Kapitel 10

Langsam und irgendwie unwillig kehrte Lilou in die Realität zurück. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Simon lag mit geschlossenen Augen neben ihr, er trug nur noch sein T-Shirt. Ihr Kleid war hochgerutscht, ihr nacktes Bein lag auf seinen Oberschenkeln, sein rechter Arm hielt ihre Schulter umfasst. Träge strichen seine Finger über ihre Haut.

Er musste ihre veränderte Atmung gespürt haben, denn er schlug die Augen auf, drehte den Kopf zu ihr und lächelte sie an.

»Danke«, flüsterte er und drückte ihr einen Kuss aufs Haar.

»Ich habe zu danken«, gab sie zurück und erwiderte sein Lächeln. Sie setzte sich auf und zog sich das Kleid über die Beine. »Aber du gehst jetzt besser.«

Das Lächeln erlosch. »Ich dachte …«

»Nein, Simon«, sagte sie. »Es hat sich nichts zwischen uns geändert.«

Er rollte sich auf die Seite und sah sie ernst an. »Du täuschst dich, Lilou. Es hat sich alles geändert.«

»Simon!« Sie runzelte die Stirn. »Wir hatten Sex miteinander, sonst nichts!«

»Nur Sex?«, fragte er leise. »Ich habe deutlich mehr gespürt als das.« Er beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.

Lilou verschlug es für einen Moment die Sprache, ihr Herz begann zu klopfen. Aber die Vernunft siegte, und brüsk drehte sie den Kopf weg. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich keine Komplikationen will!«

»Ich verspreche dir, es gibt keine Komplikationen.« Er lächelte sie warm an, seine Augen leuchteten wieder, und er zog sie in seine Arme. »Es gibt nur uns beide.«

Einen Augenblick lang versteifte sie sich, dann gab sie nach. Er hielt sie fest umschlungen, und seine Atemzüge verrieten, dass er wieder eingeschlafen war. Resigniert schloss sie die Augen und beschloss, die Diskussion auf morgen zu verschieben.

 

Lilou erwachte vom Klingelton ihres Handys. Sie schrak hoch und war einen Moment lang orientierungslos. Dann sah sie die Rotweingläser auf dem Tisch, die zerknüllte Decke auf der Couch, und ihr fiel alles wieder ein. Simon!

Aber der Platz neben ihr war leer, nur der Abdruck seines Kopfes auf dem Kissen war noch zu erahnen. So ernst schien es ihm also doch nicht gewesen zu sein. Das war vielleicht auch besser so.

Das Telefon klingelte noch immer. Sie sprang auf und sah auf das Display, es war eine Mobilnummer, die sich nicht in ihren Kontakten befand.

»Hallo?«

»Bonjour, Madame Braque«, tönte es aus dem Lautsprecher. »Hier spricht Dr. Morteau. Habe ich Sie geweckt?«

»Aber nein«, log sie. »Was ist passiert? Ist etwas mit Isabelle Valleron?«

»Nein, Madame Valleron geht es gut«, antwortete der Arzt. »Sie will Sie sehen.«

»Mich?«

»Ja. Sie hat heute Morgen als Erstes nach Ihnen gefragt. Sie will unbedingt mit Ihnen sprechen.«

»Ich komme sofort.«

Noch während des Telefonats begannen ihre Gedanken zu rasen. Würde Isabelle endlich reden?

Sie gönnte sich genau drei Minuten unter der Dusche. Nach kurzer Überlegung entschied sie sich gegen die Uniform und zog Jeans und ein frisches T-Shirt an. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Isabelle mehr Vertrauen zu ihr haben würde, wenn sie nicht als Polizistin auftauchte.

Erst als sie ihre Autoschlüssel suchte, fiel ihr ein, dass der Commissaire sie mitgenommen hatte. Ihr Wagen stand wahrscheinlich auf dem Parkplatz der Polizeiwache.

Sie zog die Tür ins Schloss und zögerte auf dem Treppenabsatz. Auf Zehenspitzen schlich sie zu Simons Wohnung und presste das Ohr an die Tür, aber dahinter war kein Laut zu hören. Dann eben nicht.

 

Mit schnellen Schritten eilte Lilou durch die Altstadt. Die Luft war noch kühl, die Sonne hatte die hohen Fassaden der Häuser noch nicht erklommen, und es war erstaunlich still. Natürlich, es war Sonntag, die Läden hatten geschlossen, und die Anwohner lagen sicher noch in ihren Betten oder saßen gerade beim Frühstück. Ein Hauch von Kaffeeduft lag in der Luft, und Lilou folgte ihrer Nase zu einem kleinen Café, das bereits geöffnet hatte. Der Stapel Pappbecher auf der Theke versprach café à emporter, und kurz darauf wärmte ein großer Café au Lait Lilous Hände.

Bis sie das Hôtel de Police erreicht und ihre Autoschlüssel beim Wachdienst abgeholt hatte, war der Kaffee auf Trinktemperatur, und sie nahm einen großen Schluck, bevor sie den Wagen aufsperrte. Sie stellte den Kaffeebecher in die dafür vorgesehene Halterung, startete den Wagen und fuhr zum Krankenhaus.

