Auf dem Rückweg zum Hôtel de Police verschwendete Lilou keinen Gedanken mehr an ihre Uniform und achtete auch nicht auf die Passanten. Mit raschen Schritten eilte sie durch die Menschenmenge und hatte bald die Dienststelle erreicht.
Sie hatte Glück, Pouff war nicht in seinem Zimmer. Erleichtert ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen, hielt ihr verschwitztes Gesicht in den sirrenden Luftstrom der Klimaanlage und genoss den kurzen Moment der Abkühlung. Wie würde das erst im Hochsommer werden, wenn die Temperaturen um die Mittagszeit auf fast vierzig Grad kletterten? Sie wollte gar nicht daran denken.
Sie fuhr ihren Computer hoch und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Man hatte ihr nicht das neueste Modell gegeben, aber immerhin war der Monitor bereits ein moderner Flachbildschirm, wenn auch nicht sehr groß. Egal. Endlich war der PC bereit, und sie zog den zusammengefalteten Ausdruck aus ihrer Hosentasche.
Bérénice Arielle Laure Benoit war am 27. April 1981 in Carpentras zur Welt gekommen. Und am 19. Juni 2006 hatte sie in Manosque einen Bernard Henri Georges Lavallie geheiratet.
Sorgfältig tippte sie den Namen in das Suchfeld von Google ein. Bérénice Benoit Lavallie. Sie drückte auf die Enter-Taste und hielt den Atem an.
Treffer.
Gleich das erste Ergebnis war die Webseite eines Restaurants. Sie klickte sie an und ließ den angehaltenen Atem entweichen. Sie hatte Bérénice gefunden.
L’Armandine war ein Restaurant in der Nähe von Bedrange, einer kleinen Stadt zu Füßen des Mont Ventoux, vielleicht eine halbe Autostunde von Carpentras entfernt. Die Webseite zeigte Bilder von einem alten Gebäude aus sandfarbenen Steinen, das einmal eine Mühle gewesen sein mochte, eine steinerne Brücke und eine überdachte Terrasse, die sich über dem wuchernden Grün eines Flussufers erhob.
Lilou klickte sich durch die Seiten, betrachtete die Fotos und studierte die Speisekarte. Ambiente und Angebot waren gediegen, die Preise gehoben, erschienen ihr jedoch für das Gebotene nicht übertrieben. Ein mehrgängiges menu kostete zwischen 25 und 40 Euro. Bérénice Benoit führte da ein ausnehmend schönes Restaurant in einer beeindruckenden Kulisse, aber es war ganz offensichtlich keine Sterneküche.
Die Tür sprang auf, und Pouff betrat den Raum. Lilou klickte schnell das Browserfenster weg und fragte sich im gleichen Augenblick, warum sie das tat. Immerhin hatte Demoireau ihr die Recherche gestattet! Aber Pouffs zusammengezogene Brauen verhießen nichts Gutes.
»Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?«, fragte er unwirsch. »Ich habe dich gesucht.«
»Ich war erst bei Demoireau, und anschließend habe ich recherchiert«, verteidigte sie sich.
»Immer noch Commissaire Demoireau für dich«, knurrte der Commandant. »Und was für Recherchen? Hat er dir das aufgetragen?« Seine Stimme triefte vor Misstrauen.
»Ja.« Lilou hob das Kinn und sah ihn herausfordernd an. »Außerdem muss ich jetzt gehen.«
Sie stand auf und schob sich an ihm vorbei.
»Wo willst du hin?«, rief Pouff ihr nach. »Ich wollte …«
»Keine Zeit«, gab sie über die Schulter zurück. »Ich muss zu Commissaire Demoireau.«
Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie den Flur hinunter zu Demoireaus Büro eilte. An seiner Tür sah sie sich um, Pouff stand noch immer im Gang und blickte ihr hinterher, als ob er sich vergewissern wollte, dass sie wirklich zu Demoireau ging. Lilou knirschte innerlich mit den Zähnen und klopfte. »Bitte lass ihn da sein, bitte lass ihn da sein«, betete sie stumm.
»Herein«, tönte es von drinnen.
Lilou drückte die Klinke hinunter und schlüpfte ins Zimmer.
»Ah, gut, dass Sie da sind, Mademoiselle Braque.« Demoireau erhob sich von seinem Stuhl. »Wir müssen gleich los, Monsieur Dompierre erwartet uns.«
Lilou blieb an der Tür stehen und sah Demoireau zu, wie er die Papiere auf seinem Schreibtisch zusammenschob, bis sie auf einem ordentlichen Stapel lagen. Er stellte zwei Kugelschreiber zurück in den Stifthalter, richtete die Tastatur seines PCs gerade aus und stellte die Maus daneben. Dann erst schaltete er den Bildschirm aus und kam um den Schreibtisch herum.
Pouff stand noch immer in der geöffneten Tür zu seinem Büro. »Nehmen Sie sie mit?«, fragte er Demoireau und deutete auf Lilou. Es klang, als führte der Commissaire einen Hund spazieren, und Lilou hätte ihm am liebsten die Zunge herausgestreckt.
»Ja, natürlich«, erwiderte Demoireau und sah Pouff erstaunt an. »Wieso fragen Sie?«
»Nur so«, brummte Pouff und zog sich in sein Büro zurück.
»Er will wahrscheinlich, dass ich wieder seinen Schreibkram erledige«, erklärte Lilou mit mühsam beherrschter Stimme.
Demoireau sah sie von der Seite an. »Verstehe.«
Lilou verdrehte die Augen. Sie bezweifelte, dass er wirklich verstand.
Obwohl Dompierres Büroadresse keine zehn Minuten Fußweg entfernt lag, nahm der Commissaire das Auto.
»Es ist zu heiß«, erklärte er auf Lilous Nachfrage. »Bei einer Befragung ist der äußere Eindruck des Beamten von großer Wichtigkeit. Es geht nicht an, da verschwitzt und außer Atem aufzutauchen.«
Er warf einen missbilligenden Blick auf Lilous Schuhe. Sie weigerte sich, die üblichen glänzend polierten Lederschuhe anzuziehen, die der Commissaire als passend für Frauen in Uniform befand, sondern trug die robusten Einsatzschuhe der Schutzpolizei, die mehr Sportschuhen glichen und einfach bequemer waren.
