Kapitel 2

Beinahe hätte man glauben können, Frédéric Benoit schliefe nur. Das Kinn war ihm auf die Brust gesunken, die Augen waren geschlossen, doch sein Gesicht war weiß wie Wachs, die Lippen bläulich, und nichts rührte sich an ihm.

Lilou legte dennoch zwei Finger an seinen Hals. Die faltige Haut war erstaunlich warm, als hätte er gerade noch geatmet, doch unter ihren Fingerspitzen regte sich kein Puls. Sie zog die Hand zurück und wischte sie an ihrer Hose ab, als ob die Berührung des Toten etwas auf ihrer Haut hinterlassen hätte. Einen Moment lang starrte sie Monsieur Benoit ins Gesicht. Er sah irgendwie friedlich aus, als wäre er einfach im Schlaf gestorben, doch das Durcheinander in den Zimmern strafte diesen Eindruck Lügen. Und seine Hände, die wie Klauen die Armlehnen des Rollstuhls umklammerten, vermittelten ebenfalls ein anderes Bild.

Wie betäubt zog Lilou sich aus dem Raum zurück. Erst im Flur holte sie ihr Mobiltelefon aus der Tasche und rief zuerst Demoireau, dann den Wachdienst in der Dienststelle an. Anschließend ging sie hinunter, um auf die Kollegen zu warten.

 

Der Streifenwagen war als Erstes da, ein Peugeot 308, der mit Blaulicht aus der Fußgängerzone kam und vor dem Haus hielt. Drei Kollegen stiegen aus. Jamal Emetoit, der große algerischstämmige Capitaine, nickte ihr zu und bedeutete ihr, vorauszugehen. Cropardin, dessen Berichte sie heute noch getippt hatte, und Valérie Cravasse folgten ihnen.

Oben angelangt, wies Emetoit Cropardin an, vor der Tür zu warten. In diesem Moment kam Claire die Treppe herunter und blieb mit weit aufgerissenen Augen stehen.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie und sah erschrocken zu Lilou.

»Monsieur Benoit ist …«, begann sie.

»Bitte gehen Sie wieder nach oben«, fiel ihr Emetoit ins Wort. »Wir kommen später zu Ihnen.«

Seine hochgewachsene Gestalt und seine feste Stimme schienen Claire zu beeindrucken, denn sie drehte sich widerspruchslos um und stieg die Treppe hinauf. Lilou hätte ihr gern alles erklärt, aber Emetoit winkte sie zu sich. Sie sah Claire noch einen kurzen Moment hinterher, dann straffte sie die Schultern und folgte Emetoit und Cravasse in die Wohnung.

»Hast du etwas angefasst?«, fragte Emetoit. Er sprach mit leichtem Akzent, die kehligen Laute waren typisch für nicht in Frankreich geborene Algerier.

Lilou schüttelte den Kopf. »Er ist da drin«, sagte sie und deutete auf das Schlafzimmer. »Ich habe nur nach seinem Puls gefühlt«, fügte sie nach kurzem Zögern hinzu.

Emetoit nickte und betrat das Schlafzimmer, während Valérie Cravasse mit gezogener Waffe das Wohnzimmer sicherte. Als Lilou das sah, ärgerte sie sich über sich selbst. Auf die Idee, dass die Einbrecher noch da sein könnten, war sie vorhin gar nicht gekommen. Eine Nachlässigkeit, die sie leicht das Leben hätte kosten können.

Als sie Cravasse ins Wohnzimmer folgte, hörte sie unten Autotüren schlagen. Durchs Fenster verfolgte sie, wie drei Beamte der Spurensicherung aus dem blauen Bus der Police scientifique sprangen, der vor dem Haus gehalten hatte. Sie schleppten große Koffer mit sich, und kurz darauf hörte Lilou sie auf der Treppe miteinander sprechen.

Carpentras besaß eine eigene kleine Abteilung für Kriminaltechnik, die mit vier Beamten besetzt war: junge Männer, die Zivil trugen, keiner älter als 35, mit langen Haaren und Bärten in unterschiedlichen Wachstumsphasen. Auf der Wache blieben sie meist für sich in ihrem Kellerraum. Lilou hatte noch nicht mit ihnen zu tun gehabt; sie wusste nur, dass der mit der Brille mit Vornamen Guillaume hieß und Computerexperte war.

Die Männer stellten ihre Koffer im Flur vor Benoits Wohnung ab und stiegen in weiße Ganzkörperanzüge. Einer von den dreien sah sie und Valérie Cravasse im Wohnzimmer stehen und warf ihnen einen missbilligenden Blick zu.

»Ihr vernichtet da gerade Spuren, das wisst ihr, oder?«, rief er.

Emetoit kam aus dem Schlafzimmer. »Wenn du eine ungesicherte Wohnung durchsuchen willst, Karimi, dann nur zu.«

Der Angesprochene verzog das Gesicht. »Schon gut, Jamal«, sagte er. »Ich habe nur die Frauen da drin gesehen.«

Cravasse baute sich vor ihm auf, der Kriminaltechniker war einen halben Kopf kleiner als sie. »Falsche Antwort, Ebrahim«, sagte sie kalt und steckte die Waffe zurück ins Holster.

Karimi hob in gespielter Angst die Hände. »Schon gut, Valérie, ich habe es nicht so gemeint.« Dabei zwinkerte er ihr zu. »Ich bin natürlich froh, wenn du mich beschützt.«

Cravasse lachte nicht. »Hier ist niemand«, sagte sie zu Emetoit und ging hinaus zu Cropardin. Lilou war am Fenster stehen geblieben.