 

Dr. Morteau erwartete sie schon auf dem Flur der chirurgischen Station. Er schien anzunehmen, dass mit dem Wegfall der Uniform auch die Distanz zwischen ihnen geringer geworden war, denn er begrüßte sie mit zwei Wangenküssen, die Lilou nur symbolisch erwiderte. Er wollte noch etwas sagen, doch sie wimmelte ihn ab und eilte zu Isabelle Vallerons Zimmer. Gardien Tairrousse war abgelöst worden, nun saß Lieutenant Roguenot vor der Tür. Er sprang auf, als sie näher kam, dann erkannte er sie und nickte ihr grüßend zu.

Isabelle Valleron saß aufrecht im Bett. Sie war immer noch sehr blass, aber ihre Sommersprossen hoben sich nicht mehr so scharf von ihrer Haut ab, und ihre Augen hatten etwas an Glanz gewonnen.

»Lilou, schön, dass du da bist!«

Isabelle war unvermittelt zum Du übergegangen, aber wenn es ihr half, Vertrauen zu ihr zu fassen, sollte es Lilou recht sein.

»Ich bin sofort gekommen, als Dr. Morteau mich angerufen hat.«

Lilou setzte sich auf die Bettkante, und Isabelle griff nach ihren Händen. »Ich möchte mich bei dir bedanken«, begann sie förmlich. »Du hast mir das Leben gerettet.«

Lilou lächelte. »Das ist doch mein Job.«

»Trotzdem.« Isabelle berührte Lilous Wange. »Er hat dich verletzt.«

»Nicht der Rede wert.« Lilou winkte ab. Es tat tatsächlich kaum noch weh. »Wie geht es dir?«

»Besser.« Isabelle atmete tief durch. »Gestern konnte ich mir ein Leben ohne das Tanzen nicht vorstellen. Heute bin ich froh, dass ich noch am Leben bin.«

Lilou nickte. »Du hast doch deine Arbeit in der Mairie, du musst dir keine Sorgen machen.«

»Das ist nur eine Urlaubsvertretung«, antwortete Isabelle leise. »Im Oktober stehe ich wieder auf der Straße.«

»Du findest bestimmt etwas anderes.«

»Wer nimmt denn so eine wie mich?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Bis gestern dachte ich ja auch noch, dass Dimitri …« Sie schluchzte auf.

»Was ist mit ihm?« Lilou beugte sich gespannt vor. »Hat er mit dem Mord an Monsieur Benoit zu tun?«

»Monsieur Benoit?« Isabelle sah sie erstaunt an. »Nein, ich glaube nicht. Aber er …« Sie schwieg und biss sich auf die Lippen.

»Bitte, Isabelle, hab keine Angst. Ich kann dir helfen.« Lilou drückte ihre Hände. »Und Schweigen bringt nichts, das hast du ja gestern gesehen.«

Isabelle schloss die Augen. »Ja, du hast recht.« Sie atmete tief durch. »Also gut. Dimitri betreibt im La Cocotte ein Bordell. Er holt Mädchen aus Osteuropa und lässt sie für sich arbeiten. In den Zimmern oben wohnen sie nicht nur, sondern empfangen auch ihre Freier.«

Lilou nickte, sie war nicht sonderlich überrascht. »Wieso ist das bisher niemandem aufgefallen?«

»Nach außen hin ist alles in Ordnung. Die Mädchen sind ganz offiziell als Tänzerinnen oder als Servicepersonal angestellt. Dafür bezahlt er sie nicht schlecht, und sie bekommen freie Kost und Logis. Aber er streicht auch den Verdienst für die anderen …«, sie suchte nach einem Wort, »… Dienstleistungen ein. Und wenn ein Mädchen dagegen protestiert, wird sie schnurstracks zurück nach Russland geschickt.«

»Warst du auch …« Lilou zögerte.

Isabelle schüttelte vehement den Kopf. »Nein. Ich war Dimitris Freundin. Er hat mich nur für das Tanzen bezahlt, sonst nichts.«

»Mit Kokain?«

Es war ein Schuss ins Blaue, aber er traf. Isabelle stiegen erneut die Tränen in die Augen. Sie nickte.

»Ja, das auch.« Sie schniefte, und Lilou reichte ihr ein Kleenex. »Weißt du, er hat mich von der Straße weggeholt. Aber er hat mich immer anständig behandelt.«

»Hast du Verwandte, bei denen du unterkommen kannst?«, fragte Lilou.

Isabelle schüttelte den Kopf. »Meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, als ich 14 war. Ich kam in eine Pflegefamilie. Da bin ich nach zwei Wochen abgehauen, als der Mann versucht hat, mich zu vergewaltigen.«

Sie drehte den Kopf weg. Lilou wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, deshalb streichelte sie nur ihre Hand. »Das tut mir leid«, flüsterte sie.

»Ich habe dann auf der Straße gelebt. Ich habe gestohlen und betrogen, mit Drogen gedealt und mich von Männern aushalten lassen. Ich habe alles eingeworfen, was ich in die Finger bekam. Mit 17 war ich so kaputt, dass ich wusste, ich würde das nächste Jahr nicht überleben. Da habe ich mit dem Tanzen begonnen.«

Lilou nickte.

