Kapitel 4

Carroux war ein Dorf mit vielleicht tausend Einwohnern, etwa zwanzig Kilometer von Carpentras entfernt, malerisch gelegen am Fuß des Mont Ventoux. Lilou hatte ihren Renault vom Parkplatz der Polizeidienststelle geholt und quälte sich mit Hunderten anderer Autofahrer durch den Berufsverkehr aus der Stadt hinaus. An einem großen Kreisverkehr verteilte sich der Strom der Fahrzeuge, und sie bog erleichtert in eine weniger befahrene Überlandstraße ab.

Das hier war das schönere Ende von Carpentras. Die Häuser wurden kleiner und die Grundstücke größer, die ersten Zypressen tauchten am Straßenrand auf. Außerhalb der Stadt verlief die Straße in weiten Kurven zwischen sattgrünen Weingärten und silbrig gestreiften Lavendelfeldern. Links ragten die felsigen Zähne der Dentelles am Horizont empor, während die braungrünen Hänge des Mont Ventoux immer näher kamen.

Direkt hinter dem Ortseingang von Carroux wurde Lilou von der sanften Stimme der Navigationsapp ihres Handys nach rechts gelotst, es ging durch einen Torbogen auf einen großen Parkplatz. »Sie haben Ihr Ziel erreicht.« Sie parkte den Kangoo im langen Schatten einer Buchsbaumhecke, schob die Sonnenbrille hoch und stieg aus. Zikaden zirpten ihr Abendkonzert, es roch nach staubiger Erde und den Auspuffgasen eines Reisebusses, der mit laufendem Motor auf seine Fahrgäste wartete. Sie wusste selbst nicht, was sie erwartet hatte, aber sicher nicht das, was sich ihren Augen hier bot.

Der Parkplatz war groß und mit hellem Kies bestreut. Niedrige blühende Büsche grenzten die einzelnen Parkzonen voneinander ab, ein Schild verwies Busse in den hinteren Bereich. Langsam ging Lilou auf das Gebäude zu.

Von dem alten Weingut, das einst das Le Benoit beherbergt hatte, zeugte nur noch ein lang gestreckter ockerfarbener Bau. Er trug ein hellrotes Ziegeldach, die Fenster im Obergeschoss waren mit leuchtend weißem Stein umrahmt und von quietschblau gestrichenen Läden eingefasst. Die ganze obere Hälfte des Gebäudes verkörperte exakt das Klischee original provenzalischer Architektur.

Im Erdgeschoss war die Fassade großflächig durchbrochen, die anmutigen Bögen waren dunkel verglast, und in jedem Fenster verkündete ein weinroter Schriftzug den Namen der Anlage: Domaine du Pétrarque. Auch die beiden kalkweißen Säulen am Eingang verdankte das Gebäude wohl der Erinnerung an Francesco Petrarca, den italienischen Dichter, der 1336 seine Besteigung des Mont Ventoux literarisch verewigt hatte. Das nachträglich aufgesetzte Vordach, das auf den Säulen ruhte, verlieh dem ganzen Ensemble einen Touch von ins zwanzigste Jahrhundert katapultiertem Forum Romanum.

Lilou schauderte. Um das »Weingut« als Touristenfalle zu erkennen, musste man nicht hier groß geworden sein. Sie holte tief Luft, straffte die Schultern und trat ein.

Drinnen war es dämmrig und kühl. Die einzige Beleuchtung kam von strategisch platzierten Spots, die kunstvolle Arrangements schlanker Weinflaschen inmitten von Lavendelsträußen und Schalen mit frischen Feigen beleuchteten.

Das gesamte Gebäude war entkernt worden, um einen einzigen riesigen Raum zu schaffen. Raue Holzbalken an der Decke, Säulen aus naturbelassenen Ziegeln und einige aufpolierte Weinfässer in Nischen entlang der gegenüberliegenden Wand versuchten vergeblich, die Atmosphäre eines Weinkellers zu imitieren. Die wenigen Besucher drängten sich um hochkant aufgestellte Weinfässer, die offenbar als Tische dienten, langstielige Gläser funkelten im Schein der LED-Beleuchtung. Im Hintergrund lief leise Musik, etwas Klassisches mit Streichern.

Einen Moment lang bereute Lilou, dass sie nicht ihre Uniform trug. Sie hatte noch überlegt, sie wieder anzuziehen, um ihrem Besuch einen offiziellen Charakter zu verleihen, doch den Gedanken hatte sie schnell verworfen. Sie war gar nicht befugt, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. In T-Shirt und leichter Sommerhose mit ins Haar geschobener Sonnenbrille sah sie wie eine Touristin aus, das war auf alle Fälle unverfänglicher.

Eigentlich hatte sie sich nur umsehen wollen, hatte auf eine Informationstafel gehofft oder auf eine Broschüre, aber ein magerer junger Mann in einem cremefarbenen Anzug hatte sie entdeckt und stürzte auf sie zu. Die Farbe seiner Krawatte war im gleichen Himmelblau gehalten wie die Fensterläden draußen, ein dunkelrotes Einstecktuch spiegelte die Farbe des Schriftzugs an den Fensterscheiben wider.

Er strahlte sie erfreut an. »Guten Tag, Madame, was kann ich für Sie tun?«

Seine Begeisterung war ansteckend, unwillkürlich lächelte Lilou zurück. Vielleicht wusste der Angestellte ja etwas über das Le Benoit, ein Versuch konnte nicht schaden. Sie beschloss, das Spiel mitzuspielen.

