Neustiftgasse, Wiener Werkstätte
Verärgert knetete Helene den Ton ihrer Skulptur zusammen und warf ihn in einen Kübel unter dem Tisch. »So ein Mist!«, schimpfte sie. »Der Entwurf war ein Rohrkrepierer.«
Lili sah zu ihr hinüber und verkniff sich die Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag. Helene verstand sie, auch wenn sie nichts sagte.
Jetzt seufzte sie. »Ich weiß, du hast es mir gestern schon gesagt. Die Proportionen der Figur stimmen nicht. Aber wie soll ich einen Frauenkörper korrekt darstellen, wenn ich es nie üben durfte?« Helene sprach an, was nach wie vor bittere Wahrheit war: Frauen durften keine nackten Körper malen oder zeichnen. Weder die von Männern noch die ihres eigenen Geschlechts.
»Wenn du willst, helfe ich dir morgen«, bot Lili an. »Außerdem haben wir etwas, was es uns ermöglicht, die Arbeit mit nackten Körpern zu lernen.«
»Was meinst du?«
Lili senkte die Stimme: »Unsere eigenen Körper. Ich kann dir Modell stehen.«
So als hätte Lili ihr eben ein unmoralisches Angebot gemacht, errötete sie und lehnte beschämt ab. Sie wünschte sich, etwas zu können, von dem sie nicht wagte, es zu probieren.
Lili zuckte mit den Schultern. »War nur ein Vorschlag.«
So als ärgerte sie sich über ihren fehlenden Mut, wurde Helene plötzlich wütend.
»Ich pfeif auf den ganzen Entwurf«, schnaufte sie. »Statt dem Frauenkörper mach ich einen Baum.«
»Einen Baum?«, wiederholte Lili irritiert.
»Ja. Da kann nichts schiefgehen. Außerdem kann man die Äste als Hängevorrichtung für Ketten und Ringe verwenden. Ein Dekorationsgegenstand mit praktischer Funktion.« Ihr Gesicht hellte sich wieder auf, und die Falten auf der Stirn glätteten sich. Deutlich zufriedener räumte sie ihren Arbeitsplatz auf und schlüpfte in ihren Mantel.
»Ich mache noch einen Abstecher in den Stadtpark. Beim Kursalon Hübner gibt es ausreichend Gaslaternen. Ein paar Baumskizzen können nicht schaden. Kommst du mit?«, fragte sie Lili.
»Schau dich mal um«, meinte Lili und zeigte zu Adalbertas Arbeitsplatz. »Da ist so viel gepritschelt worden, dass ich noch eine Stunde beschäftigt bin.«
Helene ließ ihren Blick durch die Werkstatt schweifen. »So geht das nicht«, sagte sie. »Ich werde morgen mit Adalberta reden. Sie kann nicht alles liegen und stehen lassen und dann einfach gehen. Einen Teil ihres Drecks muss sie schon selbst wegwischen. Genau wie wir alle. Lass alles, wie es ist, sonst lernt sie es nie.«
Lili bezweifelte, dass Helenes Worte bei Adalberta einen Sinneswandel bewirken würden. Sie selbst hatte der jungen Künstlerin schon mehrmals gesagt, dass sie zumindest ihr Werkzeug reinigen solle. Wenn Lili Helenes Ratschlag befolgte, würde sie morgen von Koloman Moser oder Josef Hoffmann gerügt. Schließlich war sie eigentlich nur die Putzfrau. Lili war Adalberta auch nicht böse. Die junge Frau war mit ihren Gedanken stets woanders. Ihr Interesse lag nicht in der Kunst, sondern bei der Politik und dem Weltgeschehen.
»Geh nur deinen Baum zeichnen«, sagte Lili. »Ich putz den Dreck weg.«
»Wie du meinst.« Helene setzte ihren neuen Stoffhut auf, rückte ihn mit einer Hutnadel zurecht und verließ dann die Werkstatt. Sobald Lili wieder allein war, machte sie sich ans Saubermachen. Ihre Gedanken waren bei dem Gespräch mit Max von Krause. Der Kommissar hatte von einer ermordeten Prostituierten gesprochen. Die arme Frau hatte ein Schmuckstück getragen, das Lili entworfen hatte. Der Gedanke bedrückte sie. Auf eine seltsame Weise fühlte sie sich deshalb mit der Unbekannten verbunden. Wer war sie, und warum hatte sie sterben müssen?