Dompierres Büroadresse lag an einem winzigen Platz am Rande der Altstadt, der diese Bezeichnung kaum verdiente. Drei Gassen trafen leicht versetzt aufeinander, sodass eine kleine Freifläche entstand, auf der Autos parkten und zwei magere Platanen um das Sonnenlicht wetteiferten. Eingeklemmt zwischen einem India-Shop und einem Übersetzungsbüro, erhob sich ein schmales Haus mit grauer Fassade und hellgelben Fensterläden. Im Erdgeschoss befand sich ein großes Schaufenster, hinter der Scheibe hing eine Tafel mit verschiedenen Immobilienangeboten. Vom schicken Zwei-Zimmer-Appartement bis hin zur Villa am Stadtrand war alles vertreten, sogar eine Jacht war unter den Exposés. Neben der Tür hing ein großes Messingschild: Nicolas Dompierre, Immobilier et Gérant d’immeuble.
Demoireau schob die Tür auf, ein melodiöser Glockenklang ertönte. Der Eingang führte direkt in ein aufgeräumt wirkendes Büro, das von zwei starken Neonleuchten erhellt wurde. Der Raum war überraschend groß. Zwei Schreibtische standen links der Eingangstür am Fenster, und ein solider Aktenschrank nahm den größten Teil der Rückwand ein, in der eine weitere Tür zu sehen war. Dompierre saß am hinteren Schreibtisch, halb verdeckt von einem großen Flachbildschirm. Beim Klang der Glocke blickte er hoch.
Eine rundliche Frau mit eisengrauem Haar kam aus der zweiten Tür und sah sie fragend an. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ah, Monsieur le Commissaire und Mademoiselle Braque«, rief Dompierre im gleichen Augenblick und sprang auf. »Ist es denn schon so spät?« Er warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk, ein teuer aussehendes Modell aus gebürstetem Metall.
Demoireau reichte ihm die Hand und sah sich um. »Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?«, fragte er.
»Ja, natürlich, kommen Sie mit.«
Dompierre ging voraus durch die Tür in der Rückwand. Dahinter lag eine Art Besprechungszimmer, das mit einer plüschigen Sitzgruppe, einem gläsernen Couchtisch und einem schweren Sideboard samt Kaffeemaschine offenbar für eine entspannte Atmosphäre sorgen sollte. Es roch nach kaltem Rauch. Das einzige Fenster war vergittert und ging nach hinten in einen engen Innenhof, in dem eine staubige Palme ihr Dasein fristete.
»Bitte schön.« Dompierre wies auf das Sofa und wartete, bis sie saßen, bevor er ihnen gegenüber Platz nahm.
Lilou warf einen sehnsuchtsvollen Blick zu der Kaffeemaschine, aber er bot ihnen nichts an. Demoireau nickte ihr zu, sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und rief die Notiz-App auf.
»Monsieur Dompierre, ist Ihnen in der Zwischenzeit noch etwas eingefallen?«, fragte der Commissaire.
Lilou schmunzelte. Demoireau eröffnete solche Vernehmungen gern mit einer sehr allgemein gehaltenen Frage, um sein Gegenüber zum Reden zu bringen. Doch sobald sie an einen Punkt kamen, der von Interesse war, hakte er unerbittlich nach.
Aber Dompierre ließ sich darauf nicht ein. Er zündete sich erst eine Zigarette an, dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er bestimmt.
»Wir wissen inzwischen, dass Ihr Onkel keines natürlichen Todes gestorben ist«, sagte Demoireau. »Er wurde mit einem Kissen erstickt.« Er sah Dompierre ernst an. »Wir ermitteln nun wegen Mordes.«
Dompierre wurde blass. »Was sagen Sie da? Mord?«
Der Commissaire nickte. »Wer könnte ein Interesse daran haben, Ihren Onkel zu töten?«
»Aber das war doch ein Raubüberfall?« Dompierre sah erschüttert aus, in seinen Augenwinkeln glänzte es feucht. »Wahrscheinlich haben ihn die Einbrecher getötet, um keine Zeugen zu haben!«
»Einiges an diesem Fall erscheint uns nicht stimmig. Es wurde zwar alles durchwühlt, aber wertvolle Gegenstände wurden zurückgelassen.«
»Sie meinen, es war gar kein Einbruch?«
»Nicht unbedingt.« Demoireau lehnte sich zurück. »Möglicherweise wurden die Einbrecher gestört und mussten schnell verschwinden.«
»Oder sie haben nach etwas ganz Bestimmtem gesucht«, ergänzte Lilou, was ihr einen Seitenblick von Demoireau eintrug.
Aber er widersprach nicht. »Wir schließen nicht aus, dass Ihr Onkel seine Mörder sogar kannte«, fuhr er fort. »Wir hoffen, dass es Zeugen gab, die etwas mitbekommen haben. Sie zum Beispiel.«
»Ich?« Dompierre sah ihn überrascht an.
»Ja, Sie.« Demoireaus Stimme klang nun streng. »Wo waren Sie am Dienstag zur Mittagszeit?«
»Ich habe gearbeitet«, erwiderte Dompierre in empörtem Tonfall. »Sie verdächtigen doch nicht etwa mich? Ich habe meinen Onkel geliebt!«
»Wir stellen diese Frage allen Beteiligten«, sagte Lilou beschwichtigend. »Das ist sozusagen Routine.«
Dompierre hob die Schultern. »Ich war bei einem Kunden in Martigues. Er hat eine Jacht am Étang de Berre liegen, die er verkaufen will.«
»Der Kunde kann das bezeugen?«
»Ja, natürlich. Ich war am Morgen nur kurz im Büro und dann von etwa 10.00 bis 14.00 Uhr bei ihm.« Dompierre stand auf und kam mit einem Farbdruck in der Hand wieder. Ein weißes Kajütboot mit hölzernen Aufbauten war darauf abgebildet, darunter standen die Bezeichnung des Bootstyps und Dompierres Kontaktdaten. »Das ist sie. Sie können den Reeder gerne fragen, meine Mitarbeiterin gibt Ihnen den Namen und seine Telefonnummer.«
»Hm.« Demoireau klang fast enttäuscht. »Können Sie uns sagen, ob Ihr Onkel in der letzten Zeit Besuch hatte? Oder gab es Streit mit jemandem?«
Dompierre runzelte die Stirn. »Wenn Sie mich so fragen, ja, da gibt es tatsächlich jemanden.«
»Bitte, sprechen Sie!«
»Es ging um das leer stehende Ladenlokal im Erdgeschoss seines Hauses«, begann Dompierre. »Es haben sich immer wieder Leute bei ihm gemeldet, die es mieten wollten.«
»Aber Ihr Onkel wollte es nicht vermieten.«
»So ist es.« Monsieur Benoits Neffe nickte Lilou zu. »Ich habe das wirklich nicht verstanden«, sagte er. »Bei der momentanen Immobilienknappheit sind Objekte in dieser Lage ein Vermögen wert. Er hätte einen guten Preis bekommen und sich um nichts kümmern müssen, ich hätte das alles für ihn erledigt. Aber er wollte nicht.«
»Und mit einem dieser Leute hatte er Streit?«, fragte Demoireau.
