Es dauerte keine Viertelstunde, bis die Kollegen da waren. Valérie Cravasse war heute in Begleitung von Roguenot, kurz nach ihnen traf Ebrahim Karimi ein. Er sah sich von der Tür aus in dem kleinen Raum um.
»Hier wohnst du also«, sagte er und stellte seinen Koffer ab. »Sehr übersichtlich«, stellte er fest und grinste belustigt.
»Dann hast du wenigstens nicht viel zu tun«, gab Lilou zurück. Sie hatte keinen Nerv für seine Späße.
In diesem Augenblick schnaufte Demoireau die Treppe hoch. Er sah sich um, grüßte die Kollegen mit einem Nicken und wandte sich Lilou zu.
»Was ist passiert?«, fragte er.
»Wir waren heute Nachmittag bei Bérénice Benoit«, begann sie und deutete auf Simon. »Das ist Simon Bastien, der Großneffe von Frédéric Benoit. Er hat mich begleitet.«
Demoireau zog eine Augenbraue hoch. »Hm«, machte er.
»Während wir unterwegs waren, ist bei mir eingebrochen worden.«
»Wurde etwas gestohlen?«
»Ich habe noch nicht nachgesehen. Ich dachte, ich warte, bis der Kollege von der Spurensicherung fertig ist.« Sie hob die Schultern. »Aber ich habe keine Wertgegenstände hier. Das Teuerste, was ich besitze, ist ein kleines Notebook.«
Demoireau runzelte die Stirn. »Hat der Besuch bei der Tochter des Kochs etwas ergeben?«
Lilou schüttelte den Kopf. »Die Spur zu Armand Benoit ist eine Sackgasse, leider. Bérénice Benoit ist sich ganz sicher, dass das Journal d’Armand nicht von ihrem Vater stammt.«
»Nun gut.« Der Commissaire verzog das Gesicht. »Ich habe an diese Theorie ohnehin nie wirklich geglaubt.«
»Ich weiß. Trotzdem stellt sich die Frage, was die Einbrecher bei mir gesucht haben.«
Karimi kam aus ihrer Wohnung. Er rieb sich die Hände und grinste. »Ich bin fertig. Viel gab es hier ja nicht zu untersuchen.«
Lilou holte Luft für eine scharfe Antwort, doch Demoireau kam ihr zuvor. Er fuhr herum und warf Karimi einen strengen Blick zu. »Lieutenant Karimi, Sie vergessen sich.«
Karimi wurde rot. »Verzeihung«, stotterte er. »Ich habe es nicht so gemeint.«
Lilou warf Demoireau einen erstaunten Blick zu, doch der Commissaire hatte sich schon abgewandt und sprach mit Lieutenant Cravasse.
Roguenot trat auf sie zu. »Kannst du mal nachsehen, ob etwas gestohlen wurde?«, bat er sie.
Lilou nickte und betrat die Wohnung. Simon folgte ihr und sah sich um. »Tabernak!«, entfuhr es ihm. »Wer macht denn bitte so was!«
»Es sieht hier genauso aus wie nach dem Einbruch bei deinem Großonkel«, sagte Lilou und betrachtete hilflos das Chaos. Simon stieg über einen Berg Geschirr hinweg und bückte sich nach den Büchern, die zerfleddert und mit dem Rücken nach oben auf dem Boden lagen. Er hob eines nach dem anderen auf, strich die Seiten glatt und legte sie ordentlich auf einen Stoß zusammen. Lilou versuchte, sich zu konzentrieren, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie fühlte einen fast körperlichen Schmerz, ihre wenigen Habseligkeiten, die sie mit in diese Bleibe genommen hatte, so lieblos verstreut zu sehen. Selbst ihre Schmutzwäsche hatte der Einbrecher ausgekippt.
»Ich glaube nicht, dass etwas fehlt«, wandte sie sich an Roguenot. »Mein Portemonnaie und meine Ausweise hatte ich bei mir, und mein Laptop ist noch da.« Sie deutete auf den Wohnzimmertisch. »Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was der Täter hier gesucht hat.«
»Vielleicht das Gleiche wie bei Benoit?« Valérie Cravasse war ebenfalls ins Zimmer gekommen und sah sich um. »Hat er dir irgendwann einmal etwas geschenkt oder zur Aufbewahrung gegeben?«
»Nur das hier.« Lilou holte das Kochbuch aus der Tasche. »Ich dachte erst, es wäre irgendwie wertvoll, aber allem Anschein nach hat es nur ideellen Wert.«
Cravasse nahm das Buch, wog es kurz in der Hand, strich über den roten Schutzumschlag und schlug es auf. »Kochrezepte?«
»Ja. Er nannte es das Journal d’Armand, es sind die gesammelten Rezepte seiner Familie. Er hat es mir kurz vor seinem Tod gegeben.«
Die Beamtin reichte es ihr zurück und schüttelte den Kopf. »Dafür begeht man doch keinen Mord.«
»Warten wir ab, was die Spurensicherung ergibt«, sagte Roguenot. »Vielleicht sind wir dann schlauer.«
Eine gefühlte Ewigkeit später gingen die Polizisten endlich. Als Letzter verabschiedete sich Demoireau. Er hatte Lilou nochmals eingehend befragt und versucht, einen Zusammenhang zwischen dem Einbruch in ihrer Wohnung und dem Mord an Monsieur Benoit herzustellen. Dass sich die äußeren Umstände aufs Haar glichen, war offensichtlich: das aufgedrückte Schloss der Tür, obwohl sie mit Sicherheit abgesperrt hatte, die Durchsuchung der Wohnung und die Tatsache, dass offenbar nichts gestohlen worden war. Nicht einmal das Journal d’Armand kam als Bindeglied infrage, denn bis heute Mittag hatten nur Simon und Demoireau gewusst, dass sie es besaß.
Bevor der Commissaire sie verließ, wies er Lilou noch an, am nächsten Morgen pünktlich um neun bei Francine Adelphe im Bürgermeisteramt zu erscheinen. La Maire wolle umfassend informiert werden, der Staatsanwalt Raoul Beringer würde anwesend sein, und er, Demoireau, wolle sie dabeihaben. Und ja, an der Beerdigung könne sie natürlich teilnehmen, vorausgesetzt, die Besprechung in der Mairie sei bis dahin zu Ende.