»Ich kam von den Drogen weg und fand sogar Arbeit in einer Tanzschule. Dann hat mich ein früherer ›Kunde‹ wiedererkannt, und ich wurde gefeuert.« Sie schnitt eine Grimasse, ihre Miene verfinsterte sich. »Alles begann wieder von vorn. Ich hatte mich völlig aufgegeben. In diesem Zustand fand mich Dimitri. Er hat mich mit nach Hause genommen und mich wieder aufgepäppelt. Er gab mir einen Job. Und er gab mir Kokain, nicht viel, nur ein bisschen. Es hat mir geholfen, vor den Männern zu tanzen.« Sie sah Lilou mit tränennassen Augen an. »Er war immer gut zu mir. Hat nie etwas verlangt, das ich nicht tun wollte. Er hat akzeptiert, dass ich eine eigene Wohnung haben wollte, und dass ich auch ein Leben außerhalb des La Cocotte führte. Der Job in der Mairie war für mich so etwas wie die Eintrittskarte in ein normales Leben.«

»Und wieso hat sich das jetzt geändert?«

Isabelle seufzte. »Nachdem du vorgestern in die Mairie kamst und mit mir sprechen wolltest, habe ich ihn angerufen. Ich hatte Sorge, dass du ihm etwas anhängen willst. Er sagte, er würde sich um das Problem kümmern.« Sie begann wieder zu weinen. »Ich dachte, er würde dich irgendwie erschrecken oder so, damit du ihn in Ruhe lässt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Problem bin.«

»Also war er es, der dich angefahren hat?«

»Es war einer seiner Leibwächter«, flüsterte sie. »Ich habe nicht erkannt, welcher von den beiden es war, aber er fuhr einen von Dimitris Wagen.«

»Und weil das nicht funktionierte, hat er gestern Dragan Mikita hergeschickt.«

Isabelle nickte unter Tränen. »Ich hätte keine Chance gehabt, wenn du nicht gewesen wärst.«

Lilou schluckte. »Würdest du das alles auch vor Gericht aussagen?«, fragte sie.

»Ja.« Isabelles Stimme war fest. »Vorausgesetzt, ich lebe so lange.«

»Dafür werden wir sorgen.«

 

Während der Rückfahrt vom Krankenhaus rief Lilou Demoireau an und brachte ihn auf den neuesten Stand. Der Commissaire sagte nicht viel dazu. Er brummte nur sein übliches »Hm« und kündigte an, den Fall Petuchow sofort an die Police nationale in Avignon weiterzugeben. Die Kollegen von der Drogen- und Sittenbrigade würden sich darum kümmern.

Lilou hoffte inständig, dass das ausreichte, um Isabelle zu schützen. Aber sie hatte nicht mehr tun können, als den Polizisten im Krankenhaus zu besonderer Aufmerksamkeit anzuhalten. Außer dem Personal des Krankenhauses und den Kollegen von der Wache durfte niemand zu ihr.

Es war fast Mittag, als sie ihren Kangoo in einer Seitengasse der Place de l’Horloge parkte. Die Sonne stach senkrecht zwischen den Hauswänden hindurch, es gab keinen Schatten, und Lilou geriet von den wenigen Metern zurück zum Haus ins Schwitzen.

Im Treppenhaus war es angenehm kühl, im zweiten Stock roch es nach Gebratenem. Erst jetzt dachte sie wieder an Simon. Die Tür zu seiner Wohnung war nur angelehnt, sie klopfte und schob sie auf.

Simon saß im Schneidersitz auf der alten Matratze und blickte von seinem Telefon hoch, als sie ins Zimmer kam. Neben ihm standen zwei Papiertüten mit dem Aufdruck einer Bäckerei, die vom Fett der darin befindlichen Croissants ganz glasig geworden waren. Er kam auf die Beine und ging ihr entgegen.

»Wo warst du?«, fragte er und begrüßte sie mit zwei Wangenküssen.

»Ich musste ins Krankenhaus«, erklärte sie. »Eine wichtige Zeugin wollte eine Aussage machen.«

Er musterte sie von oben bis unten. »An einem Sonntag?«

Sie hob das Kinn. »Ja, natürlich. Verbrechen halten sich nicht an Dienstzeiten.«

»Du bist in Zivil«, stellte er fest.

»Ja.« Sie begegnete seinem vorwurfsvollen Blick. »Hast du irgendein Problem damit, Simon?«

»Nein, natürlich nicht.« Seine Augen wurden weich. »Ich habe mich nur gewundert, wo du bist. Ich war beim Bäcker und wollte dich mit einem Frühstück überraschen. Aber als ich zurückkam, warst du weg.«

»Ich dachte, du bist abgehauen«, antwortete Lilou und wich seinem Blick aus.