Dompierre sah aus dem Fenster, dann gab er sich einen Ruck. »Ja, in der Tat.« Er sah Demoireau ernst an. »Der letzte Interessent war ein Weißrusse, der das Lokal mieten wollte, um eine Bar zu eröffnen. Er hätte wirklich gut gezahlt.«
»Der Mann hat Ihren Onkel in seiner Wohnung aufgesucht?«
»Ich habe ihn sogar selbst zu ihm gebracht.« Dompierre schüttelte den Kopf. »Aber ich hätte nie gedacht, dass er …«
»So reden Sie schon«, drängte Demoireau. »Wer war das? Und worum ging es genau?«
»Sein Name ist Dimitri Petuchow.« Dompierre drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. »Er besitzt einen Nachtklub in Avignon und ist einer meiner Kunden. Die Geschäfte gehen gut, er wollte sich vergrößern. Ich schlug ihm das leer stehende Lokal im Haus meines Onkels vor. Die Lage in der Altstadt, die Größe, das hätte alles perfekt gepasst.« Dompierre stand auf und begann, im Raum auf und ab zu gehen. »Aber Onkel Frédéric wollte nichts davon hören. Deshalb habe ich Petuchow zu ihm gebracht. Ich dachte, wenn er ihn persönlich kennenlernt, ändert er vielleicht seine Meinung.«
»Aber stattdessen gab es Krach, nicht wahr?«, warf Lilou ein.
Nicolas Dompierre blieb stehen und warf ihr einen überraschten Blick zu, aber dann nickte er. »Ja, Sie haben den Streit offenbar mitbekommen. Mein Onkel war wie von Sinnen. Hätte er nicht im Rollstuhl gesessen, wäre er glatt handgreiflich geworden.«
»Warum das denn?«, wollte Demoireau wissen. »Was hat Monsieur Petuchow denn getan?«
»Als mein Onkel ablehnte, ihm das Lokal zu vermieten, hat Petuchow vorgeschlagen, ihm das Haus abzukaufen.« Dompierre verzog das Gesicht. »Damit ist er natürlich genau an den Richtigen geraten.«
»Aber warum glauben Sie, dass er Ihrem Onkel etwas angetan hat?«, fragte Lilou.
»Das habe ich nicht gesagt«, antwortete Dompierre schnell. Er setzte sich wieder, klopfte eine neue Zigarette aus der Packung und zündete sie an. »Aber Sie haben gefragt, wer in letzter Zeit bei ihm war. Voilà.«
»Kann es sein, dass der Mann später nochmals ohne Sie bei Ihrem Onkel war?«
Dompierre hob die Schultern. »Ich weiß es nicht, mon commissaire. Möglich wäre es.« Er lachte freudlos auf. »Dimitri Petuchow bekommt gewöhnlich das, was er will.«
Lilou tippte auf ihr Smartphone. »Haben Sie Monsieur Petuchows Adresse?«
Dompierre nickte. »Sie ist im Computer gespeichert, ich gebe sie Ihnen gleich.«
»Ich nehme an, die Entscheidung, was mit dem Haus passiert, liegt jetzt bei Ihnen?« Demoireau stellte die Frage beiläufig und ohne jede Emotion in der Stimme.
Dompierres Kopf ruckte herum. »Wieso fragen Sie das?«
»Ich habe dem Commissaire erzählt, dass Sie der Alleinerbe sind«, warf Lilou ein. »Zumindest hat Monsieur Benoit so etwas angedeutet.«
Dompierres Zigarette war zu Boden gefallen, er bückte sich und hob sie auf. »Ja, das ist wohl richtig«, sagte er mit gepresster Stimme.
Demoireau blickte ihn fragend an. »Gibt es ein Problem?«
Dompierre wich seinem Blick aus. »Onkel Frédérics Testament ist verschwunden«, murmelte er. »Und ohne Testament …« Er vollendete den Satz nicht, sondern nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
»Was meinen Sie damit, das Testament ist verschwunden?«
»Er hat es zu Hause aufbewahrt, es lag immer bei seinen Papieren in der Schreibtischschublade.« Dompierre fuhr sich durch die Haare. »Aber nach dem Überfall war es nicht mehr da, die Schublade war leer. Die Einbrecher müssen es mitgenommen haben.«
In Lilou keimte ein Verdacht. »Waren Sie gestern in seiner Wohnung?«
Dompierre wurde rot. »Ja«, gab er zu. »Ich habe nach dem Testament gesucht. Ich weiß, dass das nicht in Ordnung ist«, fuhr er rasch fort, »aber es sind so viele Dinge zu regeln. Es wäre viel einfacher, wenn ich etwas Schriftliches von ihm in der Hand hätte.«
Demoireau runzelte die Stirn. »Siegelbruch ist eine strafbare Handlung«, knurrte er. »Das wissen Sie bestimmt.«
»Ja, natürlich weiß ich das«, erwiderte Dompierre mit schuldbewusster Miene. »Aber bitte verstehen Sie meine Lage, ich wollte nichts Illegales tun. Ich habe doch ein berechtigtes Interesse.«
Der Commissaire machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gibt es weitere Verwandte außer Ihnen?«
»Meine Mutter ist Frédérics Halbschwester und seine nächste Verwandte. Es gab noch einen älteren Bruder aus der ersten Ehe meines Großvaters, aber der wanderte in jungen Jahren nach Kanada aus und ist inzwischen verstorben.«
Demoireau wollte etwas sagen, doch Lilou kam ihm zuvor. »Sagt Ihnen der Name Armand Benoit etwas?«
»Armand Benoit?« Dompierre schüttelte den Kopf. »Wer soll das sein? Auch ein Verwandter?«
Lilou nickte. »Monsieur Benoit hat ihn einmal erwähnt.«
»Tut mir leid.« Dompierre ging zum Fenster und öffnete es. »Außer Onkel Frédéric kenne ich niemanden aus der Familie meines Großvaters.«
Demoireau ergriff wieder das Wort. »Was passiert, wenn Monsieur Benoits Testament nicht auftaucht?«
»Dann muss in Erfahrung gebracht werden, ob es Nachkommen seines Bruders gibt«, antwortete Dompierre. »Wenn die noch leben, wird das Erbe zwischen ihnen und meiner Mutter aufgeteilt.« Er schüttelte den Kopf, beugte sich vor und zerkrümelte den Rest der brennenden Zigarette im Aschenbecher. »Das wird dann alles sehr, sehr lange dauern«, schloss er. Um seinen Mund lag ein verbitterter Zug.
