Auf dem Weg nach Avignon war Demoireau ungewöhnlich gut gelaunt. Er hatte das Radio eingeschaltet und pfiff die Melodien mit, egal ob er sie kannte oder nicht. Lilou war schweigsam, die unhöfliche Reaktion des Staatsanwalts lag ihr noch immer schwer im Magen. Irgendwann schien das sogar Demoireau aufzufallen.
»Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen«, sagte er. »Beringer hat mich anfangs nicht anders behandelt.«
»Warum tut er das?«, fragte Lilou. »Fühlt er sich dann besser?«
Demoireau räusperte sich. »Er trägt eine große Verantwortung. Man muss sich ihm beweisen, immer und immer wieder. Hat man sich erst seinen Respekt verdient, kann man gut mit ihm zusammenarbeiten.«
»Wie lange dauert das?«
Der Commissaire verzog das Gesicht. »Bei mir waren es ungefähr zehn Jahre.«
»Oh.« Lilou schluckte. »Was haben Sie in der Zeit gemacht?«
»Meine Arbeit. Was sonst?«
Lilou schwieg. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine so lange Zeit mit jemandem zusammenzuarbeiten, der einem nur mit Misstrauen begegnete. Demoireau musste ein wahrhaft dickes Fell haben – sie wäre dem Staatsanwalt wahrscheinlich irgendwann ins Gesicht gesprungen.
Der Verkehr wurde immer dichter, je näher sie Avignon kamen, und staute sich zuletzt die Uferstraße an der Rhône entlang. Lilou hoffte halb, der Commissaire würde das Blaulicht aufs Dach setzen und die Kolonne überholen, aber er war die Ruhe in Person und quälte sich mit allen anderen durch das Nadelöhr am Boulevard Saint-Lazare. Sie nutzte die Zeit, um ihm von ihren Recherchen zu Dimitri Petuchow zu berichten. Demoireau nahm es ohne Kommentar hin; nur als sie Petuchows Vergangenheit als Organisator von Sex-Touren erwähnte, machte er »Hm, hm«.
In Avignon war Lilou noch nie gewesen. Natürlich kannte sie das alte Lied von der Brücke, und sie wusste auch, dass im Spätmittelalter die Päpste einige Jahrzehnte lang hier residiert hatten. Aber die schneeweißen Mauern des Palais des Papes mit eigenen Augen direkt aus dem schroffen Fels am Fuße der Stadtmauer emporwachsen zu sehen, war etwas ganz anderes. In Sichtweite der berühmten Pont d’Avignon, auf der man inzwischen nur noch gegen Eintritt tanzen durfte, bog Demoireau durch einen beeindruckenden Torbogen in die Altstadt ab.
Hinter der nächsten Kreuzung war von dem alles überragenden Papstpalast nichts mehr zu sehen. Enge Gassen mit erstaunlich niedrigen Häusern, verwinkelte Plätze und bogenförmige Durchgänge, und dazwischen immer wieder schattiges Grün, kaum dass eine freie Fläche genügend Raum für die Krone eines Baumes bot. Lilou hatte längst die Orientierung verloren, als Demoireau endlich am Straßenrand anhielt. Die Parkbucht war als Ladezone gekennzeichnet. Er holte eine carte de l’autorisation mit dem blau-weiß-roten Emblem der Police nationale hinter der Sonnenblende hervor und legte sie gut sichtbar an die Windschutzscheibe.
Das La Cocotte befand sich schräg gegenüber, und Lilou musterte erstaunt die Fassade. Sie war in kräftigen Farben gestrichen, wobei Rot, Schwarz und Weiß dominierten. Eine große Leuchtreklame verkündete den Namen des Etablissements, und ein hünenhafter Mann in schwarzem Anzug bewachte den Eingang.
Demoireau zeigte seinen Polizeiausweis, und der Riese winkte sie wortlos durch. Lilou brauchte einen Moment, um sich an das schummrige Dämmerlicht zu gewöhnen, das im Inneren herrschte. Ein schmaler Flur führte tiefer in das Gebäude. Rechter Hand befand sich eine Garderobe, hinter dem Tresen saß eine ältere, stark geschminkte Frau und starrte sie missmutig an.
Der Gastraum war zum Glück etwas besser ausgeleuchtet. Kleine runde Tische waren im Raum verteilt, und abgetrennte Nischen zogen sich die Wand entlang. Etwa die Hälfte der Tische war besetzt, das Publikum bestand hauptsächlich aus Männern.
In diesem Augenblick flammten vier Spots auf, die eine kleine Bühne in der Mitte des Raums beleuchteten, und ohrenbetäubende Musik setzte ein. Eine Frau trat aus der Dunkelheit. Sie stieg auf irrwitzig hohen Schuhen auf das Podium und trat an eine silberne Stange, die in der Mitte der Bühne stand. Sie trug eine Art Badeanzug aus glitzernden Schnüren, der mehr enthüllte als verdeckte, sowie eine silbern glänzende Perücke, die Lilou an Lametta erinnerte. Der Scheinwerfer begann im Rhythmus der Beats zu flackern, und die Frau ergriff mit beiden Händen die Stange. Als ob für sie die Gesetze der Schwerkraft nicht gälten, schwang sie die Beine empor und drehte eine langsame Pirouette.