»Ich würde gern Ihren Wein probieren«, sagte sie.

»Wunderbar!« Der junge Mann zeigte ein strahlendes Lächeln. »Kommen Sie bitte mit, ich habe genau das Richtige für Sie.«

Er eilte voraus in den hinteren Bereich des großen Raums und komplimentierte Lilou zu einem leeren Weinfasstisch. Plötzlich verschwand er wie vom Erdboden verschluckt, und Lilou bemerkte erst jetzt den aufgespannten Sichtschutz, der einen Teil der Wand verbarg. Sehr schnell war er wieder da und stellte zwei Flaschen Wein vor ihr auf den Tisch. Mit geübten Griffen entkorkte er die Flaschen, zauberte zwei Gläser aus einem Fach an der Rückseite des Weinfasses hervor und goss den ersten Wein ein.

»Das ist ein hervorragender Rosé aus der Gegend, fruchtig und frisch, mit einer zarten Blume von Johannisbeeren und Kiwi«, dozierte er. Er tauchte seine Nase in das Glas, dann hob er es zum Licht. »Sehen Sie die wunderbare Farbe? Riechen Sie den feinen Duft?«

Lilou tat ihm den Gefallen und schnupperte an dem Wein. Sie hatte zwar im Studium gelernt, wie Wein hergestellt wurde, und kannte all die Zusätze auswendig, die man Wein zufügen durfte, um eine bessere Qualität vorzugaukeln, aber was die Beurteilung eines Weins betraf, war sie kein Profi. Für sie roch dieser Rosé nicht viel anders als der Grenache aus dem Supermarkt, den sie manchmal für vier Euro die Flasche kaufte. Aber sie tat dem Mann den Gefallen, machte ein wichtiges Gesicht und nickte ernsthaft.

Er nippte an seinem Glas. »Und nun probieren Sie!«, forderte er sie auf.

Sie nahm einen Schluck und behielt ihn im Mund, rollte ihn mit der Zunge hin und her und spitzte die Lippen, wie sie es die Profis bei Weinverkostungen hatte tun sehen. Der Wein prickelte angenehm auf der Zunge und hatte einen frischen Geschmack. Sie schluckte und nickte anerkennend, als sich das Aroma beim Abgang nochmals entfaltete. »Der ist nicht schlecht«, sagte sie.

»Ich wusste, Sie würden ihn mögen!« Der Mann strahlte sie an. »Nun den zweiten.«

Er holte neue Gläser und füllte in jedes zwei Fingerbreit Wein. Diesmal war es ein blasser Weißwein, in dem kleine Gasperlen aufstiegen.

»Eine Assemblage aus den erlesensten Anbaugebieten Südfrankreichs«, dozierte der Mann. »Bitte bewundern Sie die Farbe, die Klarheit des Weins!«

Lilou hielt ihr Glas ins Licht, der LED-Spot warf bizarre Spektralfarben auf ihre Hand. Sie führte das Glas zum Mund und kostete. Muskatblüten und ein Hauch von Zitrone wetteiferten um ihre Geschmacksknospen. Der junge Mann beugte sich so gespannt vor, als ob sein Gehalt von ihrem Urteil abhinge.

»Ausgezeichnet«, lobte Lilou und meinte es auch so. Der Rosé war nichts Besonderes gewesen, aber der Weißwein war hervorragend. »Bauen Sie die Weine eigentlich alle selbst an?«

Das professionelle Lächeln des Mannes verlor für einen Augenblick sein Strahlen. »Nein, wir kaufen auch zu«, sagte er. »Aber wir wählen unsere Händler sehr sorgfältig aus, denn nur so können wir unseren Kunden die beste Qualität bieten.«

Lilou nahm die Flasche mit dem Rosé in die Hand. Die weißen Säulen vom Eingang fanden sich auch auf dem edel gestalteten Etikett unter dem Schriftzug Domaine du Pétrarque, aber sonst nichts. Keine Rebsorte, keine Herkunftsbezeichnung, keine Jahreszahl. Das alles stand klein gedruckt auf der Rückseite. Es war ein Grenache aus dem Languedoc, genau wie ihr Supermarktwein. Kein Wunder, dass ihr Geruch und Geschmack bekannt vorgekommen waren.

Sie nahm noch einen Schluck von dem Weißwein, der wirklich gut schmeckte. Eine Assemblage war nichts anderes als ein Verschnitt verschiedener Weine, aber das musste nichts Schlechtes sein.

»Gibt es dieses Weingut eigentlich schon lange?«, fragte sie beiläufig.

Der junge Mann holte tief Luft. »Das Gebäude stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert«, begann er. »Die erste urkundliche Erwähnung unseres Weins stammt aus dem Jahr 1895, damals hieß die Domaine allerdings noch Lassalle nach dem damaligen Patron. Nach dem Krieg wechselte das Gut einige Male den Besitzer, bis es 1990 von der Familie Lendreville gekauft wurde. Nun dient es wieder seinem ursprünglichen Zweck, dem Weinbau.« Er sah aus, als wäre diese Tatsache ganz allein sein Verdienst.