Nach dem Gespräch mit Dompierre ging Demoireau nicht sofort zum Auto zurück, sondern deutete auf eine der kleinen Gassen, die in den Platz mündeten.
»Da entlang«, sagte er und setzte sich in Bewegung.
Lilou folgte ihm. Der Commissaire ging eilig voran, sie musste sich Mühe geben, mit ihm Schritt zu halten. Vor den bunt dekorierten Schaufenstern eines Bistros hielt er an. In rot-weiß-blauen Buchstaben leuchtete der Name über der Tür: Les Halles Saint Marcellin.
»Mittagessen«, sagte er und rieb sich den Bauch.
»In Uniform?« Lilou staunte. Bei ihrer letzten Praktikumsstelle war es verpönt gewesen, ohne dienstlichen Grund ein Lokal in Uniform zu betreten. Hier schien das anders zu sein.
»Warum nicht?« Demoireau schmunzelte. »Polizisten haben auch Hunger.«
Lilou musste lachen und folgte ihm hinein. Man schien ihn hier zu kennen, denn die Wirtin begrüßte ihn persönlich mit zwei Küsschen auf die Wangen. Auch Lilou wurde so bedacht, und ein Kellner führte sie an einen kleinen Tisch im hinteren Bereich des Lokals.
Die Wirtin brachte die Speisekarte persönlich und unterhielt sich mit Demoireau, während Lilou das ansprechende Angebot durchging. Sie entschied sich für die Fischsuppe, wogegen der Commissaire trotz der Hitze Cassoulet, einen deftigen Bohneneintopf aus Carcassonne, bestellte.
Während sie warteten, sah Lilou sich um. Das Bistro war kein typisches Restaurant, stellte sie fest. Vorne an der Straßenseite befand sich ein Lebensmittelverkauf, sie erkannte Wurst und Käse in großen Vitrinen und eine kleine Patisserie mit Törtchen und Gebäck. An der Rückwand zogen sich Regale mit schön ausgeleuchteten Weinflaschen entlang. Die acht Tische, die im Raum verteilt standen, waren fast alle besetzt, das Konzept schien aufzugehen.
Beim Essen war Demoireau schweigsam. Er schaufelte das Cassoulet in sich hinein, ohne aufzusehen, dazu trank er ein Glas Rosé. Lilou hielt sich lieber an Wasser und genoss die Bouillabaisse, in der sich die Aromen von frischen Meeresfrüchten mit denen von knackigem Fenchel mischten. Sie schmeckte himmlisch. Die dazu gereichte Rouille war von einer angenehm prickelnden Schärfe und das Baguette knusprig und noch warm. Sie tunkte den letzten Rest der Suppe damit auf, dann lehnte sie sich satt zurück. Der Commissaire hatte ebenfalls aufgegessen. Er winkte den Kellner heran und bestellte noch zwei Café au Lait.
»Was halten Sie von Dompierres Geschichte?«, fragte er, als die dampfenden Schalen vor ihnen standen. Er schüttete zwei Päckchen Zucker in seinen Kaffee und rührte so heftig um, dass der Milchschaum überschwappte und als träge Masse außen an der Tasse herablief.
Er hob die Schale zum Mund, und Lilou beobachtete fasziniert den dicken Tropfen, der an der Unterseite klebte wie festgewachsen. Demoireau nahm einen großen Schluck und stellte die Tasse zurück, ohne zu kleckern.
Lilou trank ebenfalls und genoss die bittere Wärme, die ihre Lebensgeister wieder weckte. Erst dann antwortete sie: »Ein abgelehntes Kaufangebot erscheint mir kein ausreichendes Motiv für einen Mord zu sein.«
Der Commissaire nickte. »Das kann ich mir auch nur schwer vorstellen«, sagte er. »Aber wir wissen nicht, was der Weißrusse mit Dompierre vereinbart hatte. Wenn Monsieur Benoit tot ist, entscheidet sein Neffe, was mit dem Lokal passiert, und das könnte durchaus ein Motiv sein.«
Lilou runzelte die Stirn. »Sie meinen …«
»Ein Ladenlokal dieser Größe ist in der Altstadt praktisch nicht zu bekommen. Sehen Sie sich doch um, die sind alle in der Hand von alteingesessenen Betrieben.«
Lilou vergegenwärtigte sich kurz die Fußgängerzone und musste dem Commissaire recht geben. Die meisten Lokale waren winzig, so schmal wie die Häuser, in denen sie sich befanden, und die wenigen größeren beherbergten Restaurants, Banken und Apotheken. Die Lage auf dem Immobilienmarkt war mehr als angespannt, und neue Objekte gab es nicht.
»Könnte sich jemand wie der Tätowierer so ein Lokal überhaupt leisten?«
Demoireau hob die schweren Schultern. »Über Preise wird nicht viel gesprochen«, sagte er. »Die Mieten sind natürlich nicht gerade günstig, aber vieles geht unter der Hand, deshalb …« Er beendete den Satz nicht, sondern rührte nur wieder in seinem Kaffee, bis er auf die Untertasse schwappte.
»Ich glaube trotzdem nicht daran, dass jemand für ein leer stehendes Lokal einen Mord begeht«, sagte Lilou. »Das erscheint mir zu weit hergeholt.«
»Auch nicht weiter als Ihre Theorie mit dem Kochbuch«, gab Demoireau zurück. »Haben Sie dazu schon etwas herausgefunden?«
Lilou nickte. »Ich habe Armand Benoits Tochter ausfindig gemacht. Sie führt ein sehr schönes Restaurant in Bedrange, und in meinen Augen macht sie das schon verdächtig.«
»Wie das?« Demoireau sah sie forschend an.