Simon hatte in der Zwischenzeit die Küche aufgeräumt. Während er aus dem übrig gebliebenen Auberginenauflauf und den Resten des Ratatouilles von gestern etwas zu essen schmurgelte, sortierte sie ihre Kleidung und versuchte, des Durcheinanders in ihrer Wohnung Herr zu werden. Sie begann mit der Schmutzwäsche, das war einfach, zurück in den Korb und fertig. Sie faltete die T-Shirts neu, hängte die Uniformblusen auf Bügel und legte die Unterwäsche zurück in die Schublade. Aber mittendrin gab sie auf, räumte alles wieder aus und warf es zur Schmutzwäsche. Der Gedanke, die Wäsche zu tragen, nachdem fremde Finger sie berührt hatten, erschien ihr auf einmal unerträglich.
Selbst ihr Schlafsofa war zerpflückt worden, die Bettwäsche herausgezerrt und die Kissen im Raum verteilt. Sie suchte Decken und Kissen zusammen und bezog das Bett neu, dann setzte sie sich und sah aus dem Fenster.
»Was ist los?«
Simon kam zu ihr, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. Sie lehnte sich gegen ihn und fühlte, wie sie sich in seiner Gegenwart entspannte.
»Ich frage mich die ganze Zeit, was der Täter bei mir gesucht hat.« Sie sah grübelnd auf den Tisch, auf dem das Journal d’Armand lag. »Vielleicht geht es ja doch um das Kochbuch. Immerhin hat der Einbruch unmittelbar nach unserem Besuch bei Bérénice stattgefunden.« Sie hob die Schultern. »Niemand sonst weiß, dass ich es habe!«
»Ähm.« Simon wurde rot. »Das stimmt nicht.«
»Wie meinst du das?«
»Ich habe Onkel Nicolas davon erzählt. Wir haben uns über das Kochen unterhalten, und da habe ich es erwähnt.«
»Hm.« Lilou runzelte die Stirn. »Aber warum sollte er denn hier einbrechen? Er hat doch Schlüssel zu allen Wohnungen.« Sie schüttelte den Kopf. »Und er hätte mich einfach danach fragen können.«
»Das ist wahr.« Simon stand auf, nahm ihre Hand und zog sie hoch. »Möchtest du schon mal den Tisch decken? Das Essen ist gleich fertig.«
Lilou nickte. Simon ging zurück zu seinen Töpfen, während sie die Teller und das Besteck holte. Die vertrauten Bewegungsabläufe rissen sie aus ihrem Grübeln und lenkten sie ab. Sie stellte sich hinter Simon auf die Zehenspitzen und sah ihm über die Schulter.
»Was machst du?«
»Ich habe Nudeln gekocht«, sagte er. »Aus dem Rest vom Gemüse mache ich eine Soße. Ich nenne es ›Spaghetti à la Ratatouille‹.«
Lilou lachte. »So wie das riecht, wird es sicher der Renner im Armandine.«
Er drehte den Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Da könntest du recht haben.«
Beim Essen war Simon gesprächig und führte die Unterhaltung praktisch alleine. Er erzählte von seiner Ausbildung in Kanada, von den Lehrjahren bei Maître Raullon, dem berühmten französischen Koch in Québec, und seiner Arbeit als Souschef in einem Hotel in Montreal. Sie war dankbar für die Ablenkung und noch dankbarer, als sich Simon nach dem Essen bald in seine Wohnung verzog. Sie spülte das Geschirr und räumte die Küche auf. In dem Zimmer sah es inzwischen wieder passabel aus. Morgen würde sie als Erstes einen Handwerker anrufen, der das Schloss reparierte, dann musste sie nur noch die Wäsche zum Waschsalon bringen, und alle sichtbaren Spuren des Einbruchs wären beseitigt. An die unsichtbaren wollte sie nicht denken, sie verdrängte den Gedanken an den Fremden, der in ihr Reich eingedrungen war.
Doch später lag sie wach im Bett und konnte nicht schlafen. Jedes noch so leise Geräusch ließ sie hochschrecken, selbst wenn es nur ein nächtlicher Windhauch war, der das Gebälk über ihrer Wohnung knacken ließ. Sie hatte den Schlüssel zweimal herumgedreht, niemand konnte herein, und dennoch schaffte sie es nicht, zur Ruhe zu kommen. Irgendwann stand sie auf und ging zum offenen Fenster. Sie sah hoch zum Himmel, nur die hellsten Sterne waren vor dem Lichtschein der Stadt zu erkennen. Tief atmete sie die laue Nachtluft ein und fühlte sich sehr allein. Nicht einmal der Tätowierer von gegenüber war auf seinem Balkon.
Schließlich gab sie auf. Sie klemmte sich das Kissen unter den Arm und schlich aus ihrer Wohnung, nicht ohne sich zweimal zu vergewissern, dass sie hinter sich wieder abgesperrt hatte. Leise klopfte sie an Simons Tür. Er hatte offenbar schon geschlafen, er trug nur Boxershorts, und seine Haare waren zerzaust.
»Darf ich bei dir schlafen?«, fragte Lilou. »Ich will heute Nacht nicht alleine sein.«
Er sagte nichts, zog sie nur an sich. Sie kroch unter seine Decke, kuschelte sich an ihn und schlief endlich ein.
Mit nur fünf Minuten Verspätung kam Lilou an der Mairie an. Sie hatte ihr Handy nicht mitgenommen, als sie nachts zu Simon ausgewandert war, und so den Klingelton der Weckfunktion nicht gehört. Erst kurz vor halb neun war sie wach geworden. Simon hatte noch tief und fest geschlafen, als sie leise aufgestanden und ins Bad gehuscht war. Jedenfalls wartete Demoireau bereits im Vorzimmer der Bürgermeisterin auf sie und blickte demonstrativ auf die Uhr, als sie den Raum betrat. Sie setzte zu einer Entschuldigung an, doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu Madame Adelphes Büro, und die Bürgermeisterin winkte sie herein.
