Kapitel 8

Lilou drängte sich durch die Menschentraube, die sich an der Hauptstraße gebildet hatte, und war diesmal froh über ihre Polizeiuniform, denn die Leute machten ihr bereitwillig Platz. In der Mitte der Straße lag eine schlanke Gestalt. Die dunkelblonden Haare waren wie ein Fächer auf dem Asphalt ausgebreitet und nahmen langsam eine immer dunklere Farbe an, die nicht vom Straßenschmutz kam. Das cremefarbene Sommerkleid war hochgerutscht, die Beine voller Blut, sie standen in einem unmöglichen Winkel vom Körper ab. Durch die Haut des Oberschenkels stach hell das spitze Ende eines Knochens, und Lilou biss bei dem Anblick die Zähne zusammen. Sie ging neben Isabelle Valleron in die Hocke. Die Frau hatte die Augen geschlossen, ihr Gesicht war blutverschmiert, sie bewegte sich nicht. Lilou legte die Hand an ihren Hals. Erleichterung durchströmte sie, da war ein Puls.

Ein Mann löste sich aus der Gruppe von Menschen und kam heran. »Ich bin Arzt«, sagte er. »Lassen Sie mich mal zu ihr.«

Lilou erhob sich und zog das Telefon aus der Tasche. »Ich habe schon die 112 angerufen«, rief eine Frau, die in der vordersten Reihe der Schaulustigen stand. Lilou nickte ihr zu und rief Demoireaus Nummer auf. Sie ließ es lange läuten, aber der Commissaire nahm den Anruf nicht an. Wahrscheinlich saß er gerade beim Mittagessen und wollte sich nicht stören lassen.

Sie steckte das Telefon weg und richtete sich auf. Autofahrer hatten angehalten und waren ausgestiegen, zwei Fahrer gestikulierten heftig, der hintere hatte offenbar nicht rechtzeitig gebremst und war seinem Vordermann in die Stoßstange gefahren. Von weiter hinten war ein Hupkonzert zu hören.

»Hat jemand etwas gesehen?«, rief sie laut. »Wo ist der Unfallwagen, der sie angefahren hat?«

Niemand sagte etwas, einige hoben die Schultern und blickten sich um. Eine Frau mittleren Alters drängte sich durch die Menge.

»Es war ein weißes Auto«, erklärte sie bestimmt. »Es ist von der Nebenfahrbahn gekommen und hat sie einfach über den Haufen gefahren.«

»Das stimmt«, gab ihr ein älterer Mann recht. »Die Fußgänger hatten Grün, und sie war auf dem Zebrastreifen. Aber er ist einfach losgefahren.«

»Hat sich jemand das Kennzeichen gemerkt?«, fragte Lilou und sah in die Runde. Aus der Entfernung hörte sie die Sirene eines Rettungswagens näher kommen.

Die Menschen schauten sich an, mehrere schüttelten den Kopf. Lilou zog ihr Smartphone hervor und notierte sich die Namen und Adressen der beiden Zeugen. Die Frau behauptete steif und fest, der Wagen habe schon seit einigen Minuten auf dem schmalen Streifen zwischen der Haupt- und der Nebenfahrbahn gestanden, ganz so, als ob er auf etwas gewartet hätte. Der Mann bestritt diese Aussage und war sicher, das Auto mit überhöhter Geschwindigkeit auf die Kreuzung zufahren gesehen zu haben. Nicht einmal über die Fahrzeugmarke waren die beiden sich einig: Die Frau nannte es vage einen Kleinwagen, während der Mann von einem »großen Mercedes« sprach. Lilou nahm beide Aussagen zu Protokoll. Leider konnten beide den Fahrer nicht beschreiben, die Sonne habe sich in den getönten Scheiben gespiegelt, und es sei nichts zu erkennen gewesen, außer dass ziemlich sicher nur eine Person im Wagen gesessen habe.

Die zwei Autofahrer, die noch immer um ihren Auffahrunfall stritten, winkten heftig, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch Lilou ignorierte sie. Um den Blechschaden konnten sich gleich die Kollegen kümmern, ihr ging es um Isabelle Valleron. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Unfall kein Zufall war, sondern etwas mit ihrer Verabredung zu tun hatte.