»Ihr Vater war doch Sternekoch. Nehmen wir an, sie hat den Ehrgeiz, mit ihrem Restaurant ebenfalls einen Stern zu bekommen. Dann würde sie die Aufzeichnungen ihres Vaters doch unbedingt haben wollen.«
»Hm.« Demoireau nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee. Ein Tropfen löste sich, aber wie durch ein Wunder verfehlte er sein weißes Uniformhemd und landete auf dem Tischtuch. »Wäre das so einfach, gäbe es nicht in jeder Buchhandlung Kochbücher von Sterneköchen zu kaufen.«
»Immerhin gehörte das Buch ihrem Vater.« Lilou sah Demoireau herausfordernd an. »Das ist etwas ganz anderes.«
»Aber dass sie dafür einen Mord begeht?« Der Commissaire schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Ich würde sie trotzdem gerne aufsuchen und sie mit dem Buch konfrontieren.« Lilou blieb hartnäckig.
»Der Staatsanwalt wird keine Veranlassung für eine Befragung sehen.« Der Commissaire sah auf die Uhr. »Ich muss heute Nachmittag zu einer Sitzung nach Aix-en-Provence. In der Zwischenzeit kümmern Sie sich um Dimitri Petuchow, das hat Vorrang vor allem anderen. Durchforsten Sie den Polizeicomputer, sprechen Sie mit den Kollegen in Avignon, und wenn es sein muss, kontaktieren Sie Interpol. Sehen Sie zu, ob Sie irgendetwas über ihn finden.«
»In Ordnung.« Lilou nickte. »Und was ist mit Bérénice Benoit?«
Demoireau trank seinen Kaffee aus und stand auf. »Erst überprüfen Sie Petuchow und vereinbaren einen Termin mit ihm. Dann sehen wir weiter.«
Es war kein Problem, etwas über Dimitri Petuchow herauszufinden. Die Bar La Cocotte in Avignon hatte eine Webseite, die sie mit Techno-Musik empfing, und Lilou drehte schnell den Ton leiser, bevor Pouff hinter ihr sich beschweren konnte. Dann klickte sie sich durch die Bilder. Schwarzes Leder, gedämpftes Licht, hübsch angerichtete Speisen und rassige Frauen, die sich an silbern glänzenden Stangen rekelten.
Hätte Lilou es nicht besser gewusst, hätte sie die Damen, die in solch einem Etablissement tanzten, dem ältesten Gewerbe der Welt zugeordnet. Aber Prostitution war in Frankreich seit Kurzem verboten. Zwar gingen die Frauen üblicherweise straffrei aus, aber ihren Kunden drohten strenge Bußen, und ihren »Arbeitgebern«, so sie welche hatten, erst recht. Sie musste also erst einmal davon ausgehen, dass es sich um ein seriöses Etablissement handelte, in dem die Tänzerinnen nur schmückendes Beiwerk waren, um die überhöhten Preise der Speisen und Getränke zu rechtfertigen.
Im Gewerberegister war das La Cocotte ebenfalls zu finden. Der Eintrag lautete schlicht »Bar-Restaurant«, und als alleiniger Inhaber war Dimitri Petuchow angeführt. Lilou notierte sich Adresse und Telefonnummer, dann ging sie an die polizeiliche Datenbank.
Zu ihrer Überraschung fand sie nichts. In einem Gastronomiebetrieb war normalerweise immer etwas zu beanstanden, sei es die Hygiene oder die Arbeitserlaubnis der Angestellten. Nicht so im La Cocotte, da schien alles sauber zu sein. Monsieur Petuchow war noch nicht einmal wegen eines Verkehrsdelikts angezeigt worden. Er besaß eine Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis, zahlte pünktlich seine Steuern und schien ein rundum unbescholtener Bürger zu sein.
Nichtsdestotrotz griff Lilou zum Hörer und wählte die Nummer der Police municipale in Avignon. Es kostete sie fast eine halbe Stunde, bis sie endlich eine Kollegin am Apparat hatte, die wenigstens wusste, wovon sie sprach. Sie bestätigte Lilou, was sie schon vermutet hatte: dass das La Cocotte routinemäßig vom Ordnungsamt besucht wurde, aber noch nie Unregelmäßigkeiten aufgefallen seien. Monsieur Petuchow sei ein seriöser Geschäftsmann und überhaupt, was das solle, der Mann sei über jeden Verdacht erhaben.
Lilou legte verwundert auf. Der Barbesitzer schien die Polizistin mächtig beeindruckt zu haben. Als Nächstes rief sie bei der Hauptwache der Police nationale in Avignon an und ließ sich mit dem Sittendezernat verbinden. Ein älterer Kollege mit polternder Stimme erklärte ihr, dass man natürlich ein wachsames Auge auf Monsieur Petuchow habe, so wie auf alle Etablissements mit Bühnenshows und Tänzerinnen, aber dass man bisher nichts gefunden habe. Im Gegenteil, Monsieur Petuchow scheine seine Damen besser zu bezahlen als die Konkurrenz, weshalb bei ihm auch nur erstklassige Frauen beschäftigt seien.
Lilou missfiel der Tonfall, in dem der Beamte von den Tänzerinnen sprach. Im Rahmen ihrer Ausbildung hatte sie bereits mit Vertreterinnen dieses Berufsstandes zu tun gehabt und wusste, dass es Knochenarbeit war, jeden Abend auf der Bühne zu stehen und vor den gierigen Augen eines hauptsächlich männlichen Publikums die Beine zu schwingen. Es gab keinen Grund, von ihnen zu sprechen, als wären sie eine Ware, die es abzuschätzen galt.
Sie bedankte sich dennoch freundlich und legte auf. Anschließend loggte sie sich mit den Zugangsdaten, die Demoireau ihr gegeben hatte, in die Datenbank von Interpol ein. Und hier wurde sie erstmals fündig, Dimitri Petuchow war aktenkundig. Zusammen mit einem zweiten Mann namens Pawel Babyak hatte er in Weißrussland Reisen für Sex-Touristen aus Russland und der Türkei organisiert. Er war rechtskräftig verurteilt worden und hatte seine Haftstrafe in Minsk abgesessen. Nach vier Jahren war er wegen guter Führung auf Bewährung entlassen worden und nach Frankreich emigriert.