»Du gehst bitte auch raus«, sagte Ebrahim Karimi, der offenbar der Leiter des Trupps war. »Wir müssen hier arbeiten.«

»Aber ich …«

»Tout de suite.«

Der Tonfall des Mannes ließ keinen Widerspruch zu, und unwillig fügte sich Lilou. Sie hätte den Kollegen von der Spurensicherung gern bei der Arbeit zugesehen. Als ihm vorgesetzte Commissaire hätte sie auch darauf bestehen können. Aber im Moment war sie nur Praktikantin und hatte, so wie es aussah, überhaupt nichts zu sagen.

Sie drängte sich an einem weiteren Kriminaltechniker vorbei, der mit dem Türschloss beschäftigt war, und ging nach draußen zu Emetoit und Cravasse, die sich leise unterhielten. »Meinst du, das waren wieder die Marokkaner?«, fragte Cravasse gerade. Sie hatte die Schirmkappe abgenommen und rubbelte mit den Fingern durch ihre kurzen roten Haare. Emetoit blickte auf, als Lilou zu ihnen trat.

»Wie kommst du eigentlich zu der Sache, Braque?«, fragte er.

»Ich wohne hier«, antwortete Lilou und zeigte die Treppe hoch. Ihr Blick fiel auf den kleinen Tisch neben der Wohnungstür, wo noch immer der Teller mit der Piperade stand, die sie Monsieur Benoit zum Abendessen hatte bringen wollen. Der Anblick brachte ihre mühsam aufgebaute Distanz ins Wanken, und einen Moment lang rang sie um Fassung.

»Ach so.« Emetoit zückte einen Kugelschreiber und einen Block und begann, sich Notizen zu machen. »Dann kannst du mir sicher sagen, wie der Mann heißt.«

Lilou atmete tief durch und nickte. »Sein Name ist Frédéric Benoit, ihm gehört das Haus.«

»Wer wohnt sonst noch hier?«

»Im zweiten Stock wohnen Claire und Alfonse Dulac, und Nicolas Dompierre, der Neffe von Monsieur Benoit.«

»Sonst niemand?«

»Nein, sonst niemand«, antwortete Lilou. »Außer mir. Ich habe ein Zimmer ganz oben unter dem Dach.«

Die Haustür schlug zu, schwere Schritte waren auf der Treppe zu hören. Der runde Schädel von Dr. Bonaventure tauchte auf. Der Médecin légiste war ein korpulenter Mann, dem schon von der Anstrengung des Treppensteigens der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief. Er keuchte und wischte sich mit einem Taschentuch die Nässe von der Stirn.

»Wo ist denn mein Klient«, schnaufte er und sah sich um.

»Da drin«, antwortete Emetoit und wies auf die offene Wohnungstür. »Die Kollegen von der Police scientifique sind schon zugange.«

»Dann wollen wir mal.«

Eine Gestalt in Weiß tauchte am anderen Ende des Gangs auf und hob protestierend die Hand. Bonaventure ignorierte den Kriminaltechniker und schob sich an ihm vorbei. »Wo?«, bellte er.

Der Beamte resignierte und wies dem Rechtsmediziner den Weg ins Schlafzimmer. »Bitte seien Sie vorsichtig, wir sind noch nicht fertig«, sagte er und lief dem Arzt hinterher.

Als Lilou sich umwandte, stand Demoireau hinter ihr. Er trug ein kurzärmeliges hellgrünes Hemd und sandfarbene Hosen, und Lilou hätte ihn in Zivil fast nicht erkannt. Er nickte ihr nur kurz zu und wandte sich sofort an Emetoit, um sich über die Lage informieren zu lassen.

Ausnahmsweise war Lilou froh darüber, ignoriert zu werden. Der Tod ihres Vermieters nahm sie mehr mit, als sie sich eingestehen wollte, und sie bezweifelte, dass sie die Ereignisse so sachlich und präzise wie Capitaine Emetoit hätte zusammenfassen können. Als er fertig war, bedankte sich Demoireau mit einem Nicken und betrat die Wohnung. Lilou kämpfte einen Moment lang mit sich, dann siegte ihre Ausbildung, und sie folgte ihm ins Schlafzimmer.

Der Mann von der Spurensicherung, der mit Pulver und Pinsel an den Kommodengriffen beschäftigt war, blickte auf, als sie in den Raum kamen. Es war der brillentragende Guillaume. Erst machte er eine ablehnende Geste, dann erkannte er Commissaire Demoireau und winkte ihn heran. Seine Brille war ein silbernes Drahtgestell irgendwo zwischen John Lennon und Dumbledore, er lächelte Lilou schüchtern zu, und sie erwiderte das Lächeln, dankbar für ein wenig Freundlichkeit.

»Können Sie schon etwas sagen?«, fragte Demoireau den Arzt.

»Sehe ich aus, als ob ich hellsehen könnte?«, brummte Bonaventure und richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf. »Ich habe gerade erst angefangen, geben Sie mir doch bitte ein bisschen Zeit.«

Er trat einen Schritt beiseite und gab den Blick auf Monsieur Benoits Leiche frei, die jetzt neben dem Rollstuhl auf dem Fußboden lag. Im hellen Licht des Scheinwerfers, der danebenstand, sah er seltsam klein aus, als ob ihm mit dem Leben auch einige Zentimeter Körpergröße genommen worden wären.

