23
»Hoppla, Vorsicht.«
Gabe stützte Sam, als sie auf der Treppe unterhalb vom Crow’s Nest ins Stolpern geriet.
Kurz darauf kamen sie zu der schmalen Straße, die zur Stippy Stappy Lane hinaufführte. Der Himmel war klar, nur vereinzelt schoben sich für einen Moment Wolken vor den Mond. Es war eine dieser zauberhaften Sommernächte, in denen die Luft samtig war und es nie ganz dunkel wurde. In solchen Nächten hatten Sam und Gabe sich früher am Strand geküsst, während sachte die Wellen ans Ufer schwappten.
Auf dem Kopfsteinpflaster geriet Sam erneut ins Straucheln, und Gabe fasste sie am Ellbogen. Seine Finger fühlten sich warm an auf ihrer nackten Haut, doch er ließ gleich wieder los und passte sich ihrem Tempo an. Sam war ein bisschen schwindlig, aber sie hatte den Abend sehr genossen.
»War eine schöne Party«, sagte Gabe, als hätte er ihre Gedanken erraten.
»Ja, wunderbar. Ich wünschte nur, ich hätte schon früher von Chloes Familienproblemen gewusst – und von ihrem Alter. Auf meiner Karte stand dick 40.« Sam stöhnte, kicherte aber dann. »Na ja, nicht zu ändern.«
»Chloe wirkt auf jeden Fall viel jünger«, sagte Gabe. »Aber ich vermute mal, fünfzig zu sein ist wirklich nicht ihr Hauptproblem.«
»Es tut mir so leid, dass sie ihre Tochter und ihre Enkelin nicht sehen kann. Ich weiß ja, wie sich das anfühlt, von jemandem getrennt zu sein, den man liebt. Ryan, meine ich«, fügte sie hastig hinzu, damit Gabe das nicht auf sich bezog.
»Du vermisst ihn immer noch sehr«, sagte Gabe. Es klang mehr wie eine Feststellung als wie eine Frage.
Sam fühlte sich schlagartig nüchtern. »Natürlich. Selbst als ich wütend auf ihn war, habe ich ihn vermisst. Aber zumindest weiß ich, dass er am Leben ist. Oder jedenfalls vor ein paar Monaten noch war. Er hatte mir zum Geburtstag eine Karte geschickt. Ohne Kontaktdaten allerdings.«
»Chloe war, glaube ich, auch froh und zufrieden mit ihrem Fest«, wechselte Gabe etwas abrupt das Thema. »War wohl eine große Erleichterung für sie, endlich von ihrer Familie zu erzählen.«
»Ja. Ich hatte schon gespürt, dass da was nicht stimmte. Aber Chloe kann ganz gut den Schein wahren.«
»So wie du.«
»Mir blieb ja nichts anderes übrig. Zennor brauchte mich. Und Ryan auch, zu Anfang.«
»Ja, ich weiß. Zennor hat mir heute Abend ein paar heftige Blicke verpasst, aber damit hatte ich schon gerechnet. Es war sicher nicht einfach für sie, mich wiederzusehen. Und ich verstehe auch, dass sie mir nachträgt, was damals passiert ist.«
»Ja, es fiel ihr schwer. Ich hatte sie aber schon vorher darum gebeten, sich zusammenzunehmen, wegen Chloe. Zennor macht sich Sorgen um mich – was nicht nötig wäre. Und ich denke, ihr ist nicht klar, was ihr nach Mums Tod alles für uns getan habt, du und deine Eltern. Dass ihr uns so oft Essen gebracht und auf Zennor aufgepasst habt, wenn ich abends noch arbeiten musste. Ihr wart so eine große Hilfe für uns, bis … mit Ryan alles schiefging.« Sam verstummte, weil sie merkte, dass sie auf gefährliches Terrain geriet. Der Abend war so schön gewesen, sie wollte ihn nicht ruinieren.
»Es …«, begann Gabe.
»Sag jetzt bitte nicht wieder, dass es dir leid tut.«
»Nein, ich wollte sagen, dass es plötzlich ganz schön kühl geworden ist«, sagte Gabe.
Sam fröstelte auch ein bisschen, und Gabe legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie aber nicht näher an sich. Sam zuckte erst erstaunt zusammen, rückte aber nicht von ihm ab.
»Sam, ich wünsche mir so sehr, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen können«, sagte er. »Zuerst dachte ich, es sei ein großer Fehler gewesen, hierher zurückzukehren, aber in letzter Zeit … Ich freu mich wirklich, dass wir uns wieder besser verstehen.«
Gabe blieb stehen und sah ihr in die Augen.
Sams Herz pochte heftig. »Unsere Streiterei … meine Schuldzuweisungen …«, stammelte sie, »das bringt Ryan auch nicht zurück, nicht wahr? Das kann nur er alleine entscheiden.«
Gabe ließ den Arm sinken, und die Stelle, wo er geruht hatte, fühlte sich jetzt kalt an. Sam fragte sich verblüfft, warum er sie losgelassen hatte. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Aber es war doch positiv gewesen. Sie war plötzlich furchtbar enttäuscht. Von wegen besser verstehen. Sie konnten sich ja offenbar nicht mal unterhalten, ohne dass etwas schieflief.