Lili wrang ihren Putzfetzen aus und pfefferte ihn zurück in den Kübel. Die dringlichste Frage war: Wer hatte der Frau das Schmuckstück geschenkt? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es der alte Uhrmacher im Rollstuhl gewesen war. Oder etwa doch? Sollte Lili es wagen und einen Blick in die Werkstatt nebenan werfen, in der ausschließlich die Männer arbeiteten? Lili wusste, wo Pribil saß, schließlich hatte sie die Weinreben bei ihm abgegeben. Ein Blick in die Laden seines Schreibtisches könnte nicht schaden. Vielleicht hatte er aufgeschrieben, wie oft er den Weintraubenschmuck angefertigt hatte?
Aber was, wenn man sie dabei erwischte? Mit Sicherheit wäre Lili dann ihre Stelle los. Sie trug den Kübel in den Hinterhof und schüttete das Wischwasser weg. Den Putzfetzen hängte sie auf die leere Wäscheleine, auf der die Druckerinnen sonst ihre Stoffe trockneten.
Rasch, bevor Zweifel sie zurückhalten konnten, ging Lili zur großen Glastür, die beide Werkstätten miteinander verband. Untertags stand sie meist offen, da immer wieder eine Frau hinüber zu den Männern ging und umgekehrt. Man half sich gegenseitig und war neugierig, was auf der anderen Seite der Werkstätte produziert wurde. Oft arbeitete man auch zusammen. Während die männlichen Künstler Möbel entwarfen, schufen die Frauen die Stoffe für die Polsterung.
Lili öffnete die Tür und spähte in die Werkstatt der Männer. Es war dunkel und still, der Raum schien leer zu sein. Zur Sicherheit rief sie fragend ins Halbdunkel: »Hallo, ist da jemand?« Ihre Stimme hallte zurück, ohne dass sie Antwort bekam.
Vorsichtig wagte sie sich einen Schritt weiter. Im vorderen Teil arbeiteten die Tischler. Hier roch es intensiv nach Holz und Leim, Sägespäne lagen auf dem Boden. Lili hob die Röcke, um sie nicht im ganzen Raum zu verteilen. Eigentlich war ausgemacht, dass die Männer den groben Dreck selbst wegkehrten. Offenbar hatten sie es wieder einmal vergessen.
Auf Zehenspitzen schlich sie ans andere Ende der Halle. Auch hier gab es untertags viel Licht, da die Decke verglast war, genau wie im Teil der Frauen. Jetzt war es weitgehend finster. Nur der aufgehende Mond sorgte für ein düsteres Zwielicht. Sollte Lili eine der Gaslaternen im Regal neben ihr entzünden? Sie war eben an einer vorbeigegangen.
Unschlüssig blieb sie stehen. Sie lauschte ins Dunkle. War da ein Rascheln zu hören? Vielleicht eine Maus. Erst letzte Woche hatte Koloman sich über die Nager beschwert, die im Herbst in die Werkstatt kamen und so manchen Schaden verursachten. Er hatte Lili gebeten, mehrere Fallen aufzustellen.
Lili kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Aber es half nichts, sie brauchte mehr Licht. Statt der Gaslaterne entschied sie sich für eine der Kerzen aus dem Regal. Sollte jemand auf der Straße vorbeigehen und durch die verstaubten Glasscheiben hereinschauen, würde die Flamme weniger Aufmerksamkeit erregen als eine Gaslaterne. Lili holte die Streichhölzer aus ihrer Rocktasche und entzündete den Docht. Die Kerze drückte sie in einen der einfachen Halter und ging damit zügig ans Ende des Raums, wo sich die Arbeitstische der Goldschmiede befanden. Alfred Pribils war der letzte, ganz im Eck. Lili stellte die Kerze auf dem Tisch ab. Der Arbeitsplatz war penibel aufgeräumt. Ganz anders als Adalbertas Sauhaufen zuvor.
