26

Elisabethpromenade, Polizeipräsidium

Carel erwartete Max bereits vor seinem Büro. »Ein Reporter will mit Ihnen reden.«

»Ja, und? Wir geben keine Auskünfte zwischen Tür und Angel. Wenn er Informationen will, soll er einen Antrag stellen. Die Formulare liegen beim Anmeldeschalter.«

»Das weiß ich, Chef, aber diesmal glaube ich, dass auch Sie sich mit ihm unterhalten wollen.«

Carel Novak deutete mit dem Kinn zum Ende des Gangs, wo ein schlaksiger Mann in einem zerknitterten Anzug nervös auf und ab ging. Max erkannte ihn sofort. Es war Herbert Rossberg, einer der hartnäckigsten Quälgeister seines Berufsstandes. Nichts entging ihm, und wenn er einmal eine Fährte erschnuppert hatte, ließ er sie nicht mehr los, bis er mit einem Fund belohnt wurde. Rossberg hätte zweifelsohne einen guten Polizeiagenten abgegeben. Leider hatte er sich der Presse verschrieben.

»Es macht keinen Sinn, wenn wir ihn wegschicken. Er kommt wieder. Der gibt nicht auf.« Max sah auf seine Taschenuhr. Er hatte den Mechanismus mit der Melodie ausgeschaltet. Zu oft hatte er in letzter Zeit die »kleine Nachtmusik« gehört. Eigentlich sollte er in einer halben Stunde Sobotka einen Bericht abliefern. Aber der Oberkommissar würde warten müssen.

»Schick Rossberg in mein Büro«, bat Max.

Kurz darauf saß er dem Reporter gegenüber. »Ich dachte immer, bei den Polizeiagenten hätte man größere Büros.« Rossberg blickte sich in Max’ Büro um. »Dafür gehört es Ihnen allein. Das ist ein Luxus, den ich nicht habe.«

»Sie können ja zur Polizei wechseln«, meinte Max.

Sofort hob Rossberg abwehrend die Hände. »Auf gar keinen Fall«, entgegnete er.

»Was führt Sie zu mir?«, fragte Max. »Allein das Interesse an meinem Büro wird es wohl kaum gewesen sein.« Max hielt kurz inne und fügte dann hinzu: »Und der Wunsch, meinen Vorgesetzten zu sehen, wohl auch nicht.«

Ein spitzbübisches Grinsen stahl sich auf Rossbergs Gesicht. »Ich nehme an, der gute Mann zittert gerade um seinen Posten. Ich kann mir vorstellen, dass mein Artikel für ordentlich Aufregung im Ministerium sorgt.«

Max konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wer hätte gedacht, dass er den Reporter eines Tages sympathisch finden würde. »Hoffen wir mal, dass der Schuss nicht nach hinten losgeht«, sagte er. »Oberkommissar Sobotka wäre nicht der erste Beamte in der Monarchie, dem ein Fehltritt hilft, die Karriereleiter hinaufzupurzeln.«

»Das liegt dann nicht mehr in der Hand der Presse«, sagte Rossberg. »Wir sind da, um Missstände aufzuzeigen.«

»Und welcher Missstand führt Sie heute zu mir?« Max stützte die Ellbogen auf der Tischplatte ab und lehnte sich nach vorne.

»Es geht um einen Fotografen.«

»Wie heißt der Mann?«

»Das weiß ich leider nicht«, gab Rossberg zu. »Ich bin durch Zufall auf einen Mann gestoßen, der einen Fotografen getroffen hat, der mit besonders brutalen Fotografien prahlte.«

Max’ Aufmerksamkeit war geweckt. »Reden Sie weiter.«

»Der Fotograf wollte die Bilder nicht herzeigen, aber als er austreten musste, durchsuchte mein Informant dessen Tasche und fand schreckliche Fotografien, die ihn so entsetzten, dass er das Lokal fluchtartig verließ. Er wollte seinen Rausch ausschlafen.«

»Was war auf den Abzügen?«, fragte Max.