Demoireau verzog unwillig das Gesicht. Dann drehte er sich einmal im Kreis, sein Blick schien das ganze Zimmer zu erfassen. Lilou zwang sich, die Augen von dem Toten zu lösen, und konzentrierte sich auf die Details im Raum: die offen stehenden Schränke, in denen die Kleidung von den Bügeln und aus den Fächern gezerrt worden war, das zerwühlte Bett mit der aufgeschlitzten Matratze, der zurückgeschlagene Teppich, die herausgerissenen Schubladen der Kommode neben dem Bett. Alles deutete darauf hin, dass hier Einbrecher am Werk gewesen waren, die die Wohnung nach wertvollen Dingen durchsucht hatten.

Sie folgte Demoireau ins Wohnzimmer, wo Ebrahim Karimi und der dritte Kollege gelbe Hütchen mit Zahlen verteilten. Auf einem Stativ war eine Kamera aufgebaut, und ein großer silberner Koffer lag offen auf dem Fußboden. Demoireau stieg darüber hinweg und ging im Slalom um die Hütchen herum zum Schreibtisch. Die kleine Perserbrücke, die Benoit immer so vorsichtig mit seinem Rollstuhl umfahren hatte, war mit einem eigenen Hütchen gekennzeichnet.

»Warum ist der markiert?«, fragte Demoireau und deutete auf den Teppich.

»Weil sie ihn nicht mitgenommen haben«, antwortete Karimi, der ihnen gefolgt war. »Normalerweise nimmt diese Bande alles mit, was sich einfach transportieren und irgendwie zu Geld machen lässt. Bilder, Smartphones, Laptops, Stereoanlagen, solche Dinge eben. Bei dem alten Ding hier kann ich es noch verstehen.« Er deutete auf ein einfaches schwarzes Radio, das als einziger Gegenstand noch an seinem Platz im Bücherregal stand. »Aber der Teppich hier ist wertvoll.«

»Hm«, machte Demoireau. »Haben wir jemanden, der das schätzen kann?«, fragte er.

»Ja, mich.« Karimi grinste schief. »Mein Vater ist Teppichhändler. Wenn ich Ihnen sage, dass der etwas wert ist, dann ist er das auch.«

»Was heißt wertvoll in diesem Fall?«, fragte Lilou.

Der Mann in Weiß drehte sich zu ihr um und sah sie überrascht an, als ob er nicht damit gerechnet hätte, dass sie sprechen konnte.

»Das ist ein sehr schöner kleiner Sarough«, antwortete er. »2000 Euro bekommt man für den mindestens.«

»Dann stellt sich die Frage, warum die Einbrecher ihn nicht mitgenommen haben«, meinte Demoireau.

»Vielleicht haben sie den Wert nicht erkannt?«, schlug Lilou vor.

»Ja, vielleicht. Oder sie wurden gestört.«

Demoireau wandte sich ab und ging in die Küche. Kopfschüttelnd blieb er neben dem schönen geschnitzten Esstisch unter dem Fenster stehen und betrachtete das Chaos.

»Warum tun die so was?«

Ebrahim Karimi war ihnen gefolgt. »Sie werden Bargeld gesucht haben«, mutmaßte er. »Viele Leute verstecken ihre Ersparnisse zwischen Lebensmitteln.«

Der Isolierbehälter, in dem das Mittagessen geliefert worden war, lag ebenfalls auf dem Boden. Lilou ging in die Hocke und zog einen Teller aus dem Scherbenhaufen, der wie durch ein Wunder heil geblieben war.

»Könntest du wenigstens Handschuhe anziehen, bevor du etwas anfasst?«, schnauzte Karimi sie an.

Lilou ließ den Teller fallen, und mit einem scheppernden Geräusch zerschellte er in tausend Stücke. »Du wirst meine Fingerabdrücke ohnehin überall hier finden«, gab sie zurück. »Ich habe Monsieur Benoit öfter besucht und dabei natürlich auch alles Mögliche angefasst.«

Karimi verdrehte die Augen. »Scheiße, Braque, dann brauche ich nachher Fingerabdrücke und eine DNA-Probe von dir.«

Lilou sah ihn an, ohne eine Miene zu verziehen. »Hätte ich gestern gewusst, dass heute hier eingebrochen wird, dann hätte ich selbstverständlich Handschuhe getragen.«

Ebrahim Karimi starrte sie sprachlos an. Demoireau grinste und zwinkerte ihr zu. Offenbar musste sie wirklich schlagfertig dagegenhalten, wenn sie sich bei den Männern Respekt verschaffen wollte.

Sie gingen zurück ins Wohnzimmer, und Lilou sah, dass auch die Schreibtischschublade offen stand. Sie hing schief in ihrer Führung, und Lilou erinnerte sich daran, dass sie gestern ein wenig geklemmt hatte. Offenbar hatte man sich mit Gewalt Zugang verschafft, ohne Rücksicht darauf, dass der massive Schreibtisch wahrscheinlich mehr wert war als alles, was sich sonst noch im Zimmer befand. Die Schublade war leer bis auf den Stifthalter. Die Papiere und Briefe, die gestern noch darin gelegen hatten, waren verschwunden, wahrscheinlich begraben unter den Büchern, und die Stifte waren auf dem Fußboden verteilt. Nicht nur das, jemand war auch noch darauf herumgetrampelt, ein schöner Füllfederhalter lag zerbrochen in einer dunklen Lache aus Tinte auf dem Parkett, und die Minen der Buntstifte hatten bunte Spuren gezogen.

