Stephansplatz, Café Français
Max ging an der Glasvitrine mit Süßigkeiten vorbei und stieg die Treppe hoch in den ersten Stock. Buntes Stimmengewirr und aufgeregtes Schnattern schlug ihm entgegen. Er war nicht zum ersten Mal im Damensalon des Cafés. Da es das einzige Etablissement in der Stadt war, das einen separaten Raum für Frauen anbot, war die Nachfrage groß. Jedes Mal wenn Max seine Mutter von hier abholte, waren alle Tische belegt. Max fragte sich, warum andere Kaffeehäuser nicht nachzogen. War es nicht im ureigenen Sinn der Lokalbesitzer, möglichst viel Gewinn zu machen? Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es weitere Salons für Damen gab.
Wie immer, wenn er den Raum betrat, spürte er gleich mehrere neugierige und ungeniert musternde Blicke auf sich. So fühlte es sich wohl für eine Frau an, wenn sie auf eines der Ämter der Stadt bestellt wurde, vor Gericht erschien oder sich in die Universität verirrte.
Unbeirrt hielt er nach seiner Mutter Ausschau und entdeckte sie an einem Ecktisch mit direktem Blick auf den Stephansdom, in Begleitung von zwei Damen, die er nicht kannte. Er ging zielstrebig auf sie zu. Wie befürchtet begrüßte sie ihn mit einem strafenden Blick.
»Hast du deine Uhr verloren? Oder wieder einmal vergessen, sie aufzuziehen?«
»Servus. Meine Uhr funktioniert einwandfrei. Ich war eben bei einem Uhrmacher und konnte mich davon überzeugen, dass sie präzise läuft.« Tatsächlich hatten die Uhren von Goldberger exakt die gleiche Zeit angezeigt wie Max’ Taschenuhr.
»Was machst du beim Uhrmacher?«, fragte Adele von Krause, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Sie trug ein dunkelblaues Kleid aus glänzendem Samt, das ihre hellen Augen betonte und das Grau ihrer Haare weicher erscheinen ließ. »Setz dich zu uns!« Sie schob den Sessel neben sich zurück. »Darf ich dir Anastasia von Aehrenthal vorstellen? Und das ist ihre Tochter Sibille.«
»Sehr erfreut.« Max verbeugte sich höflich vor den beiden Damen und nahm Platz, wenn auch nur widerwillig. Daher also wehte der Wind. Seine Mutter hatte ihn herbestellt, um ihm die Tochter des Außenministers vorzustellen. Die junge Frau hatte ein kantiges Gesicht mit einer zu großen Nase und einer Unmenge von Sommersprossen. Sie war keine Schönheit, aber etwas an ihrem Gesicht war durchaus interessant. Max überlegte. Es waren wohl die klugen Augen, die ihn neugierig anblickten und zu durchschauen schienen.
Sibille Aehrenthal wirkte ebenso wenig erfreut über das Treffen wie er. Ganz anders ihre Mutter, sie lächelte Max gewinnend an und erkundigte sich nach seinem Arbeitstag.
»Nichts Außergewöhnliches, bloß Routine«, log er.
»Ach, wie schade«, sagte Anastasia von Aehrenthal. »Ich hatte gehofft, dass Sie uns ein paar blutrünstige oder gruselige Geschichten erzählen, mit denen wir bei der nächsten Séance angeben können.«
»Bedaure«, erwiderte Max. »Besonders die gruseligen Geschichten würden ohnehin nicht zur Unterhaltung, sondern eher als Abschreckung dienen.«
Sibille von Aehrenthal mischte sich ins Gespräch: »Dass Männer aber auch stets glauben, Frauen wären zartbesaitet.«
»Sind sie das denn nicht?« Erstaunt hob er die Augenbrauen.
