Kapitel 12

Sie warteten unten im Hausflur auf den Streifenwagen. Nach fünf Minuten brach Lilou das Schweigen.

»Warum sind Sie eigentlich bei mir eingebrochen?«, fragte sie.

»Ich habe das Testament gesucht, was denn sonst.« Dompierre lachte bitter auf. »Beim letzten Streit sagte der Alte, dass er es an einem sicheren Ort versteckt hat und dass die Polizei es jetzt bewachen würde. Ich dachte, er macht einen Scherz, denn ich wusste ja, dass er das Haus nicht mehr verließ.« Er hob die Schultern. »Dann traf ich Simon in der Bar gegenüber, und er faselte etwas von einem Buch, das Frédéric dir gegeben hat. Ich habe eins und eins zusammengezählt und vermutete, er hätte dir eines seiner alten Bücher geliehen und darin das Testament versteckt.«

»Sie hätten mich einfach danach fragen können.«

»Ich wusste ja nicht, was Frédéric zu dir gesagt hat«, erwiderte Dompierre und hob die Hände. »Und natürlich hoffte ich, die Polizei dadurch auf eine falsche Spur zu führen.«

Lilou antwortete nichts darauf. Dompierre wirkte nach außen hin immer noch wie der nette, hilfsbereite Nachbar, als den sie ihn kennengelernt hatte. Aber hinter dem freundlichen Äußeren verbarg sich ein eiskalt berechnender Geist, der Lilou frösteln ließ.

Es dauerte nicht lange, bis der Wagen vorfuhr. Cropardin und Cravasse stiegen aus. Sie stellten keine Fragen. Cropardin bugsierte Dompierre mit geübtem Griff auf den Rücksitz, Lilou nahm vorne neben Lieutenant Cravasse Platz.

Die Polizistin fuhr genauso, wie sie sich gab: Forsch und selbstbewusst. Sie steuerte den Streifenwagen zügig durch die schmalen Altstadtgassen, und innerhalb von wenigen Minuten waren sie am Hôtel de Police.

Am Eingang wartete ein untersetzter älterer Herr in dunklem Anzug und Krawatte, an seiner Seite stand Francine Adelphe, die Bürgermeisterin, in einem schicken dunkelroten Kleid. Lilou musste zweimal hinsehen, bis sie Commissaire Demoireau erkannte. Offenbar hatte sie die beiden bei einem privaten Treffen unterbrochen, anders war der Aufzug des Commissaires nicht zu erklären.

Er bemerkte ihren Blick und räusperte sich verlegen. »Wir waren auf dem Weg zu einem Konzert«, sagte er. »La Maire und ich …«

Francine Adelphe unterbrach ihn und begrüßte Lilou mit zwei Wangenküsschen. »Ach Georges, es ist doch nichts dabei«, sagte sie und lachte.

Demoireau wurde tatsächlich rot, und Lilou unterdrückte ein Schmunzeln. »Nicolas Dompierre hat den Mord an seinem Onkel gestanden«, sagte sie schnell.

Der Commissaire nickte und wandte sich zum Eingang. »Gut.«

Madame Adelphe klatschte in die Hände. »Bravo, Mademoiselle! Wie haben Sie denn das geschafft?«

Lilou lächelte sie an. »Das Testament ist aufgetaucht. Und es war nicht ganz das, was er erwartet hatte.«

Demoireau hielt ihnen die Tür auf. »Kommen Sie herein, wir besprechen das drinnen.«

 

Sie gingen in Demoireaus Büro, während Cravasse und Cropardin Dompierre zum Wachtdiensthabenden brachten, um die Formalitäten zu erledigen. Madame Adelphe ließ sich ungefragt auf einen Stuhl am Besprechungstisch fallen.

»Georges, könnte ich bitte etwas zu trinken haben? Die Hitze bringt mich um!«

Demoireau warf Lilou einen Blick zu, sie griff schon nach der Türklinke, doch der Commissaire winkte ab. »Lassen Sie, setzen Sie sich zu Madame Adelphe«, sagte er und deutete zum Tisch.

Er ging selbst und kam kurze Zeit später mit einer Flasche Wasser und drei Bechern zurück. Lilou zog die Augenbrauen hoch, aber sie sagte nichts.

Demoireau setzte sich zu ihnen und schenkte ein, dann sah er sie an. »Erzählen Sie, was ist geschehen?«

Lilou berichtete vom Begräbnis und von ihrer Entdeckung des Testaments im Schutzumschlag des Journal d’Armand, das in Wahrheit Journal d’Amande hieß. Als sie zu der Stelle mit dem »kleinen Neffen« kam, lachte Madame Adelphe laut auf.