»Verzeiht bitte, mein Assistent hat letzte Woche unerwartet gekündigt«, sagte sie und deutete auf den unbesetzten Schreibtisch im Vorzimmer. »Plötzlich muss ich alles alleine machen, und ich …« Sie brach lachend ab und begrüßte Demoireau mit zwei Wangenküssen, Lilou reichte sie die Hand.
»Mademoiselle la Commissaire, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich schon gut eingewöhnt?«
Lilou nickte. »Ja, Madame, das habe ich.« Mit Erstaunen wurde ihr bewusst, dass das stimmte. Ihre anfängliche Unsicherheit hatte sich gelegt. Demoireau bezog sie immer mehr in seine Arbeit ein, und selbst Pouffs Herablassung nahm sie mittlerweile nicht mehr so persönlich, seit sie mitbekommen hatte, dass er bis auf den Commissaire jeden so behandelte.
Francine Adelphe lächelte ihr herzlich zu. »Das ist gut. Wir brauchen starke Frauen in diesem Land.«
Lilou lächelte zurück. Sie? Eine starke Frau? Das wäre sie gern, aber sie hatte das Gefühl, dass bis dahin noch ein weiter Weg vor ihr lag. Immerhin schien die Bürgermeisterin an sie zu glauben, und das war ein gutes Zeichen.
Ohne anzuklopfen, betrat Staatsanwalt Beringer den Raum. Er nickte ihnen zu und deutete gegenüber Madame Adelphe eine Verbeugung an.
»Können wir anfangen?«, fragte er. Keine Entschuldigung für seine Verspätung, keine Erklärung, Raoul Beringer hatte so etwas offenbar nicht nötig.
Die Bürgermeisterin deutete auf einen Besprechungstisch, der in einem Erker ihres großen Büros stand. Sie nahm am Kopfende des Tisches Platz, die Fenster in ihrem Rücken. Das Licht umgab ihr schwarzes Haar wie ein Heiligenschein, ihre Gesichtszüge waren kaum zu erkennen, und unwillkürlich fragte sich Lilou, ob das Absicht war.
»Also gut, Monsieurs, Mademoiselle«, erhob sie die Stimme. »Georges, möchtest du beginnen?«
Demoireau nickte. Er holte ein Blatt Papier aus der Tasche und faltete es auseinander. Offenbar hatte er sich für die heutige Besprechung Notizen gemacht.
»Frédéric Benoit, 82 Jahre alt, wohnhaft an der Place de l’Horloge 5, wurde am Dienstag letzter Woche tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Wohnungstür war aufgebrochen, die Wohnung selbst wurde durchsucht und verwüstet.« Er räusperte sich. »Außer ein wenig Bargeld wurde offenbar nichts gestohlen. Ein wertvoller Teppich und einige alte Bücher, die Sammlerwert besitzen, wurden ignoriert. Wir gehen daher davon aus, dass der oder die Täter etwas anderes gesucht haben.«
Francine Adelphe nickte.
»Die Spurensicherung konnte verschiedene Fingerabdrücke sicherstellen, die wir inzwischen zuordnen konnten; sie gehören dem Neffen von Monsieur Benoit, einer Nachbarin, der Putzfrau und Mademoiselle Braque.« Er deutete auf Lilou.
Der Kopf des Staatsanwalts ruckte hoch, sein Blick durchbohrte sie. »Wie kommt das?«
»Ich wohne in Monsieur Benoits Haus«, erwiderte Lilou. »Ich habe ihn häufiger in seiner Wohnung besucht.«
»Die forensische Untersuchung des Toten hat ergeben, dass Benoit mittels eines Kissens erstickt wurde«, fuhr Demoireau fort. »Dr. Bonaventures schriftlicher Befund kam heute Morgen, er grenzt den Todeszeitpunkt auf einen Zeitraum zwischen 8.00 und 11.00 Uhr ein. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass der Täter im Laufe des Nachmittags an den Schauplatz zurückgekehrt ist. Einen Raubüberfall schließen wir daher aus. Vielmehr gehen wir von einem Täter aus dem Umfeld des Opfers aus.«
»Was ist mit einem Testament?«
»Leider Fehlanzeige, Monsieur le Procureur.« Demoireau hob bedauernd die Schultern. »Es scheint eines zu geben, doch bisher hat man es nicht gefunden. Nicolas Dompierre, der Neffe des Ermordeten, behauptet, dass Benoit ihn in diesem Testament zum Alleinerben bestimmt hat. Doch das Verhältnis zwischen den beiden schien sich in letzter Zeit verschlechtert zu haben.«
»Also denkst du, er hat seinen Onkel getötet?« Madame Adelphe hob die Augenbrauen.
»Was wir denken, tut nichts zur Sache«, brummte Demoireau. »Er hatte die Gelegenheit zur Tat. Und wenn er wirklich der Alleinerbe ist, hat er auch ein Motiv. Aber bis jetzt haben wir keine Beweise gegen ihn.«
»Gibt es noch weitere Verdächtige?«, fragte die Bürgermeisterin.
Demoireau schüttelte den Kopf. »Der zweite Hauptverdächtige, Dimitri Petuchow, hat für den Nachmittag ein Alibi, und sein Motiv steht auf sehr schwachen Beinen.«
Der Staatsanwalt machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ohne Testament wird Benoits Besitz nach dem Erbrecht zwischen den nächsten Verwandten aufgeteilt«, sagte er. »Weiß man, wer das ist?«
Demoireau nickte. »Benoit hat eine Halbschwester, Eugénie Dompierre, das ist die Mutter des besagten Neffen. Und dann gibt es noch einen Zweig der Familie in Kanada.«
»Monsieur Benoits Bruder hat eine Tochter«, warf Lilou ein. »Ihr Sohn, Simon Bastien, ist vor vier Tagen angekommen.«
»Könnte er etwas damit zu tun haben?«, fragte die Bürgermeisterin.
»Er war zum Zeitpunkt des Mordes noch gar nicht in Frankreich«, erwiderte Lilou schnell.