Demoireau legte Lilou die Hand auf die Schulter und deutete mit der anderen nach hinten. Sie nickte und riss sich von dem Anblick der Tänzerin los. Die Männer begannen, rhythmisch zu klatschen. Sie mochten bei der Vorführung anders empfinden, Lilou aber bewunderte die fließenden Bewegungen und die Leichtigkeit der Darbietung, der man keinerlei Anstrengung anmerkte.
Als sie die Bühne passierten, hing die Tänzerin gerade mit durchgedrücktem Rücken kopfüber an der Stange. Sie hob den Kopf, die silbernen Haare teilten sich wie ein Vorhang. Das Gesicht der jungen Frau befand sich plötzlich keine zwanzig Zentimeter vor Lilou, so grell ausgeleuchtet, dass sie sogar die Sommersprossen auf der Nase erkennen konnte. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und runzelte die Stirn. Sie kannte die Frau!
Der Commissaire hatte inzwischen die Theke erreicht und sprach mit einer wasserstoffblonden Bardame. Eine schwarze Korsage presste ihre Brüste so weit nach oben, dass sie kaum noch von Stoff bedeckt wurden, doch er ließ sich davon nicht beeindrucken und blickte ihr unverwandt ins Gesicht. Viel zu viel Schminke, künstliche Wimpern und ein grellrot bemalter Mund, mehr konnte Lilou nicht erkennen, dann setzte sich Demoireau wieder in Bewegung und eilte, ohne nach rechts und links zu schauen, in den hinteren Bereich des Raums, und sie folgte ihm.
Beim Näherkommen wurde eine breite Tür in der dunklen Wandverkleidung sichtbar, neben der ein weiterer Mann im schwarzen Anzug stand, der ein Bruder des Hünen vor der Tür hätte sein können. Er hatte eine Hand ans Ohr gelegt, und sein Mund bewegte sich, er nickte ihnen zu und öffnete die Tür.
Hinter der Tür befand sich ein dicker Vorhang und schirmte das Licht ab, das einen kahlen Flur erhellte. Rechts und links gingen Türen ab, eine stand halb offen, und Lilou erblickte Garderobenständer mit glitzernden Kostümen und Haken mit Perücken. Zwei Frauen saßen mit dem Rücken zu ihnen vor einem Spiegel und schminkten sich; sie trugen die gleichen schwarzen Korsagen wie die Barkeeperin und achteten nicht auf sie.
Der Türsteher war ihnen gefolgt und begleitete sie ans Ende des Flurs. Er klopfte an eine weiß gestrichene Tür, wartete einen Augenblick, und auf ein Zeichen hin, das offenbar nur er hören konnte, öffnete er die Tür und ließ sie eintreten.
Petuchow war eine Überraschung, er entsprach überhaupt nicht dem Klischeebild eines Barbesitzers. Nichts an ihm war schmierig oder unangenehm, ganz im Gegenteil. Ein nicht sehr großer schlanker Mann mittleren Alters erhob sich hinter einem aufgeräumten Schreibtisch, auf dem ein Laptop neben einem aufgeschlagenen Aktenordner stand. Dimitri Petuchow trug einen hellen Anzug mit einer bunt gemusterten Krawatte und eine goldgefasste Brille. Er strahlte eine lässige Eleganz aus, die von jahrelanger Übung zeugte. Seine Augen leuchteten stahlblau und bildeten einen attraktiven Kontrast zu seinem dunklen Teint und den tiefschwarzen Haaren, die an den Schläfen silbrig schimmerten.
Er kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. »Es ist mir eine Ehre, mon commissaire.« Er schüttelte erst Demoireau, dann Lilou die Hand und deutete eine Verbeugung an. »Und eine Freude, Madame le Commissaire«, sagte er und zeigte strahlend weiße Zähne.
Sein Händedruck war angenehm, trocken und fest. Sein Blick hatte etwas Hypnotisches, und Lilou musste sich zwingen, sich von diesen Augen loszureißen. Goldene Punkte tanzten im Blau, als sein Gesicht sich zu einem Lächeln verzog.
»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte er und deutete auf die lederne Sitzgarnitur, die in der Ecke des Büros stand. »Wasser, oder vielleicht einen Kaffee?«
Der Aufpasser war an der Tür stehen geblieben und sah sie abwartend an. Demoireau schüttelte den Kopf, daraufhin zog der große Mann geräuschlos die Tür ins Schloss. Petuchow wartete, bis sie und der Commissaire sich gesetzt hatten, dann nahm er ebenfalls Platz. Lilou holte ihr Smartphone aus der Tasche, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Als sie Petuchows Blick spürte, der ihre Beine musterte, richtete sie sich auf und stellte die Füße nebeneinander.
»Ich nehme an, es geht um Monsieur Frédéric Benoit aus Carpentras?« Der Weißrusse sah fragend von Demoireau zu ihr.
Demoireau nickte knapp. »Sie haben mit Monsieur Dompierre gesprochen?«
»Mais oui«, erwiderte Petuchow. »Dompierre arbeitet für mich, und ich hätte es sehr …«, er machte eine kurze Pause, »… befremdlich gefunden, wenn er mir nicht gesagt hätte, dass er meinen Namen der Polizei gegenüber erwähnt hat.«
Petuchow sprach in sorgfältig formuliertem Französisch, aber mit deutlichem Akzent, der seine slawische Herkunft verriet.
»Wie haben Sie Monsieur Benoit kennengelernt?«, fragte Demoireau.