Sie gab den Namen seines Komplizen Babyak ein und zog überrascht die Augenbrauen hoch. Babyak war ebenfalls aus der Haft entlassen worden. Er lebte nach wie vor in Weißrussland und war seinem Metier im Großen und Ganzen treu geblieben – er betrieb ein Reisebüro in Minsk. Lilou lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. War das ein Hinweis darauf, dass im La Cocotte nicht alles mit rechten Dingen zuging? Nicht unbedingt.
Sie hob den Hörer des Telefons ab und tippte die Nummer ein, die sie sich zuvor notiert hatte. Eine Frauenstimme mit rauchigem Timbre meldete sich. »La Cocotte, bonjour.«
»Bonjour, Madame«, antwortete Lilou. »Hier spricht Commissaire Braque von der Police nationale in Carpentras«, stellte sie sich vor. Sie glaubte, am anderen Ende der Leitung ein leises Keuchen zu hören. Oder hatte sie es sich eingebildet? »Wir würden gerne mit Monsieur Petuchow sprechen. Wann wäre das möglich?«
»Sie meinen, am Telefon?« Die Frau hatte einen schwachen Akzent, sie sprach das »S« schärfer aus und betonte die Silben ein wenig anders.
»Nein, wir möchten ihn persönlich treffen.« Lilou ertappte sich dabei, überdeutlich und extra langsam zu sprechen, und verzog das Gesicht. »Können Sie mich bitte mit ihm verbinden?«
»Er nicht da«, erwiderte die Frau.
»Wann kommt er denn wieder?«
»Um sechs er kommt normalerweise.«
»Gut. Dann sagen Sie ihm doch bitte, dass wir um 19.00 Uhr da sein werden.«
»Gut, ich ihm sagen«, sagte die Frau und legte auf.
Verblüfft starrte Lilou auf den Hörer, dann legte sie ihn vorsichtig auf den Apparat zurück. Ob das mit dem Termin wohl klappen würde? Sie hoffte es, denn sie wusste genau, wem Demoireau sonst die Schuld geben würde.
Sie sah auf die Uhr. Demoireau hatte für 16.00 Uhr eine Teambesprechung angesetzt, die wollte sie auf keinen Fall verpassen. Aber ein paar Minuten hatte sie noch. Sie rief die Webseite des L’Armandine auf und wählte die Nummer, die sie unter »Kontakt« fand. Sie ließ es lange läuten, doch niemand hob ab. Sie warf noch einen Blick auf die Seite und stellte fest, dass das Restaurant heute Ruhetag hatte. Merde!
Obwohl sie zu früh dran war, war Lilou nicht die Erste im Besprechungsraum. Guillaume Mistral saß schon am Konferenztisch und tippte etwas in seinen Laptop. Als er sie sah, sprang er auf, und sein Gesicht erstrahlte.
»Lilou, schön, dich zu sehen!«
Sie lächelte über seine Begeisterung. »Salut, Guillaume!«
Sie ging zum Kopfende des Tisches, zog den Stuhl neben Demoireaus angestammtem Platz hervor, nahm ihr Telefon aus der Tasche und legte es auf den Tisch.
»Wo hast du gesteckt?«, fragte der junge Polizeitechniker und folgte ihr. »Ich habe dich heute Mittag gesucht.« Er trug ausgeleierte Turnschuhe, Jeans und ein schwarzes T-Shirt, auf dessen Vorderseite ein Fisch auf einem Fahrrad fuhr.
»Ich war mit dem Commissaire essen, im Saint Marcellin.«
»Zut, da kann ich natürlich nicht mithalten.« Guillaumes Gesicht verzog sich zu einer übertriebenen Grimasse. »Ich wollte dich ins Le Luc einladen.«
Lilou hob die Schultern. »Tut mir leid«, sagte sie. »Vielleicht ein andermal.«
Das Le Luc war ein Café an der Place du 25 Août und bei den Polizisten der Dienststelle sehr beliebt. Es bot günstige Mittagsgerichte und einen großen Außenbereich im Schatten einer dunkelroten Markise. Lilou hatte schon zwei Mal ihre Mittagspause dort verbracht, aber mehr aus Notwendigkeit denn aus freiem Willen. Aufgewärmte Fertiggerichte und Tiefkühlpizza waren nicht nach ihrem Geschmack.
Guillaume grinste. »Morgen?«
Lilou machte eine abwehrende Geste. »Ich weiß es noch nicht.«
Er griff nach ihrer Hand und sah sie mit treuherzigem Augenaufschlag an. »Sag doch Ja, Lilou, bitte, dann haben wir ein Date.«
Sie musste lachen. Seine launige Art war eine willkommene Abwechslung, aber sie wollte ihm keinesfalls Hoffnung auf mehr machen. »Ich würde wirklich gern, Guillaume. Aber wenn Demoireau mich braucht, dann …«
»Demoireau, immer nur Demoireau«, rief der junge Polizist, ließ ihre Hand los und warf in gespielter Verzweiflung die Arme hoch. »Was muss ich nur tun, damit du ihn vergisst?«
Lilou kicherte. In diesem Augenblick betrat Pouff den Raum. Er sah streng von Guillaume zu ihr. »Darf ich euch daran erinnern, dass wir zu arbeiten haben«, bellte er.
Lilou wurde rot und setzte sich rasch auf ihren Platz. Guillaume zwinkerte ihr zu, dann schlenderte er betont langsam zur anderen Seite des Tisches. »Keine Sorge, Pouff«, sagte er. »Wir vergessen das schon nicht.«
»Das will ich hoffen«, gab Pouffin kühl zurück. »Immerhin haben wir es mit einem Mord zu tun. Da erwarte ich eine gewisse Ernsthaftigkeit von meinen Leuten.«
Lilou senkte beschämt den Kopf. Er hatte ja recht. Sie hatte einen Moment lang tatsächlich vergessen, dass ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen war. Und nicht irgendein Mensch, sondern Monsieur Benoit, den sie gekannt und gemocht hatte.