Der Rettungswagen war inzwischen eingetroffen und näherte sich langsam der Unfallstelle, dicht gefolgt von einem Streifenwagen, der am Straßenrand anhielt. Zwei Beamte, deren Namen sie nicht kannte, stiegen aus. Sie hob grüßend die Hand, die beiden nickten ihr zu und begannen, die Straße großräumig abzusperren. Sie drängten die Schaulustigen zurück auf den Bürgersteig, und Lilou bemerkte, dass die Ersten den Schauplatz bereits wieder verließen. Der Rettungswagen hielt genau neben Isabelle Valleron, zwei Sanitäter und ein Notarzt sprangen heraus. Der Mann, der sich zuvor als Arzt zu erkennen gegeben hatte, erhob sich von der Seite der Verletzten und wechselte einige Worte mit dem Notarzt, während die beiden Sanitäter mit der Versorgung der jungen Frau begannen. Der eine legte ihr eine Halskrause an und faltete eine wärmende Folie auseinander, während der Zweite eine gepolsterte Trage aus dem Rettungswagen zog. Zu dritt hoben sie Isabelle Valleron darauf, die gebrochenen Beine wurden mit Gurten fixiert, und Lilou wandte die Augen ab. Zum Glück bekam Isabelle nichts davon mit.

Zwei weitere Polizeiwagen und ein Fahrzeug der Police municipale näherten sich mit Blaulicht auf der Nebenfahrbahn. Ihr Handy klingelte, es war Commissaire Demoireau. Mit kurzen Worten setzte sie ihn ins Bild und erwähnte auch das geplante Treffen mit der Tänzerin, ohne ihm zu verraten, dass sie Isabelle in der Mairie kennengelernt hatte.

»Fahren Sie mit dem Rettungswagen mit«, trug er ihr auf, ohne auf ihre Eigenmächtigkeit einzugehen. »Bleiben Sie bei ihr, ich komme so schnell wie möglich ins Krankenhaus.«

Einer der Rettungssanitäter schloss gerade die Flügeltüren des Wagens hinter Isabelle Valleron, und sie winkte ihm zu. Er verzog missbilligend das Gesicht, als sie ihren Wunsch äußerte, und erst als sie ihm sagte, dass die Anweisung von Commissaire Demoireau kam, öffnete er die Hecktür erneut. Sie kletterte hinein und quetschte sich an dem Notarzt vorbei, der an Isabelles Seite saß. An der Vorderwand fand sie einen kleinen Klappsitz, auf dem sie Platz nahm. Sie hatte nichts, woran sie sich festhalten konnte, und spannte die Beinmuskeln an, als der Fahrer schwungvoll die erste Kurve nahm.

 

Lilou rutschte unbehaglich auf einem der Besucherstühle hin und her. Der Krankenhausflur war strahlend weiß, und aus einem Lüftungsgitter genau über ihr strömte eiskalte Luft. Die hellblaue Sitzschale aus Hartplastik brachte ihre Kehrseite zum Schwitzen, während sie an den Oberarmen fröstelte. Ein Team, bestehend aus einem Arzt und zwei Krankenpflegern, hatte Isabelle Valleron eilig in Empfang genommen, und einer von ihnen hatte Lilou diesen Stuhl zugewiesen. Dann waren sie mit der Verletzten hinter einer Tür aus Milchglas am Ende des Ganges verschwunden. Über der Tür brannte ein rotes Licht: Kein Zutritt.

Eine Krankenschwester eilte über den Flur und warf Lilou einen fragenden Blick zu, aber sprach sie nicht an. Einmal wurde ein Bett vorbeigeschoben, der Mann, der darauf lag, war fast so weiß wie das Laken und hatte die Augen geschlossen. Der Pfleger, der ihn begleitete, trug grüne Kleidung und eine grüne Stoffkappe auf dem Kopf. Normale Besucher sah sie keine.

Irgendwann stand Lilou auf, um dem kalten Luftstrom zu entkommen, und ging langsam den Gang entlang. Die Wände, die auf den ersten Blick so klinisch rein wirkten, waren es in Wahrheit nicht. Die gummierten Kanten der Betten hatten schwarze Streifen und die metallenen Rahmen tiefe Kratzer hinterlassen, die man nur notdürftig übermalt hatte. Jedes Mal, wenn Lilou ihren Blick auf den Boden richtete, sah sie erneut Isabelle Vallerons gekrümmte Gestalt daliegen. Sie schloss die Augen, Tränen brannten hinter ihren Lidern.

