seine Stoffmütze zusammen und schaute verlegen zu Boden. »Ich bitt um Entschuldigung. Aber es ist ein Verbrechen passiert, bei dem wir Sie brauchen. Der Oberkommissar Sobotka hat mich geschickt.«

»Dieser aufgeblasene, lächerliche Zwerg!«, schnaufte Adele von Krause verärgert. »Was bildet er sich ein? Soll er doch einmal selbst sein Hinterteil erheben und nach Verbrechern suchen. Ständig lässt er andere arbeiten und streicht dann die Lorbeeren ein.«

Erstaunt ob der beleidigenden Worte hob Carel den Kopf und errötete.

Max tat so, als hätte er die Bemerkung seiner Mutter nicht gehört. Ohne Bedauern stand er auf.

»Mutter, du entschuldigst mich. Die Pflicht ruft.«

War es verwerflich, Erleichterung zu verspüren, weil ein Verbrechen verübt worden war? Schnell, bevor seine Mutter noch weitere Beschimpfungen von sich geben konnte, verließ er das Speisezimmer und eilte förmlich aus dem Palais.

Verdattert folgte ihm Carel.