»Abgehauen?« Er hob die Hände und fasste sie bei den Schultern. »Nein, Lilou, ich wäre niemals abgehauen, ohne ein Wort zu sagen.«

Sie starrte ihn an. »Das konnte ich ja nicht wissen.«

»Ich dachte, das wäre klar.« Er grinste schief. »Entschuldige. Ich hätte dir eine Nachricht hinterlassen sollen. Aber ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass du …«

Sie zuckte mit den Schultern. »Siehst du, ich auch nicht.«

Er lachte. »Können wir jetzt frühstücken? Die Croissants sind zwar nicht mehr ganz frisch, aber man kann sie bestimmt noch essen.«

Lilous Magen machte sich bemerkbar. »Gute Idee«, sagte sie. Eigentlich sollte sie ihm besser jetzt sofort klar machen, dass er keine Ansprüche an sie stellen durfte, nur weil sie mit ihm geschlafen hatte. Aber erst wollte sie etwas essen.

 

Der altersschwache Stuhl aus Simons Wohnung stand noch am Tisch, und sie saßen wie ein altes Ehepaar beim Sonntagsfrühstück. Es gab Schlimmeres als das, stellte Lilou fest. Den Croissants hatte der Aufenthalt in der Papiertüte weniger geschadet als befürchtet. Etwas weich waren sie geworden, aber sie schmeckten trotzdem ganz wunderbar. Lilou stippte das knusprige Ende in ihren Milchkaffee.

»Das war eine gute Idee«, sagte sie und lächelte Simon an. Er erwiderte das Lächeln, und Lilou hoffte, dass er daraus keine falschen Schlüsse zog. Sie wollte noch immer keine Beziehung zu einem Koch aus Kanada, der wahrscheinlich nicht einmal so lange in Carpentras bleiben würde wie sie.

Während sie das Geschirr abräumte, setzte sich Simon aufs Sofa und nahm das Journal d’Armand zur Hand. Er blätterte langsam durch die Seiten, hielt immer wieder inne und fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang.

»Dieses Buch ist eine echte Goldgrube«, sagte er und blickte auf. »Es enthält nicht nur alle Rezepte der provenzalischen Küche, sondern beschreibt auch viele moderne Variationen. Damit könnte man glatt die Speisekarte eines Restaurants füllen.«

»Ich weiß.« Lilou goss sich noch einen Kaffee ein und setzte sich zu ihm auf die Couch. »Möglicherweise hat dieses Buch sogar etwas mit der Ermordung deines Onkels zu tun«, sagte sie ernst. »Sein Mörder hat die Wohnung durchsucht, aber die Wertsachen nicht mitgenommen. Und niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass ich es habe.«

Simon hob die Augenbrauen. »Ist denn ein Koch unter den Verdächtigen?«

Lilou nickte. »Armand Benoits Tochter ist Köchin, sie führt ein Restaurant in Bedrange. Es ist durchaus möglich, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten will.«

»Du sagst, Armand Benoit war Sternekoch?« Simon legte das Buch zurück auf den Tisch und schob es von sich. »Für einen Stern im Guide Michelin würde so mancher Koch einen Mord begehen.«

»Ich weiß.« Sie runzelte die Stirn. »Aber mein Vorgesetzter glaubt nicht an diese Theorie. Eigentlich wollte ich Bérénice Benoit aufsuchen und sie zu dem Buch befragen. Aber in den letzten beiden Tagen ist so viel passiert, dass ich bisher nicht dazu gekommen bin.«

Es stimmte. Isabelles Unfall hatte alles durcheinandergebracht, und sie hatte ihrem ursprünglichen Verdacht, der Einbruch bei Monsieur Benoit habe etwas mit dem Kochbuch zu tun, nicht weiter nachgehen können. Dabei gab es in Isabelles Geschichte keinen neuen Hinweis darauf, dass Dimitri Petuchow den Mord an dem alten Mann begangen hatte. Was das betraf, waren die Ermittlungen noch immer völlig offen. Sie sah auf die Uhr.

»Ich fahre jetzt gleich zu ihr«, beschloss sie. »Es ist Sonntagmittag, da ist sie ganz bestimmt in ihrem Restaurant.«

Simon sprang auf. »Ich komme mit!«

Lilou schüttelte den Kopf. »Simon, das ist eine polizeiliche Ermittlung«, erklärte sie. »Wenn mein Verdacht zutrifft, ist das Journal d’Armand ein Beweisstück in einem Mordfall. Ich werde Bérénice Benoit damit konfrontieren, und wenn sie irgendeine verdächtige Reaktion zeigt, wird sie vorgeladen.«

»Falls sie wirklich die Mörderin von Onkel Frédéric ist, kannst du da nicht alleine hingehen«, widersprach er. »Das ist viel zu gefährlich.«

Lilou zog die Brauen hoch. »Ich bin Polizistin. Sie wird mir nichts tun.«

»Aber sie wird dir auch nichts sagen, wenn du da in Uniform aufkreuzt und ihr einen Mord vorwirfst.«

»Hm.« An Simons Einwand war etwas dran.

»Ich werde dich nicht bei deiner Arbeit stören«, versprach er. »Aber sie ist bestimmt weniger auf der Hut, wenn du mit einem verschollenen Neffen auftauchst.«

Lilou dachte nach. Simon hatte recht. Sie hatte sich nicht angekündigt, und genau genommen hatte sie nicht einmal einen offiziellen Auftrag. Vielleicht war es wirklich besser, erst einmal unauffällig vorzufühlen.