Dann riss sie sich zusammen. Sie traf keine Schuld, sie musste jetzt einen klaren Kopf bewahren. An einen simplen Unfall mit Fahrerflucht wollte sie nicht recht glauben. Die Zeugenaussagen deuteten darauf hin, dass es jemand gezielt auf die junge Frau abgesehen hatte. Ob ihr geplantes Treffen der Auslöser für die Tat gewesen war? Oder gab es andere Gründe? Sie würde es herausfinden. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl.

Eine Bewegung am anderen Ende des Flurs riss sie aus der Grübelei. Demoireau kam mit eiligen Schritten den Gang entlang und hob die Hand zum Gruß.

»Weiß man schon etwas?«, fragte er und sah sich in dem leeren Flur um.

Lilou erhob sich und schüttelte den Kopf. »Sie wird gerade operiert«, sagte sie und deutete auf die Milchglastür mit dem roten Licht. Einen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen, und sie musste sich an der Lehne des Stuhls festhalten.

Demoireau nickte. Er sah ihr prüfend ins Gesicht, dann sagte er: »Könnten Sie hinunter in die Cafeteria gehen und zwei Kaffee holen?«

Lilou sah ihn irritiert an. »Ich würde lieber hierbleiben«, sagte sie.

»Bitte.« Er wandte seinen Blick nicht ab, bis sie resigniert nachgab.

»In Ordnung.«

»Und nehmen Sie die Treppe«, rief er ihr hinterher.

Sie hob verwundert die Schultern, aber sie folgte seiner Anweisung. Nach den drei Stockwerken bis zur Cafeteria war sie kaum außer Atem, aber als sie mit den beiden dampfenden Bechern zurückkam, klopfte ihr Herz, und ihr war wieder warm geworden.

Demoireau öffnete zielsicher eine der nicht gekennzeichneten Türen, und tatsächlich verbarg sich dahinter so etwas wie ein Aufenthaltsraum. Zwei runde Tische mit jeweils vier Stühlen und ein Regal mit Zeitschriften und Büchern standen darin, Tischdecken und Vorhänge verbreiteten so etwas wie Gemütlichkeit. Eine breite Glastür stand offen und führte auf einen überdachten Balkon mit einem hohen Aschenbecher.

Der Commissaire ließ sich schwerfällig auf einen der Stühle fallen und wies auf einen weiteren. Lilou setzte sich. Demoireau rührte so heftig in seinem Kaffee, dass Lilou Angst um den dünnen Pappbecher bekam, aber er hielt der rüden Behandlung stand. Sie nahm einen großen Schluck und fühlte, wie das heiße Getränk sie auch von innen wärmte.

»Erzählen Sie noch mal, was ist genau passiert?«

Lilou hob die Schultern. »Erinnern Sie sich noch an die Pole-Tänzerin gestern Abend bei Petuchow?«, begann sie. »Das war die junge Frau, die ins Zimmer kam, als wir gerade gehen wollten.«

Demoireau nickte.

»Ich habe sie wiedererkannt, sie heißt Isabelle Valleron. Ich habe ihr heute einen Besuch abgestattet und sie um ein Gespräch gebeten. Wir wollten uns kurz nach zwölf an der Coulée Verte treffen.«

»Aber sie ist nicht gekommen?«

»Nein.« Lilou schloss die Augen. »Ich war schon am Treffpunkt, da hörte ich, wie sie …«

»Was wollten Sie denn mit ihr besprechen?«

»Ich dachte, ich kann von ihr noch mehr über Dimitri Petuchow herausfinden.«

Demoireaus Miene verfinsterte sich. »Was unseren Fall betrifft, wissen wir doch alles, was wir brauchen.«

Lilou schluckte. »Ich weiß. Ich wollte trotzdem nochmals mit ihr sprechen.«

»Mademoiselle Braque, was auch immer in dieser Bar abläuft, geht uns nichts an. Wenn es etwas Illegales ist, dann ist das Sache der Kollegen in Avignon.«

»Der Unfall ist hier passiert«, widersprach Lilou. »Jetzt ist es auch unsere Sache.«

Der Commissaire schwieg und sah aus dem Fenster. Dann holte er tief Luft. »Also gut. Kümmern Sie sich darum. Stellen Sie fest, wie es zu diesem Unfall kam. Konnten Sie mit Zeugen sprechen?«

Lilou nickte.

