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Ratzengrund, Wohnung der Feigls

Lili war mit ihren Gedanken schon wieder beim Entwurf der Halskette. Aber auch sonst hätte sie den windschiefen Häusern, ihrem abbröckelnden Verputz, den Wäscheleinen, die von einem Fenster zum anderen gespannt waren, oder den zahlreichen Plakaten, die auf den Hauseingängen und in den schimmligen Durchhäusern hingen, keine Beachtung geschenkt. Die vielen übereinandergeklebten Papierschichten vermittelten den Eindruck, als stützten sie die baufälligen Baracken. Würde man sie abnehmen, fiele das poröse Mauerwerk zusammen wie ein Kartenhaus.

Lili war die Armut am Ratzengrund gewöhnt. Nirgendwo anders in der Stadt war die Not so deutlich sichtbar wie hier. Ausgemergelte Frauen mit leeren und müden Gesichtern, Kinder, die mit schmutzverschmierten, eingefallenen Wangen auf der Straße spielten, Männer, die in Hauseingängen hockten und sich mit dem bisschen Geld, das sie als Tagelöhner verdienten, den Verstand wegsoffen. Sie alle gehörten hierher wie die feinen Damen mit ihren Gesellschafterinnen auf die Flaniermeile der Wiener Ringstraße, die Gigerl mit ihren modischen Anzügen auf die Trabrennbahn oder die Leutnants und Oberleutnants in ihren schicken Uniformen in den Prater. Für jeden Wiener gab es seinen eigenen Platz. Arbeiter und Dienstboten waren in den feinen Gegenden nur dann erwünscht, wenn sie für wenig Lohn viele Stunden lang schufteten. Lili war am Ratzengrund aufgewachsen. Zwischen Fabrikarbeiterinnen, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben verdienten. Zwischen Männern, die den Kanal räumten und stanken wie der Leibhaftige, zwischen kleinen Gaunern, Trickbetrügern und anderem Gesindel, das es mit der Ehrlichkeit genauso wenig genau nahm wie Franz Feigl.

Geschickt wich Lili zwei Buben aus, die um ein paar Glaskugeln rangelten, umrundete einen Kesselflicker sowie einen Binkeljud, der gegen ein paar Münzen alte Kleider aufkaufte. Hier würde er allerdings nicht fündig werden, es gab nichts, was die Menschen am Ratzengrund entbehren konnten. Selbst alte Ausreibfetzen wurden so lange verwendet, bis sie sich regelrecht auflösten. Dann bog Lili in den Durchgang ein, wo eine schmale Treppe nach oben führte und sie schließlich zu dem Haus brachte, in dem sie wohnte.

Kaum hatte sie den Hof betreten, rannten zwei Kinder auf sie zu. Es waren die dreijährige Mimi und der fünfjährige Fritz. Ihre Mutter Grete musste wohl wieder länger in der Hutfabrik arbeiten, weshalb Christl, die Frau des Messerschleifers, nicht mehr auf sie aufpassen konnte. Sobald ihr Mann heimkam, verlangte er, dass Christl sich ausschließlich ihm widmete. Dass Christl von Grete für das Hüten der Kinder bezahlt wurde, wusste er nicht und durfte es auch nie erfahren. Wer einmal Christls Gesicht gesehen hatte, nachdem sie ihrem Mann widersprochen hatte, wagte es nicht, sie zum Widerstand zu ermutigen.

»Lili, hast du etwas zum Essen dabei?« Mimi umarmte Lili und schielte dabei in ihren Korb. Das Mädchen hatte auffallend hellblaue Augen, die in dem viel zu schmalen, schmutzverschmierten Gesicht noch größer erschienen. Ihr blondes Haar war zu verfilzten Zöpfen geflochten. Auch Fritz bedachte Lili mit einer Umarmung, die aber nicht ganz so stürmisch ausfiel. Für seine fünf Jahre war er viel zu ernst und abgeklärt. Das Leben verlangte von ihm, jetzt schon Verantwortung zu tragen wie ein Erwachsener. Trotz der niedrigen Temperaturen hatten beide Kinder keine Schuhe an.