»In Ordnung. Aber bitte überlass mir das Reden, okay?«

»Versprochen, Madame la Commissaire.« Simon griff nach ihrer Hand und zog sie hoch. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

 

Der Weg nach Bedrange führte durch weite Felder mit Weinstöcken und Olivenbäumen. Simon hatte das Radio laut aufgedreht und das Fenster des Kangoo heruntergekurbelt. Er sang laut mit, der Fahrtwind zerzauste seine Haare, und Lilou hatte das Gefühl, sich auf einem Sonntagsausflug zu befinden. Kurze Zeit später hob sich das Land, sie fuhren einen lang gestreckten Hang entlang, silberblaue Wellen zogen sich neben der Straße hügelan und zerbrachen beim Vorbeifahren in buschig violette Streifen: Der Lavendel stand hier schon in voller Blüte. Simon hielt die Nase aus dem Fenster.

»Kannst du mal anhalten?«, bat er.

Lilou tat ihm den Gefallen. Sie erinnerte sich noch genau an das Gefühl, als sie das erste Mal an einem Lavendelfeld gestanden hatte: lilafarbene Kissen in Reih und Glied zu ihren Füßen, die blassen Blüten, die an silbernen Stängeln wippten und einen überwältigend würzigen Duft verströmten, sobald man sie berührte.

Simon schien ähnlich zu empfinden. Er ging am Beginn einer Reihe in die Hocke und strich mit gespreizten Fingern über die Blüten, dann hob er die Hände vor sein Gesicht und roch daran.

»Das ist wunderschön«, murmelte er. »Maman hat mir davon erzählt, aber in Wirklichkeit ist es noch viel beeindruckender.« Er stand auf und drehte sich einmal im Kreis. »Wunderschön.«

Lilou betrachtete das Panorama, das sich vor ihnen ausbreitete: Weingärten, Olivenhaine, Lavendelfelder und hohe Zypressen, dazwischen vereinzelte ockerfarbene Gebäude, und über alledem hoch aufragend und majestätisch der Mont Ventoux mit seinem weißen Gipfel, der aussah, als trüge er selbst im Sommer eine Kappe aus Schnee.

Simon legte den Arm um Lilous Schulter und drückte sie an sich. »Hier gefällt es mir«, sagte er. »Hier möchte ich bleiben.«

Lilou fiel einiges ein, was sie darauf hätte sagen können. »Dein Onkel ist tot, du hast kein Geld und keinen Job«, zum Beispiel. Oder vielleicht auch: »In sechs Wochen ist mein Praktikum hier zu Ende, dann bin ich wieder weg.« Auf alle Fälle aber: »Es gibt keinen Grund für dich, hierzubleiben.« Doch sie sagte nichts davon, sondern lehnte sich gegen ihn. Einen Augenblick lang genoss sie die Wärme, die von ihm ausging, den Duft des Lavendels, der sie umfing, und den samtigen Wind auf ihrer Haut.

»Lass uns fahren«, sagte sie schließlich.

Simon seufzte und ließ sie los.

 

Die letzten Kilometer führte die Straße in immer enger werdenden Kurven durch lichten Laubwald. Immer wieder wichen die Bäume am Scheitelpunkt einer Kurve auseinander und gaben den Blick frei auf karge Hänge. Einmal blockierten die Überreste eines Felsrutsches die halbe Straße, und Lilou steuerte den Kangoo vorsichtig um das Geröll herum. Schließlich erreichten sie das Dorf Crillane, das wie ein Adlerhorst am Hang klebte. Die Straße verbreiterte sich wieder und fiel in sanften Kurven ab ins Tal nach Bedrange. An einer steinernen Brücke wies ein schlichter Wegweiser auf das L’Armandine hin. Lilou wurde langsamer und sah aus dem Fenster. Der Fluss lag so tief unter ihnen, dass man kein Wasser sah. Simon deutete auf ein verblichenes Parkplatzschild, Lilou setzte den Blinker und bog hinter der Brücke ab.

Als Lilou den Motor abstellte, war sie überrascht über die Stille, die hier herrschte. Auf der Steinbrücke oberhalb des Parkplatzes fuhren Autos, doch hier unten war kein Laut zu hören, als ob der dichte Bewuchs am Ufer des Flusses jeglichen Lärm, der nicht natürlich war, verschluckte. Denn der Eindruck von Stille trog: In den Steinwänden neben dem Parkplatz raschelten Eidechsen, fliegende Grashüpfer mit knallroten Flügeln brummten wie kleine Drohnen, und unten am Fluss quakten Frösche.

Sie nahm ihre Tasche, in der sich das Journal d’Armand befand, Simon griff nach ihrer Hand, und sie gingen unter der Brücke hindurch.

Hinter dem steinernen Bogen ging der Weg in eine schmale überdachte Terrasse über, die direkt über den Fluss gebaut war. Blühender Oleander in Kübeln aus hellem Terrakotta und eine Kletterpflanze mit leuchtend roten Blütentrauben verdeckten fast das alte Gebäude. Es war hoch und schmal, der Verputz rissig vom Alter und das einstmals ziegelrote Dach mit den Jahren dunkel geworden.