»Finden Sie heraus, wer sie angefahren hat. Ich spreche mit dem Staatsanwalt, Sie bekommen alle Ermächtigungen, die Sie dazu benötigen. Unfall mit Fahrerflucht ist schließlich in jedem Fall eine Straftat.«

»Danke, mon commissaire.«

»Sollten sich dabei Hinweise ergeben, dass Monsieur Petuchow in die Sache verwickelt ist, spreche ich persönlich mit den Kollegen in Avignon.« Er erhob sich und warf den leeren Kaffeebecher in den Papierkorb. »Sie bleiben hier und warten auf das Ergebnis der Operation. Sobald Madame Valleron vernehmungsfähig ist, befragen Sie sie.«

»Und was ist mit den Ermittlungen zu dem Mord an Monsieur Benoit?«

»In einer halben Stunde beginnt die Teambesprechung.« Er wandte sich ab und ging in Richtung Ausgang. »Ich halte Sie auf dem Laufenden.«

»Ich habe noch immer Monsieur Benoits Schlüssel«, rief sie ihm hinterher. Um ein Haar hätte sie es wieder vergessen.

Demoireau blieb nochmals stehen. Sie ging zu ihm und drückte ihm den Schlüsselbund in die Hand. Erst jetzt erinnerte sie sich wieder an Simon Bastien.

»Gestern Abend ist übrigens Monsieur Benoits Neffe aus Kanada aufgetaucht. Nicolas Dompierre hat ihn in der leeren Dachgeschosswohnung neben meiner einquartiert.«

»Hm.« Der Commissaire zog die Brauen zusammen. »Das ist ja interessant, dass er ausgerechnet jetzt auftaucht. Haben Sie ihn schon befragt?«

»Noch nicht offiziell«, antwortete Lilou. »Er wusste nichts vom Tod seines Onkels und ist erst gestern Abend angekommen. Er kann mit Monsieur Benoits Tod nichts zu tun haben.«

»Haben Sie das überprüft?«

»Nein.« Sie dachte an das Abendessen mit ihm und an die kurze Szene am Fenster. »Ich hatte noch keine Gelegenheit dazu.«

»Dann holen Sie das bitte nach. So schnell wie möglich.«

 

Es dauerte noch über zwei Stunden, bis der Arzt endlich wieder erschien. Er trug eine grüne Mütze aus Papier und den Chirurgen-Mundschutz, den er nach unten übers Kinn zog, als er sie sah.

»Sie sind noch da?«, fragte er, und seine Augenbrauen hoben sich, sodass sie oben unter der Haube verschwanden.

»Wie geht es ihr? Wird sie durchkommen?«

»Ja, es sieht gut aus«, antwortete er. »Sie hat unglaubliches Glück gehabt.«

»Was ist mit ihr?«

»Beide Beine und eine Hüfte sind gebrochen, die Wirbelsäule ist zum Glück unverletzt. Sie hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, aber keine Fraktur des Schädels. Hautabschürfungen, eine Rippenprellung, doch die inneren Organe scheinen den Befunden nach unverletzt.«

»Das heißt, sie wird wieder ganz gesund?«

»Ich habe die Frakturen versorgt und ihr ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Es wird eine Weile dauern, bis sie wieder normal laufen kann, aber mit der entsprechenden Therapie werden keine dauerhaften Schäden zurückbleiben.«

»Wird sie wieder tanzen können?«

Der Arzt zog erneut die Augenbrauen hoch. Er riss den Mundschutz ab und zerknüllte ihn in der Hand. »Tanzen?«, wiederholte er.

»Ja, sie ist Tänzerin«, sagte Lilou.

Er schüttelte den Kopf. »Sie kann froh sein, dass sie noch lebt und nicht den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen muss.« Seine Augen verdunkelten sich. »Sie sollte sich besser einen neuen Job suchen.«

Lilou verzog das Gesicht und nickte. »Kann ich mit ihr sprechen?«

Der Arzt lachte auf. »Frühestens morgen«, sagte er. »Wir haben fünf Stunden operiert, dazu das Schädel-Hirn-Trauma … Sie war kurz bei Bewusstsein, aber im Augenblick ist sie mit Medikamenten ruhiggestellt. Sie können morgen anrufen, wenn Sie wollen.«

»Es wäre wirklich wichtig«, sagte Lilou. Sie musste unbedingt in Erfahrung bringen, ob Isabelle Valleron den Wagen erkannt hatte, der sie angefahren hatte. Denn falls sich ihr Verdacht bestätigte, war die junge Frau noch immer in Gefahr.