Beringer sah sie irritiert an. »Warum taucht er ausgerechnet jetzt auf?«
»Monsieur Benoit wollte mit ihm zusammen in dem leer stehenden Lokal an der Place de l’Horloge ein Restaurant eröffnen. Simon Bastien hat also überhaupt keinen Nutzen von seinem Tod.«
Madame Adelphe hob die Brauen und sah den Commissaire fragend an. »Wäre das ein mögliches Motiv? Bestimmt hatte Dompierre etwas dagegen, dass dieser Bastien das Lokal bekommt.«
Lilou schüttelte den Kopf. »Niemand wusste von diesem Plan.«
»Das wissen wir nicht mit Gewissheit.« Demoireau warf ihr einen mahnenden Blick zu.
»Jedenfalls scheint das Testament eine zentrale Rolle bei der Sache zu spielen«, schloss Beringer. »Das Erbe ist groß genug, um ein mögliches Motiv zu liefern.«
Der Commissaire nickte.
»Aber was Sie bisher haben, sind nur Indizien.« Beringer erhob sich. »Treiben Sie dieses Testament auf. Wenn Dompierre wirklich der Alleinerbe ist, bekommen Sie Ihren Haftbefehl. Vorher nicht.«
Es war ein trauriges kleines Grüppchen, das sich um 13.00 Uhr in der Friedhofskapelle versammelte. Lilou fühlte sich in ihrer Uniform fehl am Platz, deshalb hatte sie sich nicht zu den anderen gesetzt, sondern stand ein wenig abseits an der Seitenwand. Immer wieder glitten ihre Augen zu dem offenen Sarg, der vorne stand. Zum Glück verbarg ein großer Kranz den Anblick des Leichnams, Lilou hatte nur beim Betreten der Kapelle einen Blick auf ihn erhascht.
Nicolas Dompierre saß in der ersten Reihe direkt vor dem Sarg. Er trug einen dunklen Anzug mit schwarzer Krawatte, und er wirkte zutiefst betroffen. Neben ihm saß eine rundliche Frau in einem auffällig schwarz-weiß gemusterten Kleid, sie trug einen großen schwarzen Hut mit Schleier auf dem Kopf. An seiner anderen Seite saß Simon in Jeans und schwarzem T-Shirt. Er hielt den Kopf gesenkt und zupfte mit den Fingern am Saum seines Shirts.
Hinter Nicolas saßen Claire Dulac und ihr Mann Alfonse. Daneben erkannte Lilou die alte Nachbarin von gegenüber, die sie zusammen mit Emetoit befragt hatte, und Mick Pendragon, den Tätowierer. Er nickte ihr zu, und sie erwiderte seinen Gruß mit einer knappen Kopfbewegung. Keine zwei Meter vor ihr saß ein altes Ehepaar; er knetete mit altersfleckigen Fingern eine speckige Baskenmütze, sie trug ein dunkles Kopftuch. Vielleicht Freunde von früher? Vom Alter her könnte es passen. Lilou hatte außer Nicolas Dompierre nie jemanden bei ihm gesehen, aber er musste auch Freunde und Bekannte gehabt haben. Lilou wurde bewusst, wie wenig sie eigentlich über den alten Mann wusste.
In den hinteren Reihen saßen weitere Personen und unterhielten sich tuschelnd, doch der Lichtschein, der den vorderen Bereich der Kapelle mit dem Sarg erhellte, reichte nicht bis dorthin, und Lilou erkannte sonst niemanden in dem dämmrigen Raum.
Ein groß gewachsener Mann kam durch eine Tür zur Rechten und trat an den Sarg. Er blieb einen Augenblick stehen und neigte respektvoll den Kopf, dann schritt er zu dem Rednerpult, das sich vor den Bankreihen befand. Er schaltete ein Mikrofon ein und räusperte sich; seine Stimme tönte unerwartet laut durch den Raum. Er fingerte an dem Pult herum, klopfte mit dem Finger auf das Mikrofon, dann nickte er zufrieden.
»Verehrte Trauergäste, geschätzte Familie«, begann er und nickte in Richtung der drei Personen in der vordersten Reihe. »Wir haben uns heute hier versammelt, um Frédéric Benoit die letzte Ehre zu erweisen.«
Lilou blendete seine Stimme aus und ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. Claire hatte ein Taschentuch gezogen und tupfte sich immer wieder die Augen. Simons Gesicht war zu einer Maske erstarrt, er zeigte keine Regung. Die dicke Frau an Dompierres Seite wedelte sich mit behandschuhten Händen Kühlung zu, offenbar war ihr unter dem Hut zu warm, aber sie nahm ihn nicht ab. Nicolas stieß sie mit dem Ellbogen an, daraufhin verschränkte sie die Hände auf dem Schoß.
»Frédéric Benoit verstarb kinderlos«, sagte der Mann am Pult gerade. »Aber er hatte Geschwister. Sein Bruder Gustave wanderte vor vielen Jahren nach Kanada aus und bekam dort eine Tochter, Caroline, die ihrerseits einen Sohn gebar. Simon ist heute hier.« Er nickte Simon zu, Simon erhob sich halb und hob die Hand, dann ließ er sich wieder auf die Bank sinken und zog den Kopf ein.
Lilou musterte die Personen in der ersten Reihe, Simon, der nicht wusste, wohin mit sich, Nicolas, der blass und mit versteinerter Miene auf den Redner starrte, und seine Mutter, die sich immer wieder umsah.
»Frédérics Mutter Amande starb früh, und sein Vater François heiratete ein zweites Mal«, referierte der Mann. Offenbar las er die Familiengeschichte von einem Zettel ab. »Aus dieser Ehe entsprang die Halbschwester des Toten, Eugénie.« Er nickte der dicken Frau zu, die nur mit dem Kopf ruckte. »Sie hat einen Sohn, Nicolas.« Dompierre stand auf, deutete eine Verbeugung an und nickte den Anwesenden zu, dann setzte er sich wieder.
Lilou runzelte die Stirn. Was hatte der Redner eben gesagt? Sie hatte nur mit halbem Ohr zugehört und versuchte, die Worte des Mannes zu rekapitulieren, doch es gelang ihr nicht. Er sprach nun über Frédéric Benoits Leben, über seine Arbeit in der Stadtverwaltung, von der Lilou zum ersten Mal hörte, und über seine Krankheit, durch die er auf den Rollstuhl angewiesen war. Was auch immer es gewesen war, das ihr Unterbewusstsein alarmiert hatte: In dem monotonen Vortrag entglitt es ihr wieder und tauchte auch nicht mehr auf, obwohl sie genau zuhörte, bis die Trauerrede zu Ende war.