Fast alle Tische auf der Terrasse waren besetzt. Das Publikum war bunt gemischt: Leicht bekleidete Touristen saßen zwischen französischen Familien in Sonntagskleidung, einfach zu erkennen an der Größe der Tische und der Anzahl der Kinder. Am Fuß der beiden Treppenstufen, die zu der Terrasse hochführten, stand eine gertenschlanke Frau mit einem Gesicht wie ein Habicht, das kastanienbraune Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr fast bis zur Hüfte reichte.

»Bonjour, Madame, Monsieur«, begrüßte sie sie. »Haben Sie reserviert?«

Simon schüttelte den Kopf. Er schien sich an sein Versprechen zu erinnern, nichts zu sagen.

»Non, Madame«, antwortete Lilou. »Wir möchten auch gar nicht essen, sondern mit Madame Benoit Lavallie sprechen.«

Sie nickte knapp, als ob sie sie erwartet hätte. »Nehmen Sie bitte Platz. Ich komme gleich zu Ihnen.«

Mit einer gebieterischen Geste winkte sie einem der Kellner, der sie zu einem kleinen Tisch am äußersten Ende der Terrasse führte. Sie saßen direkt an der niedrigen Brüstung, die die Terrasse vom Fluss trennte, und Lilou warf einen Blick nach unten. Mannshoher Schachtelhalm und riesige Farne bedeckten den Grund des Tals, dazwischen glitzerte bräunliches Wasser. Kleine türkisfarbene Libellen mit schillernden schwarzen Flügeln schwirrten so schnell hin und her, dass es aussah, als ob Lichtblitze in all dem Grün geisterten.

Der Kellner brachte ungefragt eine Flasche Wasser und eine kleine Karaffe mit Rosé, drehte die beiden Gläser um und goss ihnen ein. Wenig später kam er wieder und stellte einen Korb mit aufgeschnittenem Baguette und eine Platte mit kleinen Schüsselchen vor ihnen ab.

»Sélection de Tapenades«, sagte er. »Ein Gruß aus der Küche.«

Simons Augen leuchteten auf. »Meinst du, wir dürfen?«, fragte er.

Lilou schmunzelte und nickte. »Klar. Schlimmstenfalls bezahle ich hinterher.«

Sie nahm selbst ein Stück Brot und bestrich es mit der schwarzen Olivenpaste. Der Koch verstand sein Handwerk, die Tapenade war frisch zubereitet und schmeckte sehr gut.

Simon hob sein Glas. »Auf Armand Benoit«, sagte er. »Ohne ihn wären wir heute nicht hier.«

Lilou stieß mit ihm an und nickte. »Ich bin gespannt, was seine Tochter sagt.«

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis die Frau, die sie zuvor begrüßt hatte, an ihren Tisch kam. Die Karaffe Wein war leer und die Tapenaden aufgegessen. Die letzten Gäste waren soeben gegangen, Bérénice hatte jeden einzeln verabschiedet.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie und zog sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran. Der Kellner brachte ihr ein Glas Rosé, sie dankte ihm mit einem Kopfnicken, hob es und prostete ihnen zu. »À votre santé!«

Mit großen Schlucken trank sie es zur Hälfte aus. Dann sah sie fragend von Lilou zu Simon und hob eine schön gezeichnete Augenbraue.

»Ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen«, begann Lilou. »Ihr Onkel Frédéric Benoit ist letzte Woche verstorben.«

»Frédéric?« Bérénice sah sie mit ehrlicher Überraschung an. »Ich habe keinen Onkel Frédéric.«

»Frédéric Benoit«, erklärte Lilou. »Er wohnte in Carpentras, an der Place de l’Horloge.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich mit ihm verwandt sein könnte?«

Lilou holte das Kochbuch aus der Tasche. »Deshalb.« Sie schob es Bérénice zu und ließ sie dabei nicht aus den Augen. »Frédéric Benoit hat es mir kurz vor seinem Tod gegeben. Er nannte es das Journal d’Armand. Es enthält handschriftlich verfasste Kochrezepte. Wir gehen davon aus, dass Ihr Vater es geschrieben hat.«

Bérénice Benoit Lavallie hob die andere Augenbraue. Sie griff nach dem Buch, schlug es auf und blätterte langsam durch die Seiten. Sorgfältig studierte sie die Rezepte, immer wieder runzelte sie die Stirn. Schließlich klappte sie es mit einem hörbaren Knall zu und reichte es Lilou zurück.

»Das stammt nicht von meinem Vater.«

»Aber wieso …«

»Ich kenne seine Handschrift. Das ist nicht von ihm.«

»Könnte nicht jemand anderer seine Rezepte aufgeschrieben haben?«

»Nein.« Bérénice schüttelte bestimmt den Kopf. »Seine Art zu kochen war eine völlig andere.« Sie deutete auf das Buch. »Das hier ist Hausmannskost.« Sie rümpfte die Nase. »Nicht schlecht, natürlich nicht, aber doch nicht die Handschrift eines Sternekochs. Nein, das ist ganz bestimmt nicht von meinem Vater.«

»Sind Sie ganz sicher?« Lilou konnte es nicht glauben.