»Ich hörte, hier gab es auch einmal ein Restaurant?«

»Ein Restaurant?« Der junge Mann sah sie irritiert an. »Nicht dass ich wüsste.«

»Es ist schon dreißig Jahre her. Damals soll dieses Weingut einem berühmten Sternekoch gehört haben.«

»Einem Sternekoch?« Der junge Mann verzog ungläubig das Gesicht. »Soweit ich weiß, war hier nur ein heruntergewirtschafteter Gasthof, der kurz vor der Pleite stand. Monsieur Lendreville kaufte das Gut und führte es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zu.« Er hob sein Glas und prostete ihr zu. »Wie viele Flaschen darf ich für Sie einpacken lassen?«

»Äh.« Lilou biss sich auf die Lippen. »Eine vielleicht?« Das Gesicht des Mannes erstarrte zu Eis. »Eine von jeder Sorte? Erst einmal zum Probieren?«

Er nickte knapp und stellte sein leeres Glas mit übertriebener Vorsicht auf den Tisch. Dann nahm er ihr das ihre ab und verschwand damit nach hinten, als ob er Sorge hätte, sie wolle sich eine weitere Probe ergaunern.

 

Bepackt mit einer edel anmutenden Papiertasche, in der sich zwei in Karton verpackte Weinflaschen befanden, und um ärgerliche 27 Euro ärmer, kehrte Lilou zu ihrem Auto zurück. Der blaue Kangoo stand als einziger Wagen noch auf dem Parkplatz. Alle anderen waren schon gefahren, die Domaine du Pétrarque würde gleich schließen. Sie verstaute die Flaschen im Kofferraum und warf noch einen Blick zurück. Sie versuchte, sich das alte Gebäude ohne das Säulenvordach vorzustellen und ohne das viele Glas, in dezenteren Farben und ohne den geleckten Parkplatz davor. Es gelang ihr nicht.

Aber vielleicht war es schon Armand Benoit gewesen, der das alte Weingut auf diese Weise modernisiert hatte? Von einem Sternerestaurant erwarteten die Gäste schließlich ein gehobenes Ambiente, und bis auf den absurden Säulenvorbau und die kitschigen Farben war der Umbau ja recht geschmackvoll gelungen. Neben dem lang gestreckten Bau, der wohl früher die Maischebottiche und die Weinpresse beherbergt hatte, erkannte Lilou ein Gebäude, das einmal ein Wohnhaus gewesen sein mochte, und dahinter mehrere Lagerhallen. Die Anlage war größer, als sie auf den ersten Blick schien.

Offenbar hatte Benoits Frau das Restaurant nach dem Tod ihres Mannes nicht lange halten können. Natürlich, ein Sternerestaurant ohne Sternekoch war über kurz oder lang dem Untergang geweiht. Wie es ihr wohl nach dem Verkauf ergangen war?

Lilou wandte sich ab. Die Sonne stand inzwischen so tief, dass der Parkplatz komplett im Schatten lag. Selbst die Zikaden waren verstummt. Dafür knurrte ihr Magen umso lauter – sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Kurzerhand beschloss sie, ins Dorfzentrum von Carroux zu fahren. Sie erinnerte sich an mehrere Bistros und ein Hotel am Platz vor der Kirche. Irgendwo würde sie etwas zu essen bekommen.

Unter den Bäumen einer langen Platanenallee, die nach Carroux hineinführte, dämmerte es bereits. Lilou stellte den Kangoo auf dem Parkplatz hinter der Kirche ab und ging die letzten Meter zu Fuß. Der Hauptplatz lag wie ausgestorben vor ihr. Carroux war ein kleiner Ort, der vom Provence-Tourismus noch weitgehend verschont geblieben war, aber ein bisschen mehr Leben hatte Lilou hier trotzdem erwartet. Doch die Hauptsaison hatte noch gar nicht begonnen, und an einem Mittwochabend im Juni hatten die Bewohner offenbar Besseres zu tun, als über die einzige Straße des Dorfs zu flanieren.

Von den drei Bistros entlang der Hauptstraße hatten auch nur zwei geöffnet. Auf dem Bürgersteig vor dem ersten standen mehrere kleine Tische; sie waren unbesetzt bis auf einen, an dem zwei alte Männer ihren Pastis schlürften. Mit ihren ledrigen Gesichtern und den Kappen auf dem Kopf hätten sie Brüder sein können.

Lilou wollte nicht an der Hauptstraße sitzen und ging weiter zum nächsten Lokal, wo ein Schild auf eine Terrasse hinwies. Sie durchquerte den dunklen Gastraum und nahm draußen auf einem der Klappstühle Platz. Über ihr hingen bunte Lampions, eine Kerze flackerte in einem Glas auf dem Tisch.

Hinter der gemauerten Brüstung, an der Lilou saß, fiel das Dorf ab zu der fruchtbaren Flussniederung der Mède, und ihr Blick schweifte über die Ebene hinweg. Sie erkannte die charakteristischen Streifen der Lavendelfelder, von denen manche schon einen Hauch von Lila zeigten, das fleckige unruhige Grün der Weingärten, die silberbraunen Tupfen von Olivenbäumen und dazwischen die dunklen Silhouetten hoher spitzzipfeliger Zypressen, bis alles irgendwo am Horizont silbrig im Abendhimmel verschwamm.

