Kapitel 3

Lilou war todmüde, als sie endlich die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss. Während der Befragungen von Nicolas Dompierre und Claire Dulac war sie hellwach gewesen, doch nun forderten die Geschehnisse der letzten Stunden ihren Tribut. Sie stieß das Fenster auf und atmete tief durch. Der Anblick der ungespülten Pfanne erinnerte sie an den Teller mit der Piperade, den sie Monsieur Benoit hatte bringen wollen. Er stand noch immer vor seiner Wohnungstür, doch sie wollte nicht noch einmal nach unten gehen, wollte nur noch ins Bett. Gleichzeitig fühlte sie sich aufgewühlt und bezweifelte, dass sie schlafen konnte.

Sie öffnete die Milchpackung und kippte etwas davon in einen kleinen Topf, den sie auf den Herd stellte. Aus einer Eingebung heraus öffnete sie die Dose mit dem Lavendel. Warum eigentlich nicht? Sie griff mit drei Fingern in die Blüten und streute eine großzügige Portion in die Milch.

Bis sie sich ihrer Sneakers entledigt und die Jeans ausgezogen hatte, war auch die Milch heiß. Sie zog den Topf vom Herd, goss die Milch durch ein Sieb in eine Tasse und setzte sich damit aufs Sofa. Der Duft des Lavendels beruhigte ihre überreizten Nerven. Sie pustete den Dampf weg und nahm einen vorsichtigen Schluck.

Diesen Schlummertrunk hätte auch Frédéric Benoit gemocht. Sie schloss die Augen, hinter ihren Lidern brannten plötzlich Tränen. Dass der alte Mann nicht mehr lebte, war in ihrem Bewusstsein noch nicht angekommen. Nie wieder würde sie seine krächzende Stimme hören, nie wieder würde er »Mademoiselle Braque, Sie kochen wunderbar!« zu ihr sagen. Erst jetzt realisierte sie, dass er für immer fort war.

Das Journal d’Armand lag auf dem Tisch, und sie schlug den Buchdeckel auf. Es hatte kein Vorsatzblatt, keinen Titel, keine Überschrift, sondern begann direkt auf der ersten Seite mit einem Kochrezept: Crème brûlée à la lavande. Der Lavendel schien sich wie ein violetter Faden durch das Buch zu ziehen; in fast jedem Gericht fand er Verwendung. Versonnen strich sie mit den Fingern über das Papier. Es war glatt, viel glatter als das heute übliche Recyclingpapier, perfekt, um mit einem Füllfederhalter darauf zu schreiben. Sie seufzte.

Eigentlich müsste sie das Buch Nicolas Dompierre zurückgeben, schließlich war er Frédéric Benoits Erbe. Andererseits hatte der alte Mann gesagt, Nicolas interessiere sich gar nicht für das Kochen. Sie klappte das Buch zu, legte es zurück auf den Tisch und beschloss, diese Entscheidung zu vertagen.

 

Kurz vor 8.00 Uhr machte sich Lilou auf zum Dienst. Die Sonne hatte sich noch nicht über die Fassaden erhoben, das Pflaster der Fußgängerzone glänzte feucht. Nicht vom Morgentau, so etwas gab es im südfranzösischen Sommer nicht, nein, eine kleine Straßenkehrmaschine der städtischen Verwaltung, die aussah wie ein umgebauter Gabelstapler, fuhr fauchend durch die Gassen der Altstadt und bürstete den Staub von den Steinen.

Demoireau kam ihr schon auf dem Flur entgegen. »Kommen Sie, Mademoiselle Braque, kommen Sie«, rief er und schloss die Tür zu seinem Büro auf. »Um neun habe ich eine Teambesprechung angesetzt, bis dahin müssen wir fertig sein.«

Lilou hob die Brauen und folgte dem Commissaire in sein Büro. Es ging nach hinten zum Parkplatz hinaus, er hatte kein Grün vor den Fenstern, dafür hörte man auch keinen Straßenlärm. Er wies auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch und ließ sich in seinen Stuhl fallen.

»Also los, erzählen Sie.«

Lilou holte tief Luft. Ausnahmsweise war sie einmal in der Rolle einer Zeugin, und unvermittelt fühlte sie sich an ein Examen an der Uni erinnert.

Demoireau schien ihr Zögern zu bemerken, denn zum ersten Mal, seit sie ihr Praktikum angetreten hatte, zeigte sich in seinen Augen so etwas wie Sympathie. Seine Stimme klang fast schon väterlich, als er sagte: »Fangen Sie am besten ganz am Anfang an. Vergessen Sie kurz, dass Sie auch Polizistin sind und dass ich vieles schon weiß. Berichten Sie einfach.«

Lilou nickte. »Monsieur Benoit ist –«, sie stockte, »war mein Vermieter. Ich habe ihn durch Claire Dulac kennengelernt, eine Freundin meiner Tante Margot. Sie hat mir die Wohnung in Monsieur Benoits Haus vermittelt.«

Bei der Nennung von Margots Namen gab Demoireau ein zustimmendes Grunzen von sich. Er stammte ursprünglich aus Mirocène, wo Lilous Tante gemeinsam mit ihrem Mann eine Café-Bar betrieb. Demoireaus Eltern lebten da noch immer, und natürlich kannte er Tante Margot.

Lilou vermutete, dass sein Problem, sie als Polizistin zu akzeptieren, damit zu tun hatte. Der Commissaire sah in ihr immer noch das kleine Schulmädchen aus Paris, das jeden Sommer seine Tante besuchte. Dass sie inzwischen nicht nur erwachsen, sondern praktisch eine Kollegin war, war bei ihm noch nicht angekommen.

»Wann war das?«, fragte er, ohne den Blick zu heben.

»Vor etwa zwei Monaten«, antwortete Lilou. »Tante Margot hat sich darum gekümmert, sobald ich die Zuweisung für das Praktikum in Carpentras hatte.« Sie hielt jegliche Emotion aus ihrer Stimme heraus. Wäre sie nach Paris versetzt worden, hätte sie bei ihren Eltern wohnen können.