»Sehen Sie her.« Bérénice nahm das Buch erneut zur Hand und schlug es auf. »Das Ratatouille-Rezept zum Beispiel. Mein Vater hätte das Gemüse niemals gebraten. Er hat es immer nur als Confit Byaldi zubereitet: hauchdünne, im Ofen gedünstete Gemüsescheiben auf einer Pipérade aus roten und gelben Paprika.«

Lilou verzog das Gesicht. Eigentlich hätte sie selbst darauf kommen können. Armand Benoit war ein Vertreter der Nouvelle Cuisine gewesen, und die Rezepte in dem Buch waren alles andere als das.

»Schade.« Simon ergriff zum ersten Mal das Wort. »Ich hätte Sie gern zur Tante gehabt.«

Nun hob Bérénice beide Augenbrauen und sah ihn an. »Und wer sind Sie?«

»Ich bin Simon Bastien, ich komme aus Kanada. Ich bin ebenfalls Koch, und Frédéric Benoit war mein Großonkel.«

»Ah.« Bérénice schenkte ihm ein kühles Lächeln, es erreichte ihre dunklen Augen nicht. »Wo haben Sie gelernt?«

»Bei Tim Raullon in Québec«, antwortete er.

Bérénice musterte ihn mit neuem Interesse. »Ich kenne ihn«, sagte sie. »Suchen Sie zufällig Arbeit?«

Simon grinste. »Zufällig ja.«

»Wann könnten Sie anfangen?«

»Wann immer Sie wollen.«

»Sehr gut.« Bérénice klatschte in die Hände, nun war ihr Lächeln echt. Sie streckte ihm die Hand hin. »Kommen Sie doch in den nächsten Tagen vorbei zum Probekochen. Dann können wir alles Weitere besprechen.«

Simon sah sich mit leuchtenden Augen um. »Das mache ich gern.«

 

Auf der Heimfahrt war Simon ungewohnt schweigsam. Lilou war das nur recht, sie hing ihren eigenen Gedanken nach. Wenn der Sternekoch nicht der Autor des Journal d’Armand war, fiel ihre Theorie, das Tagebuch wäre das Motiv für den Mord gewesen, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Sie glaubte nicht, dass Bérénice sich irrte, die Frau war sich ganz sicher gewesen. Abgesehen davon, hatte sie natürlich recht – die Rezepte im Journal waren zwar wirklich gut, aber einen Stern würde man sich damit kaum erkochen können. Schon gar nicht in den Siebzigerjahren, in denen die Nouvelle Cuisine boomte und der Guide Michelin nur das Besondere, das Extravagante belohnte.

»Was hältst du davon?«, unterbrach Simon ihre Gedanken.

»Von deinem neuen Job oder von der Tatsache, dass das Journal d’Armand nicht von Armand Benoit stammt?«

»Von beidem.«

»Hm«, machte Lilou und musste unwillkürlich an Commissaire Demoireau denken. »Beides ist eine Überraschung.«

»Ja.« Simon nickte. »Wobei ich nicht daran gezweifelt habe, hier Arbeit zu finden.«

»Dein Lehrmeister ist offenbar sogar hierzulande bekannt.«

»Tim Raullon war Sternekoch in Frankreich, bevor er nach Kanada gegangen ist.«

»Ja, dann …«

Lilou schaltete einen Gang zurück und ließ den Wagen die steile Straße hinunterrollen. Sie wusste selbst nicht, was sie daran störte, dass Simon so schnell Arbeit gefunden hatte. War es, weil er offenbar wirklich vorhatte, hierzubleiben? Oder störte sie, dass er, wenn alles klappte, in den nächsten Tagen ausziehen würde? Genau das hatte sie doch gewollt! Aber darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

Simon schien ihren Zwiespalt zu spüren und griff nach ihrer Hand. »Ich bin doch nicht aus der Welt, Lilou«, sagte er leise.

»Ich sagte doch, dass ich keine Beziehung will.« Sie lachte bitter auf. »Wie stellst du dir das vor? In sechs Wochen ist mein Praktikum zu Ende, dann bin ich hier weg.«

»Sechs Wochen sind eine lange Zeit«, erwiderte Simon.

Aber er ließ ihre Hand los. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.

 

Lilou hatte keine Lust auf eine lange Parkplatzsuche und stellte das Auto diesmal auf dem großen Parkplatz an der Coulée verte ab. Tagsüber war er oft überfüllt, aber an einem Sonntag am späten Nachmittag war er zur Hälfte leer, und sie fand sogar eine Lücke im Schatten der neu gebauten Überdachung.

Als sie unter dem dunklen Torbogen der Porte d’Orange hindurchgingen, griff Simon nach ihrer Hand.

»Bist du sauer?«, fragte er.

»Nein«, antworte Lilou.

»Was ist es dann? Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Lilou schüttelte den Kopf. Sie traten wieder ins Freie. Die Sonne stand tief, und der alte Turm warf einen langen Schatten in die Gasse vor ihnen.