Lilou seufzte beglückt. Solche Momente versöhnten sie mit der Tatsache, dass man sie für ihren letzten Ausbildungsabschnitt in diesen entlegenen Winkel der Republik geschickt hatte. Vielleicht hatte die Tatsache, dass sie eine Tante in der Vaucluse besaß, bei der Entscheidung eine Rolle gespielt, wer wusste das schon. Dabei wäre sie viel lieber nach Paris zurückgekehrt, in das kurzweilige Großstadtleben der Metropole an der Seine, in der sie aufgewachsen war. Doch die Entscheidungen der zentralen Direction der Police nationale waren unanfechtbar, und so war sie zähneknirschend mit ihren wenigen Habseligkeiten nach Carpentras umgezogen.

Zähneknirschend nicht deshalb, weil Carpentras so schlimm war, nein, in der quirligen Kleinstadt konnte man es gut aushalten. Aber die Versetzung hierher zeigte deutlich, wo ihre Ausbilder ihren künftigen Platz sahen: als Commissaire einer kleinen Dienststelle auf dem Land, auf einem reinen Verwaltungsposten, den sie so nie im Sinn gehabt hatte.

Das Auftauchen des Wirts unterbrach ihre trübsinnigen Gedanken. Sie war der einzige Gast, und er sah aus, als hätte er lieber zugesperrt, als sie jetzt noch zu bewirten. Aber immerhin erklärte er sich bereit, ihr noch einen Salade niçoise zu servieren, dazu ein Glas Rosé, der wahrscheinlich wirklich von hier kam und auch nicht schlechter schmecken würde als der überteuerte Wein der Domaine du Pétrarque.

 

Bis Lilou ihren Salat aufgegessen hatte, schien sich der Wirt auch mit ihrer Anwesenheit abgefunden zu haben. Er hatte sich ebenfalls auf die Terrasse gesetzt und rauchte eine Zigarette, deren blauer Rauch sich in den Abendhimmel kräuselte. Sie tunkte den letzten Rest der Salatsoße mit einem Stück Weißbrot auf, dann schob sie den Teller von sich und lehnte sich zurück. Der Wirt drückte die Zigarette an der Mauer aus und schnippte sie über die Brüstung, dann drehte er sich zu ihr um.

»Sind Sie zum ersten Mal in Carroux?«, fragte er und strich sich über den gelblich grauen Schnurrbart. Er war ein knorriger älterer Mann und sprach ein stark gefärbtes Französisch mit harten, kehligen Lauten.

Lilou schüttelte den Kopf. Aufgrund ihres Aufzugs hielt er sie wohl für eine Touristin. »Meine Tante wohnt in Mirocène«, sagte sie, als ob das irgendetwas erklärte. Aber für den Wirt schien sie damit als Einheimische durchzugehen, denn sein faltiges Gesicht verzog sich zu einem erfreuten Grinsen.

»Mirocène, soso.« Er zündete sich eine neue Zigarette an. »Und was verschlägt dich in unser Dorf?« Unvermittelt war er zum Du übergegangen. Für wie alt er sie wohl hielt?

»Ich wollte eigentlich im Le Benoit essen«, antwortete sie, einer spontanen Eingebung folgend.

»Ach?« Jetzt musterte er sie wirklich von oben bis unten.

»Warum nicht?«, gab Lilou zurück und sah ihn unschuldig an.

»Das Le Benoit war ein Dreisternerestaurant, wusstest du das nicht?« Er lachte dröhnend. »Die hätten dich da nicht einmal zur Tür hineingelassen.«

Lilou grinste. »Heute war das kein Problem.«

»Heute ist das auch kein Gourmet-Tempel mehr, sondern ein billiger Weinladen für Touristen.«

»Billig würde ich das nicht nennen.«

»Der Wein ist billig, die Preise nicht«, gab der Wirt ihr recht.

Lilou nickte.

»Woher kennt ein junges Ding wie du denn das Le Benoit?« Der Wirt zog heftig an seiner Zigarette, sodass dicke blaue Wolken aufstiegen.

»Ich habe im Internet davon gelesen«, antwortete Lilou prompt.

»Im Internet, soso.« Er sah sie unter buschigen Brauen hervor an. »Das Restaurant gibt es schon seit den Achtzigerjahren nicht mehr. Wusstest du das nicht?«

»Nein«, erwiderte Lilou. »Die Adresse steht auf der Webseite des Guide Michelin.«

»Offenbar weiß das Internet doch nicht alles.« Der Wirt inhalierte tief und blies einen Rauchring in die Luft. »Maître Benoit ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.« Sein Gesicht legte sich in Kummerfalten. »Seine Frau hat das Lokal noch einige Jahre weitergeführt, aber es war nicht mehr dasselbe. Am Ende musste sie verkaufen, und jetzt ist da dieses Möchtegern-Weingut drin.«

»Das ist aber schade.«

»Das kann man wohl sagen.« Er klopfte die Asche auf den Boden. »Seine Tochter hätte es erben sollen, die war ganz nach ihrem Vater geraten.«

»Seine Tochter?«

»Ja, die kleine Bérénice. Das war eine wilde Hummel, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ein kleiner Wirbelwind, und ständig in der Küche.«

Lilou sah ihn fragend an. »Sie kannten sie?«

»Natürlich!« Der Wirt nickte, und sein ausladender Schnurrbart wippte. »Ich war Demi-chef de Partie bei Maître Benoit«, erklärte er stolz. »Ich hätte Souschef werden können, wenn er nicht …« Er verstummte und zog wieder an seiner Zigarette.