»Keine Chance«, sagte der Arzt.

»Wo ist sie im Augenblick?«, fragte Lilou.

»Im Aufwachraum.« Er deutete zu der Milchglastür. »Warum fragen Sie?« Der Arzt war hellhörig geworden.

»Es besteht die Möglichkeit, dass das kein Unfall war«, sagte Lilou. »Und es kann sein, dass der oder die Täter es nochmals versuchen.«

Der Arzt hob erneut die Brauen bis unter den Rand der Mütze. »Wir behalten sie bis morgen früh im OP-Bereich.« Er deutete auf die Milchglastür. »Da kommt niemand rein.«

»Gut. Danke.« Sie zog eine Karte aus der Tasche. »Wenn etwas ist, rufen Sie mich bitte an.«

Er nickte, steckte ihre Karte ein, ohne sie anzusehen, und wandte sich zum Gehen. »Ich heiße übrigens Morteau. Ich habe heute Nachtdienst. Am besten kommen Sie morgen Vormittag wieder.«

»In Ordnung.«

 

Lilou fühlte sich komplett erledigt, als sie endlich zum Hôtel de Police zurückkehrte. Sie hatte den Bus zurück in die Stadt genommen, der voll mit erschöpften Menschen und schlechten Gerüchen gewesen war, denn für den Fußweg von zwanzig Minuten entlang der Hauptstraße war sie zu müde gewesen. Am liebsten wäre sie direkt nach Hause gegangen, doch ihre Einkäufe von heute Morgen lagen noch in ihrem Spind in der Polizeiwache.

Sie zog sich um und wünschte sich nichts mehr als eine Dusche, während sie, verschwitzt, wie sie war, in ihre Jeans stieg und sich das T-Shirt über den Kopf zog. Ohne nach rechts oder links zu blicken, eilte sie anschließend nach Hause. Sie schloss die Haustür auf und war froh, als sie die Treppen bis in den dritten Stock hinter sich gebracht hatte. Sie war hungrig und durstig, seit dem Croissant am Morgen auf dem Markt hatte sie nichts mehr gegessen.

Oben angekommen, erlebte sie eine Überraschung. Die Tür zur Nachbarwohnung, in der sich Simon Bastien einquartiert hatte, stand offen, laute Musik schallte heraus. Sie trat in die Tür und warf einen Blick hinein. Der Fußboden glänzte wie frisch gewachst, ein Eimer mit Wasser stand am Fenster, und Simon balancierte mit einem Lappen in der Hand auf der Fensterbank. Er pfiff die Melodie mit und bemerkte sie erst, als sie an den Türrahmen klopfte.

Ein strahlendes Lächeln erhellte sein Gesicht. Er sprang auf den Boden, warf den Lappen in den Eimer, durchquerte das Zimmer und begrüßte sie mit zwei Wangenküssen.

»Du warst ja fleißig«, stellte sie fest und sah sich um.

»Muss ich wohl, wenn ich hier wohnen soll«, erwiderte er. »Onkel Nicolas hat gesagt, ich kann fürs Erste hierbleiben.«

»Das ist gut«, erwiderte Lilou, aber sie war nicht sicher, ob sie das wirklich gut fand. Sie war eigentlich ganz froh gewesen, sich das Dachgeschoss mit niemandem teilen zu müssen. »Wann fliegst du zurück?«

»Gar nicht«, antwortete Simon. Er lachte, als er ihr überraschtes Gesicht sah, doch dann wurde er ernst. »Eigentlich ist es nicht zum Lachen«, fügte er hinzu. »Onkel Frédéric und ich hatten eine geschäftliche Vereinbarung. Wir wollten in dem leer stehenden Lokal im Erdgeschoss ein Restaurant eröffnen. Ich sollte es leiten, und er hätte mich als Teilhaber finanziell unterstützt. Aber wir haben vorab nichts schriftlich vereinbart, deshalb bin ich jetzt praktisch hier gestrandet.«

»Hm.« Hinter Lilous Stirn arbeitete es fieberhaft. Das war also der Grund, warum der alte Mann das Lokal nicht vermieten wollte! Er hatte seine eigenen Pläne damit gehabt und sie mit niemandem geteilt.