»Ich suche schon seit längerer Zeit ein Lokal in Carpentras«, begann Petuchow. »Es ist nicht einfach, eine passende Lokalität zu finden, die genügend Raum für unsere …«, wieder eine Pause, »… Bedürfnisse bietet. Die Garderoben, der Ruheraum für die Tänzerinnen, die Küche, das Warenlager, und so weiter. Es ist praktisch unmöglich, so etwas im Stadtzentrum zu bekommen. Als Monsieur Dompierre von dem leer stehenden Lokal im Haus seines Onkels erzählte, war ich natürlich sofort interessiert.« Petuchow beugte sich vor. »Der Preis war dabei fast egal, es wäre für Monsieur Benoit also ein sehr gutes Geschäft geworden.«
»Aber Benoit wollte nicht.«
»Nein.« Der Mann schüttelte den Kopf und machte ein betrübtes Gesicht. »Ich habe ihm sogar angeboten, das Haus zu kaufen. Ich hätte deutlich mehr als den ortsüblichen Preis bezahlt. Monsieur Benoit hätte sich mit dem Geld in das teuerste Altersheim der Stadt einkaufen können. Aber das wollte er auch nicht.« Petuchow seufzte. »Das schon gar nicht.«
»Wann waren Sie bei Monsieur Benoit?«
»Das war letzte Woche. Einen Moment, bitte.« Er stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und griff nach einem großen Smartphone. Mit dem Telefon in der Hand kehrte er zurück. Er tippte mehrmals auf den Bildschirm, dann sah er hoch. »Am Mittwoch letzter Woche.«
Lilou notierte das Datum.
»Monsieur Dompierre hat uns erzählt, dass es Streit gab«, hakte Demoireau nach. »Worum ging es da genau?«
»Der alte Mann war ein Sturkopf«, sagte Petuchow und schüttelte den Kopf. »Er wollte nichts von einer Vermietung hören, und je höher ich mit dem Preis ging, desto wütender wurde er auf mich. Ich habe es nicht verstanden.«
»Er wollte wohl keine Bar in seinem Haus haben«, warf Lilou ein, die sich an die lautstarke Auseinandersetzung mit Nicolas Dompierre erinnerte.
»Er wollte nichts und niemanden in seinem Haus haben«, korrigierte sie Petuchow. »Dompierre hat mir erzählt, dass er andere Interessenten genauso abgekanzelt hat.«
»In welchem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu Nicolas Dompierre?«
»Ich sagte doch schon, er arbeitet für mich.« Petuchow stand auf und ging zum Fenster, das auf einen schattigen Innenhof hinausging. »Dompierre kümmert sich um meine Immobilien, spricht mit Handwerkern, beauftragt den Gärtner. Manchmal legt er auch selbst Hand an.«
»Er ist bei Ihnen angestellt?«
Petuchow schüttelte den Kopf. »Nein, er ist entrepreneur, ein freier Unternehmer. Ich rufe ihn an, wenn ich ihn brauche, darüber hinaus habe ich nichts mit ihm zu tun.«
Lilou ergriff das Wort. »Wenn Sie das Haus gekauft hätten, was hätten Sie mit den Wohnungen oben gemacht?«
Petuchow versteifte sich kaum merklich. »Warum interessiert Sie das?«
Sie gab keine Antwort, sondern sah ihn nur fragend an.
»Ich hätte den Mietern wahrscheinlich über kurz oder lang gekündigt«, gab er zu. »Die Mädchen, die bei mir arbeiten, kommen fast alle aus dem Osten. Sie sprechen kaum Französisch, und es ist einfacher für sie, wenn sie bei mir wohnen können.«
»Und Sie müssten ihnen dann weniger bezahlen«, stellte Lilou fest.
»Das ist ja wohl meine Sache, oder nicht?« Das einnehmende Gesicht des Weißrussen verzog sich kurz zu einer abfälligen Grimasse, dann hatte er sich wieder im Griff. »Ich bezahle die Mädchen gut, besser als die Konkurrenz. Sie können sie gerne fragen, keine hat einen Grund zur Klage.«
»Das könnte ich, wenn sie mich denn verstehen würden«, konterte Lilou.
Demoireau warf Lilou einen warnenden Blick zu. Sie presste die Lippen aufeinander. Er hatte recht. Sie befragten Petuchow zu dem Mord an Monsieur Benoit. Wie er seine Angestellten bezahlte, ging sie nichts an. Aber es fiel ihr schwer, seine Vergangenheit auszublenden. Er hatte mit Sextourismus Geld verdient, und nun beschäftigte er Mädchen als Bardamen und Tänzerinnen, die von weit her kamen und kaum die Landessprache beherrschten. Für Lilou stank das zum Himmel. Aber es hatte nichts mit ihren Ermittlungen zu tun, also blieb all das außen vor. Sie seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Vernehmung.
»Hätte Dompierre für seine Vermittlung eine Provision erhalten?«, fragte der Commissaire gerade.
»Selbstverständlich.« Petuchow sah Demoireau irritiert an. »Ich bezahle meine Geschäftspartner. Immer.«
»In welcher Höhe würde sich solch eine Provision bewegen?«
»Das hängt vom letztendlichen Verhandlungsergebnis ab«, sagte Petuchow ausweichend. »Ich werde Ihnen keine Zahlen nennen. Außerdem ist das Geschäft ja gar nicht zustande gekommen.«
»Aber jetzt, da Monsieur Benoit tot ist, steht dem ja nichts mehr im Wege«, warf Lilou ein.