»Was ein einfacher Bindestrich am Ende ausmacht«, sagte sie. »Und das hat ihn so erschüttert, dass er den Mord gestanden hat?«

Lilou schüttelte den Kopf. »Er war ziemlich außer sich, das stimmt. Ich habe ihm vorgeworfen, seinen Onkel ermordet zu haben, aber er hat natürlich alles abgestritten. Er fühlte sich sehr sicher.«

Demoireau sah sie fragend an. »Wie haben Sie ihn überführt?«

»Es waren die Fenster.«

Der Commissaire sah sie fragend an. »Was meinen Sie?«

»Die Nachbarin von gegenüber sagte aus, dass Nicolas Dompierre immer morgens die Fenster öffnete, bevor er ging. Am Montag hatte sie Monsieur Benoit sogar noch am Fenster gesehen. Aber am Dienstag blieben die Fenster zu, und das kann nur bedeuten, dass Dompierre seinen Onkel zu diesem Zeitpunkt bereits getötet hatte. Alle anderen Indizien, die wir vorgefunden haben, hätten auch später von jemand anderem arrangiert werden können. Aber die Fenster weisen eindeutig auf Nicolas Dompierre als Täter hin.«

»Hm«, sagte der Commissaire. »Daran hat er offenbar nicht gedacht.«

»Ich vermute, er ließ die Fenster mit voller Absicht geschlossen«, erwiderte Lilou. »Die hohe Temperatur in der Wohnung verschleierte den Todeszeitpunkt, und dank des Tricks mit dem Mittagessen hatte er für den vermeintlichen Zeitpunkt der Tat ein bombenfestes Alibi.«

»Er hat gestanden, das ist doch die Hauptsache, oder?« Madame Adelphe sah von einem zum anderen.

»Ja, natürlich«, stimmte Demoireau ihr zu. »Trotzdem verlasse ich mich lieber auf Beweise als nur auf ein Geständnis alleine.«

Er erhob sich und ging zum Schreibtisch. »Ich rufe jetzt Staatsanwalt Beringer an. Heute Nacht bleibt Nicolas Dompierre hier in Gewahrsam. Morgen früh wird er vernommen und anschließend ins Untersuchungsgefängnis überstellt.«

Madame Adelphe stand ebenfalls auf. »Und unser Konzert?« Sie sah demonstrativ auf die Uhr.

»Keine Sorge, Francine, spätestens zur ersten Pause sind wir da.« Er zog die Schublade auf, nahm einen Schlüsselbund heraus und reichte ihn Lilou. »Sie treffen doch bestimmt Simon Bastien, oder nicht?«

»Ja, natürlich«, antwortete Lilou und spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte.

»Das sind Monsieur Benoits Schlüssel. Er ist wohl jetzt für alles verantwortlich.«

Lilou nickte und steckte den Schlüsselbund in die Tasche. »Brauchen Sie mich noch?«

»Nein, Sie können gehen.« Demoireau hatte den Hörer schon in der Hand. Sie ging zur Tür. »Mademoiselle la Commissaire?« Lilou blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Sie haben gute Arbeit geleistet!«

»Danke, mon commissaire.« Sie wandte sich rasch ab, sodass er ihr breites Grinsen nicht sehen konnte. Am liebsten wäre sie gehüpft vor Freude über sein Lob, aber sie beherrschte sich und ging gemessenen Schrittes den langen Flur entlang zur Umkleide. Emetoit kam ihr entgegen und nickte ihr grüßend zu.

»Glückwunsch, Lilou«, sagte er und grinste sie an, seine weißen Zähne blitzten. »Gut gemacht!«

»Danke.« Sie stockte einen Moment. »Danke, Jamal.«

 

Als Lilou die Haustür an der Place de l’Horloge aufschloss, ging gerade die Straßenbeleuchtung an. Im Haus war es still. Lilou stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf und fühlte Monsieur Benoits Schlüsselbund in ihrer Tasche. Sie trat an seine Wohnungstür, doch dann zögerte sie. Nein, die Wohnung zu betreten und nach dem Rechten zu sehen, das war jetzt Simons Aufgabe.

Sie kratzte das Polizeisiegel vom Türstock und entfernte die rot-weißen Bänder, knüllte sie zusammen und schob sie in die andere Tasche ihrer Jeans.

Im zweiten Stock war es genauso still wie im ersten. Dompierre war nicht da, logisch, aber sie hatte erwartet, unter der Tür von Claire und Alfonse noch Licht zu sehen und Stimmen zu hören, aber alles war dunkel. Eilig lief sie die letzte Treppe zu ihrer Wohnung hoch. Die Tür zur Nachbarwohnung flog auf, heller Lichtschein fiel in den Flur, und Simon trat heraus.