Rechts gab es vier übereinanderliegende Laden. Lili versuchte, die oberste zu öffnen, ohne Erfolg. Sie war versperrt. »Verdammt«, murmelte sie leise. Dann probierte sie die zweite und dritte. Auch sie gingen nicht auf. Ohne Hoffnung fasste sie nach der untersten Lade, die ebenfalls Widerstand leistete. Wie hatte sie annehmen können, dass ein Goldschmied seine wertvollen Werkzeuge einfach so herumliegen ließ? Als sie nach der Kerze griff, entdeckte sie noch eine weitere, sehr schmale Lade direkt unter der Arbeitsplatte. Sie zog daran, ohne zu hoffen, dass sie aufging, doch zu ihrem großen Erstaunen ließ sie sich problemlos herausziehen. Lili leuchtete mit der Kerze in die Lade. Es fanden sich mehrere Bleistifte darin, ein Messer zum Spitzen der Stifte, ein Lineal und ein Zirkel, bei dem jedoch die Mine fehlte, und ein gefaltetes Taschentuch. Schon wollte Lili die Lade enttäuscht zuschieben, als sie an der Rückseite der Lade, hinter dem Taschentuch, ein kleines Büchlein sah. Sie griff danach und holte es heraus. Der Einband kam ihr bekannt vor, das Papier stammte von einer der Künstlerinnen der Werkstätte. Es zeigte ein phantasievolles Muster aus Federn und Blumen. Neugierig schlug Lili das Buch auf. Darin sah sie mehrere Entwürfe, die allesamt wieder durchgestrichen waren. Kein Wunder, dachte sie. Keine Zeichnung taugte etwas. Kitschige Herzen und geschmacklose Blumen reihten sich aneinander. Auf der vierten Seite fand sie ihren eigenen Entwurf: die Weinreben. Alfred hatte ihre Zeichnung in sein eigenes Notizheft übertragen und geringfügig verändert, damit er sie in einem Schmuckstück umsetzen konnte. Beim Betrachten der Zeichnung spürte Lili eine Spur Stolz. Ihr war wirklich ein Kunstwerk gelungen. Sie blätterte um und unterdrückte einen Freudenschrei. Hier standen tatsächlich zwei Namen. Alfred hatte sich nicht nur mit fremden Federn geschmückt, sondern Lilis Schmuck auch mindestens zweimal verkauft. Einmal an den ursprünglichen Auftraggeber Simon Goldberger und dann noch an jemanden mit den Initialen GLF. Fieberhaft blätterte Lili weiter, aber die restlichen Seiten im Heft waren leer. Was zum Kuckuck bedeutete die Abkürzung? Und was der dicke Strich neben dem Namen Goldberger? Hatte er dem Goldschmied etwa zwei Ketten abgekauft?
Plötzlich vernahm Lili Schritte auf dem Gehsteig. Jemand lief an der Werkstatt vorbei und wurde langsamer. Sofort blies sie die Kerze aus, steckte das Notizheft ein und schob die Lade wieder zu. Vor dem Eingang blieb die Person stehen, Lili hörte das Rasseln von Schlüsseln. Sie fluchte leise. »Kruzitürken!«
In gebückter Haltung kroch sie über den Boden zur Verbindungstür, dabei sammelte sie mit ihren Röcken große Mengen der Hobelspäne ein. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, und die Tür ging mit einem lauten Quietschen auf.
Lili schaffte es gerade noch rechtzeitig in die Werkstatt der Frauen. Leise schob sie die Tür hinter sich zu und machte einen Schritt weg von der Glastür. Sie lehnte sich mit klopfendem Herzen gegen die Wand. Wachs war auf ihre Hand getropft und getrocknet. Hoffentlich hatte sie sich ihr Kleid nicht ruiniert, sie hatte kein anderes. Ängstlich schaute sie an sich hinab und entdeckte wirklich Wachsspuren. Zum Glück waren alle Tropfen auf der Schürze gelandet. Als ihr Herz wieder im normalen Rhythmus schlug, ging sie in die Küche und hängte ihre Schürze auf. Sie kam sich albern vor. Hätte sie nicht einfach behaupten können, sie hätte sauber gemacht? Die Frage war, womit? Sie hatte weder Kübel noch Putzfetzen dabeigehabt.
Da öffnete sich die Verbindungstür, Dagobert Peche trat ein. Innerhalb der Werkstätte wurde der Künstler als Ornamentgenie bezeichnet. Angeblich gab er dem Funktionalen Eleganz und nahm der neuen Sachlichkeit die Nüchternheit. Lili verstand nicht ganz, was damit gemeint war, aber sie mochte Peches Muster.