»Das ist richtig. Ich werde mich mit den Erben in Verbindung setzen.«
»Sie wissen nicht, wer das Haus erbt?«, fragte Demoireau.
»Woher sollte ich?« Petuchows Miene verzog sich zu einem amüsierten Grinsen. »Falls Sie mir daraus ein Mordmotiv unterstellen wollen, muss ich Sie enttäuschen. So wichtig, dass ich dafür einen Mord begehen würde, ist mir die Lage des Hauses auch wieder nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe noch zwei oder drei andere Objekte im Auge. Nicht ganz so perfekt, aber durchaus geeignet für das, was ich vorhabe.«
»Was haben Sie denn vor?« Demoireau schien ehrlich interessiert.
»So etwas wie das La Cocotte natürlich.« Petuchow erhob sich. »Das Konzept ist überaus erfolgreich«, fuhr er fort. »Gutes Essen, gehobene Atmosphäre, moderne Musik und die Tanzvorführungen. Das kommt an bei den Leuten.«
»Sagen Sie uns trotzdem noch, wo Sie am Dienstag um die Mittagszeit waren?«
»Lassen Sie mich nachdenken.« Er zog sein Smartphone aus der Brusttasche und tippte darauf herum. »Ach ja, ich war hier. Wir haben neue Tänzerinnen gecastet. Einige von meinen Mädchen waren dabei, und meine beiden Türsteher ebenfalls. Sie können sie gerne fragen.«
Demoireau stand ebenfalls auf, und Lilou folgte seinem Beispiel. »Wir melden uns, wenn wir weitere Fragen haben«, sagte er und gab Petuchow zum Abschied die Hand.
»Ich freue mich immer, wenn ich der Polizei helfen kann«, erwiderte der Weißrusse. Er schüttelte dem Commissaire die Hand und zeigte seine blitzenden Zähne. Seine Stimme klang warm und aufrichtig.
Er reichte auch Lilou die Hand und behielt sie einen Augenblick länger in der seinen. Die goldenen Punkte in seinen Augen schienen zu funkeln, und sie verstand auf einmal die enthusiastische Reaktion der Polizistin, mit der sie telefoniert hatte.
Sie riss sich von diesen Augen los und wandte sich zur Tür. In diesem Moment wurde sie aufgerissen, und die Tänzerin von vorhin kam herein. Sie trug noch immer ihr knappes Kostüm und hielt die silberne Perücke in der Hand. Dunkelblondes Haar umrahmte ein hübsches Gesicht, die Schminke wirkte im hellen Licht des Büros fast wie eine Maske.
»Dimitri, mein Schatz, kannst du mir …«, begann sie. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er nicht allein im Raum war. Erschrocken starrte sie Lilou an. »Verzeihung, ich komme später wieder«, murmelte sie, drehte sich auf ihren hohen Absätzen um und eilte aus der Tür.
Petuchow öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich aber anders und schloss ihn wieder. Er begleitete Demoireau und Lilou zur Tür und blieb auf der Schwelle stehen. Der Flur war leer. Der Türsteher von vorhin kam ihnen entgegen und führte sie zurück in die Bar. Die Tür zur Garderobe war geschlossen, und von Isabelle Valleron, der Tänzerin mit der silbernen Perücke, war nichts mehr zu sehen.
Das Lokal hatte sich inzwischen gefüllt, fast alle Tische waren besetzt. Die Musik war nicht mehr so laut, und die grellen Spots erloschen. Zwischen den Stühlen eilten Frauen mit Tabletts hin und her und servierten Speisen und Getränke. Sie trugen alle die gleichen schwarzen Korsagen und ein professionelles grellrotes Lächeln auf den Lippen.
Nun waren auch mehr Frauen unter den Gästen. Vor allem in den Separees entlang der Wand saßen mehrere Pärchen bei Kerzenschein und schimmernden Champagnerkübeln. Lilou hielt Ausschau nach Isabelle Valleron, doch die junge Frau war wie vom Erdboden verschluckt.
Zurück im Auto, unterdrückte sie ihren ersten Impuls, dem Commissaire von ihrer Entdeckung zu erzählen. Die junge Frau tat schließlich nichts Verbotenes. Dass eine Beamtin der Stadtverwaltung abends in einer Bar tanzte, war zwar ungewöhnlich, aber nicht strafbar. Außerdem hatte es wohl kaum mit ihrem Fall zu tun, sondern war bestenfalls Zufall.
Trotzdem ging ihr die Begegnung nicht aus dem Sinn. Was veranlasste eine Frau wie Isabelle Valleron, neben ihrer normalen Arbeit solch einen Job zu machen? War es das Tanzen an sich, die artistische Kunst, die sie zum Besten geben wollte? Genoss sie die bewundernden Blicke der Männer? Sie hatte nicht den Eindruck erweckt, als würde sie zu etwas gezwungen, was sie nicht wollte, also ging es sie, Lilou, schon dreimal nichts an. Und dennoch.
Auf der Schnellstraße nach Carpentras ergriff Demoireau das Wort. »Was halten Sie von dem Lokal?«, fragte er.