»Ganz bestimmt nicht«, antwortete die junge Frau überzeugt. »Das ist ein Vorurteil. Frauen sind zu denselben Taten fähig wie Männer.«
»Wie meinst du das, mein Schatz?«, fragte ihre Mutter. »Willst du etwa sagen, dass auch Frauen brutale oder gar kriminelle Handlungen begehen können?«
»Liest du denn keine Zeitung, Mama?« Sibille von Aehrenthal zeigte zu einem Ständer, auf dem Zeitungen aus aller Welt hingen, eingespannt in gebogene Holzhalterungen. »Die Blätter sind voll mit Berichten über den Prozess gegen Regine Riehl. Die Bordellbesitzerin hat Frauen wie Sklavinnen gehalten und sie all ihrer Rechte und ihrer Freiheit beraubt.«
Entsetzt über die Worte ihrer Tochter, errötete Anastasia von Aehrenthal. »Sibille, wie oft muss ich dir noch sagen, dass das keine Themen sind, über die junge Damen sich in der Öffentlichkeit unterhalten sollten.« Sie korrigierte sich selbst. »Sie sollten sich mit so etwas überhaupt nicht beschäftigen.«
»Menschenhandel muss man aber verachten«, fuhr Sibille von Aehrenthal leidenschaftlich fort. »Oder willst du etwa sagen, es sei richtig, dass Väter ihre minderjährigen Töchter an Bordellbesitzerinnen verkaufen, die die Mädchen dann in Zimmer einsperren und zum Beischlaf mit fremden Männern zwingen?«
»Sind das die aufwieglerischen Gedanken dieses jungen Mannes, der die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels liest? Ich will nie wieder eines dieser Machwerke in unserem Hause finden.«
»Ferdinand ist ein gewissenhafter Lehrer und kein Aufwiegler«, widersprach Sibille.
Max lehnte sich zurück. Er fand es höchst interessant, wie viele Informationen hier innerhalb kürzester Zeit auf den Tisch gelegt wurden. Sibille von Aehrenthal hatte ihr Herz offenbar schon vergeben. Und zwar an einen Mann, der der Familie nicht genehm war.
»Sibille, psst! Mäßige dich!« Sichtlich nervös drehte Anastasia von Aehrenthal ihren Kopf in alle Richtungen, um sicherzugehen, dass niemand ihre Tochter gehört hatte. Dann wandte sie sich an Max und Adele. »Sie müssen meine Tochter entschuldigen. Sie ist manchmal sehr impulsiv und sagt unbedachte Dinge.« Schon wollte die junge Frau widersprechen, aber der unerbittliche Blick ihrer Mutter hinderte sie daran.
»Ich stimme Ihrer Tochter in Bezug auf den Riehl-Prozess in jedem Punkt zu. Die Frau sollte für ihre Verbrechen in vollem Ausmaß bestraft werden.« Max winkte den Ober zu sich und bestellte eine Melange. Als der Mann wieder weg war, fügte er hinzu: »Ich fürchte aber, dass das Urteil sehr milde ausfallen wird, da gemunkelt wird, dass auch einer meiner Vorgesetzten im Salon Riehl zu Gast gewesen ist.«
»Max, was redest du da?« Nun war es Adele von Krause, die sich einmischte.
»Der Herr Kommissar sagt die Wahrheit«, bestätigte Sibille von Aehrenthal. »Papa hat es vor ein paar Tagen beim Abendessen zugegeben. Der Polizeipräsident Karl von Schönau soll Stammgast im Salon Riehl gewesen sein.«
»Sibille!« Anastasia von Aehrenthal stieß ihre Tochter mit dem Ellbogen unsanft an. Sibille ignorierte sie und rückte von ihrer Mutter ab.
»Aber Papa hat auch gesagt, dass er den Polizeipräsidenten nicht bis zum bitteren Ende unterstützen werde. Wenn sich herausstellt, dass er von den Machenschaften der Riehl wusste, wird er seinen Posten räumen müssen.«
Nun wurde Adele von Krause hellhörig. Interessiert beugte sie sich über den Tisch und senkte die Stimme. »Würde das auch bedeuten, dass die Männer, über die Karl von Schönau seine schützende Hand hält, in Ungnade fallen könnten?«
»Sie meinen Oberkommissar Sobotka?«, fragte Anastasia von Aehrenthal.
Max konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Woher wussten die beiden Damen so genau über die Vorgänge in den Ministerien Bescheid? Wurde im Hause von Aehrenthal über derlei delikate Angelegenheiten etwa bei Tisch gesprochen, so wie andere Familien sich übers Wetter unterhielten?
»Es ist allgemein bekannt, dass Oberkommissar Sobotka seinen Aufgaben nur in bescheidenem Rahmen nachgeht«, fuhr Anastasia von Aehrenthal fort. »Ganz Wien weiß, dass er seine Arbeitszeit im Café Reil absitzt.«
Die Verblüffung machte Max sprachlos.
»Aber Sie wissen ja selbst, wie das so ist. Solange sich der Oberkommissar keines Vergehens schuldig macht, wird er dort bleiben, wo er ist. Oder aber er wird die Karriereleiter hinaufpurzeln auf eine Stelle, wo er weniger Einfluss auf das Tagesgeschehen hat, jedoch mehr verdient und auf lange Sicht auch mehr Macht hat. Was insgesamt wohl kaum zu befürworten wäre.«
Max schloss für einen Moment die Augen. Es war stadtbekannt, dass sein Vorgesetzter unqualifiziert war, und trotzdem durfte er seinen Posten behalten. Das Schlimmste, was ihm passieren könnte, war ein Karrieresprung ins Ministerium? Irgendetwas stimmte in diesem System nicht. Wenn es so weiterging, war die Monarchie tatsächlich dem Untergang geweiht.