Aber Demoireau nahm davon keine Notiz. »Weiter.«

Lilou hob die Schultern. »Was wollen Sie denn wissen?«

»Wie gut kannten Sie Monsieur Benoit?«

Sie sah aus dem Fenster. Von draußen tönte das Martinshorn eines Polizeiwagens, der gerade den Parkplatz verließ. »Ich habe ihm jeden Abend vorgelesen«, sagte Lilou leise.

»Sie haben was?« Demoireaus Stimme klang überrascht.

»Ich habe ihn an meinem ersten Abend hier besucht und ihm ein Stück Kuchen mitgebracht, als Dankeschön, weil das mit der Wohnung so gut geklappt hat. Wir haben uns unterhalten, und er hat mir erzählt, dass er früher gern gelesen hat, aber seine Augen inzwischen zu schlecht dafür sind.«

Vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild des alten Mannes auf. Während des Vorlesens waren seine Augen hinter den dicken Brillengläsern meist geschlossen gewesen, sodass sie nie gewusst hatte, ob er konzentriert zuhörte oder eingeschlafen war.

»Was wissen Sie über ihn?«, fragte Demoireau. Seine Stimme klang jetzt anders als sonst, wärmer, mitfühlender.

»Das Haus gehörte ihm schon seit vielen Jahren. Soweit ich weiß, sind seine einzigen lebenden Verwandten eine Halbschwester und deren Sohn, Nicolas Dompierre. Sie haben ihn gestern kennengelernt. Er hat sich um die Pflege von Monsieur Benoit gekümmert.«

Demoireau hob den Kopf. »Das war sicher nicht ganz einfach«, stellte er fest.

Lilou nickte. »Lange wäre das auch nicht mehr gut gegangen«, sagte sie. »Monsieur Benoit konnte seine Wohnung nicht mehr verlassen. Deshalb wollte Nicolas Dompierre seinen Onkel in einem Altersheim unterbringen, wo man sich besser um ihn hätte kümmern können. Um das Heim zu bezahlen, plante er, das leer stehende Ladenlokal im Erdgeschoss zu vermieten. Aber Monsieur Benoit wollte davon nichts hören.«

»Warum hat Benoit die Räume denn nicht selbst vermietet? Das wäre doch ein lukratives Geschäft für ihn gewesen.«

Lilou hob die Schultern. »Ich bin mir nicht sicher. So wie ich es mitbekommen habe, war er zufrieden mit der Situation und wollte einfach keinen Ärger mit irgendwelchen neuen Mietern«, sagte sie.

Demoireau machte sich eine Notiz. »Berichten Sie, was gestern Abend passiert ist.«

»Ich bin kurz nach sechs nach Hause gekommen. Ich habe eine Piperade gekocht und wollte Monsieur Benoit eine Portion bringen, doch als ich an seine Tür klopfte, bemerkte ich, dass sie nur angelehnt war. Ich ging hinein, und da habe ich gesehen, dass …«

»Ist Ihnen draußen im Hausflur irgendetwas aufgefallen?«

»Nein, nichts.«

»Auch nicht unten an der Haustür?«

»Nein.«

»Hm.« Demoireau runzelte die Stirn. »Wer auch immer Monsieur Benoit überfallen hat, er wurde ins Haus gelassen. Denn die Haustür unten wurde nicht aufgebrochen.«

Lilou nickte. »Vielleicht war es der Sozialdienst, oder Monsieur Benoit hat seinen Mörder selbst eingelassen.«

»Es gibt zurzeit keinen Hinweis auf Mord.« Demoireau sah aus dem Fenster. »Noch ist sein Tod ein ungeklärter Todesfall.«

Es klopfte an der Tür, und Emetoit trat ins Zimmer. »Wir wären dann so weit, Chef«, sagte er.

Demoireau nickte. »Ich denke, wir sind hier fertig, oder fällt Ihnen noch etwas ein?« Er sah Lilou fragend an.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht«, sagte sie.

»Dann kommen Sie mit!«

 

Im Besprechungsraum waren schon alle versammelt. Lilou schloss leise die Tür hinter sich. Sie hatte sich noch einen Kaffee vom Automaten geholt, und es sah aus, als wäre sie die Letzte. Niemand beachtete sie, als sie zu einem leeren Platz eilte, nur Pouff warf ihr einen missbilligenden Blick zu.

Demoireau fasste gerade die Ereignisse des gestrigen Abends und die bisherigen Erkenntnisse zusammen. Er wiederholte die Aussagen von Nicolas Dompierre und Claire Dulac und erwähnte auch die Informationen aus Lilous Befragung. Dann nickte er Ebrahim Karimi zu, der mit müden Augen an seiner Seite saß.

»Bitte, Monsieur Karimi.«

Karimi räusperte sich und stand auf. »Wir sind mit unseren Untersuchungen natürlich noch nicht fertig. Die DNA-Proben wurden an das Labor in Marseille weitergeleitet, wir erwarten die Ergebnisse frühestens in zwei Tagen. Aber wir konnten bereits die Fingerabdrücke auswerten.«

Er machte eine Pause, alle sahen ihn erwartungsvoll an.

»Außer den Spuren des Opfers haben wir mehrere weitere Fingerabdrücke gefunden. Eine Suche im Polizeicomputer hat keine Treffer ergeben. Wir müssen noch Vergleichsproben nehmen, aber wir nehmen an, dass es sich hierbei um die Abdrücke seines Neffen, seiner Putzfrau und seiner Mieter handelt. Im Augenblick gehen wir davon aus, dass die Einbrecher Handschuhe getragen haben.«

Demoireau nickte. »Alles andere wäre auch sehr erstaunlich.«

»Was ist mit dem Türschloss?«, fragte Emetoit. »Gab es da weitere Auffälligkeiten?«

Karimi schüttelte den Kopf. »Es wurde gewaltsam geöffnet«, sagte er. »Aber wir haben keine Spuren von Werkzeug gefunden. Allerdings handelt es sich um ein altes Schloss, und es war auch nicht abgesperrt, sondern nur zugezogen. Es dürfte nicht viel Widerstand geboten haben.«

»Also mit der Schulter? Oder ein Fußtritt?«, fiel ihm Pouff ins Wort.