Lilou hob die Schultern. »Nach außen hin scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte sie. »Die Kollegen, mit denen ich heute Nachmittag über Petuchow gesprochen habe, halten ihn für einen seriösen Geschäftsmann. Seine Weste ist so weiß, dass es schon fast wieder verdächtig ist.«
»Wir dürfen uns nicht von Vorurteilen wegen seiner Vergangenheit leiten lassen«, erinnerte sie Demoireau.
»Ich weiß.« Lilou biss sich auf die Lippen. »Aber bei seinem Background fällt es schwer, an die Legalität seines Etablissements zu glauben. Finden Sie nicht?«
»Ja, natürlich, ich weiß, was Sie meinen. Das, was er in seiner Bar anbietet, könnte weit über das Erlaubte hinausgehen.« Er warf ihr einen ernsten Blick zu. »Aber ich bin mir sicher, dass das den Kollegen in Avignon auf Dauer nicht verborgen geblieben wäre.«
Lilou sagte nichts. Sie erinnerte sich an die enthusiastische Reaktion der Polizistin und an den abfälligen Tonfall, mit dem der Kollege von der Police nationale von den Tänzerinnen gesprochen hatte. Das Wissen um Petuchows Vergangenheit ließ sie immer noch an der Harmlosigkeit des Lokals zweifeln, und sie fragte sich, ob die Polizei vor Ort das Lokal wirklich ernsthaft überprüft hatte. Aber wer war sie schon, dass sie die Einschätzung der zuständigen Behörden anzweifeln durfte? Sie seufzte.
»Glauben Sie, dass er etwas mit dem Tod von Monsieur Benoit zu tun hat?«, fragte sie.
»Was ich glaube, tut nichts zur Sache«, antwortete Demoireau. »Aber dieses Ladenlokal in bester Lage ist ein wichtiger Faktor. Es wurden schon Menschen für weniger ermordet.«
»Hm«, erwiderte Lilou und stellte fest, dass sie sich schon wie der Commissaire anhörte. »Sein Verhältnis zu Nicolas Dompierre erscheint mir jedenfalls …«, sie suchte nach Worten, »… eigenartig«, sagte sie schließlich. »So wie Petuchow von Dompierre gesprochen hat, klang das nicht nach einem normalen Arbeitsverhältnis.«
»Sie meinen, die beiden sind mehr als nur Geschäftspartner?«
»Ich weiß nicht. Immerhin hat Dompierre ihn vorgewarnt, dass wir kommen.«
»Hm.« Demoireau wich einem Lastwagen aus, der plötzlich vor ihnen ausscherte, und trat auf die Bremse. »Sie haben recht. Wir sollten das im Auge behalten.«
»Vielleicht kann Roguenot auch Dompierres finanzielle Verhältnisse überprüfen«, schlug Lilou vor. »Er hat zwar ein Alibi, aber man weiß ja nie.«
»Ja, das sollte er in der Tat. Ich werde es dem Staatsanwalt empfehlen.«
Bis sie zurück in Carpentras waren, zeigte die Uhr fast halb neun. Demoireau brachte Lilou direkt zur Place de l’Horloge. Er ließ sich ihre Dienstwaffe geben – sie hatte in ihrer Wohnung keine Möglichkeit, sie einzuschließen –, dann setzte er den großen Peugeot zurück und verschwand in einer der kleinen Gassen. Wo er wohl wohnte? Lilou hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, dass der Commissaire wohl auch so etwas wie ein Privatleben hatte. Sie wusste, dass seine Eltern in Mirocène lebten und da ein Haus direkt am Marktplatz besaßen. Demoireaus Vater war pensionierter Lehrer, und sie bewirtschafteten zusammen einen kleinen Weinberg. Aber wo er in Carpentras wohnte, ob er verheiratet war oder Kinder hatte, das wusste sie nicht.
In Gedanken versunken, näherte sie sich der Haustür, den Schlüssel schon in der Hand. Plötzlich erhob sich eine unförmige Silhouette aus dem Schatten des Hauseingangs. Lilou fiel vor Schreck der Schlüssel aus der Hand, wie erstarrt blieb sie stehen. Was war das? Die Gestalt kam näher, schälte sich aus der Dunkelheit und entpuppte sich als schmächtiger junger Mann mit hellbraunem Haar. Ein großer neongrüner Rucksack auf seinen Schultern hatte seine Umrisse verzerrt und ihn im ersten Moment bucklig und verwachsen wie Quasimodo erscheinen lassen. Unwillkürlich musste Lilou lachen. Sie bückte sich nach dem Schlüssel, er war auf die gleiche Idee gekommen, und einen Moment lang berührten sich ihre Köpfe.
Er fuhr zurück, stolperte und hatte Mühe, sein Gleichgewicht wiederzufinden.
»Scusez«, stammelte er. »Ich habe nicht …«
»Ist schon okay«, sagte Lilou und hob den Schlüssel auf. »Was tun Sie hier?«
Er warf ihr einen unsicheren Blick zu. »Ich wollte meinen Onkel besuchen«, antwortete er und deutete an der Fassade hoch. »Hier wohnt doch Monsieur Frédéric Benoit?«
Lilou musterte den Mann von oben bis unten. Sein Akzent deutete noch mehr als sein Rucksack auf seine weite Anreise hin. Hatte Nicolas Dompierre nicht von Verwandten in Kanada gesprochen? Aber wieso tauchte er ausgerechnet jetzt hier auf?