Musik erklang, und der Mann am Pult stimmte ein Lied an, das Lilou nicht kannte. Vereinzelte Stimmen fielen ein, doch die meisten Trauergäste starrten so wie sie stumm geradeaus. Endlich wurde es still. Der Redner verbeugte sich und verließ das Pult. Zwei Männer in schwarzen Anzügen kamen herein, der vordere gab Nicolas ein Zeichen. Dompierre erhob sich und trat zusammen mit den beiden Neuankömmlingen an den Sarg. Sie hoben den Deckel an, Nicolas stand mit versteinertem Gesicht daneben. Der Sarg wurde verschlossen, und Dompierre winkte Simon heran. Zu viert schulterten sie den Sarg. Die Besucher erhoben sich und bildeten ein Spalier, der Redner ging voran zum Portal, die Sargträger folgten.
Lilou war die Letzte, die die Kapelle verließ. Sie folgte dem kleinen Trauerzug bis zu einer offenen Grabstelle im hinteren Bereich des Friedhofs. Die Steinplatte, die das Grab normalerweise bedeckte, war zur Seite geschoben, ein Loch klaffte in der dunklen Erde. Die vier Männer stellten den Sarg auf eine Konstruktion aus Holzbalken und Seilen. Simon trat zurück, er war blass im Gesicht. Dompierre dagegen blieb direkt an der Grabstelle stehen und sah zu, wie der Sarg von den beiden Trägern hinabgelassen wurde.
Lilou hatte die Gruppe inzwischen überholt und sich an die andere Seite gestellt. Sie musterte der Reihe nach die Gesichter. War es ein andächtiges Schweigen, eine Minute der Stille, um des Verstorbenen zu gedenken? Oder schwieg man aus Verlegenheit, weil man nicht wusste, ob man schon gehen durfte oder nicht? Sie konnte es nicht sagen.
Schließlich wandte sich Nicolas Dompierre um und erhob die Stimme. »Ich danke allen, die heute gekommen sind, um meinen geliebten Onkel auf seinem letzten Weg zu begleiten. Ich danke euch.« Er nickte den Umstehenden zu. Die ersten Besucher aus der letzten Reihe wandten sich ab, um zu gehen. Die anderen kamen heran und schüttelten Nicolas und seiner Mutter die Hand. Simon hatte sich vom Grab zurückgezogen und sah aus, als würde er sich am liebsten in Luft auflösen. Claire umarmte Nicolas, dann stellte sie sich zu Lilou. »Begräbnisse sind immer so traurig«, sagte sie und zog wieder ihr Taschentuch hervor.
»Das ist wahr«, antwortete Lilou und beobachtete das alte Ehepaar, das nun am offenen Grab stand. Die Frau warf einen kleinen Blumenstrauß hinein, der Mann setzte seine Baskenmütze auf und reichte ihr den Arm, dann gingen sie langsam in Richtung Ausgang. Auch die Nachbarin und der Tätowierer waren bereits verschwunden, nur noch Nicolas und seine Mutter, Simon, Claire und ihr Mann sowie Lilou waren noch da. Nicolas wechselte ein paar Worte mit den Sargträgern, dann kam er heran.
»Meine Mutter hat für uns gekocht«, sagte er und rieb sich die Hände an der Hose. »Ich würde mich freuen, wenn ihr alle kommt.«
Er sah blass aus, sein Lächeln wirkte traurig. Ob wirklich er seinen Onkel ermordet hatte? Sie konnte nicht glauben, dass dieser freundliche Mann zu so etwas fähig war.
Claire wandte sich an Lilou. »Du kommst doch auch?«
Lilou zögerte einen Moment, doch dann fing sie Simons Hilfe suchenden Blick auf und nickte. »Natürlich. Ich komme gern.«
Nicolas und seine Mutter hatten sich alle Mühe gegeben. Ein großer Tisch im Wohnzimmer war festlich gedeckt, weißes Porzellan, polierte Gläser und silbernes Besteck glänzten im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel. In der Mitte des Tischs stand ein Blumenstrauß aus cremefarbenen Rosen. Nur die nicht zusammenpassenden Stühle, von denen Lilou einige als die von Claire wiedererkannte, trübten das Gesamtbild ein wenig.
Madame Dompierre hatte die Handschuhe ausgezogen und den Hut abgenommen, darunter kamen tizianrot gefärbte Haare zum Vorschein. Während Nicolas alle noch einmal begrüßte, verschwand sie mit Claire in der Küche.
Alfonse setzte sich und deutete auf den Stuhl neben sich. »Komm, Lilou, setz dich doch.«
Sie schob den Gürtel mit dem Holster zurecht und nahm Platz. Nicolas brachte eine Flasche Rosé und schenkte die Gläser voll. Madame Dompierre kam aus der Küche. Sie trug eine gusseiserne Kasserolle, aus der aromatischer Dampf aufstieg.
»Poulet à la Provençale mit Reis aus der Camargue«, sagte sie und stellte den Behälter auf den Tisch. Claire folgte ihr mit einer Schüssel, in der sich dunkelroter Reis befand. Madame Dompierre verteilte den Hühnereintopf auf die Teller, dann nickte sie ihrem Sohn zu.
»Nicolas, möchtest du noch ein paar Worte sagen?«
Dompierre erhob sich und griff nach seinem Glas. Er räusperte sich und sah aus dem Fenster, als müsste er seine Gedanken sammeln. »Auf Onkel Frédéric«, begann er. »Er war ein sturer alter Mann, aber ich habe ihn sehr geliebt. Er wird mir fehlen.« Er verharrte kurz, dann nahm er einen Schluck aus seinem Glas und setzte sich wieder.
Seine Mutter hob ihr Glas ebenfalls. »Frédéric war mein großer Bruder. Wir hatten nicht sehr viel Kontakt, er war ja fast 20 Jahre älter als ich. Ich fürchte, er mochte mich nicht besonders. Aber er war mein großer Bruder, und ich habe ihn geliebt.« Sie prostete den anderen zu, leerte ihr Glas auf einen Zug und nahm schnaufend auf ihrem Stuhl Platz.