»Ich nehme an, dass Sie ahnen, was sich darauf befand.« Jetzt war er wieder der hinterhältige Reporter, der ihm Informationen entlocken wollte.

»Ich weiß es nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Herr Rossberg, wenn Sie Spielchen spielen wollen, dann tun Sie das woanders. Aber nicht hier. Ich habe eine ganze Liste von Aufgaben zu erledigen.« Max richtete sich auf und griff wahllos nach einem Ordner, der auf seinem Tisch lag. Er konnte es sich nicht leisten, kostbare Zeit zu vergeuden. Wenn er sich weiter mit Rossberg unterhielt, verriet er am Ende noch Details über den Zustand der Leichen.

»Mein Informant hat Fotografien von toten Frauen gesehen, die mit einem Messer malträtiert worden sind.«

»Warum ist der Mann mit der Information nicht zu uns gekommen?«

»Seine Erfahrungen mit den kaiserlichen Polizeiagenten sind nicht die besten.« Rossberg verzog die Mundwinkel.

»Wie ist der Name des Mannes?«

»Er hat mich ausdrücklich gebeten, ihn nicht zu erwähnen.«

»Haben Sie die Fotografien gesehen?«

Rossberg schüttelte den Kopf.

»Wie heißt der Mann, der die Fotografien angefertigt hat?«

»Das wollte mein Informant nicht sagen. Er ist völlig verängstigt. Außerdem hatte er an dem Abend eine Menge Alkohol und andere Substanzen zu sich genommen. Er kann sich an den Namen nicht vollständig erinnern.«

»Der Mann war also sturzbetrunken. Und Sie glauben seinen Worten?«

»Seine Schilderungen waren so eindringlich, dass er sie sich unmöglich ausgedacht haben kann.«

»Was soll ich mit der Information anfangen? Ich weiß weder, wer die angeblichen Fotografien gesehen hat, noch, wer sie gemacht hat. Alles, was ich habe, ist die Behauptung eines Reporters, der dafür bekannt ist, dass er gern reißerische Artikel schreibt.«

»Die bis jetzt immer der Wahrheit entsprochen haben«, ergänzte Rossberg.

Max seufzte laut. Wenn es sich nicht um einen Trick handelte, stammten die Fotografien mit großer Sicherheit vom Mörder. Natürlich konnte Rossberg vom Hotelpersonal erfahren haben, dass Constanze Brühls Körper mit einem Messer entstellt worden war. Carel hatte ihm zuvor erzählt, das Dienstmädchen Minnerl habe sich mit einem Reporter unterhalten. Aber warum hätte Rossberg sich die Geschichte mit dem Fotografen einfallen lassen sollen?

»Was genau hat Ihr namenloser Informant erzählt?«, fragte Max.

»Das habe ich schon gesagt. Als der Fotograf aufs Klo ging, schaute mein Mann in die Tasche, die er zurückgelassen hatte. Die Fotografien lagen ganz oben. Sie zeigten einen nackten, toten Frauenkörper, der mit Stichwunden übersät war. Angeblich bildeten ein paar der Wunden Buchstaben.«

»Ich muss mit dem Mann sprechen«, sagte Max.

»Unter bestimmten Umständen könnte ich ein Treffen arrangieren«, deutete Rossberg an. Die Bedingungen, die er daran knüpfen würde, waren leicht zu erahnen.

»Ich nehme an, dass Sie bei der Zusammenkunft dabei sein wollen«, riet Max.

»Genauso ist es.«

Wieder stieß Max lautstark die Luft aus. »Mir bleibt auch nichts erspart.«

»Sehen Sie es doch anders, lieber Herr Kommissar. Zwei Paar Augen sehen mehr als eines, und zwei Paar Ohren hören genauer.«

»Und das Paar, das der Presse gehört, macht aus jedem Wort, das es hört, eine blutige Räubergeschichte.«

»Blutig ist die Sache schon, dazu braucht es die Zeitung nicht mehr.«