Nun kamen auch die anderen in den Raum. Der groß gewachsene Capitaine Emetoit, gefolgt von Commandant Hiroux, Lieutenant Cravasse und zwei weiteren Beamten, die Lilou nur vom Sehen kannte. Der Letzte, der den Raum betrat, war ein hagerer Mann mit einem Habichtsgesicht in einem dunklen Anzug, der von allen höflich gegrüßt wurde: Staatsanwalt Raoul Beringer. Er hielt sich ein wenig abseits und setzte sich ans andere Ende des Tischs. Nur Demoireau fehlte noch. Die Polizisten nahmen ebenfalls Platz und unterhielten sich leise, Pouff sah einige Male demonstrativ auf die Uhr, doch niemand machte Anstalten, die Besprechung ohne den Commissaire zu eröffnen.
Mit fast zwanzig Minuten Verspätung hastete Demoireau schließlich in den Besprechungsraum. »Verzeihen Sie bitte«, keuchte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich steckte im Stau, es war kein Durchkommen. Haben Sie schon angefangen? Nein? Gut.«
Er sah sich suchend um. »Mademoiselle Braque, würden Sie mir einen Kaffee holen? Und etwas zu trinken, bitte?«
Lilou starrte ihn verärgert an. Wieder degradierte er sie zu einer Aufgabe, die eigentlich nicht in ihren Tätigkeitsbereich fiel. Sie holte Luft, um zu widersprechen, da sah sie Pouffs lauernden Blick. Sie ahnte, dass er es sie büßen lassen würde, wenn sie sich jetzt weigerte. Wortlos stand sie auf und verließ den Raum.
Bis sie in dem kleinen Aufenthaltsraum am Ende des Flurs angelangt war, hatte sie sich schon fast wieder beruhigt. Sie zog sich erst selbst einen Kaffee aus dem Automaten und stürzte ihn schwarz und so heiß hinunter, dass sie sich fast die Zunge verbrannte. Dann füllte sie einen weiteren Becher für Demoireau, gab zwei Stück Zucker, einen Schuss Milch und einen Löffel hinein. Sie sah sich um, in der Ecke stand noch ein Paket Wasserflaschen. Sie packte einen Stapel Becher obenauf, fasste den Tragegriff mit der freien Hand und schleppte alles zum Besprechungsraum.
Emetoit hatte sie offenbar kommen gehört, denn er öffnete ihr die Tür und nahm ihr das Wasser ab. Sie dankte ihm mit einem raschen Lächeln, ging an den anderen vorbei zu Demoireau und stellte den Kaffee vor ihm ab.
»Bitte, mon commissaire«, murmelte sie.
Er nickte nur. Offenbar war er mitten in einem Satz gewesen, als sie ihn durch ihre Rückkehr unterbrochen hatte. Er deutete auf den Platz neben sich und wartete, bis Emetoit die Becher verteilt und eine Wasserflasche geöffnet hatte, dann fuhr er fort: »Angeblich hatte das Opfer in der Regel nur wenig Bargeld im Haus, und von dem, was sich zu stehlen gelohnt hätte, wurde nichts mitgenommen. Commandant Hiroux, haben Sie mit den Kollegen von der Police municipale gesprochen?«
»Ja.« Hiroux sah auf. »Deren Informant wusste nichts von einem Einbruch, und die uns bekannten Hehler haben auch keine neue Ware bekommen.«
»Das Vorgehen der marokkanischen Bande ist ein völlig anderes«, warf Emetoit ein. »Bisher haben sie nur leer stehende Wohnungen ausgeräumt, und das bevorzugt in der Nacht.«
Hiroux nickte zustimmend. »Ich tippe auf einen Gelegenheitsdieb, der auf der Suche nach Bargeld war. Den alten Mann hat er umgebracht, um keinen Zeugen zurückzulassen.«
»Dagegen sprechen die Ergebnisse der Spurensicherung.« Demoireau deutete auf Guillaume Mistral. »Technicien Mistral, bitte.«
Der Kriminaltechniker erhob sich von seinem Stuhl. »Die Spurenlage in der Wohnung ist inzwischen ausgewertet, alle Fingerabdrücke konnten Personen aus dem Umfeld des Opfers zugeordnet werden. Wir warten noch auf das Ergebnis der DNA-Untersuchung aus Marseille, aber wir haben nicht viel Hoffnung. So wie es aussieht, haben uns die Täter nichts hinterlassen. Das waren Profis.«
»Fahren Sie nochmals hin«, ordnete Demoireau an. »Untersuchen Sie alles, auf dem sich Spuren befinden könnten, insbesondere den Fußboden. Selbst unvollständige Abdrücke können uns weiterhelfen.«
Mistral ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen.
Demoireau machte sich eine Notiz auf seinem Block, dann sah er von einem zum anderen. »Der Todeszeitpunkt lässt sich anhand der Zeugenaussagen auf kurz nach 13.00 Uhr eingrenzen. Einen späteren Zeitpunkt schließt Dr. Bonaventure aus.« Er runzelte die Stirn. »Capitaine Emetoit, was haben die Zeugenbefragungen ergeben?«
Emetoit hob die breiten Schultern. »Leider nichts bisher. Niemand wurde zur fraglichen Zeit beim Betreten des Hauses beobachtet.«
Lilou hob die Hand. »Capitaine, haben Sie den Mann vom Sozialdienst wegen des Radios befragt?«, fragte sie.
Der Beamte nickte. »Er ist sich sicher, kein Radio gehört zu haben.«
»Das kann nur bedeuten, dass Monsieur Benoits Mörder zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung waren«, meinte Lilou aufgeregt. »Er hat das Radio nämlich nur ausgemacht, wenn er Besuch hatte.«
Emetoit schüttelte den Kopf. »Dann hätte der Zeuge aber andere Geräusche hören müssen«, widersprach er. »Die Durchsuchung der Wohnung ging bestimmt nicht lautlos vonstatten.«
Demoireau warf Lilou einen missbilligenden Blick zu, ehe er sich wieder an Emetoit wandte. »Sie setzen die Befragungen der Nachbarschaft fort. Irgendjemand muss etwas gesehen haben. Befragen Sie die Leute notfalls ein zweites Mal. Ich möchte eine lückenlose Dokumentation, wer an diesem Tag das Haus betreten und wieder verlassen hat, und vor allem, wann.«
Emetoit nickte.