Lili stellte den Korb am Boden ab. »Lasst mich mal nachschauen«, meinte sie geheimnisvoll. Sie hatte zwei von Fannys Zimtschnecken wie nebenbei zur Seite geschoben und dann in ihren Korb gepackt. Es war niemandem aufgefallen, schließlich hatte es zu Mittag schon Eierschwammerl gegeben. Die Frauen in der Wiener Werkstätte kannten die Art von Hunger nicht, der so wehtat, dass man an nichts anderes mehr denken konnte.

Lili holte eine zusammengebundene Stoffserviette aus dem Korb und hielt sie hinter dem Rücken versteckt. »Ratet, was ich für euch habe!«

»Eine Semmel?«, fragte Mimi. Die Augen glänzten voll Vorfreude.

»Besser!«, meinte Lili.

»Einen Apfel?«, riet Fritz.

»Noch besser!« Lili freute sich schon auf die Gesichter, wenn die Kinder sahen, welche Schätze sie ergattert hatte.

»Besser als eine Semmel und ein Apfel?« Mimi steckte den schmutzigen Zeigefinger zwischen die Lippen und kaute am Nagel. Sanft nahm Lili ihr die Hand vom Mund. Sie hatte selbst jahrelang Nägel gekaut. Manchmal, wenn sie nervös war, tat sie es immer noch.

»Vielleicht ein Stück Käse oder Wurst?«, versuchte es Fritz.

Lili holte das Binkerl hervor und öffnete es. »Zimtschnecken.«

Einen Augenblick waren beide Kinder still. Ehrfürchtig sahen sie auf das gedrehte Gebäck, das mit Zuckerguss überzogen und mit einer Zimt-Nuss-Mischung gefüllt war.

»Die sind für uns?«, fragte Mimi.

»Ja, greift zu«, sagte Lili. Es fühlte sich gut an, großzügig sein zu können. Bestimmt hätten Helene oder Fanny sie jetzt gerügt und gemeint, dass Kinder vor dem Abendessen nichts Süßes bekommen sollten. Aber zum einen wusste Lili nicht, ob Grete vorgekocht hatte, und zum anderen kannte sie das Gefühl eines knurrenden Magens nur zu gut. Da hieß es: Iss! Egal was und egal wann. Was man einmal im Bauch hatte, konnte einem niemand mehr wegnehmen.

Mimi langte als Erste zu, dann nahm auch Fritz eine Schnecke. Lili faltete ihr Tuch zusammen und legte es wieder in den Korb. Franz Feigl würde sich mit dem Stück Brot zufriedengeben müssen, das noch darin lag.

Die Kinder hielten die Schnecken vor sich wie kostbaren Schmuck. Vorsichtig schnupperten sie daran. Lili wünschte, sie hätte die Verzückung in ihren Augen festhalten können. Was hätte sie jetzt für einen dieser modernen Apparate gegeben, mit denen man Bilder von Menschen machen konnte, ohne sie zu zeichnen. Fotografie hieß die Technik und war für Lili so exotisch wie das Wort selbst. Aber da sie keinen Apparat besaß und wohl auch nie einen in die Hand bekommen würde, musste sie die Freude in den Kindergesichtern in ihrer Erinnerung verankern. Vielleicht konnte sie den Anblick irgendwann wieder aufrufen und in einer Zeichnung festhalten.

»Ist eure Mama zu Hause?«, fragte Lili.

Mimi zupfte ein kleines Stück von der Zimtschnecke und schob es sich in den Mund. Sie nickte.

Fritz wartete noch mit dem Anbeißen. Er genoss es, an dem Gebäck zu riechen. Immer noch schien er nicht glauben zu können, dass er es allein essen durfte.

»Mama hat uns in den Hof geschickt. Wir dürfen erst raufkommen, wenn sie wieder allein ist.«

»Oh, ich verstehe.« Lili fragte nicht weiter nach. Es kam nur selten vor, dass Grete ihre Freier mit nach Hause nahm. Wenn Mizzi Horvath, die Vermieterin, davon Wind bekam, würde sie die doppelte Miete verlangen. Grete musste einen gut zahlenden Kunden haben, sonst würde sie das Risiko niemals eingehen.

