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D ylan saß schon eine Weile am Boden, als sich ein Auto näherte. Er stand auf, streckte den Daumen raus – und tatsächlich, der Wagen wurde langsamer. Es handelte sich um einen ziemlich schicken Flitzer, einen knallgelben Mercedes, den nur jemand fahren konnte, der mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet war. Als der Wagen neben ihm anhielt, konnte er durchs heruntergelassene Fenster den Fahrer erkennen und war froh, dass der vertrauensselig aussah.

Der Mann war in den Dreißigern, vielleicht auch schon Anfang vierzig, hatte rotblondes Haar und trug zu seinem stylischen blauen Hemd eine zebragemusterte Fliege.

«Wo willst du hin, mein Hübscher?», fragte er.

«Wenn ich das wüsste», antwortete Dylan. «Erst mal einfach nur voran.»

Der Typ lachte und sagte: «Na, dann steig mal ein.»

Dylan zögerte einen Moment, aber schließlich sammelte er seine Siebensachen ein und warf sie auf die Rückbank. Er selbst setzte sich auf den Beifahrersitz.

«Coole Musik», sagte er, als er einen Song von Lady Gaga erkannte, den der Mann mit der Fliege wohl leiser gestellt hatte, um besser mit ihm kommunizieren zu können.

«Ich liebe diese Frau!», erwiderte er auch sogleich.

Dylan nickte und lächelte. Er liebte die Sängerin zwar nicht unbedingt, aber die Musik von Lady Gaga war allemal besser als welche von Tom Jones oder, noch schlimmer, von One Direction oder irgendeiner anderen zusammengewürfelten Boygroup. Er hatte schon die verrücktesten Musikvorlieben erlebt in den letzten Monaten und war froh über alles, was einigermaßen normal klang. Und wenn der Kerl neben ihm jetzt nicht stundenlang zu Lady Gaga mitsingen würde wie dieser eine schleimige Typ zu Tom Jones – Sex bomb, sex bomb, you’re my sex bomb  –, dann würde er es sicher überleben.

Der Fahrer hielt ihm jetzt eine Hand hin. «Ich bin Nolan. Und wer bist du?»

«Dylan. Schön, dich kennenzulernen.»

«Na, das sehe ich genauso», antwortete Nolan breit lächelnd, und sie schüttelten sich die Hände.

«Also, Nolan, wo fährst du hin?»

«Zurück nach Lake Paradise, da wohne ich. Ich habe gerade Ware aus Kearney abgeholt.» Er deutete in Richtung Kofferraum.

«Ah, in Kearney hat mich der Farmer rausgelassen, bei dem ich zuletzt mitgefahren bin.»

«Oh. Du bist wohl schon viel rumgekommen, was?»

«Könnte man so sagen.»

«Na super. Dann zeige ich dir jetzt mal ein paar Maisfabriken sowie die dazugehörigen noch leeren Maisfelder und das Allerbeste: ein zehn Meter großes Schild mit einer lachenden Maisfamilie drauf. So was Tolles hast du auf deiner Reise bestimmt noch nie gesehen.» Nolan lachte.

Dylan grinste, und Nolan fuhr los. Er stellte die Musik lauter und wippte dazu mit.

«Was für Ware hast du denn abgeholt?», fragte Dylan kurz darauf, einfach um Small Talk zu machen. Die meisten Leute mochten es nämlich nicht, wenn man nur still dasaß. Wahrscheinlich beschlich sie dann der Gedanke, dass sie einen Serienmörder in ihr Auto gelassen haben könnten.

«Sirup. Für mein Café. Ich habe schon seit Monaten Schwierigkeiten mit dem Lieferanten, und deshalb fahre ich hin und wieder zum Großmarkt nach Kearney, um welchen zu besorgen. Die bieten da tolle Sorten an und haben zum Glück auch sonntags geöffnet.»

Es war also tatsächlich Sonntag, dachte Dylan.

«Du besitzt ein eigenes Café?», fragte er, um sicherzugehen, dass er bei der lauten Musik und dem Fahrtwind auch richtig gehört hatte.

Nolan nickte. «Ja, genau. Das Paradise Café

«Echt? Du hast dein Café nach der Stadt benannt, in der du lebst?»

«Oh, du würdest dich wundern», sagte Nolan, während Lady Gaga Paparazzi sang. «Bei uns trägt alles Paradise im Namen! Die Geschäfte, die Straßen … Also, das Café befindet sich auf dem Paradise Boulevard, von dem der Paradise Place, die Paradise Lane, der Paradise Drive und der Paradise Walk abgehen. Links neben mir befindet sich Jamie’s Food Paradise , rechts das Ice Cream Paradise  …»

«Ach komm, du nimmst mich doch auf den Arm.»