»Gabe?«
»Du hast recht. Das kann nur Ryan entscheiden.«
»Wo er auch ist«, sagte Sam und schaute übers Meer, als könne ihr Bruder urplötzlich aus den Wellen erscheinen. Dann sah sie Gabe wieder an. »Ich möchte mich noch dafür entschuldigen, dass ich dich so angeraunzt habe, als du angeboten hast, die Kosten für die Lackierung des Stargazey-Wagens zu übernehmen. Ich wollte – will – einfach nicht, dass du denkst, ich sei wegen deines Geldes hinter dir her.«
Gabe brach in schallendes Gelächter aus. »Hinter mir her, wegen meines Geldes?«
»Ja, na ja. Das Festival, und … Ich meine, du bist schließlich … schon eine Berühmtheit.«
»Berühmtheit?«
»Ja. Und jetzt hör auf, mich auszulachen, du Blödi. Es stimmt doch. Was glaubst du, wie viele Leute dich kennen. Du bist im Fernsehen!«
Er musste sich Lachtränen abwischen, aber Sam fand das gar nicht lustig und versetzte ihm einen kleinen Stoß. »Das ist nicht witzig!«
Gabe strich sich übers Gesicht und bemühte sich, ernst zu blicken, aber es gelang ihm beim besten Willen nicht. »Tut mir leid, aber das hört sich aus deinem Munde einfach rasend komisch an. Okay, klar hab ich Erfolg, aber ich würde niemals auf die Idee kommen, dass du wegen meines Geldes hinter mir her bist.« Ein schelmisches Lächeln trat auf sein Gesicht, und seine Augen funkelten. »Bist du denn ›hinter mir her‹ …?«
Sam stöhnte. »Das hab ich nicht gesagt. Also, ich hab es zwar gesagt, aber nicht so gemeint.«
Gabe machte grinsend eine Angelbewegung.
Sam kreischte empört. »Gabriel Mathias, du bist ein unverbesserlicher Spinner und wirst dich niemals ändern!«
»Oh doch, ich habe mich geändert. Aber was sich nicht geändert hat, sind meine Gefühle für dich.« Er ergriff ihre Hand und zog Sam näher zu sich. Jetzt sah er gar nicht mehr belustigt aus, sondern so, wie sie ihn von früher kannte: leidenschaftlich, sexy und voller Verlangen. Nach ihr. Und ihr Körper schien von Kopf bis Fuß unter Strom zu stehen.
Er beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Sam wehrte sich nicht, als eine Hand über ihren Rücken glitt und die andere durch ihr Haar strich und ihren Hinterkopf umfasste. Sie begehrte Gabe so sehr, dass ein Schauer über ihre Haut lief und jede Pore zu jauchzen schien.
Wie konnte es dazu kommen? Wieso ließ sie das zu? So betrunken war sie nicht, sie gab sich ihm regelrecht hin … sehnte sich nach diesem Kuss. Sachte umfasste Gabe ihr Kinn, hob ihren Kopf an, und wo seine Finger ihre Haut berührten, schien sie zu glühen. Sam fühlte sich köstlich lebendig und beugte sich zu ihm. Als sie sich küssten, schmeckte Sam das rauchige Aroma des Armagnac auf der Zunge.
Sie waren nicht mehr weit von Wavecrest Cottage entfernt, und plötzlich ging vor dem Haus das Verandalicht an. Die Haustür flog auf, und Stimmen schallten durch die Luft.
»Naahacht!«
»Tschühüs!«
Ben und Zennor, die sich verabschiedeten. Also war Ben nicht nach Hause gefahren … Gabe beugte sich wieder zu Sam, aber der Zauber des Augenblicks war verflogen. Und vielleicht war das auch besser so, sagte sich Sam. Mit ihm zu lachen, entspannt zu sein, ihn zu küssen – das alles hatte sich so wunderbar und natürlich angefühlt, dass sie die unbeantworteten Fragen, die noch immer zwischen ihnen standen, verdrängt hatte. Warum hatte Gabe es vorgezogen, seine »Bürgerpflicht« zu erfüllen und Ryan zu verraten, anstatt sich für seine Liebe zu Sam zu entscheiden?
»Zu früh«, murmelte sie und löste sich von Gabe. Er sagte etwas, aber das ging im Dröhnen von Bens Motorrad unter.
»Warte.« Gabe nahm ihre Hand und wartete ab, bis Ben die Straße entlanggebraust war und der Lärm nachließ. »Bedeutet das, dass es irgendwann so weit sein wird?«
Ihr Herz schien zu holpern. Sie hatte einen riesigen Sprung vorwärts – oder rückwärts? – getan in den letzten Minuten und konnte nicht einfach Nein sagen. »Lass es uns langsam angehen. Uns erst mal wieder richtig kennenlernen?« Das war ein Ausweichmanöver, aber Gabes Augen leuchteten glücklich.
»Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst«, sagte er.
Sie lächelte. »Gute Nacht, Gabe.« Sie wandte sich ab und ging zum Haus.
»Aber beeil dich!«, rief er ihr nach.
Die Veranda erschien Sam in diesem Moment wie das rettende Ufer. Im Augenblick schwebte sie in höheren Sphären, aber wenn sie wieder eine Bruchlandung machen würde? Wenn das noch einmal geschah, würde wohl nicht einmal das Festival sie noch retten können.