Claire sah Simon an. Verlegen stand er auf und griff nach seinem Glas. »Leider habe ich Onkel Frédéric nicht mehr kennengelernt«, sagte er. »Mein Großvater hat oft von ihm erzählt, als er noch lebte. Er muss ein wunderbarer Mann gewesen sein.« Er nippte an seinem Glas und sank wieder in sich zusammen.
Dompierre verzog bei Simons Worten das Gesicht, aber er sagte nichts. Nun stand Claire auf und hob ihr Glas. »Ich kannte Monsieur Benoit seit 20 Jahren. So lange wohnen wir schon hier, das ist eine lange Zeit. Ich schätzte ihn als Vermieter, er war immer zuverlässig, und er hat nur selten die Miete erhöht.« Eugénie Dompierre kicherte. »Seit er im Rollstuhl saß, wollte er das Haus nicht mehr verlassen. Deshalb habe ich für ihn eingekauft und ihm ein wenig geholfen. Er erzählte oft von früher, von seinen Eltern und ihrem Restaurant unten im Erdgeschoss. Ich mochte ihn sehr und werde ihn vermissen.«
Als Letzte war Lilou an der Reihe, einen Toast auf den alten Mann auszubringen. Sie erhob sich mit dem Glas in der Hand. »Ich kannte Monsieur Benoit leider nur kurz«, sagte sie. »Ich habe ihm vorgelesen und manchmal für ihn gekocht. Aber ich werde ihn nie vergessen.« Sie hob ihr Glas und nahm nur pro forma einen kleinen Schluck, immerhin war sie noch im Dienst.
Während des Essens, das ganz vorzüglich war, versiegte die Unterhaltung. Erst nachdem Madame Dompierre allen ein zweites Mal aufgetan hatte, kamen Gespräche in Gang. Claire fragte Simon über Kanada aus, während sich ihr Mann mit Nicolas Dompierre über die Börsenkurse unterhielt. Lilou hörte zu und beobachtete unauffällig Dompierre, aber nichts deutete darauf hin, dass der Mann etwas zu verbergen hatte.
Später, als alle aufgegessen hatten, brachte Madame Dompierre die Nachspeise, Crème brûlée in kleinen Schälchen aus dunkelblauem Steingut. Lilou sah Simon zu, wie er die Zuckerkruste mit dem Löffelrücken aufklopfte und sich den ersten Bissen der süßen Eiercreme in den Mund schob.
»Da ist Lavendel in der Kruste!«, stellte er fest und musterte überrascht die Crème. »Ich dachte, niemand außer maman bereitet Crème brûlée so zu.«
Madame Dompierre lachte. »Die Lavendelkruste ist ein altes Familienrezept«, sagte sie. »Es stammt von Amande, der ersten Frau meines Vaters. Dein Großvater kannte es bestimmt auch und hat es deiner Mutter so beigebracht.«
Lilou riss die Augen auf. In dem Moment, als Eugénie den Namen aussprach, wusste sie wieder, was sie in der Kirche aufgeschreckt hatte. Der Trauerredner hatte den Namen von Frédéric Benoits Mutter genannt: Amande. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Nicht Armand, sondern Amande. Das Journal war nicht das Tagebuch eines Sternekochs, sondern war von Amande verfasst worden, von Frédéric Benoits Mutter.
»Jetzt wird mir einiges klar«, sagte sie laut. Die Gesichter der anderen wandten sich ihr zu.
»Was meinst du, Lilou?«, fragte Claire.
»Kurz vor seinem Tod gab mir Monsieur Benoit ein handgeschriebenes Kochbuch«, erklärte sie. »Er nannte es das Journal d’Amande und wollte, dass ich daraus für ihn koche. Ich verstand den Namen falsch und dachte die ganze Zeit, das Buch wäre von dem berühmten Koch Armand Benoit geschrieben worden.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte sogar den Verdacht, dass es der Grund für Monsieur Benoits …« Sie zögerte, dann sprach sie es aus. »Für seine Ermordung war.«
»Amande war zwar eine ausgezeichnete Köchin«, sagte Madame Dompierre. »Aber so wertvoll war ihr Küchentagebuch nun auch wieder nicht.«
»Dabei sind ihre Rezepte ganz wunderbar«, warf Simon ein. »Ich freue mich schon darauf, noch mehr daraus zu kochen.« Er lächelte Lilou zu. »Natürlich nur, wenn ich darf.«
Lilou lächelte zurück. »Natürlich darfst du das, immerhin war sie deine Urgroßmutter.« Sie dachte kurz nach. »Eigentlich gehört das Buch sogar dir. Dein Großonkel sprach von einer Familientradition, und ich glaube, er meinte, dass es ein Koch aus der Familie bekommen soll.«
Simon hob die Hände. »Mir reicht es, wenn ich danach kochen kann. Von mir aus darfst du das Buch gerne zur Erinnerung behalten.«
Lilou warf Dompierre einen fragenden Blick zu, doch dessen Miene hatte sich verfinstert. »Als ich jung war, wollte Onkel Frédéric unbedingt, dass ich Koch werde«, sagte er. »Das hat mich zwar nie interessiert, aber das Kochbuch würde ich dennoch gerne sehen.«
»Ich hole es.« Lilou stand auf und schob den Stuhl zurück. »Ich bin gleich wieder da.«
Wenig später kam sie mit dem Buch zurück und reichte es Nicolas Dompierre. Er schlug es auf und musterte die Seite.
»Was ist das denn für eine Schrift?«, fragte er und runzelte die Stirn. »Ich kann kaum etwas lesen.«
Lilou schaute ihm über die Schulter. »Hier steht ›Crème brûlée au lavande‹«, sagte sie. »Sehen Sie?« Sie deutete mit dem Finger auf den Eintrag. »Eigelb, Zucker, Sahne, Milch und Lavendelblüten. Und da ist auch die Lavendelkruste beschrieben.«
»Das müsste man ja erst abtippen, wenn man danach kochen will.« Dompierre schloss das Buch und blätterte rasch mit dem Daumen die Seiten durch. Er ergriff es am Rücken und schüttelte es, ehe er es wieder zuklappte und an Lilou zurückreichte. »Es ist eine schöne Erinnerung an Frédéric Benoit«, sagte er. »Von mir aus kannst du es haben.«
Lilou hatte sein Tun mit wachsendem Staunen beobachtet. Wie hatte Monsieur Benoit gesagt? »Das Buch enthält das Erbe meiner Familie«, das waren seine Worte gewesen. »Aber sagen Sie nichts davon zu meinem petit neveu.« Sie warf einen Blick auf Nicolas Dompierre, der inzwischen wieder seine Crème brûlée löffelte. Plötzlich keimte ein ungeheuerlicher Verdacht in ihr auf. Womöglich hatte ihr der alte Mann mit seinen Worten etwas ganz anderes sagen wollen?