«Tue ich nicht.» Nolan schüttelte den Kopf. «Sieh es dir selbst an, wenn du willst. Du hast doch sowieso nichts Besseres vor, oder?»

«Hmmm … Gibt es in deinem Lake Paradise ein Hotel oder so? Wo ich die Nacht unterkommen könnte?»

«Ja. Das Paradise Inn

Dylan lachte laut auf. «Ich glaube dir kein Wort!»

«Du wirst es ja sehen», erwiderte Nolan und strahlte ihn an.

 

Als sie eine halbe Stunde später Lake Paradise erreichten, staunte Dylan nicht schlecht. Nolan hatte ihn tatsächlich nicht verarscht! Hier hatte wirklich alles «Paradise» im Namen. Alles!

War das für die Einwohner nicht verwirrend?, fragte er sich, als sie auf einem hübschen Platz hielten. Er blickte sich um. Noch nie zuvor hatte er solch einen perfekten, ja wirklich beinahe paradiesischen Ort gesehen. Alles war sauber, nirgendwo lag auch nur ein Schnipselchen Papier auf der Straße, und überall, wirklich überall waren Blumen. Das Städtchen wirkte fast wie eine Filmkulisse, und es hätte Dylan nicht überrascht, wenn er herausgefunden hätte, dass es nur aus Häuserfassaden bestand.

Als er sich weiter umsah und ein paar Menschen beobachtete, musste er direkt schmunzeln. Ein kleiner, untersetzter Typ, der ein bisschen so aussah wie Danny DeVito, drückte den Vorbeigehenden irgendwelche gelben Zettel in die Hand. Mindestens sieben Leute gingen mit ihren Hunden Gassi, und alle Vierbeiner waren schön ordentlich angeleint. Ein paar Kinder hüpften im Einklang nebeneinanderher. Ein junges Pärchen schlenderte Hand in Hand über die Wiese und wirkte übertrieben verliebt. Eine Frau in einem neonpinken Jogginganzug und mit einer gewaltigen Dauerwelle auf dem Kopf spazierte auf eine Eisdiele zu – und blieb abrupt stehen, als sie ihn und Nolan im Mercedes entdeckte.

Nolan schien es nicht zu bemerken, er hatte den Wagen direkt vor dem Café geparkt und sah Dylan nun erwartungsvoll an. «Na? Hab ich zu viel versprochen?»

Amüsiert schüttelte Dylan den Kopf. «Bin ich hier in Pleasantville gelandet? Oder in der Truman Show ?» Diese beiden Filme fielen ihm auf Anhieb ein, wenn er an völlig surreale Städte dachte, die es auf keinen Fall im wirklichen Leben geben konnte.

«Nein, du bist hier einfach nur in Lake Paradise gelandet.» Nolan stieg aus dem Wagen und beugte sich, da Dylan unbeweglich sitzen blieb, zu ihm: «Worauf wartest du?»

«Sorry, ich komm schon.»

Dylan kletterte aus dem Mercedes, holte seine Sachen von der Rückbank und spürte noch immer Blicke auf sich. Doch es war jetzt nicht mehr nur die Jogginganzug-Lady, es hatten sich auch noch andere Leute dazugesellt, die ihn begafften, als wäre er ein Affe im Zoo. Ob sie ihn erkannt hatten? Oder ob sie jedem Fremden so neugierig begegneten?

«Ist das Nolans fester Freund?», hörte er jemanden fragen.

«Oder ein Verwandter aus Baton Rouge?», vermutete ein anderer.

Dass Nolan ursprünglich aus Baton Rouge in Louisiana kam, hatte der ihm bereits während der Autofahrt erzählt. Und auch, dass er vor zweieinhalb Jahren hergezogen war, weil er dem skurrilen Städtchen und seinen liebenswerten Bewohnern auf Anhieb verfallen war. Nolan konnte sich heute angeblich gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben, denn Lake Paradise sei der erste Ort, an dem er wirklich angenommen wurde, wie er war. Hier fragte man nicht nach Herkunft oder Gesinnung, hier wurde man schlicht wegen seines freundlichen Wesens akzeptiert.

«Solange du also nicht der grummeligste Brummbär aller Zeiten bist, werden die Leute dich genauso nett aufnehmen.»

Der Gedanke gefiel Dylan. Auch wenn er ja nicht wie Nolan vorhatte zu bleiben. Aber von solch einem Ort träumte doch jeder! Ein Ort, an dem man sein konnte, wie man war. Mit all seinen Fehlern und Sünden, mit allem, was einmal gewesen war.