»Was sagt denn Nicolas Dompierre dazu?«

»Ich glaube, er weiß gar nichts davon«, antwortete Simon und machte ein zerknirschtes Gesicht. »Er war gestern wirklich überrascht, mich zu sehen. Ich dachte, wenn ich ihm das auch noch sage, setzt er mich direkt auf die Straße.«

»Frédéric Benoit hatte keine Kinder«, sagte Lilou langsam. »Ohne Testament fällt das Haus hier seinen Geschwistern zu, beziehungsweise deren direkten Nachkommen, wenn die Geschwister nicht mehr leben.«

»Mein Großvater ist vor ein paar Jahren gestorben«, erklärte Simon. »Dann würde wohl meine Mutter erben.«

»Ja, zusammen mit Madame Dompierre, Nicolas’ Mutter. Sie ist eine Halbschwester von Frédéric Benoit.«

»Maman erbt einen Teil vom Haus?« Simons Miene erhellte sich. »Dann klappt das mit dem Restaurant ja vielleicht doch noch.«

»Nur wenn das Testament nicht auftaucht«, stellte Lilou richtig. »Denn angeblich wollte Monsieur Benoit alles seinem Neffen Nicolas vererben.«

»Schade«, sagte Simon leichthin. »Aber soll ich dir was sagen? So richtig daran geglaubt habe ich ohnehin nie. Maman hat das mit Onkel Frédéric zusammen ausgeheckt, und es wäre eine tolle Sache gewesen, aber …« Er hob die Schultern. »Ich muss mir nichts schenken lassen. Ich stelle auch alleine etwas auf die Beine.«

»Daran habe ich keinen Zweifel«, erwiderte Lilou und grinste. »Entschuldigst du mich bitte? Ich bin verschwitzt und todmüde. Ich muss dringend duschen und etwas essen.«

»Was hast du eingekauft?« Simon hatte ihre Einkaufstasche entdeckt.

»Nichts Besonderes. Auberginen, ein wenig Wurst und Käse.«

Simons Augen begannen zu leuchten. »Darf ich kochen? Bitte!« Er sah sie flehentlich an. »Ich habe hier den ganzen Tag sauber gemacht, ich bin gar nicht zum Essen gekommen.«

Lilou sah ihn verblüfft an. »Du kannst kochen?«

»Ja, natürlich«, erwiderte Simon und grinste schief. »Das ist mein Beruf.« Er legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich vor ihr. »Chef de Cuisine Bastien, zu Ihren Diensten, Madame!«

Sie musste lachen. »In Ordnung. Ich gehe duschen, und du kochst.«

 

Während Lilou unter der Dusche stand, ließ sie sich Simons Worte durch den Kopf gehen. Er war also Koch und wollte mit der Unterstützung seines Großonkels das alte Familienrestaurant wiedereröffnen. So weit, so gut. Aber warum hatte Monsieur Benoit ihr das Journal d’Armand gegeben, wenn er doch wusste, dass sein Großneffe kommen und die Familientradition fortführen würde? Das passte nicht zusammen.

Sie blieb unter der Dusche, bis das Wasser kalt wurde. Mit dem Handtuch rieb sie über ihre Haut, bis sie sich rötete und ihr wieder warm war. Sie zog frische Kleidung an und rubbelte sich die Haare trocken, dann verließ sie das Bad. Ihre Wohnungstür war nur angelehnt, und sie hörte das Zischen von heißem Fett, untermalt von Simons Pfeifen. Die Tür zu seiner Wohnung stand offen. Jetzt konnte sie herausfinden, ob Simon tatsächlich erst gestern in Frankreich angekommen war. Eine bessere Gelegenheit würde sie nicht bekommen.