»Na, so was. Müssen Sie immer noch arbeiten?« Er sah sie mitleidig an. »Sie sind die Erste in der Werkstätte und die Letzte, die geht.«
»Nicht ganz«, sagte Lili. »Sie sind noch länger da.«
»Ich habe bloß meinen Hausschlüssel am Schreibtisch liegen lassen.« Er hielt einen Schlüsselbund in die Höhe. »Es trifft sich gut, dass ich Sie sehe«, fuhr Peche fort. »Darf ich Ihnen mein neuestes Muster zeigen? Grundsätzlich bin ich damit zufrieden. Aber irgendetwas fehlt noch.«
»Und Sie glauben, dass ich das Fehlende finde?« Lili fühlte sich geschmeichelt. »Ich bin bloß die Putzfrau.«
Peche machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie haben Alfreds Weinreben den letzten Schliff gegeben.«
Lili verzog den Mund. Sie hatte das Schmuckstück entworfen. Alle in der Werkstätte wussten das, und trotzdem waren Helene und Fanny die Einzigen, die es offen aussprachen.
»Zeigen Sie mir das Muster«, forderte sie.
Dagobert Peche winkte sie mit sich. Er drehte die Gasbeleuchtung an. Augenblicklich war die eben noch finstere Werkstatt hell erleuchtet.
Der Künstler ging zu seinem Schreibtisch, der neben einer großen Fensterfront stand. Anders als auf dem von Pribil herrschte dort Chaos, aber Peche selbst schien sich genau auszukennen. Zielsicher griff er nach einem Bogen Papier und breitete ihn vor Lili aus. Ein orientalisch anmutendes Ornament mit ineinander verzahnten Vielecken kam zum Vorschein. Es sah eine Spur zu nüchtern aus. Lili machte einen Schritt zurück, um es aus der Entfernung zu betrachten. Nachdenklich legte sie den Kopf schief. »Sie könnten die Rechtecke zu Figuren formen, die sich wiederholen. Hier und hier etwa.« Sie lehnte sich nach vorne und zeigte auf zwei Stellen. »Dann ergeben sich Glockenblumen.«
»Glockenblumen?« Peche holte einen Stift aus der Brusttasche seines Sakkos und skizzierte drei weitere Rechtecke. Tatsächlich entstand eine blumenähnliche Form.
»Das ist großartig«, rief er entzückt. »Dieses Muster wird Gräfin Linda von Falkenstein begeistern. Sie ist eine treue Kundin der Werkstätte. Angeblich gibt sie Unmengen für Ketten und Ringe aus.«
»Gräfin Linda von Falkenstein«, wiederholte Lili leise. Der Name kam ihr bekannt vor. War die Dame nicht irgendwie in den Mordfall vor ein paar Monaten verwickelt gewesen? Lili kramte in ihren Erinnerungen, die langsam zurückkehrten. Die Gräfin hatte Skulpturen der ermordeten Leopoldine erstanden. Poldi hatte die Kunstwerke zwar in der Werkstatt hergestellt, aber unter der Hand an die Gräfin verkauft. Ob die feine Dame auch bei anderen Künstlern auf diese Weise einkaufte?
»GLF«, murmelte Lili zu sich selbst.
»Wie bitte?« Fragend drehte sich Peche zu ihr.
»Kann GLF für Gräfin Linda von Falkenstein stehen?«
»Das ist durchaus möglich«, sagte Peche irritiert. »Falls Sie die Initialen auf den Kunstwerken meinen, die geben allerdings Aufschluss über den Namen der Künstler und nicht über die Auftraggeber.«
Lili wusste ganz genau, wofür die Buchstaben standen.
Peche interpretierte ihr Schweigen als Ahnungslosigkeit und dozierte weiter: »Die beiden ineinander verschränkten Ws stehen für Wiener Werkstätte, die beiden anderen Buchstaben für den Künstler, der für die Werkstätte arbeitet. Drei Buchstaben gibt es nicht. Jeder hat bloß zwei in seinem Zeichen.«
Lili nickte brav. »Danke, Sie haben mir sehr weitergeholfen.«
»Das freut mich!« Bevor er weiter über die Wichtigkeit der Künstlerzeichen referieren konnte, verabschiedete Lili sich.
Erst als sie draußen war, fiel ihr auf, dass Peche sich nicht für ihren Verbesserungsvorschlag bedankt hatte. Morgen würde er wohl glauben, dass die Idee von ihm selbst stammte.