Nun drehte und wendete sie selber das Buch, blätterte durch die Seiten und befühlte den roten Umschlag. Da war etwas! Unter ihren Fingerspitzen meinte sie, eine kleine Erhebung zu spüren. Sie klappte den Buchdeckel auf, löste die Klebestreifen auf der Innenseite und schlug das knisternde Papier zurück.
»Was tust du da?« Alfonse starrte verblüfft auf das Innere des Umschlags. »Was ist das denn?«
Mit spitzen Fingern zog Lilou einen eng beschriebenen Bogen aus dem roten Papier. Eine Karte rutschte darunter hervor und fiel zu Boden. Claire bückte sich und hob sie auf.
»Das ist ein Testament!«, entfuhr es Lilou. Sie deutete auf das Blatt. »Hier ist die Unterschrift, das ist Monsieur Benoits Testament!«
»Merci dieu«, stöhnte Nicolas Dompierre. »Endlich! Gib her!«
Lilou schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Monsieur Dompierre, das ist ein Beweisstück.«
»Unsinn«, fuhr Dompierre sie an. »Ich hatte schon genug Ärger, weil dieses blöde Testament nicht aufzufinden war.« Er streckte die Hand aus. »Gib es mir bitte, ich muss mich doch hier um alles kümmern.« Unvermittelt war er zum Du übergegangen.
»Lassen Sie es mich erst lesen«, sagte Lilou und beugte sich über das Blatt Papier. Frédéric Benoit hatte eine kühne, steile Schrift, die sie seinen zittrigen Händen gar nicht zugetraut hätte.
»Ist das die Handschrift Ihres Onkels?«
»Ja, natürlich. Das ist sein Testament. Ich kenne es doch. Ich habe sogar als Zeuge unterschrieben.« Er kam um den Tisch herum und deutete mit der Hand auf die zweite Unterschrift am unteren Seitenrand. »Das war vor fünf Jahren, er hat es nie geändert.«
»Und Sie sind der Alleinerbe?« Lilou versuchte, die Schrift zu entziffern.
»Ja, hier steht es doch.« Er legte den Finger auf die letzte Zeile. »Ich vererbe all meinen Besitz an meinen kleinen Neffen. ›mon petit neveu‹, das bin ich.«
»Das ist wahr«, sagte Eugénie Dompierre. »Seit Nicolas zur Welt kam, hat Frédéric ihn immer so genannt.«
Lilou beugte sich vor. »Hier steht aber ›mein Großneffe‹«, stellte sie fest. »›Mon petit-neveu‹.« Sie richtete sich auf. »Sehen Sie den Bindestrich? Das sind nicht Sie. Sein Großneffe ist Simon, er ist der Alleinerbe.«
»Was?« Dompierre riss das Blatt an sich. »Das ist … das ist doch …« Er war kreidebleich geworden. »Aber ich weiß doch ganz genau, dass er mich damit meint. Ihr alle wisst das.« Seine Stimme überschlug sich. »Wo kommt dieser Strich auf einmal her?« Er rieb mit dem Finger darüber. »Das ist doch kein gültiges Testament!«
»Es ist genauso gültig wie zuvor«, gab Lilou ruhig zurück. »Der Erblasser muss einen Erben benennen. Im Gesetz steht nichts davon, dass das namentlich geschehen muss. Solange der Letzte Wille eindeutig erkennbar ist, ist es gültig.«
»Dieser kleine Strich hier ändert doch nichts an seinem Willen! Bis vor Kurzem wusste er noch nicht einmal, dass er einen Großneffen hat!«
»Da wäre ich nicht so sicher«, sagte Claire und reichte Lilou die Karte, die zuvor zu Boden gefallen war. Es war eine Geburtsanzeige, das Foto eines schlafenden Babys klebte auf der Vorderseite. Lilou drehte sie um.
»Jacques und Caroline Bastien freuen sich über die Geburt ihres Sohnes Simon«, las sie vor. »27. August 1993. Ich würde sagen, er wusste sehr wohl von seinem Großneffen, als er dieses Testament schrieb.«
Nicolas Dompierre ließ sich schwer auf Lilous Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht. »Was für ein Idiot ich war«, stöhnte er. »Jahrelang habe ich alles für Frédéric getan, habe ihm jeden Wunsch erfüllt, und jetzt das!«
Lilou ließ ihn nicht aus den Augen. Die anderen schwiegen betreten. Simon schien sich in einer Art Schockstarre zu befinden.
Dompierre sprang auf. »Ich werde das Testament anfechten«, rief er. »Ich schwöre, dass dieser kleine Strich noch nicht da war, als ich es bezeugt habe.«
»Das macht keinen Unterschied, Nicolas.« Alfonse war ebenfalls aufgestanden. »Jetzt ist der Strich da, und zusammen mit der Geburtsanzeige ist die Willensbekundung eindeutig. Es tut mir leid.«
Lilou sah Alfonse überrascht an, dann fiel ihr ein, dass er Jurist war. Er arbeitete zwar nicht als Anwalt, sondern bei einer Versicherung, aber die Gesetze kannte er natürlich trotzdem.
»Das werde ich nicht akzeptieren!« Dompierre wies anklagend auf Simon. »Du bist an allem schuld! Du hast dir sein Vertrauen erschlichen, hast dich hier eingenistet und willst mich jetzt auch noch um mein Erbe bringen!«
Er stürzte sich auf Simon, der Stuhl fiel um, und beide Männer wälzten sich auf dem Boden. Simon riss die Hände hoch und versuchte, sich von dem tobenden Mann zu befreien. Aber Dompierre war wie von Sinnen, er hob die Faust und landete einen Schlag auf Simons Kinn.