Warum diese Zerstörungswut? War es einfach nur Freude an der Gewalt? Das Durchwühlen der Kleidung, das Durchsuchen aller Schränke und sogar der Lebensmittel konnte sie nachvollziehen. Aber warum machten die Einbrecher alles kaputt, womit sie nichts anfangen konnten? Sie verstand es nicht.

In der Tür zum Flur tauchte die massive Gestalt von Bonaventure auf, er wedelte mit den Händen. Der Médecin légiste war fertig. Demoireau eilte zu ihm, und Lilou folgte ihm.

»Ich warne Sie gleich, viel kann ich Ihnen noch nicht sagen«, polterte der Mann los. »Keine äußeren Verletzungen, keinerlei Kampfspuren. Wahrscheinlich Tod durch Herzstillstand. Ohne dieses Chaos hier«, mit einer Armbewegung umfasste er die ganze Wohnung, »würde man von einem natürlichen Tod ausgehen.«

»Hm.« Demoireau runzelte die Stirn. »Nicht einmal Abwehrverletzungen? Eigenartig.«

»Vielleicht war es einfach die Aufregung, die ihn getötet hat?«, schlug Lilou vor. »Immerhin war er schon über 80.«

»Das ist gut möglich«, erwiderte der Rechtsmediziner. Er zog ein Taschentuch heraus und wischte sich über das Gesicht. »Sobald er bei mir auf dem Tisch liegt, kann ich mehr dazu sagen.«

Demoireau fragte: »Können Sie den Todeszeitpunkt schon eingrenzen?«

»Bei der Temperatur im Zimmer?« Der dicke Arzt schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, keine Chance. Hier hat es weit über dreißig Grad. Das heißt, dass auch die Leiche nicht weiter abkühlt als bis zu dieser Temperatur.«

»In Monsieur Benoits Wohnung war es immer sehr warm«, warf Lilou ein.

»Er ist seit mindestens vier Stunden tot.« Bonaventure nickte zum Schlafzimmer hinüber. »Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Wann werden Sie es genauer wissen?«

Der Arzt hob die massigen Schultern. »Vielleicht morgen. Vielleicht gar nicht. Diese Wärme verändert alles.«

»Hm.« Demoireau wandte sich ab. »Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas haben, ja?«

Zwei Männer in schwarzen Anzügen trugen an ihnen vorbei einen grauen Kunststoffsarg hinaus. Lilou biss sich auf die Lippen und sah schnell zur Seite.

Emetoit kam wieder herein. »Ich habe mit der Mieterin der oberen Wohnung gesprochen«, sagte er und deutete nach oben. »Sie war den Vormittag über in ihrer Wohnung. Gegen 13.00 Uhr verließ sie das Haus und ist erst kurz vor 17.00 Uhr zurückgekehrt. Sie hat nichts gehört und nichts gesehen.«

»Gibt es auch einen Mann zu der Frau?«

»Ja«, sagten Lilou und Emetoit wie aus einem Munde. Der Beamte warf ihr einen strengen Blick zu und sprach rasch weiter. »Monsieur Dulac arbeitet, er ist noch nicht zu Hause.«

»Was ist mit den anderen Mietern?«

»Es gibt nur einen«, sagte Lilou. »Hier kommt er gerade.« Sie deutete zur offen stehenden Wohnungstür. »Das ist Nicolas Dompierre, der Neffe von Monsieur Benoit.«

Der kleine Neffe, wie Benoit ihn immer genannt hatte, war gar nicht so klein. Er war in den Vierzigern, etwas über mittelgroß, mit einem runden freundlichen Gesicht und dunkelblondem Haar, durch das am Hinterkopf bereits die Kopfhaut hindurchschimmerte. Seine Statur zeugte von zu wenig Bewegung und zu viel gutem Essen, um die Leibesmitte hatte er Fett angesetzt, während seine Schultern schmal geblieben waren. Er trug helle Hosen und ein dunkelblaues Hemd mit kurzen Ärmeln. Als er Lilou im Flur erblickte, lächelte er freundlich, doch dann bemerkte er die Polizisten neben ihr, und seine Miene gefror.

»Was ist denn hier los?«, fragte er und machte Anstalten, die Wohnung zu betreten.

Cropardin trat einen Schritt vor und stellte sich ihm in den Weg. Demoireau bedeutete dem Beamten, den Mann durchzulassen, und ging ihm entgegen. »Sie sind der Neffe von Monsieur Benoit?«, fragte er.

Dompierre nickte und musterte Demoireau mit erstauntem Blick. »So ist es, ich bin Nicolas Dompierre. Was ist mit meinem Onkel?«

»Bei Monsieur Benoit ist eingebrochen worden«, sagte der Commissaire. »Wir haben leider traurige Nachrichten für Sie.«

»Sie meinen, er ist …« Dompierre riss die Augen auf.

»Er ist tot«, erklärte Demoireau mit professionellem Mitgefühl in der Stimme. »Es tut mir sehr leid.«

Dompierre wurde blass. »Mon Dieu! Wer tut denn so etwas!« Er schüttelte den Kopf und rang sichtlich um Fassung.

