Kapitel Achtundvierzig

Während unserer rasanten Heimfahrt erhielt Danbury ungefähr ein Dutzend Anrufe von Channel 14. Dabei ging es anscheinend um eine Sendung über Kliniken, die Gewichtsreduzierungen vornehmen. Wenn ich es richtig verstand, lag ihr dieses Thema nicht besonders am Herzen. Ich bekam einen Anruf von Jacob Willow, der wissen wollte, auf welchem Stand wir waren. Ich versprach ihm, später zurückzurufen. Auf dem Weg zu Channel 14 brausten wir durch Mobile. Danbury sagte: »Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern. Hundert oder so, mehr nicht. Sollte Walcott sich melden, kann ich mich loseisen.«

Sie rannte zur Tür. Ihre Haare flatterten im Wind. Mit einem Mordstempo raste ich zu mir nach Hause. Ich wollte duschen, das Kunstwerk verstecken. Und dann auf einen Anruf von Walcott warten.

Gerade als ich aus der Dusche stieg, klingelte das Telefon. Walcott klang gestresst. »Ich weiß nicht, wo die Sache steigt, aber ich denke, heute oder morgen. Ich habe zwei Kunden angerufen, die über die entsprechende Summe und Vorliebe verfügen. Mir wurde gesagt, sie wären nicht in der Stadt, würden aber morgen oder übermorgen wieder zurückkommen.«

»Wie eindeutig ist das? Handelt es sich vielleicht um ganz normale Geschäftsreisen?«

»Sie sind in Rente und Sammeln ist ihre Hauptbeschäftigung. Außerdem rufen sie mich immer zurück. Eine andere Kundin bat mich, in ein paar Tagen wieder anzurufen. Sie sagte auch, falls alles so läuft, wie sie es sich vorstellt, bräuchte sie vielleicht den Namen eines kompetenten Restaurateurs. Für Ölgemälde.«

»Reden Sie weiter.«

»Die letzte Person hatte am meisten zu sagen, auch wenn es nicht sonderlich viel war. Ich deutete an, ich hätte etwas, das ihn interessieren könnte. Einen frühen Ramirez. Und er sagte, ich hätte Glück und er würde morgen vorbeikommen und ihn sich anschauen.«

»Und?«

»Ihm gehören ein paar kleine Kasinos in Las Vegas. Aber er meinte, er hätte heute und morgen geschäftlich in der Gegend zu tun. Er wolle wissen, wie viel der Ramirez kostet, weil er sich nicht sicher war, wie viel er ausgeben konnte. Er wollte mir in ein, zwei Tagen Bescheid geben.«

Hing seine Kauffreude vielleicht davon ab, wie viel er bis dahin für die Hexcamp-Sammlung hingeblättert hatte, fragte ich mich, obwohl sich »geschäftlich zu tun« auch auf das nahe gelegene Biloxi und Pascagoula beziehen konnte, wo es ebenfalls Kasinos gab. Walcott sagte: »Ich habe nichts in der Art von Ramirez. Was soll ich tun, wenn er –«

»Sie wissen ganz sicher nicht, wo die Auktion stattfindet?«

»Ich schwöre, ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.«

»Trotzdem sind Sie sich sicher, dass die Auktion für heute oder morgen angesetzt ist?«

»Da läuft irgendeine große Sache; das spüre ich.«

»Wie heißen diese Leute?« Ich konnte die hiesigen Hotels checken und hoffen, dass sie unter ihrem echten Namen abgestiegen waren. Schließlich bestand ja kein Anlass für Heimlichkeiten.

»Das kann ich Ihnen nicht verraten, Detective Ryder. Ich habe getan, was Sie verlangt haben. Nun erwarte ich, dass Sie Ihr Versprechen halten und mich in Ruhe lassen.«

Er hängte ein. Ich fluchte und hätte – da ich das nicht mit Giles Walcotts Kopf machen konnte – fast das Telefon an die Wand geworfen. Stattdessen rief ich Harry an.

»Harry, die Auktion steigt heute oder morgen. Walcott kennt ein paar von den potentiellen Käufern, hat mir gegenüber aber die Schotten dichtgemacht. Könntest du vielleicht hingehen und sie wieder öffnen? Ich warte hier auf deinen Anruf.«

Das Haus kam mir auf einmal winzig vor, ich hatte das Gefühl zu ersticken. Die Anspannung war zu groß für das bisschen Raum. Ich ging auf die Veranda und richtete den Blick auf das glitzernde Wasser. Mein Telefon läutete. Ich las die Nummer: Willow. Ich ging ran.

»Ich kann jetzt nicht reden. Wir stehen kurz vor einem Durchbruch.«

»Was ist denn?«, fragte Willow.

»Sieht ganz so aus, als wären die Käufer irgendwo in der Gegend. Wo, weiß ich nicht. Harry versucht, Walcott weiter auszuquetschen. Ich bin zu Hause und kurz davor, aus der Haut zu fahren. Ich brauche eine freie Leitung.«

»Ich bin seit mehr als drei Jahrzehnten an diesem Fall dran. Rufen Sie mich an, wenn Sie was hören.«

Ich lief auf dem Deck auf und ab und versuchte zu überlegen, wie wir vorgehen sollten, wenn – falls – wir den Auktionsort fanden. Wir mussten die Spieler im Spielfeld halten, uns auf Coyle und seine Partner konzentrieren.