»Eher mit der Schulter«, erwiderte Karimi. »Ein Fußtritt hinterlässt üblicherweise auch Spuren.«

»Konnte schon jemand mit den Leuten vom Sozialdienst sprechen?«, fragte Lilou.

Emetoit nickte ihr zu. »Guter Hinweis, Braque«, sagte er. »Der Fahrer, der Monsieur Benoit beliefert, war heute Morgen noch nicht im Dienst. Ich habe aber seinen Namen und seine Adresse. Wir fahren nachher zu ihm.«

»Fragen Sie ihn bitte, ob er Musik gehört hat«, bat Lilou.

Der Capitaine sah sie erstaunt an. »Musik?«, wiederholte er. Lilou nickte, und er kritzelte etwas auf seinen Block.

»Gibt es schon Ergebnisse von der Rechtsmedizin?« Demoireau blickte fragend in die Runde, aber niemand sagte etwas. »Okay, ich rufe Dr. Bonaventure nachher selbst an.« Er machte sich eine Notiz auf einem seiner Zettel, dann erhob er sich.

»Wir gehen von einem Einbruch aus, der gestern Nachmittag zwischen 13.00 und 17.00 Uhr stattgefunden hat. Nach den ersten Zeugenaussagen befand sich zu diesem Zeitpunkt niemand im Haus. Das Opfer, Monsieur Benoit, kam dabei aus noch unbekannter Ursache zu Tode. Den genauen Todeszeitpunkt sowie alle weiteren Umstände erfahren wir dann vom Médecin légiste.« Er machte eine Pause und schaute von einem zum anderen. »Wenn das unsere marokkanische Bande war, dann haben sie ihre Methode geändert. Der Einbruch hat diesmal am helllichten Tag stattgefunden, und es ist ein Todesopfer zu beklagen. Ich muss Ihnen nicht sagen, was das bedeutet.«

Gemurmel erhob sich im Raum. »Commandant Hiroux, Sie übernehmen die Leitung der Ermittlungen und berichten mir direkt«, fuhr Demoireau fort und sah den dicklichen Beamten an, der am Ende des Tisches saß. Hiroux nickte und wischte sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. »Emetoit, Sie waren ja gestern schon dabei. Ich schlage vor, dass Sie mit einem Team die Befragungen in der Nachbarschaft durchführen. Vielleicht hat jemand etwas gesehen.«

Emetoit hob den Kopf, er sah ebenfalls müde aus. »Roguenot und Brébussy sind schon unterwegs«, sagte er. »Heute Nachmittag haben Sie den Bericht auf Ihrem Schreibtisch.«

Pouff sah zu Hiroux hinüber. »Was ist denn mit diesem Hehler, von dem die von der Municipale schon mal Tipps bekommen?«, fragte er.

»Gute Idee.« Hiroux hatte eine hohe Stimme, die gar nicht zu seiner korpulenten Statur zu passen schien. »Ich werde mich da umhören.«

Demoireau nickte. »Gibt es sonst noch Fragen?« Niemand antwortete. »Hiroux, Sie kümmern sich um die Journalisten. Pressekonferenz heute um fünf, Emetoit, Sie begleiten mich.«

Der Beamte nickte, und Demoireau erhob sich. Im Hinausgehen drückte er Lilou den Block mit seinen Notizen in die Hand. »Tippen Sie das bitte ab und protokollieren Sie auch gleich Ihre Aussage. Anschließend melden Sie sich bei mir.«

Lilou sah ihm verärgert hinterher. Lieber hätte sie Emetoit und sein Team bei der Befragung der Nachbarn begleitet. Protokolle abzutippen, war Aufgabe einer Schreibkraft, aber ihm vor versammelter Mannschaft zu widersprechen, würde ihr Verhältnis nicht verbessern.

 

Lilou starrte blind auf den Bildschirm. Das Formular zur Eingabe der Protokolle war geöffnet, aber sie hatte außer einer Zusammenfassung ihrer eigenen Aussage noch nichts getippt. Es war so ungerecht!

Sie war hier, um den Alltag einer Commissaire kennenzulernen. Sie hätte erwartet, dass man ihr angemessene Aufgaben übertrug, sodass sie Erfahrungen sammeln konnte, und nun missbrauchte man sie als bessere Tippse!

Demoireau war schlau genug gewesen, sich schleunigst zu verziehen, nachdem er ihr diesen Auftrag gegeben hatte, sonst hätte sie ihm unverblümt die Meinung gesagt. Sie presste die Lippen zusammen. In ihrem Rücken hörte sie Pouff tippen, aber mit ihm wollte sie das nicht diskutieren. Der stellvertretende Leiter der Dienststelle war ein altgedienter Commandant am Ende der Beförderungsleiter, der sich vornehmlich um administrative Aufgaben kümmerte. In seinem Büro stapelten sich dicke Aktenordner mit Protokollen und Gerichtsakten, er schien seinen Schreibtisch nur selten zu verlassen. Freundlichkeit war für ihn ein Fremdwort, und auf seinen bissigen Sarkasmus, wenn sie ihre Beschwerde vorbrachte, konnte sie gut verzichten.

Sie schnaufte verärgert, und prompt verstummte das Klackern der Tastatur hinter ihr. »Ist etwas, Braque?«

»Nein, alles in Ordnung.« Lilou zog die Nase hoch und schlug das oberste Blatt auf.

 

Eine Stunde später hatte sie nicht nur Demoireaus Notizen säuberlich in das Computerprogramm übertragen, sondern auch die Aufzeichnungen von Cravasse und Cropardin abgetippt sowie eine Zusammenfassung der ersten Ergebnisse der Kriminaltechniker geschrieben. Sie atmete tief durch und lehnte sich zurück. Ihre Wut war verflogen. Tatsächlich hatte sie festgestellt, dass das Schreiben ihr half, ihre Gedanken zu dem Fall zu ordnen. Mit jedem Satz kristallisierte sich ein immer deutlicheres Bild der Geschehnisse heraus, und als sie fertig war, war sie Demoireau beinahe dankbar für die Aufgabe.