Demoireau nahm darauf keine Rücksicht. »Hatte Ihr Onkel größere Summen Bargeld im Haus? Wertgegenstände wie Schmuck oder ein Sparbuch?«

»Nein, nein«, murmelte Dompierre. »Er hatte ein wenig Geld hier, 100 Euro vielleicht, um die Putzfrau zu bezahlen, und für Claire, wenn sie für ihn einkaufen ging.«

»Claire Dulac? Die Mieterin von oben?«

»Ja.« Dompierre deutete zum Wohnzimmer. »Das Geld war immer in einem Briefumschlag in der Schreibtischschublade, zusammen mit seinen Papieren.«

»Habt ihr etwas gefunden?«, fragte Demoireau die beiden Kriminaltechniker im Wohnzimmer, die gerade ihre Sachen zusammenpackten.

»Nein, nichts«, sagte Ebrahim Karimi. »Kein Geld, keine Papiere. Nicht einmal einen leeren Umschlag.«

»Die haben meinen Onkel für hundert Euro getötet?« Dompierre riss ungläubig die Augen auf.

»Es steht noch gar nicht fest, dass er getötet wurde«, beschwichtigte ihn Demoireau. »Es kann auch ein natürlicher Tod gewesen sein, vielleicht war es einfach die Aufregung.«

»War er denn herzkrank?«, wollte Lilou wissen.

Dompierre starrte sie an. Offenbar wurde ihm erst jetzt bewusst, dass sie nicht als Untermieterin seines Onkels hier war, sondern als Polizistin.

»Herzkrank? Nein, nicht dass ich wüsste.« Er sah sich im Raum um. »Hier gab es doch nichts zu holen«, sagte er heiser. »Die Einbrecher haben vergeblich gesucht.«

»Das wissen Sie ganz bestimmt?« Demoireau hob fragend die buschigen Augenbrauen.

»Ja, natürlich weiß ich das«, schnappte Dompierre zurück. »Onkel Frédéric besaß ein Sparbuch und einiges an Wertpapieren, aber das ist alles in einem Schließfach in der Bank. Mein Onkel war schließlich kein Vollidiot.«

Lilou hielt den Atem an. Dompierre schien zu merken, dass er sich im Tonfall vergriffen hatte, und räusperte sich. »Verzeihen Sie bitte. Mir geht das ziemlich an die Nieren.«

»Schon gut, Monsieur Dompierre.« Demoireaus Stimme war nichts anzumerken. »Können Sie uns sagen, wann Sie Monsieur Benoit das letzte Mal gesehen haben?«

»Das war heute früh.« Dompierre rieb sich über die Stirn. »Ich habe meinem Onkel aus dem Bett geholfen wie jeden Morgen, habe ihn gewaschen und angezogen und das Frühstück für ihn gemacht.«

»Um wie viel Uhr war das genau?« Demoireau nickte Lilou zu, und sie zog ihr Smartphone aus der Hosentasche. Sie rief die Notiz-App auf und erstellte einen neuen Eintrag.

»Ich bin kurz nach sieben gekommen und etwa bis halb neun geblieben.«

»Kamen Sie jeden Tag zur selben Zeit?«

»Während der Woche, ja. Am Wochenende war es meist etwas später.«

»Ist Ihnen heute etwas Besonderes aufgefallen? Oder war alles wie immer?«

Dompierre sah Demoireau irritiert an. »Was soll denn anders gewesen sein? Natürlich war alles wie immer!«

»Können Sie uns sagen, ob außer dem Geld und den Papieren sonst noch etwas fehlt?«

Dompierre trat ins Wohnzimmer und blickte kopfschüttelnd auf das Durcheinander auf dem Boden. Er ging durch das Zimmer, schaute in die Schränke und in die herausgerissenen Schubladen, ohne etwas anzufassen. »Ich kann es nicht sagen. Auf den ersten Blick scheint nichts zu fehlen.« Unsicher sah er zu Demoireau. »Man muss das erst alles aufräumen.«

Er wandte sich ab und ging zur offen stehenden Küchentür. Lilou folgte ihm.

»Das Mittagessen!« Sie deutete auf den Isolierbehälter, der auf dem Boden lag. »Der Einbruch muss stattgefunden haben, nachdem der Sozialdienst das Mittagessen gebracht hat.«

Demoireau nickte ihr anerkennend zu. »Wie lief das mit dem Mittagessen ab?«

»Der Sozialdienst der Stadt kam jeden Tag und brachte es«, antwortete Dompierre.

»Wann?«

»Irgendwann zwischen halb zwölf und halb eins.« Dompierre hob die Schultern. »Ich bin tagsüber nicht hier, ich arbeite in meinem Büro, genau weiß ich es also nicht.«

Demoireau nickte, und Lilou tippte »Sozialdienst Uhrzeit!« in ihr Smartphone.

»Was machen Sie beruflich?«, fragte der Commissaire.

»Ich bin Immobilienmakler«, antwortete Dompierre.

Er zog ein ledernes Etui aus seiner Gesäßtasche und holte eine Visitenkarte hervor. Demoireau nahm sie entgegen und reichte sie an Lilou weiter. »Immobilier et Gérant d’immeuble«, stand darauf in silbergrauen Lettern. Darunter sein Name, Nicolas Dompierre, und eine Adresse nicht weit von hier in einer der winzigen Altstadtgassen, der Rue de Clapiès.