»Das tut mir leid.«

»Mir auch.« Er zerdrückte die Zigarette regelrecht im Aschenbecher. »Nach dem Tod des Maître engagierte Madame Benoit einen neuen Chef de Cuisine, und der brachte seine eigenen Leute mit. Ich stand plötzlich auf der Straße und musste mich nach etwas Neuem umsehen.«

»Und da haben Sie dieses Bistro gekauft«, mutmaßte Lilou.

»Nicht sofort«, sagte er. »Erst habe ich eine Zeit lang in Carpentras gearbeitet. Aber meine Frau stammt von hier, und als das Bistro zum Verkauf stand, habe ich mich selbstständig gemacht.« Er klopfte eine neue Zigarette aus der Packung. »Adieu, Sterneküche, Bonjour, Carroux.«

Lilou hob die Hand und deutete auf die Aussicht, funkelnde Lichter im violetten Abendlicht. »Sie hätten es schlechter treffen können.«

Der Wirt lachte laut auf. »Oh ja, da hast du recht.« Er hielt sein Feuerzeug an die Zigarette, und der Schein der Flamme zeichnete flackernde Furchen in sein Gesicht.

»Was ist aus Bérénice geworden?«, fragte Lilou.

Der Wirt hob die Schultern. »Ihre Mutter ist nach dem Verkauf des Le Benoit weggezogen. Ich habe keine Ahnung, was aus der Kleinen geworden ist.«

Lilou rechnete kurz nach. Bérénice musste inzwischen Ende 30 sein. Wohin es sie wohl verschlagen hatte? Sie würde es herausfinden, denn die Tochter des Kochs hatte bestimmt das stärkste Interesse an dem Journal d’Armand.

Der Wirt ging nach drinnen, um die Rechnung zu holen. Lilou zahlte, dann bummelte sie zu ihrem Auto zurück. Eine angenehme Müdigkeit hatte sie erfasst. Die Straßenlaternen beschienen mottenumschwirrte Blumenampeln, die an den Masten hingen. Es herrschte kaum Verkehr, das ganze Dorf schien schon zu schlafen. Eine grau getigerte Katze lag zusammengerollt auf dem Dach ihres Kangoos; sie erwachte und rekelte sich demonstrativ, als Lilou näher kam. Beim Geräusch der Zentralverriegelung fuhr sie zusammen, sprang zu Boden und ergriff die Flucht.

Lilou sah ihr hinterher, bis sie in einer dunklen Gasse verschwand, dann stieg sie ins Auto und fuhr zurück nach Carpentras.

 

Auf dem Heimweg ließ sie sich das soeben Gehörte nochmals durch den Kopf gehen. Bérénice Benoit war in den Achtzigern geboren, also war sie wahrscheinlich eine Nichte von Frédéric Benoit. Offenbar waren Nicolas und seine Mutter doch nicht die einzigen Verwandten des alten Mannes. Aber wie war er an das Kochbuch gekommen? Warum hatte er es und nicht die Tochter des Kochs? Sie könnte natürlich Nicolas Dompierre danach fragen. Aber womöglich hatte Monsieur Benoits Bitte, mit seinem Neffen nicht über das Buch zu sprechen, eine tiefere Bedeutung, die sie erst ergründen musste? Wenn er wirklich wegen des Journal d’Armand hatte sterben müssen, durfte sie niemandem vertrauen.

An der Porte d’Orange bog Lilou in die Altstadt von Carpentras ein. Sie hatte keine Lust auf den Umweg über den sicheren Parkplatz an der Polizeiwache und stellte den Kangoo stattdessen in einer der engen Gassen hinter der Place de l’Horloge ab, ziemlich vorschriftswidrig halb auf dem schmalen Bürgersteig, klappte den Seitenspiegel ein und ging nach Hause. Es war fast elf, und die Fußgängerzone lag wie ausgestorben da. Im Hochsommer würde das anders sein, da hatten die vielen kleinen Bars und Cafés länger geöffnet, und die Menschen würden sich bis spät in der Nacht in den Straßen drängen. Heute begegnete ihr nur ein Mann, der unvermutet aus einer dunklen Hauseinfahrt auftauchte und an seinem Hosenschlitz hantierte. Er warf einen Blick über die Schulter, erblickte sie und verschwand eilig in die andere Richtung.

Die Place de l’Horloge lag still im Schein der gelben Straßenbeleuchtung. Lilou blickte an der Fassade des alten Hauses hoch. Das Fenster zur Wohnung von Monsieur Benoit stand einen Spalt weit offen, aber dahinter war alles dunkel. Sie erinnerte sich nicht, ob es heute Nachmittag auch schon geöffnet gewesen war. Nein, dem Gestank in der Wohnung nach zu urteilen, war es bestimmt geschlossen gewesen. Ob einer ihrer Kollegen noch einmal in der Wohnung gewesen war?

Sie schloss das Haustor auf und ging in den ersten Stock zur Tür von Monsieur Benoits Wohnung. Das Polizeisiegel schien intakt, soweit sie das im Licht der schummrigen Treppenhausbeleuchtung erkennen konnte. Sie zuckte mit den Schultern und stieg die Treppe hoch zu ihrer Wohnung.

 

Bei Tageslicht betrachtet, war das Polizeisiegel doch nicht unversehrt, wie Lilou am nächsten Morgen überrascht feststellte. Jemand hatte es mit einem scharfen Messer fein säuberlich im Türspalt durchtrennt, sodass es auf den ersten Blick intakt wirkte. Sie drückte gegen die Tür, doch die rührte sich nicht, sie war nach wie vor verschlossen. Das war interessant.