Inzwischen war sie ganz sicher, dass die marokkanische Bande nichts mit dem Überfall auf Monsieur Benoit zu tun hatte. Die Spuren deuteten darauf hin, dass die Einbrecher die Wohnung durchsucht hatten, doch Wertgegenstände hatten sie nicht mitgenommen. Und möglicherweise hatten sie nicht gefunden, wonach auch immer sie gesucht hatten, denn die Zeichen der Verwüstung waren in jedem einzelnen Raum zu finden. Selbst das Schränkchen im Badezimmer war geleert und der Inhalt auf dem Boden verteilt worden.

Plötzlich fiel ihr die Stille im Raum auf. Sie blickte über ihre Schulter, Pouffs Stuhl war leer. Er hatte das Büro verlassen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Sie drückte die Lehne nach hinten, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und legte die Füße neben der Tastatur auf den Tisch. Trotz der surrenden Klimaanlage war es im Zimmer sehr warm, und langsam drifteten ihre Gedanken ab. Was mochten die Einbrecher bei Frédéric Benoit gesucht haben?

Sie fuhr zusammen, als sie unvermutet Demoireaus Stimme hinter sich hörte. »Sind Sie fertig?«, fragte er.

Eilig nahm Lilou die Füße vom Tisch und richtete sich auf. »Ja, Monsieur le Commissaire«, sagte sie und deutete auf den Monitor.

»Gut, dann kommen Sie mit. Wir fahren zu Dr. Bonaventure.«

Lilou sprang auf. Das war eher eine Aufgabe nach ihrem Geschmack, auch wenn sie sich um Besuche in der Gerichtsmedizin nicht gerade riss. Aber egal, für heute hatte sie genug von der Schreibtischarbeit.

 

Die Fahrt zum am Stadtrand gelegenen Hospitalzentrum von Carpentras verbrachten sie schweigend. Lilou versuchte, den Gedanken wiederzufinden, der ihr vorhin entglitten war, als Demoireau ins Zimmer gekommen war. Demoireau konzentrierte sich auf den Verkehr und steuerte den großen Peugeot umsichtig durch die engen Straßen, bis sie die Ausfallstraße erreichten, dann drückte er aufs Gas.

Das Reich des Gerichtsmediziners befand sich im Hauptgebäude des weitläufigen Neubaus. Demoireau stellte den Wagen auf dem öffentlichen Parkplatz in der prallen Sonne ab. Weder die niedrigen Hecken noch die vereinzelten Bäumchen zwischen den Parkbuchten spendeten Schatten. Der Asphalt flirrte in der Hitze, und Lilou atmete erleichtert auf, als sie hinter Demoireau das klimatisierte Gebäude betrat. Ihre Augen brauchten einen Augenblick, um sich nach der gleißenden Helle draußen an die Neonbeleuchtung der Eingangshalle zu gewöhnen. Der Commissaire nickte dem Portier zu, der hob nur grüßend die Hand und winkte sie weiter.

Der Forensiker war im Sektionssaal. Er stand neben einem der stählernen Tische und diktierte gerade einen Befund in ein Diktafon. Im Raum war es kühl. Nach der Hitze draußen legte sich die kalte Luft wie ein feuchtes Tuch über Lilous Gesicht, und sie fröstelte. Als Bonaventure sie bemerkte, legte er das Gerät weg und kam ihnen entgegen. Hinter ihm packte ein Mann seine Fotoausrüstung zusammen, und erst auf den zweiten Blick erkannte Lilou Guillaume, den Kriminaltechniker mit der lustigen Brille. Er hob die Hand, und sie lächelte ihm zu.

Mit einem schnalzenden Geräusch zog sich Bonaventure die Handschuhe von den Fingern, wusch sich die Hände an einem Waschbecken an der Wand und trocknete sie ab. »Sie kommen genau richtig«, dröhnte er. »Ich bin soeben fertig geworden.« Er streckte Demoireau die Hand hin und schüttelte sie kräftig, während er Lilou beiläufig zunickte.

»Ihre Sekretärin sagte mir am Telefon, dass Sie noch in der Sektion sind, deshalb dachte ich, ich komme direkt her.«

»Hier ist er«, sagte der Mediziner und wies auf den Tisch. Unter einem weißen Tuch zeichneten sich die Umrisse eines Körpers ab. Bonaventure schlug den Stoff zurück und entblößte das blasse Gesicht von Frédéric Benoit.

Es kostete Lilou Überwindung, den Blick nicht abzuwenden. Sie hatte während ihrer Ausbildung natürlich schon einige Leichen gesehen und den Forensik-Unterricht immer als höchst spannend empfunden. Aber Monsieur Benoit so auf dem Untersuchungstisch liegen zu sehen, war noch einmal etwas anderes. Sie zwang sich, näher heranzutreten, und musterte sein faltiges Gesicht. Die bläulichen Lider waren geschlossen, in seinem Mund fehlten die Zähne, die Lippen waren eingefallen, und das emporragende Kinn erinnerte an einen Schiffsbug. Zwischen den Schlüsselbeinen, die wie magere Haken durch die dünne Haut stachen, war ein grob vernähter Schnitt zu sehen, der unter dem Tuch verschwand.

»Was haben Sie gefunden?«, fragte Demoireau.

»Entgegen meiner ursprünglichen Vermutung war es doch kein Herzinfarkt«, antwortete der Arzt. »Der Mann ist mit großer Wahrscheinlichkeit gewaltsam zu Tode gekommen.«

»Sie meinen, er wurde ermordet?« Lilou sah ihn bestürzt an.

»Er wurde erstickt«, erklärte Bonaventure. Er nahm eine langstielige Pinzette zur Hand und zog damit die Oberlippe des Toten nach oben. »Sehen Sie die kleinen roten Flecken hier? Das sind Einblutungen, typisch für Tod durch Ersticken.«

Lilou musterte den Hals der Leiche, aber der wies keine Würgemale auf.

»Wie?«, fragte Demoireau.