»Hatten die Leute vom Sozialdienst einen Schlüssel?«

»Nur für die Haustür unten, nicht für die Wohnung«, erwiderte Dompierre. »Sie stellten das Essen auf den kleinen Tisch vor der Wohnungstür, und mein Onkel holte es sich, wenn er essen wollte.«

»Die Leute vom Sozialdienst haben die Wohnung nie betreten?« Demoireau sah Dompierre überrascht an.

»Nein.« Dompierre schüttelte den Kopf. »Es kostet weniger, wenn sie es einfach nur abstellen, und meinem Onkel war das lieber so.«

»Das bedeutet, als der Sozialdienst hier war, muss er noch gelebt haben«, schlussfolgerte Demoireau. »Das ist immerhin ein Anhaltspunkt.«

»Ich habe jeden Morgen das Geschirr vom Vortag sauber gemacht und mitsamt dem Isolierbehälter wieder nach draußen gestellt«, sagte Dompierre. »Heute natürlich auch.«

Lilou musterte das Chaos auf dem Küchenboden. »Zum Essen scheint er nicht mehr gekommen zu sein.« Sie deutete auf einen zersprungenen Steingutteller, der in einer undefinierbaren gelbbraunen Masse lag. Sie ging in die Hocke. »Kartoffelpüree mit Soße und Möhren, wie es aussieht.«

»Ich werde es Bonaventure sagen. Falls sich etwas davon in seinem Magen findet, können wir den Zeitraum noch weiter eingrenzen.«

Lilou unterdrückte einen Anfall von Übelkeit. Dompierre schluckte schwer und wandte sich rasch ab.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte er. Sein Gesicht hatte einen grauen Ton angenommen. »Ich muss das alles erst verkraften.«

Demoireau musterte ihn kurz mit zusammengezogenen Brauen, dann nickte er. »Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung«, sagte er. »Wir müssen auf alle Fälle noch einmal mit Ihnen sprechen.«

Emetoit steckte den Kopf in die Küche. »Chef, wir wären dann fertig«, sagte er.

Demoireau nickte. Er ging zu dem bodentiefen Fenster hinüber, öffnete die Flügel und sah hinaus. Lilou steckte das Telefon weg. Sie folgte ihm und stellte sich neben ihn an das hellblau gestrichene Geländer.

»Was halten Sie von der Sache?«, fragte er.

Lilou sah ihn überrascht an, aber der Commissaire hatte den Blick auf die Straße unter ihnen gerichtet. Die Straßenbeleuchtung war inzwischen angegangen und malte gelbe Seen zwischen die dunklen Ecken der alten Häuser.

»Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normaler Einbruch«, sagte Lilou langsam. »Alles wurde gründlich durchsucht und das Geld gestohlen.«

»Und auf den zweiten?« Jetzt wandte Demoireau ihr das Gesicht zu, und Lilou war erstaunt über die Intensität in seinem Blick.

»Der Teppich passt nicht ins Bild«, antwortete sie langsam.

»Richtig. Was noch?«

Lilou runzelte die Stirn. Plötzlich kam es ihr so vor, als ob Demoireau sie prüfen wollte. »Ich weiß nicht? Diese Zerstörungswut vielleicht?«

Demoireau nickte. »Vielleicht waren die Einbrecher verärgert, weil sie außer dem kleinen Geldbetrag nichts gefunden haben.«

Lilou trat einen Schritt zurück und drehte sich im Kreis. »Aber warum haben sie dann die Bilder hiergelassen? Die alten Bücher? Sind diese Sachen nicht auch wertvoll?«

Demoireau nickte. »Das ist ein weiterer Hinweis, ja. So wie der Teppich.«

»Sie glauben, der Einbruch wurde nur vorgetäuscht?«

»So weit würde ich nicht gehen«, sagte der Commissaire. »Aber die Handschrift unterscheidet sich doch von den anderen Einbrüchen der letzten Zeit. Die fanden in der Regel nur dann statt, wenn niemand in der Wohnung war. Und es wurde alles, wirklich alles mitgenommen, was sich irgendwie zu Geld machen lässt.«

Lilou nickte. »Und es hat noch nie einen Toten gegeben.«

»Genau.« Demoireau wandte sich ab. »Bisher gab es dabei noch nie einen Toten.«

 

Cravasse wartete an der offenen Eingangstür auf sie. Ihre Miene zeigte Ungeduld, sie wollte endlich fertig werden. Sie griff nach dem Knauf, zog mit Nachdruck die Tür ins zerstörte Schloss und sperrte mit Monsieur Benoits Schlüssel ab.

Lilou wandte sich um. »Machen Sie bitte noch einmal auf«, sagte sie.

»Was? Wieso …« Cravasse warf ihr einen genervten Blick zu. »Die Kriminaltechniker haben doch schon alles untersucht.«

»Tun Sie, was sie sagt«, wies sie der Commissaire an. »Ich möchte mir das Schloss ebenfalls genauer ansehen.«

Cravasse schnaubte und schloss die Tür wieder auf. Lilou ging in die Hocke und betrachtete das Schließblech. Rund um die Aussparung für die Falle war das Metall verbogen und das Holz des Türrahmens gesplittert, doch die Aufnahme für den Schlossriegel erschien unversehrt. Mit dem Finger fuhr sie über das Metall. »Die Tür war gar nicht versperrt«, stellte sie fest.

Demoireau bückte sich, musterte die zerstörte Zarge und nickte. »Sie haben recht.«

»Das ist eigenartig«, sagte sie.