Eine Autotür, die zugeknallt wurde, riss mich aus meinen Gedanken. Eine Frau rief: »Rubin?«

Rubin?

Die Stimme kam von nebenan. Ich spähte um die Hausecke. Lydia Barstow stand drüben auf der Auffahrt und brüllte das Haus der Martins an.

»Rubin, komm raus! Ich habe Angst. Bitte, Rubin.«

Ich lief durchs Haus, sprang die Treppe hinunter, rannte durch die zwischen den Häusern liegenden Dünen. Lydia stand vor einem blauem Explorer. Neben ihren Füßen stand eine braune Reisetasche.

»Lydia, was ist? Was tun Sie denn hier?«

Vor Schreck zuckte sie zusammen und drehte sich zu mir um. »Detective Ryder? Was ... ich meine ... Wie sind Sie denn hierher gekommen?«

»Ich wohne hier, Lydia. In dem Haus dort drüben. Was haben Sie hier zu suchen?«

Verwirrt schaute sie von einem Haus zum anderen. »Rubin hat sich vor einer Stunde gemeldet. Er wollte seine Tasche. Mal hat er rumgeschrien und mich dann wieder angefleht, sie ihm zu bringen. Ich habe ihn gefragt, was das soll, und da hat er gesagt, ich soll die Klappe halten, die Tasche holen und ...«

»Puh, Lydia. Er wollte, dass Sie die Tasche hierher bringen?«

Sie wedelte mit einem pinkfarbenen Notizzettel. »Er wollte, dass ich mir die Adresse aufschreibe und niemandem verrate, dass er hier ist, weil er sonst große Schwierigkeiten bekommt.«

Ich nahm den Zettel: Da stand die Adresse der Martins drauf. Dann wanderte mein Blick zu der Reisetasche, die fast aus allen Nähten platzte.

»Was ist in der Tasche?«

»Er hat mich zu einer von diesen Firmen geschickt, wo man Sachen einlagern kann. Der Schlüssel war in seinem Schreibtisch.« Sie errötete. »Ich musste es tun, Detective Ryder. Ich habe versucht, mich von ihm zu trennen, aber ... die Gefühle sind immer noch da. Ich bin immer noch ...«

Sie brach ab und verbarg das Gesicht in zitternden Händen. Der rote Wagen war verschwunden. Das Haus wirkte ausgestorben. Ich ging neben der Reisetasche in die Hocke. Sie war aus dickem, gewachstem Stoff und hatte einen schweren Reißverschluss mit Schloss. Ich tastete den Inhalt ab. Flexible Quader, so groß wie Geldbündel. Sehr viele Quader.

Lydia schlug unten auf das Treppengeländer. »Rubin! Komm raus, Rubin!« Sie war kurz davor, hysterisch zu werden.

»Ich glaube nicht, dass er da ist, Lydia. Das Fahrzeug ist verschwunden. Sollten Sie sich hier mit ihm treffen?«

»In einer Stunde. Ich bekam es mit der Angst und bin früher gekommen. Was geht denn hier vor?«

Ich betrachtete das einstöckige, auf Stelzen stehende Haus der Martins. Hatte sich Rubin Coyle die ganze Zeit über nebenan versteckt? Das kam mir bizarr vor. Aber der ganze Fall war bizarr, und zwar von dem Moment an, da ich das Zimmer im Cozy Cabins betreten hatte.

»Rubin!«, kreischte Lydia. »Ich bin hier. Bitte, sprich mit mir.«

Ich setzte sie in den Explorer und versprach, gleich zurückzukommen. Dann lief ich die Stufen hoch, trat auf den oberen Absatz und klopfte.

»Coyle? Hier ist Detective Ryder. Ich muss mit Ihnen sprechen.«

Ich drehte am Türknauf. Die Tür war nicht abgeschlossen. Eiskalte Luft strömte nach draußen, als ich die Tür aufstieß – dahinter war nur Stille. Ein Klicken ließ mich zusammenfahren. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass das der Kühlschrankkompressor war.

»Coyle?«, rief ich noch einmal und stolperte über drei Koffer, die gleich hinter der Tür in einem weitläufigen Wohnzimmer mit gebohnerten Hartholzdielen standen. Auf einem Wohnzimmertisch lagen eine Rolle Klebeband und ein Blatt Papier: Die Standardkarte der Makler mit eingezeichneten Mietobjekten. Ein halbes Dutzend Häuser waren rot eingekreist. Alle innerhalb eines Viertelmeilenradius.

In den vier Sekunden, die es dauerte, bis die Wellen in der Ferne brachen, dämmerte es mir endlich: Coyle hatte die Bieter in Mietshäusern auf Dauphin Island untergebracht. Das war die perfekte Lösung, wenn man Wert auf Anonymität legte. Um diese Jahreszeit sah man andauernd neue Gesichter. Ich studierte die Karte genauer. Das Haus der Amberlys war rot markiert. Die Blovines waren Sammler.

Das passte.

»Detective?«, flüsterte eine Frau.

Ich drehte mich um. Lydia stand, vom Sonnenlicht eingerahmt, in der Tür. Sie hielt etwas Dunkles in der Hand. Aus irgendeinem Grund explodierte meine Brust.

Weit weg türmten sich Wellen auf, um mich wegzuschwemmen.