Sie machte sich im Geiste eine Notiz, unbedingt in Erfahrung zu bringen, wer alles einen Schlüssel zu der Wohnung hatte. Außerdem hatte sie noch immer Monsieur Benoits Schlüsselbund in der Tasche; sie durfte nicht vergessen, ihn Demoireau wiederzugeben.

In der Polizeiwache lief sie als Erstes Pouff in die Arme, der gerade aus Demoireaus Büro kam. Als er sie sah, setzte er an, um etwas zu sagen, doch Lilou deutete hektisch auf die Tür in seinem Rücken, drängte sich an ihm vorbei und verschwand in der Toilette. Das fehlte gerade noch, dass er ihr wieder irgendwelchen Schreibkram aufdrückte. Sie wollte schnellstmöglich zu Demoireau, und zwar ohne erst mit Pouff darüber zu diskutieren.

Sie wartete geschlagene fünf Minuten, dann zog sie die Spülung, wusch sich die Hände und ging wieder hinaus auf den Flur. Die Luft war rein. Sie eilte zu Demoireaus Zimmer, klopfte und trat ein, ohne seine Antwort abzuwarten.

Der Commissaire hob überrascht den Kopf. »Bonjour, Mademoiselle Braque«, begrüßte er sie. »Sie sind früh dran.«

»Bonjour, Monsieur le Commissaire«, antwortete sie. »Ich muss Ihnen etwas zu dem Raubüberfall bei Monsieur Benoit sagen.«

»Gibt es etwas Neues?«

Lilou nickte und setzte sich unaufgefordert auf den Besucherstuhl gegenüber von Demoireaus Schreibtisch. Sie holte tief Luft. Tatsächlich hätte sie ihm von Anfang an von dem Buch erzählen müssen.

»Am Tag vor seinem Tod hat mir Monsieur Benoit etwas gegeben«, begann sie und holte das Journal d’Armand aus ihrer Tasche. »Ich glaube, dass das hier der Grund für den Einbruch bei Monsieur Benoit ist.« Sie reichte ihm das Buch.

Der Commissaire machte ein skeptisches Gesicht und wog es in der Hand. »Was ist das?«

»Monsieur Benoit hat es das Journal d’Armand genannt. Es ist eine Sammlung von Kochrezepten.«

Demoireau schlug es auf und runzelte die Stirn. »Handgeschriebene Kochrezepte?«

Lilou nickte. »Ich habe den Verdacht, dass die Einbrecher danach gesucht haben.«

»Wie kommen Sie denn darauf?« Der Commissaire sah sie verblüfft an. »So ein Küchentagebuch ist doch nichts Außergewöhnliches«, sagte er. »Selbst meine Mutter besitzt eines, das hat noch ihre Großmutter begonnen.«

»Das Buch Ihrer Mutter wurde aber nicht von einem Sternekoch verfasst.«

»Was sagen Sie da? Ein Sternekoch?«

»Ja.« Lilou nickte bekräftigend. »Armand Benoit führte in den Siebzigerjahren ein Dreisternerestaurant in Carroux.«

»Hm«, machte Demoireau. »Von dem habe ich noch nie etwas gehört.«

Lilou biss sich auf die Lippen. Er durfte doch ihren Verdacht nicht einfach abtun, nur weil er den Sternekoch nicht kannte!

»Mit diesem Manuskript ließe sich viel Geld verdienen«, sagte sie eindringlich. »Man könnte es verkaufen oder es einem Verlag anbieten, der daraus ein Kochbuch machen könnte. Es würde bestimmt ein Bestseller werden!«

»Das erscheint mir aber sehr weit hergeholt.« Demoireau wiegte den Kopf. »Benoit hätte es Ihnen doch nicht überlassen, wenn es wirklich so wertvoll wäre.«

»Ich glaube nicht, dass er sich dessen bewusst war.«

»Trotzdem. Dafür begeht doch niemand einen Mord.« Der Commissaire reichte ihr das Buch zurück.

Lilou knirschte innerlich mit den Zähnen. Warum sah Demoireau denn nicht, was so sonnenklar für sie war?

»Der Sternekoch hat eine Tochter«, versuchte sie es noch einmal. »Ich würde ihr das Buch gerne zeigen.«

»Sagten Sie nicht, es gäbe außer seiner Halbschwester und dem Neffen keine Verwandten?«

»Da habe ich mich eben geirrt.«

»Offenbar.« Demoireau schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie verrennen sich da in etwas.«

Lilou holte tief Luft und richtete sich auf. »Ich bin da anderer Meinung, mon commissaire«, sagte sie mit fester Stimme.