»Wieso?«

»Monsieur Benoit hat immer abgeschlossen. Die Türen hier im Haus sind alt und schließen nicht sehr gut. Es war das Erste, was er mir eingeschärft hat, als ich hier eingezogen bin. Immer abschließen.«

»Vielleicht hat er es vergessen.«

»Ja, vielleicht«, antwortete Lilou zweifelnd. »Wäre die Tür zugesperrt gewesen, hätte man sie nur mit schwerem Werkzeug aufbrechen können, oder?«

Demoireau nickte. »Davon können wir ausgehen«, sagte er. »Das beweist aber gar nichts. Einbrecher lassen sich von einer versperrten Wohnungstür im Allgemeinen nicht aufhalten.«

»Trotzdem ist es ein eigenartiger Zufall, dass ausgerechnet heute nicht abgeschlossen war, finden Sie nicht?«

»Hm, hm.«

Der Commissaire richtete sich auf und gab Cravasse ein Zeichen. Die Polizistin zog die Tür heftiger ins Schloss als nötig, drehte den Schlüssel zweimal herum und holte eine Rolle Absperrband aus der Oberschenkeltasche ihrer Uniform. Mit Reißzwecken befestigte sie die rot-weißen Kunststoffstreifen am Türrahmen, dann klebte sie ein Polizeisiegel über den Türspalt und reichte Demoireau den Schlüsselbund.

»Brauchen Sie uns noch?«, fragte sie anschließend.

Demoireau schüttelte den Kopf. »Fahren Sie zurück zur Wache und fangen Sie schon mal an, die Berichte zu schreiben. Ich komme nach, sobald wir hier fertig sind.«

Die Polizistin nahm die Kappe ab, fuhr sich durch die stoppelkurzen roten Haare und setzte sie wieder auf. Sie deutete ein Nicken an und lief die Treppe hinunter.

Der Commissaire wandte sich Lilou zu. »Ich möchte jetzt gleich die Nachbarin von oben befragen«, sagte er. »Kommen Sie mit?«

Es war keine Frage, sondern ein Befehl, und Lilou folgte ihm die Treppe hinauf.

 

Claire öffnete ihnen in einem seidenen Hausanzug, der über und über mit bunten Orchideen bestickt war. Sie begrüßte Lilou mit Küsschen auf die Wangen und schüttelte Demoireau die Hand.

»Ist das nicht schrecklich?«, jammerte sie. »Nicolas hat mir gerade alles erzählt, aber ich kann es noch gar nicht glauben.«

Sie ging voraus in ein Wohnzimmer, das nur halb so groß war wie das von Monsieur Benoit. Die Einrichtung bestand aus hellen skandinavischen Möbeln: ein Sofa mit bunt karierten Kissen, ein offenes Regal aus Kiefernholz, in dem viel Krimskrams stand und nur wenige Bücher, ein runder Esstisch mit vier Stühlen in der Ecke.

Alfonse Dulac war offenbar in der Zwischenzeit nach Hause gekommen. Er erhob sich vom Sofa und begrüßte sie ebenfalls. »Kann ich Ihnen etwas anbieten, Monsieur le Commissaire? Lilou? Wasser vielleicht oder ein Glas Wein?«

Demoireau schüttelte den Kopf und setzte sich unaufgefordert an den Esstisch. Lilou verzog das Gesicht, sie hätte gerne einen Schluck Wasser getrunken, aber sie folgte dem Beispiel ihres Chefs. Sie nahm ebenfalls auf einem der Stühle Platz, zog ihr Telefon aus der Tasche und legte es auf den Tisch.

Claire sah einen Moment verwirrt von einem zum anderen, offenbar überfordert von der Situation, dann schien sie sich zu fassen und setzte sich. Alfonse blieb mitten im Raum stehen und wusste nicht so recht, wohin mit sich.

»Setzen Sie sich bitte zu uns, Monsieur Dulac«, sagte Demoireau und deutete auf den vierten Stuhl. Alfonse gab sich einen Ruck und ließ sich neben seiner Frau fallen.

»Madame Dulac, können Sie mir bitte ganz genau erzählen, was Sie heute den ganzen Tag über gemacht haben?«, fuhr Demoireau fort.

Claire holte tief Luft. »Ich war am Vormittag zu Hause«, begann sie. »Dann habe ich …«

»Halt, halt, nicht so schnell«, unterbrach sie der Commissaire. »Was haben Sie am Morgen gemacht?«

»Also, ich …« Claire hob die Schultern und sah unsicher zu ihrem Mann. »Alfonse hat wie jeden Tag um halb neun das Haus verlassen«, sagte sie.

Alfonse nickte. »Nicolas kann das bestätigen, ich habe ihn im Treppenhaus getroffen«, sagte er. Lilou machte sich eine Notiz.

»Ich bin noch etwas im Bett geblieben und so gegen neun aufgestanden«, fuhr Claire fort.

»Ist Ihnen da irgendetwas aufgefallen?«, wollte Demoireau wissen.

»Nein.«

»Waren heute irgendwelche Leute im Haus? Der Postbote, ein Lieferant, Handwerker?«

»Ich habe niemanden bemerkt«, antwortete Claire. »Der Fernseher lief, ich hatte den Staubsauger an, also …«

»Hm, hm«, machte Demoireau. »Wann haben Sie das Haus verlassen?«

»Das war so gegen eins. Das habe ich auch schon Ihrem Kollegen gesagt.«

»Verzeihen Sie bitte.« Demoireau sah sie entschuldigend an. »Sie sind unter Umständen unsere einzige Zeugin des Einbruchs. Deshalb fragen wir so genau nach.«

Claire verzog das Gesicht, als ob sie im nächsten Augenblick zu weinen beginnen wollte.