»Wahrscheinlich mit einem Kissen.« Bonaventure wandte sich ab und ging zu einem langen Arbeitstisch an der Fensterfront. Er deutete auf ein Mikroskop, dann trat er einen Schritt beiseite. »Sehen Sie selbst.«

Demoireau warf nur einen kurzen Blick durch das Okular und richtete sich gleich wieder auf. Er sagte nichts, sondern gab Lilou ein Zeichen, ebenfalls hindurchzusehen. Sie schlüpfte auf den Stuhl und stellte auf den Objektträger scharf, der unter der Linse eingespannt war.

»Das sieht aus wie Textilfasern«, stellte sie fest.

»Sie hat recht«, brummte Bonaventure, und Demoireau nickte anerkennend. »Das ist ein Abstrich aus der Luftröhre des Toten. Bringen Sie mir die Kissen aus seiner Wohnung, dann kann ich das Tatwerkzeug zweifelsfrei feststellen.«

Er ging wieder zurück zum Untersuchungstisch. »Sehen Sie hier?« Er deutete mit der Pinzette, die er noch immer in der Hand hielt, auf die Nase und die Oberlippe des Toten. »Wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man Spuren eines Hämatoms. Ebenfalls typisch. Sie sind so schwach ausgeprägt, dass man sie leicht übersehen kann.«

»Hm.« Demoireau runzelte die Stirn. »Hat er sich denn nicht gewehrt?«, fragte er.

»Ich habe keine Spuren gefunden, die darauf hindeuten«, erwiderte der Mediziner.

»Er saß doch im Rollstuhl«, gab Lilou zu bedenken. »Wenn der Angreifer ihn von hinten überraschte, hatte Monsieur Benoit keine Chance.«

Demoireau nickte. »Gut möglich.«

»Aber warum?«, fragte Lilou. »Ich meine, wer bringt einen alten Mann im Rollstuhl um?«

Der Commissaire sah sie ernst an. »Das, Mademoiselle Braque, werden wir hoffentlich herausfinden.« Er wandte sich wieder Bonaventure zu. »Können Sie uns etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«

»Schwierig, schwierig«, brummte der Arzt.

»Bei so einem frischen Leichenfund sollte man den Todeszeitpunkt eigentlich auf eine Stunde genau eingrenzen können«, meinte Demoireau.

Bonaventure schnaubte abfällig. »Normalerweise. Natürlich. Aber die Hitze macht alles kaputt.«

»Sie wollen sich nicht festlegen«, vermutete Lilou.

Der dicke Arzt warf ihr einen verärgerten Blick zu. »Von nicht wollen kann gar keine Rede sein«, polterte er. »Ich kann nicht!«

»Aber irgendetwas werden Sie doch sagen können«, beharrte Demoireau.

»Mindestens sieben, höchstens zwölf Stunden vor meiner ersten Untersuchung. Das werde ich in meinen Bericht schreiben.«

»Und was glauben Sie?« Demoireau ließ nicht locker.

Bonaventure gab ein grollendes Geräusch von sich. »Wahrscheinlich zwischen 9.00 und 12.00 Uhr. Das ist mein letztes Wort. Den Bericht haben Sie heute Abend auf dem Schreibtisch.«

Mit diesen Worten drehte sich der Mediziner um und verschwand durch eine Tür am Ende des Raums. Lilou und der Commissaire sahen sich überrascht an.

»Das ist unmöglich«, sagte Lilou. »Er kann erst nach 13.00 Uhr getötet worden sein.«

Demoireau schwieg einen Moment, Lilou konnte fast sehen, wie es hinter seiner breiten Stirn arbeitete. »Wir müssen nochmals mit der Nachbarin sprechen, vielleicht hat sie sich ja geirrt, was die Uhrzeit betrifft, zu der sie das Haus verließ.«

Der Kriminaltechniker, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, lachte trocken auf. »Oder Monsieur le Docteur täuscht sich.«

Der Commissaire sah ihn überrascht an. »Wie meinen Sie das?«

»Sie hätten ihn fluchen hören sollen, während er den alten Mann untersucht hat. Offenbar passte da gar nichts zusammen. Mich wundert, dass er Ihnen überhaupt etwas gesagt hat.«

»Wir brauchen die Aussage des Mannes vom Sozialdienst«, sagte Demoireau und wandte sich zum Gehen. »Dann wissen wir hoffentlich mehr.«

Der Kriminaltechniker folgte ihnen nach draußen. Er ging ein wenig schief; der Koffer, den er schleppte, schien ziemlich schwer zu sein.

»Du bist die künftige Commissaire, stimmt’s?«, fragte er Lilou auf dem Weg zum Parkplatz. Er keuchte ein wenig, und sie verlangsamte ihren Schritt, bis sie neben ihm ging.

»Ja, das ist mein letztes Praktikum«, antwortete sie. »Ich heiße Lilou«, fügte sie hinzu.

»Ich weiß«, sagte der junge Mann. »Lilou Braque, Élève Commissaire.«

Lilou grinste schief. »Und du bist Guillaume?«

»Guillaume Mistral, technicien.« Er stellte den Koffer ab und hielt ihr die Hand hin. Lilou ergriff sie und schüttelte sie. Er hielt sie einen Augenblick fest. »Vielleicht können wir mal einen Kaffee zusammen trinken?«

Lilou befreite ihre Hand. »Gern«, sagte sie leichthin und folgte Demoireau, der bereits an seinem Peugeot wartete. »Irgendwann mal.«

»Salut, Lilou!«, rief Guillaume Mistral ihr nach.

 

»Was halten Sie davon?«, fragte Demoireau, während er den Wagen zurück zum Stadtzentrum steuerte.

Lilou hob die Schultern. »Ehrlich gesagt, habe ich nicht mit einem gewaltsamen Tod gerechnet«, gestand sie. »Ich hätte so etwas wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall aufgrund der Aufregung erwartet.«

»Wir haben es jetzt mit Raubmord zu tun«, stellte Demoireau fest.

»Ich bin nicht sicher, ob das wirklich ein normaler Einbruch war«, sagte Lilou.