Demoireau wies auf einen der beiden Polizisten, deren Namen Lilou nicht kannte. »Leutnant Roguenot, ich will wissen, wer ihn in letzter Zeit besucht und mit wem er telefoniert hat«, fuhr er fort. »Wir brauchen einen möglichst genauen Ablauf seiner letzten Tage. Möglicherweise spielt das leer stehende Lokal in seinem Haus eine Rolle. Finden Sie heraus, wer sich alles dafür interessiert hat und wo diese Leute zur Tatzeit waren.«
Commandant Pouffin meldete sich zu Wort. »Ich stimme Ihnen zu, dass sich die Tat von der üblichen Vorgehensweise der Marokkaner unterscheidet. Aber wir dürfen keinesfalls ausschließen, dass sie ihre Methode geändert haben. Dass sie nichts mitgenommen haben, kann auch bedeuten, dass sie gestört wurden.«
Der andere der beiden namenlosen Polizisten hob die Hand, Demoireau gab ihm ein Zeichen. »Bitte, Monsieur Brébussy.«
»Wenn die Einbrecher gestört wurden, müsste doch derjenige, der sie gestört hat, etwas bemerkt haben, oder nicht?«
Emetoit nickte zustimmend. »Aber niemand hat etwas gesehen oder gehört.«
Lilou blickte auf. »Der oder die Einbrecher könnten auch nach etwas Bestimmtem gesucht haben.«
»Das ist eine weitere Möglichkeit, der wir nachgehen müssen«, stimmte Demoireau zu. »Nicolas Dompierre hat gestern ausgesagt, dass Monsieur Benoits Testament verschwunden ist. Wenn es tatsächlich bei dem Einbruch entwendet wurde, weist das in eine völlig neue Richtung.«
Lilou holte tief Luft, um etwas zu sagen, doch Demoireau kam ihr zuvor. »Und Mademoiselle Braque ist im Besitz eines Küchentagebuchs, das ihr der Ermordete gegeben hat. Sie ist der Ansicht, dass der oder die Täter auch danach gesucht haben könnten.«
»Ein Küchentagebuch?« Pouff hob die Brauen. »Wer, bitte, stiehlt denn ein Küchentagebuch?«
Lilou hatte ihn in den vergangenen zwei Wochen noch nie lachen gehört, aber das Geräusch, das er jetzt von sich gab, kam einem Lachen sehr nahe, und einige von den Polizisten stimmten ein. Lilou ließ die angehaltene Luft langsam entweichen. Es hatte keinen Sinn, sie würde sich alleine darum kümmern müssen.
Staatsanwalt Beringer richtete sich auf. »Eine dritte Möglichkeit haben Sie außer Acht gelassen«, sagte er kühl. »Was, wenn der Einbruch nur vorgetäuscht wurde, um das Motiv für den Mord zu verschleiern?«
Stimmengemurmel erhob sich, als die Polizisten durcheinanderredeten. »Sie glauben, der Mord war die primäre Tat?«, vergewisserte sich Demoireau.
Beringer nickte. »Vielleicht sollten Sie in Betracht ziehen, die Kollegen der Police judiciaire in Avignon hinzuzuziehen. Immerhin sind das ausgebildete Beamte.«
Lilou horchte auf. Vielleicht bekam sie ja doch noch die Gelegenheit, mit der Police judiciaire zusammenzuarbeiten.
»Ich bin ebenfalls ein Angehöriger der Police judiciaire«, schnappte Demoireau zurück. »Solange es keinen Hinweis auf ein überregionales Verbrechen gibt, bleibt der Fall hier.«
Der Staatsanwalt musterte Demoireau unter zusammengezogenen Brauen, doch der Commissaire wandte den Blick nicht ab. Zuletzt zuckte Beringer mit den Schultern. »Wie Sie meinen. Aber wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, übergebe ich den Fall an die Direction départementale.«
Demoireau ignorierte den Einwurf und wandte sich an die anwesenden Beamten. »Wir ermitteln weiterhin in alle Richtungen. Roguenot, Sie konzentrieren sich auf das Umfeld des Opfers. Wem nützt Benoits Tod? Hatte er mit jemandem Streit?« Er trank einen Schluck Wasser. »Brébussy, Sie kümmern sich um Benoits Vergangenheit und sprechen mit seinem Arzt. Gab es eine Frau in seinem Leben? Existieren noch weitere Verwandte außer seinem Neffen und seiner Halbschwester? Und recherchieren Sie Benoits früheren beruflichen Hintergrund und seine finanzielle Lage. Finden Sie heraus, ob er einen Notar hatte, und überprüfen Sie, ob es stimmt, was Dompierre bezüglich des verschwundenen Testaments sagt.«
Pouff ergriff das Wort. »Wollen wir einen Aufruf in die Zeitung setzen? Vielleicht meldet sich ein Zeuge.«
Beringer schüttelte den Kopf. »Dazu ist es noch zu früh«, sagte er. »Wenn der Mörder tatsächlich aus dem Umfeld von Benoit kommt, würden wir ihn damit nur warnen. Im Augenblick schreiben die Medien von einem Raubmord. Dabei sollte es fürs Erste bleiben.«
»In Ordnung.« Demoireau sah Beringer fragend an. »Monsieur le Procureur, sprechen Sie mit dem Richter wegen der Genehmigungen?«
Der Staatsanwalt nickte und stand auf. »Ich muss Ihnen nicht sagen, dass Eile geboten ist«, knurrte er. »Der Mord ist jetzt zwei Tage her, und bisher haben Sie noch nicht einmal einen Verdächtigen.«
Emetoit erhob sich. »Dann gehe ich mal und weise meine Leute ein«, sagte er und wandte sich zur Tür.
Die anderen standen ebenfalls auf und verließen murmelnd den Raum. Guillaume Mistral blieb an der Tür stehen und hatte offenbar vor, auf Lilou zu warten, doch sie stand neben Demoireau und dem Staatsanwalt und versuchte, etwas von deren Gespräch mitzubekommen. Als der Name »Petuchow« fiel, trat sie einen Schritt vor.
»Ich habe uns für 19.00 Uhr angekündigt«, mischte sie sich ein.
Der Staatsanwalt sah sie an, sichtlich irritiert. »Und Sie sind?«, fragte er brüsk.
»Lilou Braque, Élève Commissaire«, stellte sie sich vor.
Der Mann hob kurz die Brauen. »Salut, Demoireau«, sagte er dann und wandte sich zum Gehen, ohne Lilou weiter zu beachten. Sie schluckte und fühlte sich mal wieder nicht ernst genommen.