»Was wollen Sie von ihm?«
Er sah sie erschrocken an. »Hören Sie, Madame, ich habe nichts Verbotenes getan.«
Jetzt erst wurde Lilou bewusst, dass sie noch immer ihre Uniform trug. Sie musste ihm sagen, dass sein Onkel nicht mehr lebte, aber sie wollte sein Gesicht dabei sehen, und das ging nicht zwischen Tür und Angel.
»Kommen Sie mit.«
Er sagte nichts, sondern stapfte wortlos hinter ihr die Treppe hoch, die Schritte schwer vom Gewicht des Rucksacks. Sie schloss ihre Wohnungstür auf, machte das Licht an und ging zum Fenster, um es zu öffnen. Sie stieß die Fensterläden auf und atmete tief durch. Der junge Mann folgte ihr in die Wohnung und ließ den Rucksack zu Boden gleiten.
»Wohnen Sie hier?«, fragte er und sah sich um.
»Ja.« Sie lächelte ihm aufmunternd zu. »Setzen Sie sich«, sagte sie und deutete auf das Sofa. »Möchten Sie etwas trinken?«
Er schüttelte den Kopf. »Sagen Sie mir einfach, wo ich meinen Onkel finden kann. Wohnt er nicht mehr hier?«
»Monsieur Benoit ist vor zwei Tagen gestorben.«
»Tabernak!« Er starrte sie ungläubig an, seine Miene zeigte ehrliche Bestürzung. »Was ist passiert?«
»Er wurde ermordet.«
Sie achtete genau auf seine Reaktion, aber seine Erschütterung schien echt zu sein. Er wurde blass, dann sank er auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen.
»Nein, das kann nicht sein.« Er hob den Kopf und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. »Bitte sagen Sie, dass das nicht wahr ist.«
»Leider doch.« Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum. »Wer sind Sie eigentlich? Wie heißen Sie?«
»Simon Bastien.« Der junge Mann richtete sich ein wenig auf und tastete nach seiner Hosentasche. Er zog einen dunkelblauen Reisepass heraus und reichte ihn ihr. Die Uniform zeigte offenbar weiterhin Wirkung.
Sie nahm den Pass entgegen und schlug ihn auf. Das Passbild wurde ihm nicht gerecht, in Wahrheit und bei Licht betrachtet, sah er deutlich besser aus. Das sandfarbene Haar, das er auf dem Foto zurückgekämmt trug, fiel ihm in die Stirn und bildete einen ungewöhnlichen Kontrast zu seinen dunklen Augen. Auf den Wangen zeigten sich rötliche Bartstoppeln, die ihm ein verwegenes Aussehen gaben. Er war 26, genauso alt wie sie. Sie hätte ihn jünger geschätzt.
Sie reichte den Pass zurück. »Sie sind ein Sohn von Monsieur Benoits Bruder?«, fragte sie.
»Enkelsohn«, erwiderte er. »Sie wissen von Onkel Frédérics Familie?«
»Sein Neffe hat es erwähnt«, sagte sie.
»Onkel Nicolas?«
»Genau.«
»Wo kann ich ihn finden?«
»Er wohnt ein Stockwerk tiefer«, sagte Lilou.
Der junge Mann seufzte. »Hoffentlich ist er da, ich brauche dringend eine Dusche.« Er sah an sich herab. »Ich bin seit 24 Stunden unterwegs. Heute Morgen bin ich in Paris angekommen und hierher getrampt.«
»Haben Sie denn kein Hotel?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich kann bei Onkel Frédéric wohnen.«
»Er wusste, dass Sie kommen?«
»Ja, natürlich.« Er sah sie erstaunt an. »Er hat mich doch zu sich eingeladen. Meine Mutter und er haben sich regelmäßig geschrieben.«
»Hm.« Lilou überlegte. Dompierre hatte nicht so geklungen, als ob er viel über seine kanadischen Verwandten wusste, geschweige denn, dass sein Onkel Kontakt mit ihnen pflegte. Das war seltsam. Andererseits hatte Monsieur Benoit seinen eigenen Kopf gehabt, das hatte sie im Zuge der Auseinandersetzungen um die Vermietung des Lokals schon mitbekommen. Was Dompierre wohl dazu sagte, dass ausgerechnet jetzt einer der möglichen Erben aus Kanada hier auftauchte? Auf den ersten Blick erschien das mehr als verdächtig, doch der junge Mann machte einen aufrichtigen Eindruck.
Simon Bastien war aufgestanden. Er griff nach seinem Rucksack und ging zur Wohnungstür. »Ich werde jetzt gehen«, sagte er und lächelte scheu. »Danke fürs Reinlassen.«
»Keine Ursache.«
Sie erwiderte das Lächeln und sah ihm nach, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ausgesprochen sympathisch. Sie hoffte wirklich, dass seine Geschichte stimmte, denn sie würde ihn nur ungern verhaften müssen. Wobei … Bei dem Gedanken musste sie grinsen.
Schließlich gab sie sich einen Ruck. Sie stand auf und knöpfte die Uniformbluse auf, hängte sie auf einen Haken, zog die Hose aus und räumte ihre Hosentaschen aus. Dabei fiel ihr Monsieur Benoits Schlüsselbund in die Hände, den sie noch immer bei sich trug. Sie hatte ihn völlig vergessen. Sie legte ihn auf den Tisch und hoffte, dass sie daran dachte, ihn morgen Demoireau zurückzugeben.