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe den Eindruck, dass die Einbrecher etwas ganz Bestimmtes gesucht haben. Und so wie die Wohnung verwüstet wurde, glaube ich nicht, dass sie es gefunden haben.«

»Hm.« Demoireau schwieg. Erst nach einigen Minuten antwortete er. »Sie könnten recht haben, die Spurenlage lässt sich auch so interpretieren. Aber wir dürfen die anderen Hinweise deshalb nicht aus den Augen verlieren.«

»Sie denken an die marokkanische Bande?«

»Ja, unter anderem.« Er nickte. »Die Ermittlungen müssen weiterhin in alle Richtungen laufen.«

Lilou sah ihn fragend an. »Wie meinen Sie das?«

»Die übliche Routine: Leute befragen, Untersuchungsergebnisse auswerten, Hintergrundinformationen über das Opfer sammeln. Irgendetwas wird uns am Ende zum Ziel führen.«

Sie schnaubte durch die Nase. Natürlich wusste sie in der Theorie, wie Polizeiarbeit ablaufen sollte. Systematisch, überaus gründlich und vor allem langsam. Aber sie war überzeugt davon, dass das hier Zeitverschwendung war. Denn wenn sie herausfanden, was die Einbrecher gesucht hatten, würde sie das direkt zu Monsieur Benoits Mörder führen.

»Ich weiß, dass sich das langweilig anhört.« Demoireau hatte an einer Ampel angehalten und sah sie ernst an. »Aber es bringt nichts, so eine Sache mit einer vorgefassten Meinung anzugehen. Erst wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, kann man beginnen, das Puzzle zusammenzusetzen. Vorher ist alles nur Spekulation.«

»Aber man wird sich wohl Gedanken machen dürfen«, murmelte Lilou mehr zu sich selbst.

Doch der Commissaire hatte sie gehört. »Das dürfen Sie. Aber nur, wenn Sie dabei nicht alles andere aus den Augen verlieren.«

 

Zu ihrer Überraschung fuhr Demoireau nicht zur Polizeiwache zurück, sondern bog an der Porte d’Orange in die Gasse ein, die zu Monsieur Benoits Haus führte.

»Wir holen die Kissen aus der Wohnung des Ermordeten«, erklärte Demoireau auf ihren fragenden Blick.

Lilou hatte nichts dagegen, ganz im Gegenteil. Wenn sich der Commissaire lieber persönlich um die Ermittlungen kümmerte und den Verwaltungskram an seinen Stellvertreter Pouffin abgab, war sie die Letzte, die sich daran störte.

Direkt vor den zugeklebten Scheiben des Ladenlokals stellte Demoireau das Auto ab. Er öffnete den Kofferraum, nahm einen großen schwarzen Plastiksack heraus und reichte Lilou Monsieur Benoits Schlüsselbund. Während sie den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte sie hinter sich eine Stimme.

»Weiß man schon, wie es hier weitergeht?«

Sie fuhr herum. Ein kräftig gebauter Mann in einem ärmellosen Shirt ragte wie ein Berg hinter ihr auf. Das, was ihm an Haaren auf der spiegelnden Glatze fehlte, bedeckte als Bart seine untere Gesichtshälfte in dichten schwarzen Zotteln. Er hatte getunnelte Löcher in den Ohren, und seine muskulösen Schultern und Arme waren über und über mit Tattoos bedeckt. Lilou erkannte ihn, es war der Mann von gegenüber, den sie manchmal auf dem Balkon sah.

»Warum wollen Sie das wissen?« Demoireau musterte ihn misstrauisch.

»Ich interessiere mich für den Laden hier«, antwortete der Bärtige und deutete auf die schmutzige Glastür. Er hatte eine unerwartet leise Stimme.

»Darf ich fragen, wer Sie sind?« Der Commissaire ließ sich von der Statur des Mannes nicht beeindrucken.

»Moment.« Der Mann angelte ein schwarzes Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Jeans und klappte es auf. »Mein Name ist Mick Pendragon, ich bin Tätowierer.«

Er reichte Demoireau eine Visitenkarte. Lilou sah dem Commissaire über die Schulter. Die Vorderseite der Karte war blutrot und zeigte ein martialisch aussehendes Tribal-Motiv. Die Rückseite war neutral gehalten, »Mick Pendragon, artiste tatoueur« stand darauf. Die Adresse war in Avignon, die Telefonnummer eine Handynummer.

»Ich arbeite da«, erklärte Pendragon und deutete auf die Visitenkarte. »Aber ich will mein eigenes Studio eröffnen. In Carpentras was zu finden, ist nicht so einfach. Deshalb habe ich den alten Mann gefragt, ob er mir die Räume vermietet.«

»Und?« Lilou sah den Bärtigen neugierig an.

»Er hat mich hochkant rausgeworfen.« Pendragon verzog das Gesicht und hob die breiten Schultern.

»Hatten Sie Streit mit ihm?«, fragte Demoireau.

»Mais non, keinen Streit«, antwortete der Tätowierer und richtete sich auf. »Monsieur Benoit fand die Idee wohl nicht so gut. Er hat sich aufgeregt, und er wurde ziemlich laut.« Pendragon rollte die Rs ein wenig, aber Lilou konnte seinen Akzent nicht zuordnen.

»Wann war das?«, wollte sie wissen.

»Letzte Woche. Ich glaube, am Freitag.«

»Danach haben Sie nicht mehr mit ihm gesprochen?«

»Nein, warum sollte ich?« Pendragon schüttelte den Kopf. »Er wollte mich nicht. Das war zwar schade, aber ich wäre mit ihm nicht zusammengekommen.«

»Nun gut.« Demoireau deutete auf Lilou. »Geben Sie meiner Kollegin Ihre Adresse, falls wir noch Fragen haben.«

»Er wohnt hier gegenüber«, sagte Lilou und deutete auf das Haus auf der anderen Seite des Platzes.

»Schreiben Sie sie trotzdem auf.«

 

Sie hatten Mick Pendragon nicht gesagt, dass Nicolas Dompierre nun für das Haus verantwortlich war, fiel Lilou ein. Sie zögerte einen Moment, doch dann zuckte sie mit den Schultern und eilte hinter Demoireau die Treppe hoch. Wenn er sich wirklich für das leer stehende Lokal interessierte, würde er das auch ohne ihre Hilfe herausfinden.