»Gut, dass du da bist«, sagte er und schloss sie in die Arme. Er drückte sie an sich, und ihr blieb gar nichts anderes übrig, als seine Umarmung zu erwidern. Mehrere Sekunden lang standen sie so da, sie fühlte seinen Herzschlag durch den dünnen Stoff des T-Shirts. Schließlich hob er den Kopf und gab sie frei. Seine Augen glänzten verräterisch.

»Simon, was ist los?«

»Ach, nichts.« Er wandte den Kopf ab. »Es ist nur …«

»Ist es wegen deines Großonkels?«

Er nickte, aber er sah sie nicht an.

»Oh Simon, es tut mir so leid.« Sie legte die Arme um seine Schultern und zog ihn an sich. »Das war alles etwas viel heute«, flüsterte sie.

Er seufzte, dann trat er einen Schritt zurück, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und grinste schief. »Schön blöd, nicht wahr? Ich heule um jemanden, den ich nicht einmal kannte. Aber Onkel Frédéric hat so viel für mich getan, und mir wurde gerade klar, dass ich ihm nicht einmal mehr Danke sagen kann.«

»Das ist doch in Ordnung.« Lilou griff in ihre Hosentasche. »Schau mal, ich habe etwas für dich.« Sie zog die Schlüssel heraus und überreichte sie Simon mit einer feierlichen Geste.

»Was ist das?« Er wischte sich über die Augen und nahm den Schlüsselbund. »Sind das die Schlüssel von Onkel Frédéric?«

»Ja. Ich habe die Absperrung schon entfernt. Du kannst jetzt in seine Wohnung.«

»Das ist gut.« Simons Gesicht hellte sich auf. »Kommst du mit?«, fragte er.

Er lief die Treppe hinunter, Lilou folgte ihm etwas langsamer. Vor der Tür zu Frédéric Benoits Wohnung holte sie ihn ein. Er stand da, den Schlüsselbund in der Hand, und sah sie unsicher an.

»Ich glaube, ich mache das lieber morgen früh, bei Tageslicht«, sagte er. »Viel lieber würde ich mir zuerst das Restaurant ansehen.«

Lilou lachte. »Natürlich, das Restaurant! Nun kannst du ja doch dein eigenes Restaurant eröffnen und musst nicht bei Bérénice Benoit anfangen.«

Simon nickte. Sie gingen noch ein Stockwerk tiefer, verließen das Haus, bogen um die Ecke und standen schließlich vor dem Eingang zum Lokal. Simon probierte vier Schlüssel durch, bis der fünfte endlich passte. Er stieß die schmutzige Glastür auf und ergriff Lilous Hand. Gemeinsam betraten sie das alte Restaurant und sahen sich staunend um.

Der große Raum roch so, wie ungenutzte Räume meistens rochen: staubig, trocken und nach verbrauchter Luft. Aber er war keineswegs leer, wie sie erwartet hatten. In dem schwachen Licht, das durch die zugeklebten Fenster hereindrang, war der dunkle Tresen einer Bar zu erkennen, die der L-Form des Raumes folgte. Tische und Stühle standen da, als warteten sie nur auf Gäste. Langsam gingen sie weiter, der alte Holzboden knarrte unter ihren Schritten.

Am Ende der Bar befand sich ein Durchgang mit Schwingtüren, die in die Küche führten. Lilou tastete nach dem Lichtschalter. Matter Edelstahl leuchtete auf, große Töpfe und ein Kessel aus Messing reflektierten den Schein der Neonlampen. In der Mitte der Küche stand ein riesiger Arbeitstisch, der so oft gescheuert worden war, dass das Holz fast weiß schimmerte. Simon drehte sich einmal im Kreis, ein verzücktes Lächeln auf dem Gesicht.

»Das ist mein Restaurant«, flüsterte er. »Was sagst du dazu?«

»Da liegt eine Menge Arbeit vor dir«, antwortete Lilou. »Aber wenn es fertig ist, dann wird es wunderbar sein.«

»Das wird es ganz bestimmt.« Er fuhr mit der Hand über den Tisch und hinterließ eine Spur in der Staubschicht. »Und weißt du was? Ich werde es Chez Amande nennen, zu Ehren meiner Urgroßmutter. Ich werde all ihre Rezepte kochen und der beste Koch in Carpentras werden.«

Lilou lächelte. Er hatte seine Unbekümmertheit wiedergewonnen. »Das ist eine schöne Idee. Und das Journal d’Amande bekommt einen Ehrenplatz in deiner Küche.«

Er trat auf sie zu, legte die Arme auf ihre Schultern und sah ihr in die Augen. »Das Journal gehört dir«, sagte er. »Aber du darfst es gern in meiner Küche aufbewahren. Solange du willst.« Er senkte den Kopf, seine Lippen berührten die ihren. Lilou zögerte nur einen winzigen Moment, dann erwiderte sie den Kuss. Sechs Wochen waren wirklich eine lange Zeit.