Zehn Minuten später kam sie aus dem Etagenbad, nur in ein großes Handtuch gewickelt. Ihre Haare waren feucht und standen kreuz und quer in alle Richtungen ab; sie hatte sie einfach nur trocken gerubbelt, ohne sie auszukämmen. Die Tür zur zweiten Wohnung stand offen, dahinter brannte Licht, und sie hörte die Stimme von Nicolas Dompierre.
Sie sperrte ihre eigene Tür auf, ging hinein und schloss sie mit Nachdruck hinter sich. Sie schlüpfte in eine dünne Baumwollhose und zog ein T-Shirt über, dann fuhr sie sich mit den Fingern ein paarmal durch die Haare. Das musste reichen, schließlich hatte sie nicht vor, heute noch unter Leute zu gehen. Draußen im Flur rumorte es, eine Tür schlug, dann hörte sie den Boiler anspringen und kurze Zeit später das Rauschen von Wasser. Mit der Ruhe in ihrem Dachgeschoss war es nun wohl vorbei.
Sie öffnete den Kühlschrank und inspizierte ihre Vorräte. Die Zucchini, die sie vorgestern gekauft hatte, lag im Gemüsefach, dazu hatte sie noch die Eier, eine Tomate und eine Zwiebel, die dringend wegmusste. Das erinnerte sie an ein Rezept, das sie im Journal d’Armand gesehen hatte: Crespeou, eine Art Kuchen aus geschichteten Omeletts, das klang spannend und lecker.
Sie schlug das Buch auf und las sich die Anweisungen durch. Eigentlich war es ein Resteessen – man konnte praktisch alles, was der Kühlschrank hergab, zwischen die dünn ausgebackenen Omeletts schichten: Pilze, Paprika, Tomaten, Oliven, Schinken und Wurst – es schien hauptsächlich um den bunten Gesamteindruck zu gehen. Normalerweise aß man Crespeou kalt, aber Armand behauptete in einem Nachsatz, dass es frisch aus dem Ofen noch besser schmeckte.
Lilou erhitzte Olivenöl in der gusseisernen Pfanne. Sie schnitt die Tomate in kleine Würfel und die Zwiebel und die Zucchini in dünne Scheiben, die sie nacheinander briet und beiseitestellte. Während sie die Tomaten einkochen ließ, klopfte es an der Tür. Sie öffnete, draußen stand Simon Bastien. Seine Haare waren feucht, er hatte ein frisches T-Shirt angezogen und roch nach ihrem Shampoo.
»Onkel Nicolas hat mir erlaubt, in der anderen Wohnung zu bleiben«, sagte er. »Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen.«
Lilou nickte. »Okay.«
Er war an der Tür stehen geblieben und schnupperte. »Hm, das riecht aber gut«, stellte er fest und sah sehnsuchtsvoll auf die Pfanne. Sein Bauch gab ein deutlich hörbares Grummeln von sich, er lächelte entschuldigend. »Scusez, ich habe seit heute Morgen nichts gegessen.«
Lilou warf einen Blick auf die Uhr. »Die Restaurants haben alle schon zu«, sagte sie. »Aber in der Bar gegenüber bekommen Sie vielleicht noch etwas.«
»Ich fürchte, ich habe gar nicht genug Geld«, erwiderte der junge Mann leise und senkte den Kopf.
Hinter ihr zischte es, und Lilou trat schnell an den Herd, um die Hitze zu reduzieren.
Sein Magen ließ erneut ein Knurren vernehmen. Lilou seufzte und rang einen Augenblick mit sich, aber am Ende gewann sein einnehmendes Lächeln. »Wenn Sie möchten, können Sie mit mir essen«, sagte sie.
»Das wäre großartig.« Er strahlte sie an. »Danke.«
Lilou machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist schon okay, es reicht für uns beide.«
Die Tomatenwürfel waren zu einer dicken Soße verkocht. Lilou kippte sie in eine Schüssel, die sie beiseitestellte, und wischte die Pfanne mit einem Stück Küchentuch aus.
»Es ist gleich fertig. Sie können sich schon mal setzen.« Sie deutete auf das Sofa. »Wir müssen am Couchtisch essen«, fügte sie entschuldigend hinzu. »Ich habe nur einen Stuhl.«
»Moment«, antwortete er und verließ die Wohnung. Einen Augenblick später kam er mit einem alten Holzstuhl zurück, in der anderen Hand hielt er ein zerdrücktes Baguette.
»Ich kann auch etwas zum Essen beisteuern«, sagte er und überreichte es ihr mit einer galanten Verbeugung.
Lilou musste lachen. Das Baguette hatte durch den Aufenthalt im Rucksack gelitten, es war weich und zäh geworden. Sie schnitt es in mehrere Stücke, die sie längs halbierte, und ließ die Scheiben auf der heißen Herdplatte anrösten.