»Es hat nichts mit dir zu tun.«

Tatsächlich stimmte das sogar. Es lag an ihr, und ein wenig an Pasquale, dessen Zurückweisung ihr noch immer naheging. Lilou war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie ihre erste Stelle gemeinsam antreten würden, er in der Administration, sie bei der Police judiciaire, aber auf jeden Fall zusammen. Aber nun saß sie in Südfrankreich, und Pasquale war in Paris, er hatte mit ihr Schluss gemacht, und sie hatte keine Ahnung, wohin man sie als Nächstes versetzen würde. Mit Simon hatte das wirklich nichts zu tun, außer dass er der falsche Mann zur falschen Zeit war, und dafür konnte er schließlich nichts.

»Ich denke über das Journal d’Armand nach«, log sie. »Wenn Armand Benoit es nicht geschrieben hat, wer dann?«

»Vielleicht weiß Onkel Nicolas etwas darüber.«

»Wahrscheinlich.« Lilou hob die Schultern. »Wir können ihn ja danach fragen.«

Sie waren an der Place de l’Horloge angekommen, und Lilou schloss die Haustür auf. Im ersten Stock war natürlich alles dunkel, aber im zweiten Stock hörte Lilou Stimmen aus Claires Wohnung. Die Tür wurde aufgerissen, als sie gerade daran vorbeigingen.

»Lilou, gut, dass du da bist!« Claire stand im Türrahmen, der Lichtschein hinter ihr ließ ihre Haare aufleuchten wie einen Heiligenschein.

Lilou ging zu ihr und umarmte sie. »Das ist Simon Bastien«, sagte sie und deutete auf ihn. »Er ist der Großneffe von Monsieur Benoit, er ist vor drei Tagen aus Kanada gekommen.«

»Bonjour, Simon!« Claire begrüßte ihn mit zwei Küsschen. »Nicolas hat mir schon von dir erzählt.«

»Was gibt es denn?«

Lilou war vor der Tür stehen geblieben, sie wollte eigentlich nach oben in ihre Wohnung.

Claire schwenkte eine Karte. »Monsieur Benoit wird morgen beerdigt.«

Lilou sah sie überrascht an. »Seine Leiche wurde schon freigegeben?«

»Es sieht so aus.« Claire hob die Schultern. »Morgen ist doch der sechste Tag, er muss unter die Erde.«

»Nicht, wenn der Fall noch nicht abgeschlossen ist.«

»Offensichtlich ist er es, denn das Begräbnis findet morgen statt. Nicolas hat schon alles organisiert. Er war vorhin hier und hat mir die Trauerkarte gebracht.«

Lilou nahm die Karte und studierte sie. Die Beisetzung sollte um 13.00 Uhr stattfinden, es war keine Messe geplant, nur eine einfache Trauerfeier in der Friedhofskapelle.

»Wirst du auch kommen?« Claire nahm die Karte zurück.

»Ich werde es versuchen.« Lilou seufzte. »Immerhin habe ich ihn ja auch gekannt. Commissaire Demoireau wird das hoffentlich verstehen.«

»Wo ist das?«, fragte Simon.

»Der Friedhof liegt am Boulevard du Repos, direkt hinter dem Bahnhof«, erklärte Claire. »Du kannst mit uns mitfahren, wenn du möchtest. Oder Nicolas nimmt dich mit.«

»Das wäre schön.« Simon nickte. »Ich werde mit ihm sprechen.«

 

Claire bot ihnen noch ein Glas Wein an, doch Lilou lehnte dankend ab. Sie war müde und wollte ihre Gedanken ordnen. Simon trottete hinter ihr die Treppe hoch, ihm schien es ähnlich zu gehen.

Auf dem Flur vor ihren Wohnungen wandte sie sich ihm zu, um sich zu verabschieden. Er starrte an ihr vorbei auf ihre Wohnungstür.

»Was ist los?« Sie drehte sich um. »Merde, was ist denn hier passiert?«

Ihre Wohnungstür stand einen Spalt weit auf, drinnen brannte Licht. Sie war ganz sicher, dass sie die Tür beim Verlassen der Wohnung abgeschlossen hatte. Langsam trat sie näher.

Simon folgte ihr und schob die Tür ein Stück weiter auf. Nur die Falle des Schlosses war ausgebrochen, genau wie bei Monsieur Benoit, die Aufnahme des Riegels schien unversehrt. Aber sie wusste, dass das nicht möglich war. Sie hatte ganz bestimmt abgeschlossen.

Sie warf einen Blick in die Wohnung und stöhnte. All ihre Habseligkeiten waren aus den Schränken geräumt und zu Boden geworfen worden. Kleidung, Geschirr, Bücher, alles lag in einem unordentlichen Haufen in der Mitte des Zimmers. Sie besaß nicht viel, aber das wenige war offenbar gründlich durchsucht worden.

Simon wollte die Wohnung betreten, aber sie hielt ihn zurück. »Bleib hier, ich rufe die Polizei.«

»Bist du nicht die Polizei?«

»Ja. Deshalb gehe ich da auch nicht vor den Leuten von der Spurensicherung hinein.«

Simon grinste schief und nickte.

Lilou zog ihr Telefon aus der Tasche und rief erst auf der Wache und anschließend Commissaire Demoireau an. Die Ähnlichkeit mit der Situation, in der sie Frédéric Benoit aufgefunden hatte, ließ sie frösteln. Hätte man sie auch getötet, wenn sie zu Hause gewesen wäre?