»Sollten Sie von einem Amtsmissbrauch des Herrn Oberkommissars wissen, würde das die Sache natürlich verändern«, sagte Anastasia von Aehrenthal. Sie sah Max fragend an und klimperte unschuldig mit den Augenlidern. War das etwa die Aufforderung, seinen Vorgesetzten zu vernadern?
»Ich bin kein Denunziant.«
»Die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen bedeutet nicht, jemanden zu denunzieren.« Sie klang so beiläufig, als hätte sie eben ein Rezept für Apfelstrudel preisgegeben.
Max fragte sich, was sie sonst noch wusste. War sie über den Mordfall im Hotel Kaiserkrone informiert? Auf alle Fälle waren Mutter und Tochter erfrischend ungewöhnlich. Max hatte mit einer vorhersehbaren Unterhaltung gerechnet, aber nun war sie gerade alles andere als das. Sibille von Aehrenthal war eine politisch interessierte junge Frau, die mit einem Marxisten flirtete, und ihre Mutter eine Gattin, die über die Geschäfte ihres Ehemanns einiges zu wissen schien.
»Sie haben uns noch immer keine blutige Geschichte erzählt!« Anastasia von Aehrenthal wechselte das Thema. »Gibt es denn gar kein Verbrechen, das Sie uns zumuten können?«
Max schmunzelte. Nach allem, was er eben gehört hatte, nahm er an, dass er den beiden nicht viel Neues berichten konnte.
»Nun, ich hätte da ein Anagramm, das mich seit ein paar Tagen beschäftigt.«
»Oh, ich liebe Anagramme!« Sibille von Aehrenthal stützte die Ellbogen auf der kleinen, runden Marmortischplatte ab und sah Max erwartungsvoll an.
»Die Buchstaben sind PIXERATCC.«
»PIXERATCC«, wiederholte Anastasia von Aehrenthal nachdenklich. Während Mutter und Tochter die Lösung an der Decke des Cafés suchten und angestrengt nach oben schauten, holte Adele von Krause einen Stift und einen Notizblock aus ihrer Handtasche. Sie riss neun kleine Zettel heraus und schrieb auf jeden davon einen Buchstaben. Dann legte sie alle wahllos durcheinander auf den Tisch.
Sibille von Aehrenthals Blick wanderte von der Decke zur Tischplatte. Sie schob die Zettel von einer zur anderen Seite und sortierte sie immer wieder neu, ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erhalten. Adele von Krause beobachtete sie dabei, hob ihre Tasse an und bemerkte, dass sie leer war. Mit einem Fingerschnippen winkte sie den Ober zu sich. »Noch eine Melange, bitte.«
Der Mann beugte sich über den Tisch und sagte beiläufig: »PECCATRIX. Ich weiß nicht, was es heißt, aber es steht unter dem Bild der Maria Magdalena in der St.-Anna-Kirche. Ich bin als Bub dort jeden Sonntag gesessen und hab das Wort angestarrt, während der Herr Pfarrer irgendwas Unverständliches von der Kanzel gepredigt hat. Es ist ein schönes Bild. War schon lange nicht mehr dort.«
»Sünderin«, sagte Max leise. »Das ist die lateinische Bezeichnung für Sünderin.«
»Kann sein, würde zu Maria Magdalena passen«, meinte der Ober. »Ich werde das Wort nie mehr aus dem Hirnkastl bekommen. Hab ganze Stunden damit verbracht, die Buchstaben neu zu ordnen.«
»Sie haben mir gerade sehr weitergeholfen«, sagte Max dankbar.
»Sie können sich gern mit an ordentlichen Trinkgeld revanchieren.« Bevor eine der Damen sich über die Dreistigkeit des Mannes echauffieren konnte, eilte er in die Küche, um die Bestellung weiterzugeben. Max sah ihm nach und fühlte sich höchst zufrieden mit dem Ergebnis des Nachmittags.
Seine Mutter schien seine Freude nicht zu teilen. Offenbar war Sibille von Aehrenthal doch nicht so ganz die Wunschschwiegertochter, die sie sich erhofft hatte. Niemals würde sie Max zu einer jungen Frau drängen, die einen anderen Mann liebte. Zu sehr hatte sie unter den Seitensprüngen ihres verstorbenen Ehemanns gelitten.