Der Teller mit Monsieur Benoits Abendessen stand immer noch auf dem Tischchen neben der Wohnungstür. Die Piperade war eingetrocknet, und das appetitliche Rot-Gelb hatte sich in ein schlammiges Braun verwandelt. Der Commissaire brach das Polizeisiegel mit einem Fingernagel und schloss auf. Ein Schwall miefig warmer Luft kam ihnen durch die Tür entgegen. Noch mehr als gestern roch es nach der ungelüfteten Wohnung eines alten Mannes, nach verdorbenem Essen und altem Schweiß.

Demoireau stieg durch die Absperrbänder und ging direkt ins Schlafzimmer. Lilou holte tief Luft und folgte ihm. Er reichte ihr die Plastiktüte, streifte sich Handschuhe über und begann, die Kissen einzusammeln. Es waren nur drei: ein großes Federkissen, das aufrecht am Kopfende des Bettes stand, ein kleineres weiches Kissen, das davor auf der Matratze lag, und ein gelbes Zierkissen mit dicken Fransen auf der Kommode daneben. Mit violettem Garn war ein Sinnspruch aufgestickt: »Semper fidelis«.

Lilou schluckte. Immer treu. Ihre Abschlussklasse an der Polizeischule hatte genau diese Worte als Ehrennamen für ihren Jahrgang gewählt. Toujours fidèle. Sie schloss die Augen und spürte Tränen hinter ihren Lidern brennen. Rasch wandte sie sich ab, aber der Commissaire hatte es bemerkt.

»Was ist los?«, fragte er.

»Nichts«, flüsterte sie heiser. Sie blinzelte die Tränen weg und schüttelte den Plastiksack, bis er sich öffnete. Sie hoffte, dass das laute Knistern das raue Schluchzen übertönte, das sie nicht unterdrücken konnte, aber Demoireau hatte scharfe Ohren.

»Ich vergesse immer, dass Sie ihn ja gekannt haben«, sagte er. »Es tut mir leid.«

Lilou schüttelte den Kopf. Sie wollte kein Mitgefühl, sie wollte einfach ihren Job erledigen. »Es geht schon«, krächzte sie.

Mit dem Handrücken wischte sie sich hastig die Tränen von den Wangen. Sie spannte den Sack auf und hielt ihn Demoireau hin. Er griff nach dem großen Kissen, drückte es vorsichtig zusammen und ließ es in die Tüte gleiten, die es raschelnd umschloss. Das kleinere Kissen folgte, und zuletzt legte er das Zierkissen obenauf. Lilou zog das Zugband zusammen, verknotete es und trug den prall gefüllten Sack nach draußen, ohne sich noch einmal umzusehen.

Demoireau folgte ihr und zog die Tür hinter sich zu. Er wartete, bis sie abgeschlossen hatte, dann brachte er sorgfältig ein neues Polizeisiegel an.

»Sie können gleich hierbleiben«, sagte er und nahm ihr den Sack aus der Hand.

Lilou schüttelte den Kopf. »Es geht schon wieder. Ich komme mit zurück.«

»Nein.« Demoireau deutete auf seine Uhr. »Es ist 4.00 Uhr. In einer Stunde ist die Pressekonferenz, da kann ich Sie ohnehin nicht gebrauchen.«

»Aber …«

»Das ist ein Befehl.« Demoireau klang jetzt streng. »Sie melden sich morgen früh wieder zum Dienst. Dann liegen die Ergebnisse der Befragungen vor, und wir können weitermachen.«

Er wandte sich ab und stapfte die Treppe nach unten. Lilou starrte ihm hinterher, und neue Tränen füllten ihre Augen. Auch wenn sie den Toten gekannt hatte, das hätte ihr nicht passieren dürfen. Natürlich konnte er sie bei der Pressekonferenz nicht gebrauchen, wenn er befürchten musste, dass sie vor den Journalisten die Kontrolle verlor und in Tränen ausbrach.

»Scheiße.« Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf. Sie wischte sich die Tränen ab, nahm den Teller und stieg die Treppe zu ihrer Wohnung hoch.

 

Oben angekommen, kippte Lilou zuerst die drei Brotschnitten in den Müll, dann riss sie das Fenster auf. Die blaue Uniformbluse der Polizeischüler schien plötzlich an ihrem Körper zu kleben. Rasch streifte sie sie ab und schälte sich aus der dunklen Hose. Sie ließ alles zusammen in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden liegen, griff nach ihrem Handtuch und ging unter die Dusche.

Sie blieb unter dem Strahl der Brause stehen, bis das Wasser kühl wurde. Erst als die kalten Tropfen schmerzhaft über ihre Gänsehaut perlten, stellte sie den Hahn ab. Fröstelnd wickelte sie sich in ein Badetuch und ging auf bloßen Füßen zurück zu ihrem Zimmer. Wie immer, wenn sie die vorsintflutliche Dusche benutzte, war sie froh, sich das Dachgeschoss mit keinem Mitbewohner teilen zu müssen. Ihre kleine Wohnung bestand tatsächlich nur aus dem einen Zimmer, in dem die altmodische Küche fast die Hälfte des Raumes beanspruchte. Das spartanische Badezimmer mit Dusche, Waschbecken und WC befand sich auf dem Flur zwischen den beiden Appartements, und gäbe es einen Mieter für die zweite Wohnung, dann hätte sie es sich mit ihm teilen müssen.

Zurück in ihrem Zimmer, inspizierte sie als Erstes den Kühlschrank. Von dem gestern gekauften Gemüse war noch die Zucchini da, sie hatte auch noch Zwiebeln und eine Tomate, aber schon bei dem Gedanken daran, mit dem Herd noch mehr Hitze in ihre Dachwohnung zu bringen, brach ihr erneut der Schweiß aus.

Sie schaltete den Wasserkocher ein, löffelte gemahlenen Kaffee in die Cafetière à piston. Als das Wasser kochte, goss sie es in die Kanne, rührte um, drückte den Stempel nach unten und genoss den Duft des frischen Kaffees, der in ihre Nase stieg.