»So, sind Sie das?« Demoireau zog die buschigen Brauen hoch. »Wir halten uns trotzdem an die Tatsachen.«

»Aber …«

»Nein, kein Aber, Mademoiselle Braque. Sie verlieren sich schon wieder in Spekulationen.«

»Jemand war gestern in Monsieur Benoits Wohnung«, gab Lilou zurück, etwas lauter als beabsichtigt. »Das ist keine Spekulation.«

»Was sagen Sie da?«

»Das Polizeisiegel ist gebrochen. Jemand war in der Wohnung.« Triumphierend sah sie ihn an. »Jemand, der wahrscheinlich genau dieses Buch gesucht hat.«

»Das können wir doch gar nicht wissen.«

Lilou stieß die Luft aus. »Ich behaupte ja nicht, dass die Tochter des Kochs die Täterin ist. Aber Sie sagten selbst, dass wir in alle Richtungen ermitteln müssen.«

»Hm.« Demoireau sah sie zweifelnd an. »Nun gut, schaden kann es nicht«, gab er schließlich nach. »Finden Sie heraus, was es mit diesem Koch auf sich hat, und spüren Sie seine Tochter auf. Dann sehen wir weiter.«

»Danke, Monsieur le Commissaire.«

Er nickte und deutete zur Tür. »Wir treffen uns um elf mit Monsieur Dompierre für eine zweite Befragung. Bis dahin haben Sie freie Hand.«

 

Kaum war Lilou aus dem Zimmer, warf sie einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor halb neun, sie hatte zwei Stunden Zeit. Sie eilte zu ihrem Büro und hielt unvermittelt an. Hinter der geschlossenen Tür hörte sie Pouff telefonieren, und seine Lautstärke steigerte sich von Satz zu Satz. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück, als hätte der stellvertretende Dienststellenleiter Röntgenaugen und könnte sie durch die geschlossene Tür hindurch sehen.

Puh. Wenn Pouff in dieser Stimmung war, wollte sie ihm keinesfalls unter die Augen kommen. Sie runzelte die Stirn.

Um Recherchen über Bérénice Benoit anzustellen, musste sie unbedingt an ihren Computer. Zwar gab es in Frankreich kein zentrales Meldewesen, aber mithilfe des Polizeicomputers hatte sie nicht nur Zugriff auf nationale und internationale Strafregister, sondern auch auf die Datenbanken des Kraftverkehrsamts, der Führerscheinstelle und des Katasteramts. Zögernd stand sie vor Pouffs Tür, als seine Stimme plötzlich verstummte. Schritte waren zu hören, und sie ergriff die Flucht. Erst im Treppenhaus kam ihr die rettende Idee. Sie war viel zu fixiert auf die elektronischen Datenbanken, die ihr fast immer mit einem Mausklick die gewünschten Informationen bereitstellten. Aber das war schließlich nicht der einzige Weg.

Sie strich die Uniformbluse glatt, straffte die Schultern und verließ das Gebäude.

 

Es war ein ungewohntes Gefühl, in Uniform, aber ohne einen Kollegen an ihrer Seite durch die Stadt zu laufen. Polizisten im Dienst waren normalerweise nie alleine unterwegs, und das nicht erst seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Deshalb zog sich Lilou nach Dienstschluss auch immer in der Wache um, bevor sie nach Hause ging.

Ihr war bewusst, dass sie mit der dunkelblauen Bluse, der dunklen Hose und der Dienstwaffe auch ihre Identität als Polizistin ablegte. In Jeans und T-Shirt war sie eine andere, eine private Lilou, eine unbekümmerte junge Frau, der vor zwei Jahren niemand zugetraut hätte, auch nur die Aufnahmeprüfung der Polizeischule zu bestehen, geschweige denn ihre Ausbildung zur Commissaire wirklich abzuschließen. Doch wenn sie die Uniform trug, fühlte sie sich nicht nur um etliche Zentimeter größer, sondern auch ein ganzes Stück erwachsener. Die blaue Bluse mit den Abzeichen auf den Ärmeln verhalf ihr zu einem ganz neuen Selbstbild, und sie spürte, wie sie darin mit jedem Tag an Sicherheit gewann.

Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie ihr Praktikum in Carpentras angetreten hatte. Die Männer ihrer Dienststelle ließen sie allzu deutlich spüren, dass sie ihr nichts zutrauten. Da war keine helfende Hand, die sie fürsorglich auf den ersten Schritten in den Beruf begleitete, nein, sie musste um jedes Quäntchen Anerkennung kämpfen.

Aber sie würde sich davon nicht kleinkriegen lassen. Sie hob das Kinn und richtete sich gerade auf. Sie war eine Commissaire auf einem Dienstgang. So!

 

Mit forschem Schritt und ohne nach rechts oder links zu blicken, erreichte sie ihr Ziel im Zentrum der Altstadt, die Place Maurice Charretier, und mit einem Aufatmen betrat sie das klimatisierte Hôtel de Ville. Sie nickte dem jungen Mann am Tresen in der Eingangshalle zu und eilte zielstrebig weiter zum Treppenhaus. Das Standesamt, der service de l’état civil, befand sich im ersten Stock. Sie ignorierte den Wartebereich und ging direkt durch zum Schalterraum, wo sechs Frauen unterschiedlichen Alters hinter großen Flachbildschirmen ihren Dienst an der Bevölkerung versahen. Lilou hatte Glück, an poste D erhob sich gerade ein älterer Mann mit Baskenmütze und machte den Platz frei. Bevor die Beamtin hinter der Abtrennung den nächsten Wartenden hereinrufen konnte, machte sie die Frau mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam. Die Beamtin sah auf, stutzte, dann winkte sie Lilou heran.

Die Frau hatte ein hübsches Gesicht mit Sommersprossen auf der Nase und trug ihr schulterlanges dunkelblondes Haar in einer schicken Frisur. Sie war jung, kaum älter als sie selbst. Lilou setzte ihr vertrauenerweckendstes Polizistenlächeln auf und nahm auf dem soeben frei gewordenen Stuhl Platz.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte die Beamtin und musterte skeptisch Lilous Uniform. Sie hatte rehbraune Augen, was einen aparten Kontrast zu ihrem blonden Haar bildete.