Währenddessen schlug sie fünf Eier in eine Schüssel, gab Salz, frisch gemahlenen Pfeffer und einen Schuss Milch dazu und verrührte alles mit einem Schneebesen, bis der Dotter einen gelben Schaum bildete. Sie goss die erste Schicht in die Pfanne, gab die gerösteten Zwiebeln obenauf und wartete, bis die Masse am Boden stockte, dann ließ sie das dünne Omelett in eine feuerfeste Form gleiten, die sie zum Garziehen in den vorgeheizten Backofen stellte. Dasselbe wiederholte sie erst mit der Zucchini und anschließend mit der Tomatensoße. Das vierte und letzte Omelett würzte sie mit Kräutern der Provence. Die Dose mit den Lavendelblüten stand noch auf der Anrichte, und Armand Benoits Empfehlung folgend, streute sie eine Prise davon in die Pfanne, bevor sie die Eiermasse eingoss. Sie regulierte die Hitze herunter und deckte die Pfanne zu.
Simon Bastien kam heran und sah ihr neugierig über die Schulter. Als sie den Deckel von der Pfanne mit den Eiern hob, schloss er die Augen und schnupperte.
»Sie verwenden Lavendel zum Kochen?«, fragte er überrascht. Er griff nach der Dose mit den Lavendelblüten, öffnete das Gefäß und tauchte die Nase hinein. »Meine maman macht das auch, aber sie sagt immer, man braucht die richtigen Blüten dafür. Die bekommt man in Kanada kaum.«
»Ich habe das von einem französischen Sternekoch gelernt«, antwortete Lilou und deutete auf das Journal d’Armand, das noch auf dem Tisch lag. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, als er zum Tisch ging und es aufschlug, aber er zeigte kein Zeichen des Wiedererkennens.
»Was ist das?«, fragte er mit ehrlichem Interesse in der Stimme. Langsam blätterte er durch die eng beschriebenen Seiten. »Ich kann kein Wort davon lesen.«
»Das ist das Küchentagebuch von Armand Benoit«, sagte sie. »Und möglicherweise der Grund für die Ermordung deines Onkels«, fügte sie im Geiste hinzu, aber sie sprach es nicht laut aus. »Er war in den Siebzigerjahren ein ziemlich berühmter Koch«, fuhr sie stattdessen fort.
»Benoit? Ein Verwandter von Onkel Frédéric?«
»Ja.« Lilou nickte. »Monsieur Benoit hat es mir kurz vor seinem Tod gegeben.«
Nun verzog er doch das Gesicht, er runzelte die Stirn, und einen Moment lang wirkte er verbittert. Aber im nächsten Augenblick war der Eindruck verflogen, er schlug das Journal d’Armand zu und strich mit den Fingern über den roten Umschlag, ehe er es zurücklegte.
Hatte sie sich in ihm getäuscht? Lilou hatte nicht den Eindruck, dass er sie belog, aber nun war sie nicht mehr so sicher. Sie wandte sich wieder dem Herd zu und rüttelte die Pfanne etwas heftiger als nötig, um das Omelett vom Boden zu lösen. Sie musste unbedingt seine Geschichte überprüfen, wie auch immer sie das anstellen sollte.
Im Kühlschrank fand sie noch ein Stück Käse, den rieb sie auf das letzte Omelett, und er schmolz sofort zu duftenden kleinen Seen. Sie öffnete die Ofenklappe, schichtete das Omelett auf die anderen drei und beschwerte das Crespeou mit einem Topf. Dann schaltete sie den Ofen aus und schloss ihn wieder. Sie nahm zwei Teller aus dem Schrank und das Besteck aus der Schublade und deckte den Tisch.
Nach fünf Minuten holte Lilou das Crespeou aus dem Ofen und stürzte es auf einen Teller. Sie schnitt es in zwei Teile, einen größeren für ihren unerwarteten Gast und einen kleineren für sich. Sie verteilte die Hälften auf die beiden Teller, legte geröstete Brotstücke daneben und trug alles zum Tisch. Simon Bastiens Blick wurde verklärt.
»Das sieht wunderbar aus. Genau das, was ich jetzt brauche.«
Lilou lächelte über seine aufrichtige Freude. Sie öffnete den Kühlschrank und holte die Flasche Rosé aus der Domaine du Pétrarque heraus.
»Möchten Sie ein Glas Wein zum Essen?«
»Ja, sehr gern«, antwortete er. Er nahm ihr die Flasche aus der Hand und studierte das Etikett. »Wo sind die Gläser?«
»Über der Spüle«, antwortete Lilou und deutete zur Küche.
Er sah in den Schrank und verzog schmerzvoll das Gesicht. »Keine Weingläser?«
»Nein, so etwas habe ich leider nicht.«
Er seufzte. »Das hat der Wein nicht verdient.«
Trotzdem nahm er zwei kleine Wassergläser heraus und brachte sie mit der geöffneten Weinflasche zum Tisch. Über den linken Unterarm hatte er ein Küchentuch gelegt und goss ihr mit einer theatralischen Geste einen winzigen Schluck ein.
»Bitte sehr, wenn Madame probieren möchten?«
Lilou lachte und nahm das Glas in die Hand. Sie hielt es gegen das Licht, roch daran und kräuselte die Nase, dann nahm sie einen Schluck. »Er ist ganz vorzüglich«, sagte sie, auf das Spiel eingehend.
Er verbeugte sich und goss ihr Glas voll. Dann schenkte er sich selbst ein und nahm ihr gegenüber Platz.
»Prost«, sagte er und hob das Glas. »Wie heißen Sie eigentlich?«
»Ich heiße Lilou«, antwortete sie und ließ ihr Glas gegen seines klirren. »Und wir können uns auch duzen.«