Gemeinsam betraten sie das Paradise Café , das etwa zur Hälfte gefüllt war. Nolan deutete auf einen freien Platz am Fenster. «Setz dich ruhig, Dylan. Ich spendiere dir einen Kaffee und einen Muffin. Welche Sorte möchtest du?»

«Ist egal. Was du dahast», antwortete er, legte sein Gepäck in der Ecke ab und setzte sich.

«Dann bringe ich dir einen Schoko-Bananen-Muffin, die sind mir die liebsten.»

«Okay.»

Nolan trat hinter die Theke, wo bereits eine Frau mit Cappy stand und Dylan ebenfalls interessiert betrachtete. Nolan begrüßte sie, dann drehte er sich noch einmal zu ihm um.

«Ich brauch wohl auch nicht danach zu fragen, welche Kaffee-Spezialität du gern hättest, oder?» Nolan holte einen Muffin unter der Glashaube hervor und stellte ihn auf einen Teller.

«Einfach nur ganz normalen Kaffee, bitte. Mit einem Schuss Hafermilch, wenn du welche dahast.»

Nolan riss die Augen auf. «Willst du mich beleidigen? Selbstverständlich habe ich Hafermilch da! Genauso wie Mandel-, Soja- und laktosefreie Milch.»

«Oh, cool. Ehrlich!» Er versuchte, es mit einem Lächeln wiedergutzumachen.

Als Nolan ihm wenig später alles auf den Tisch stellte, bemerkte Dylan, dass die schaulustigen Leute draußen jetzt ganz nah ans Fenster gerückt waren. Wenn sie so weitermachten, würden sie sich noch die Nase an der Scheibe stoßen.

«Was ist denn mit denen los?», fragte er und deutete nach draußen.

«Ach, die. Sie sind nur neugierig, wer du bist. Es kommen hier nicht so oft Fremde her, weißt du? Außer ab und zu ein paar Touristen. Wie ein typischer Tourist siehst du aber nicht aus.»

Ja, das stimmte wohl. Eigentlich sah er sogar aus wie der letzte Penner, das war Dylan durchaus bewusst. Nachdem er sich in den ersten Monaten seines Trips noch alle paar Tage rasiert hatte, gab er es irgendwann auf, gepflegt aussehen zu wollen. Für wen denn? Er war dann sogar ganz froh, dass der Bart sein Gesicht verdeckte, so erkannte ihn wenigstens niemand. Allerdings hatte Dylan den Bart nun schon mindestens drei Monate wachsen lassen, und beim Blick in den Spiegel erkannte er sich fast selbst nicht mehr.

Er schlang den Muffin sowie den Kaffee runter, um hier schnell wegzukommen. Die Leute, die in dem Café saßen, starrten ihn nämlich ebenfalls an.

«Danke, Nolan», sagte er nur fünf Minuten später, als er das schmutzige Geschirr auf dem Tresen abstellte. «War echt nett von dir, mich mitzunehmen und mir was auszugeben.»

«Aber gerne, Dylan. Zum Hotel findest du allein?»

«Du hast mir den Weg ja beschrieben, kann nicht so schwer zu finden sein.» Nolan hatte auch etwas von einer Bimmelbahn gesagt, die direkt zum Hotel fuhr, aber darauf verzichtete er lieber.

«Falls doch, weißt du ja, wo ich bin. Ich hab bis um acht geöffnet.»

«Alles klar, danke.» Dylan schaute auf die alte Uhr seines Grandpas, die er in der Hosentasche trug, seit das lederne Armband kaputtgegangen war. Er hielt sie in Ehren, nicht nur, weil sie ein Erbstück war, sondern auch, weil es ohne Handy die einzige Zeitangabe war, die er hatte. Sie zeigte 14:37 Uhr an.

Er nahm seinen Rucksack, setzte ihn sich auf und griff nach seinem Gitarrenkoffer. Dann nickte er Nolan und der Bedienung noch einmal zu und trat aus dem Café.

Draußen standen jetzt bestimmt zehn bis fünfzehn Menschen herum, die plötzlich alle ganz beschäftigt taten. So als würden sie ihn gar nicht bemerken.

Dylan versuchte ebenfalls, allen Blicken auszuweichen, und lief zu Fuß in Richtung Paradise Parkway, der ihn laut Nolan in knapp dreißig Minuten zum See führen sollte. Dem See, der, wie sollte es anders sein, Lake Paradise hieß.