»Gar nichts«, beruhigte sie Lilou. »Ich bin Élève Commissaire Lilou Braque, ich brauche nur eine Auskunft.«

»Eine Auskunft? Wieso holen Sie die nicht auf dem Dienstweg ein?«

»Es handelt sich um eine …« Lilou zögerte. Sie konnte der Beamtin schlecht sagen, dass sie der stellvertretende Dienststellenleiter an der Nutzung ihres Dienstcomputers gehindert hatte. »Um eine eher private Ermittlung.«

Die junge Frau verzog misstrauisch das Gesicht. »Wie soll ich das verstehen?«

Lilou holte tief Luft und hoffte, dass sie mit ihrer Geschichte durchkam. »Vorgestern wurde ein alter Mann tot aufgefunden«, begann sie. »Vielleicht haben Sie in der Zeitung davon gelesen?«

»Ach, Sie meinen den Überfall an der Place de l’Horloge, ja. Was ist damit?«

»Der alte Mann war mein Nachbar.«

»Das tut mir leid.« Das Gesicht der jungen Frau zeigte trotz der teilnehmenden Worte keine Regung. Offenbar gehörte sie zu der Kategorie Menschen, die der Polizei aus Prinzip nicht vertrauten.

»Er hat mir vor seinem Tod ein Familienerbstück geliehen, das ich ihm nun nicht mehr zurückgeben kann. Deshalb versuche ich, die Erbin ausfindig zu machen.«

»Das ist Sache des Erbschaftsgerichts.« Die Miene der Frau wurde immer abweisender.

»Es gibt ein Testament und einen Alleinerben.« Lilou sah sie bittend an. »Aber dieses eine Erbstück steht jemand anderem zu, und ich würde es gerne der rechtmäßigen Besitzerin geben.«

»Ich verstehe trotzdem nicht, wieso Sie dafür nicht den Dienstweg wählen.«

»Mein Vorgesetzter findet, ich sollte mich da raushalten«, sagte Lilou. Das war nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt. »Aber ich mochte den alten Mann, und es ist mir sehr wichtig, dass es in die richtigen Hände kommt.«

Die junge Frau seufzte. »Also gut. Ich denke, Sie haben das gleiche Recht auf Auskunft wie jeder andere Bürger. Wie lautet der Name der Frau?«

Lilou lächelte sie dankbar an. »Bérénice Benoit.«

Die Beamtin erwiderte das Lächeln nicht, sondern wandte sich ihrem Computer zu. »Und das Geburtsdatum?«

»Irgendwann Anfang der Achtzigerjahre«, antwortete Lilou.

Die Frau hob den Kopf. »Ohne das Geburtsdatum kann ich Ihnen keine Auskunft geben«, sagte sie. Es klang nicht, als ob es ihr leidtäte.

»Mist.« Lilou biss sich auf die Unterlippe.

»Haben Sie sonst noch Informationen über die Frau? Wissen Sie vielleicht etwas über die Eltern?«

Lilou nickte. »Ja, der Vater hieß Armand Benoit, er ist am 18. März 1927 in Carpentras geboren.«

»Dann sehen wir mal nach.«

Die Finger der Beamtin flogen über die Tastatur, und schnell hatte sie ein Ergebnis. »Verstorben am 13. September 1986 in Carroux, ist das korrekt?«

»Ja.« Lilou beugte sich vor. »Steht da etwas zu seiner Tochter?«

Die Frau zog den Bildschirm noch ein wenig weiter zu sich, sodass Lilou nichts sehen konnte. »Ja, die Geburt der Tochter ist hier vermerkt.«

»Dann können Sie jetzt …«

»Ich mache ja schon.« Offensichtlich begann ihr die Detektivarbeit langsam Spaß zu machen, denn ihr Gesicht war nicht mehr ganz so abweisend wie zuvor. Sie tippte wieder auf der Tastatur.

»Bérénice Benoit, da haben wir sie ja.« Sie sah hoch. »Was wollen Sie wissen?«

»Am liebsten alles«, entfuhr es Lilou.

»Alles darf ich Ihnen nicht sagen«, erwiderte die Beamtin trocken. »Die komplette Geburtsurkunde mit allen Randanmerkungen ist nur für Berechtigte verfügbar.« Sie hob die Schultern. »Dafür müssten Sie mit einer Weisung vom Staatsanwalt wiederkommen.«

»Was können Sie mir denn sagen?«, fragte Lilou.

»Ich kann Ihnen eine Abschrift ohne Abstammung machen«, schlug die Frau vor. »Die beinhaltet auch die letzten Randanmerkungen. Ich bin mir sicher, da finden Sie alles, was Sie brauchen.«

Sie klickte zweimal mit der Maus, und neben ihr begann ein Laserdrucker zu summen. Mit einem leisen Zischen rutschte ein Blatt Papier aus dem Schlitz. Die Beamtin überflog es, dann reichte sie es Lilou über den Tresen.

Lilou warf einen Blick darauf und grinste. Die junge Frau hatte recht, hier stand genau das, was sie brauchte.

»Ich danke Ihnen herzlich, Madame …« Sie warf einen Blick auf den Namen der Beamtin, der ganz unten auf dem Ausdruck stand. »… Valleron.«

Isabelle Valleron nickte und brachte sogar ein halbes Lächeln zustande. »Gern geschehen.«