Noch immer nur in das Handtuch gewickelt, setzte sie sich mit der Kaffeetasse in der Hand an den kleinen Tisch. Sie fuhr ihren Laptop hoch und ging rasch ihre Mails durch. Werbung, Werbung, ein paar Benachrichtigungen von Feeds, die sie vor Ewigkeiten abonniert hatte, eine E-Mail ihrer Mutter, die wissen wollte, wie es ihr ging – gut, wie sonst? –, aber wieder nichts von Pasquale. Im Stillen hatte sie gehofft, er würde sich doch noch einmal melden, aber mit jedem Tag, der verging, glaubte sie weniger daran. Ob sie ihm schreiben sollte? Nein, dazu war sie zu stolz. Heftiger als nötig schlug sie auf die Maustaste und klickte das Fenster des Mailprogramms weg.

Sie stand auf und ging zum Fenster, dabei rutschte ihr das Badetuch von den Schultern und fiel zu Boden. Einen Moment lang stand sie nackt vor dem Fenster und genoss die Brise, die hereinwehte und ihre feuchte Haut kühlte. Dann sah sie, dass der tätowierte Mann auf dem Balkon gegenüber stand und sie beobachtete. Er hob die Hand und nickte ihr zu. Sie wurde rot und wich in die Wohnung zurück, holte ein T-Shirt aus dem Schrank, fand eine kurze Hose und zog sich an.

Als ihr Blick auf das Journal d’Armand fiel, das auf dem Wohnzimmertisch lag, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Was, wenn die Einbrecher das Kochbuch gesucht hatten? War am Ende dieses unscheinbare Buch der Grund für die wilde Durchsuchung der Wohnung? Aber so ein handgeschriebenes Kochbuch besaß doch höchstens ideellen Wert für Benoits Familie, das ergab keinen Sinn. Sie runzelte die Stirn.

Journal d’Armand, bei diesem Namen rührte sich in ihrem Gedächtnis eine vage Erinnerung. Versuchsweise gab sie Maître Armand Benoit in die Googlesuche ein und riss überrascht die Augen auf. Es gab dazu tatsächlich einen Eintrag bei Wikipedia:

 

Armand Benoit (* 18. März 1927 in Carpentras, † 13. September 1986 in Carroux) war ein französischer Koch.

Benoit wurde in der Vaucluse geboren. Seine Kochausbildung erhielt er von 1945 bis 1949 im berühmten Restaurant La Maison bei Jean Picouillard in Avignon. 1954 wurde er Küchenchef, und im darauffolgenden Jahr erhielt er den Titel des Meilleur Ouvrier de France, des Besten Handwerkers Frankreichs. Ab 1971 arbeitete Benoit bei Claude Vasca in Clichy und wurde vom Guide Michelin als Wunderkind der Nouvelle Cuisine gefeiert.

1978 kaufte Benoit ein altes Weingut in Carroux und eröffnete gemeinsam mit seiner Ehefrau Brigitte das Restaurant Le Benoit. Bereits im Jahr darauf verlieh ihm der Guide Michelin zwei Sterne. Er war bekannt für seine ausgefallenen Kreationen und seine fanatische Liebe zum Detail.

Benoit starb im September 1986 im Alter von 59 Jahren bei einem Autounfall. Kurz vor seinem Tod hatte ihn der Gault-Millau zum Koch des Jahres gewählt, und der Guide Michelin verlieh dem Le Benoit den dritten Stern. Armand Benoit hinterließ eine Frau und eine kleine Tochter.

 

Lilou lehnte sich zurück, der alte Küchenstuhl ächzte protestierend. Maître Armand Benoit war also einer der Vorreiter der Nouvelle Cuisine gewesen. Einer ihrer Professoren an der Universität hatte ihn einmal erwähnt, aber sie erinnerte sich nicht mehr an den Zusammenhang. Er musste ein Verwandter von Frédéric Benoit gewesen sein, vielleicht ein Cousin, der das Familienrestaurant nach dem Tod der Mutter geleitet hatte. Ob der alte Mann wusste, was er da aus der Hand gegeben hatte? Die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Sternekochs, offenbar eines der Großen seiner Zunft, das war mehr als eine schöne Familienerinnerung. Nein, Kochen war gerade en vogue, und ein geschäftstüchtiger Verleger könnte mit dem Journal d’Armand eine Menge Geld machen. Lilou sah es schon vor sich: ein großformatiges Hardcover, reich bebildert, eine geschickte Mischung aus Kochschule und Kochbuch, mit Fotos von den Gerichten und Abbildungen der originalen Tagebuchseiten dazwischen. Ja, wenn man es richtig anstellte, ließe sich mit solch einem Buch richtig Geld verdienen. Doch wer konnte von dem »Erbe seiner Familie«, wie Benoit es genannt hatte, wissen? Laut Claire hatte er außer seiner Halbschwester und ihrem Sohn, seinem »kleinen Neffen«, keine Verwandten mehr.

Sie setzte sich wieder an den Laptop und las den Wikipedia-Eintrag nochmals. Anschließend googelte sie nach dem Namen des Kochs, doch viel mehr als die nackten Fakten war über ihn im Netz nicht zu finden. Eine Liste des Guide Michelin mit den bisher vergebenen Sternen. Eine Auflistung des Gault-Millau über alle jemals ausgezeichneten Köche. Eine Erwähnung auf der Homepage des La Maison in Avignon, das es noch immer zu geben schien. Ein eingescannter Zeitungsartikel über den Autounfall, der ihn das Leben gekostet hatte. Traurig, wenn das alles war, was von einem erfolgreichen Leben übrig blieb.

Aber zum Zeitpunkt von Armand Benoits Tod hatte es noch gar kein Internet gegeben, wurde ihr bewusst. Wenn sie mehr über ihn und sein Restaurant herausfinden wollte, musste sie analog suchen.

Lilou sah auf die Uhr, es war gleich halb sechs. Die Bibliotheken schlossen um sechs, das schaffte sie heute nicht mehr. Sie rieb sich über die Stirn. In der Liste des Guide Michelin war die Adresse des Le Benoit angegeben. Das Restaurant gab es zwar nicht mehr, aber Lilou kannte Carroux und hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo das war. Eine seltsame Unruhe hatte sie erfasst, sie spürte, dass sie eine wichtige Spur entdeckt hatte, und es hielt sie nicht länger in ihren vier Wänden.