Lilou legte ihr die Hand auf den Arm. »Es tut mir leid, Claire«, sagte sie leise. »Aber das muss wirklich sein.«

Claire holte ein Taschentuch aus ihrem Hausanzug und schnäuzte sich geräuschvoll. Dann holte sie tief Luft. »Ist schon gut.«

»Als Sie das Haus verließen, sind Sie doch an Monsieur Benoits Wohnung vorbeigekommen, nicht wahr?«

»Ja, natürlich.«

»Haben Sie da irgendetwas gehört?«

Claire runzelte angestrengt die Stirn. »Nein, ich habe gar nichts gehört!«

»Auch nicht die Musik aus Monsieur Benoits Radio?«, fiel Lilou ein.

»Die Musik?« Claire riss die Augen auf. »Stimmt, jetzt, wo du es sagst …«

Demoireau sah fragend von Lilou zu Claire. »Die Musik? Was hat das zu bedeuten?«

»Wenn er alleine war, hat Monsieur Benoit immer Radio gehört«, erklärte Lilou. »Man konnte es im Flur vor seiner Wohnung hören, weil die Türen schlecht schließen.«

»Und heute war nichts zu hören?«, hakte Demoireau nach.

»Nein«, sagte Claire. »Zumindest habe ich nichts davon bemerkt.«

»Das bedeutet, jemand muss bei ihm gewesen sein!«, rief Lilou aufgeregt. »Wenn er Besuch hatte, machte er das Radio immer aus.«

»Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, Mademoiselle Braque«, entgegnete Demoireau. »Erst einmal ist es nur ein Indiz, nichts weiter.« Er warf ihr einen strengen Blick zu, und Lilou presste verärgert die Lippen aufeinander.

»Stand das Essen vom Sozialdienst noch auf dem Tisch?«, fragte Demoireau.

Claire rieb sich die Schläfen. »Ich bin nicht sicher«, sagte sie. »Ich glaube schon.« Sie schloss einen Moment lang die Augen. »Doch, ja, ganz bestimmt sogar. Ich habe mich noch gewundert, dass Monsieur Benoit so spät zu Mittag isst.«

»Wann hat er denn üblicherweise gegessen?«

»Das weiß ich nicht genau«, erwiderte Claire. »Aber ich denke, nicht so spät. Zumindest war das Geschirr sonst um diese Zeit immer schon weg.«

»Hm.« Demoireau sah Lilou an. »Der Einbruch muss also nach 13.00 Uhr stattgefunden haben.«

Lilou nickte. »Außer die Einbrecher waren zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung und haben das Essen mit hineingenommen, als sie gegangen sind.«

»Warum sollten sie das denn tun?« Demoireau sah sie überrascht an.

»Ich weiß auch nicht«, antwortete Lilou und hob die Schultern. »Es war nur so eine Idee.«

Der Commissaire schüttelte den Kopf. »Das ergibt doch keinen Sinn«, meinte er. »Nein, der Einbruch hat irgendwann zwischen 13.00 und 17.00 Uhr stattgefunden, während Sie, Madame Dulac, nicht zu Hause waren. Sie hätten ansonsten etwas von dem Lärm mitbekommen müssen, den die Einbrecher verursacht haben. Ihre Wohnung befindet sich schließlich genau über der von Monsieur Benoit.«

»Sie meinen, die haben mich beobachtet und extra gewartet, bis ich gegangen bin?« Claire sah ihn erschrocken an.

»Das steht zu befürchten. Aber den genauen Zeitpunkt werden wir erst von Dr. Bonaventure erfahren.« Demoireau erhob sich und streckte Claire die Hand hin. »Wir werden uns wahrscheinlich noch einmal bei Ihnen melden«, sagte er. »Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung.«

Claire ergriff seine Hand und schniefte. »Natürlich, Monsieur le Commissaire. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann werde ich es tun.«

Mit einem Schluchzen fiel sie Lilou um den Hals. Die tätschelte Claire unbeholfen den Rücken und sah Hilfe suchend zu Alfonse hinüber, der bis jetzt nur zugehört hatte. Nun stand er auf und kam heran. Er legte seiner Frau den Arm um die Schultern und führte sie zum Sofa.

»Auf Wiedersehen, Commissaire, auf Wiedersehen, Lilou«, sagte er. Er machte keine Anstalten, sie zur Tür zu begleiten.

Im Flur wandte sich Lilou zu Demoireau um. »Wie geht es jetzt weiter?«, fragte sie.

»Sie gehen jetzt in Ihre Wohnung«, sagte der Commissaire. »Ich fahre noch mal zur Wache und sehe nach, wie weit die Kollegen von der Scientifique sind.«

»Soll ich nicht mitkommen?«

»Nein. Sie melden sich morgen um acht zum Dienst. Kommen Sie direkt zu mir, dann gehen wir alles zusammen durch.« Er nickte ihr zu. »Wir müssen auch noch Ihre Aussage zu Protokoll nehmen, immerhin sind Sie ja auch Zeugin.«

»Stimmt.« Daran hatte Lilou gar nicht gedacht. »Dann sehen wir uns morgen.«