»Stopp, aufhören!«, rief Lilou. Sie zog die Waffe. »Nicolas Dompierre, ich verhafte Sie hiermit wegen des dringenden Tatverdachts, Ihren Onkel ermordet zu haben.«
Dompierre ließ von Simon ab und fuhr herum. »Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Ich habe doch für die Tatzeit ein Alibi!«
Lilou schüttelte den Kopf. »Nein, das haben Sie nicht«, antwortete sie. »Frédéric Benoit ist am Morgen getötet worden, und für diese Tageszeit haben Sie kein Alibi.«
»Und was ist mit dem Essen vom Sozialdienst? Soll Frédéric es vielleicht als Toter in die Wohnung geholt haben?« Er stand auf und lachte höhnisch.
»Das waren ebenfalls Sie«, sagte Lilou ruhig. »Sie sind am Nachmittag zurückgekommen und haben das Essen in die Küche gebracht. Anschließend haben Sie die Wohnung durchsucht und die Tür aufgebrochen, um es wie einen Einbruch aussehen zu lassen. Sie wurden gesehen, als Sie am Nachmittag das Haus betraten.«
»Ihr habt nicht den Hauch eines Beweises.« Dompierre hatte sich beruhigt. Er sah sie von oben herab an. »Lass mich vorbei, ich habe genug von diesem Theater.«
Lilou trat ihm in den Weg. »Sie irren sich, Monsieur Dompierre. Ich kann es beweisen.«
»So?« Er lachte auf. »Da bin ich ja gespannt.«
»Sie haben jeden Morgen die Fenster für Ihren Onkel geöffnet, nur am Dienstag blieben sie zu.« Sie sah ihm fest in die Augen. »Das war kein Zufall. Durch die geschlossenen Fenster stieg die Temperatur in der Wohnung, und Sie waren überzeugt, der Todeszeitpunkt könne dadurch nicht mehr ermittelt werden. Zusammen mit dem Mittagessen, das sich in der Wohnung befand, konstruierten Sie sich selbst das perfekte Alibi.« Sie sah die anderen an, die wie erstarrt die Szene verfolgten. Simon saß noch immer auf dem Boden und befühlte sein Kinn. »Aber zum Glück gibt es noch andere Methoden zur Bestimmung eines Todeszeitpunkts, und unser Rechtsmediziner ist in solchen Dingen überaus hartnäckig.« Lilou zog die Handschellen aus dem Gürtel. »Nur Sie hatten ein Motiv und die Gelegenheit zur Tat.«
Nicolas Dompierre sah sie schweigend an. Einen Moment lang dachte Lilou, er würde sich trotz der Waffe auf sie stürzen, doch dann senkte er den Blick, seine Schultern sackten nach vorne, und er ließ sich wieder auf den Stuhl fallen.
»Du hast recht«, sagte er leise. »Aber bitte glaube mir, ich wollte ihn nicht töten!«
Von Eugénie Dompierre war ein erschreckter Aufschrei zu hören.
Lilou hob die Brauen. »Sie haben Ihren Onkel mit einem Kissen erstickt«, sagte sie. »Das kann man beim besten Willen nicht als unbeabsichtigt bezeichnen.«
»Wir haben uns gestritten, wie so oft in letzter Zeit. Er hat mich einen Verräter an der Familientradition genannt.« Dompierre senkte den Kopf. »Dann sagte er mir, dass Simon kommen würde und er mit ihm gemeinsam das Restaurant seiner Eltern wiedereröffnen wolle. Aber das ging nicht, ich hatte das Lokal doch Dimitri versprochen!«
»Was hat Dimitri Petuchow damit zu tun?«
»Ich schulde ihm Geld.« Dompierre zuckte mit den Schultern. »Sehr viel Geld. Ich hatte mich bei einer Anlage verspekuliert, und er half mir aus. Aber ich konnte es nicht zurückzahlen. Mit diesem Haus hier hätte ich meine Schulden bei ihm begleichen können. Frédéric hätte nur zustimmen müssen. Aber nein, er musste seinen Dickschädel durchsetzen.« Er lachte bitter auf. »Das Restaurant seiner Eltern. So ein Blödsinn.«
»Und deshalb haben Sie ihn getötet?«
Dompierre nickte. »Es ging alles so schnell. Er drohte mir damit, sein Testament zu ändern, und ich sah keine andere Möglichkeit mehr. Ich wäre ruiniert gewesen, Dimitri hätte mir seine Schläger geschickt. Was sollte ich denn tun?« Er sah in die Runde, als ob die anderen eine Antwort darauf hätten.
»Dimitri Petuchow wurde heute Morgen verhaftet«, sagte Lilou. »Einer seiner Leibwächter hat versucht, seine Freundin zu ermorden. Sie wird gegen ihn aussagen.«
Dompierre schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen. Sie klimperte mit den Handschellen, er rieb sich die Augen, dann hielt er ihr gehorsam die Hände hin. Sie ließ die Schlösser zuschnappen; in diesem Moment sank Eugénie mit einem Ächzen in sich zusammen.
»Madame Dompierre! Was ist mit Ihnen?« Claire eilte zu der Frau, die in ihrem Stuhl zusammengesackt war. Sie klopfte ihr auf die Wangen und sah ihr ins Gesicht. »Ich glaube, sie hat einen Schock!«
Die dicke Frau ruderte mit den Händen und rang nach Luft. Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Nicolas, was hast du nur getan!«, rief sie.
»Madame Dompierre? Sollen wir einen Arzt rufen?« Claire tätschelte unbeholfen Madame Dompierres Hände.
Simon war aufgestanden und zum Fenster zurückgewichen. Mit aufgerissenen Augen sah er von einem zum anderen.
Dompierre drehte den Kopf zur Seite. Lilou holte das Telefon aus der Tasche und wählte Demoireaus Nummer.
»Monsieur le Commissaire? Wir haben ein Geständnis«, sagte sie, als er sich meldete. Sie lauschte kurz, dann bedeutete sie Dompierre aufzustehen. »Kommen Sie mit. Der Commissaire möchte Sie sehen.«