»Dürfen wir zu dir kommen?«, fragte Fritz. »Wir sind schon den ganzen Nachmittag im Hof. Die anderen Kinder sind alle schon zu Hause. Vorhin ist die alte Misthexe vorbeigekommen. Vor der haben wir Angst.«

Die Frau, die die Kinder Misthexe nannten, war Erna, eine Lumpensammlerin, von der niemand wusste, wo sie wohnte. Auch ihr Alter kannte man nicht. Ernas Gesicht war stets zur Hälfte mit einem alten Fetzen verdeckt. Zum einen, weil sie sich ihres Aussehens schämte, zum anderen, um sich gegen den Gestank zu schützen, der sie ständig umgab. Erna lief seit Jahren mit ihrer Butte durch die Stadt und krächzte mit tiefer Stimme: »Haderlump, Baner Glas!« Sie verkaufte ihre Ware an Seifensieder und Papierhersteller. Frauen wie Erna waren nicht gefährlich, dennoch flößten sie Kindern Angst ein. Lili konnte das gut verstehen. Auch sie war als Kind den Haderlumpensammlern ausgewichen.

»Wie spät ist es eigentlich?« Lili stellte sich diese Frage selbst, denn die Kinder konnten sie ihr nicht beantworten. Aber es musste schon recht spät sein, denn sie war am Heimweg dem Laternenanzünder mit seiner Leiter begegnet. Der Ratzengrund war eine Gegend, in der es nur wenige Gaslaternen gab, und die wurden erst entzündet, wenn der Rest der Stadt bereits beleuchtet war. Lili schätzte, dass es schon nach neun war. Höchste Zeit für junge Kinder, ins Bett zu gehen. Selbst für solche, die am Ratzengrund zu Hause waren.

»Kommt mit«, schlug sie vor.

Nur zu gern nahmen die Kinder das Angebot an. Mimi legte ihre kleine, vom Zucker der Schnecke klebrige Hand in die von Lili. Fritz nahm ihr ritterlich den Korb ab und trug ihn die enge, knarrende Holzwendeltreppe hinauf. Die Tür zu Gretes Wohnung war geschlossen, die Vorhänge des Fensters neben der Tür vorgezogen. Grete war also noch bei der Arbeit.

Mimi und Fritz liefen die Stufen kommentarlos weiter hoch, erst am Dachboden machten sie halt.

»Soll ich klopfen?«, fragte Fritz.

»Nicht notwendig«, meinte Lili. »Mach einfach auf.«

Fritz ergriff die Klinke, aber die Tür war verschlossen. »Geht nicht«, sagte er.

Lili stöhnte innerlich. Der Vorsatz ihres Vaters, noch ein paar Tage nüchtern zu bleiben, war also schon wieder vergessen. Wenn Franz Feigl abends noch einmal wegging, bedeutete das immer, dass er ein Beisel am Spittelberg aufsuchte. Lili fragte sich, welcher Wirt ihm noch Fusel ausschenkte, denn mittlerweile hatte er bei allen Schulden. Sein Name stand auf mehreren schwarzen Listen. Sie holte den Schlüssel aus ihrer Schürzentasche und sperrte auf.

»Rein mit euch!« Lili bemühte sich, die Kinder den Ärger über ihren Vater nicht spüren zu lassen. Weder Mimi noch Fritz trugen die Schuld an Franz Feigls Trunksucht.

Lili stellte den Korb auf den Tisch. Es war überraschend ordentlich zusammengeräumt. Wenigstens musste sie keine Dreckwäsche vom Boden klauben oder die schmutzigen Häferl abwaschen.

»Lili, zeichnest du was für uns?«, bettelte Mimi. Sie kletterte auf einen der wackeligen Hocker, legte ihre Zimtschnecke auf den Tisch und stützte sich erwartungsvoll mit den Ellbogen ab.

Als Lili das letzte Mal auf die beiden aufgepasst hatte, hatte sie ihnen die Geschichte vom Froschkönig erzählt und dabei Frosch, Prinz und Prinzessin skizziert. Irgendwo mussten die Blätter noch liegen. Eigentlich war Lili müde, aber jetzt rückte Fritz neben seine Schwester und sah sie ebenso erwartungsvoll an wie Mimi.

»Also gut«, seufzte Lili und gab sich geschlagen. »Ich such nach den Zeichnungen. Dann erzähl ich euch das Märchen noch einmal.«

»Und bitte, mal der Prinzessin eine schöne Kette!« Mimi faltete ihre Hände.

»Mal sehen«, meinte Lili. Sie hatte tatsächlich vorgehabt, noch am Entwurf einer Kette zu arbeiten. Aber sie hatte dabei weder an Zuschauer gedacht noch an Märchenprinzessinnen.