Sie unterdrückte ihr schlechtes Gewissen, holte tief Luft und betrat seine Wohnung. Der neongrüne Rucksack stand auf dem Boden neben der Matratze, die Deckelklappe war zurückgeschlagen und enthüllte wild hineingestopfte Kleidung. Sie durchquerte das Zimmer und war froh über den sauberen Fußboden, auf dem sie keine Spuren hinterließ. Neben dem Rucksack ging sie in die Hocke und tastete ihn mit geübten Griffen von außen ab. Dinge wie Reisepass oder Flugtickets verbarg man nicht zwischen Kleidung, man bewahrte sie in einem Außenfach auf, um sie bei einer Kontrolle rasch vorzeigen zu können.

Der Rucksack hatte zwei Seitentaschen, in denen sie aber nur Krimskrams fand: eine Packung Taschentücher, Insektenspray und ein kleines Klappmesser, in der zweiten die leere Verpackung eines Schokoriegels und ein Ticket der Pariser Métro, gestern Morgen abgestempelt.

Sie suchte weiter. Im Deckel des Hauptfachs befand sich ein weiteres Fach, und als sie gegen die Tasche drückte, fühlte sie die rechteckige Form eines schmalen Büchleins. Sie öffnete den Reißverschluss, und sein Reisepass fiel ihr entgegen. Sie blätterte ihn rasch durch, aber sie fand keinen Stempel oder Visa-Eintrag; für Kanadier herrschte keine Visumpflicht. Nur wenn er wirklich hierbleiben wollte, bräuchte er eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie legte den Pass zur Seite und griff nach dem Bündel Papiere, das sich noch in der Tasche befand. Sie blätterte sie langsam durch, es waren Notizen, Antragsformulare, ein Zettel mit der Adresse von Frédéric Benoit und zuletzt sein Boarding Pass. Sie faltete ihn auseinander, in diesem Augenblick fiel ein Schatten auf sie.

»Was tust du da?«, fragte Simon.

Sie fuhr zusammen und ließ die Papiere fallen, die sich über den Fußboden verteilten. Ihr Herz klopfte, und sie fühlte, wie sie rot wurde. Schwankend kam sie auf die Beine.

»Verzeih mir bitte«, sagte sie leise. »Ich muss sichergehen, dass du wirklich erst gestern angekommen bist.« Sie sah ihm nicht in die Augen.

Er bückte sich, hob die Bordkarte auf und hielt sie ihr unter die Nase. »Ist das Beweis genug?«

Lilou griff danach. Der Boarding Pass war aus gestanztem Karton und trug das Ahornblatt-Emblem der Fluglinie als Wasserzeichen im Hintergrund. Sie sah auf das Datum. Er hatte die Wahrheit gesagt. Sie nickte und gab sie ihm zurück. »Ich fühle mich gerade ziemlich blöd«, murmelte sie. Ihre Wangen brannten.

»Einmal Polizistin, immer Polizistin, so ist es doch, oder nicht?«

Sie nickte. »Ja, ich fürchte schon.«

Brüsk wandte er sich ab. »Das Essen ist im Backofen, es ist in zehn Minuten fertig«, knurrte er und ging zur Tür. »Mir ist der Appetit vergangen.«

Die Wohnungstür krachte hinter ihm ins Schloss, und sie hörte seine Schritte auf der Treppe.

 

Wie betäubt ging Lilou zurück in ihre Wohnung. Die Küche war aufgeräumt, und das Geschirr, das Simon zum Kochen benutzt hatte, gespült. Sie öffnete die Klappe des Backofens und warf einen Blick hinein: Er hatte aus den weißen Auberginen einen Auflauf gemacht, und es roch einfach himmlisch. Ihr Magen reagierte auf den Duft mit einem lauten Knurren, und obwohl sie gerade eben noch keinen Appetit gehabt hatte, lief ihr nun das Wasser im Mund zusammen.

Sie deckte den Tisch und verbot sich jegliches Bedauern, als sie einen einzelnen Teller auf den Tisch stellte und Messer und Gabel danebenlegte. Trotzig stellte sie ein Glas dazu und entkorkte die zweite Flasche Wein aus der Domaine du Pétrarque.

Der Auflauf schmeckte fast noch besser, als er roch. Simon hatte aus den Tomaten eine dicke Soße gekocht und zusammen mit den Auberginen und dem Käse eine Art Lasagne gezaubert. Die Auberginen hatte er offenbar zuvor angebraten, denn sie waren gebräunt und aromatisch. Der Käse obenauf bildete eine goldene Kruste, die aufbrach, als sie sie mit dem Messer zerschnitt.

Lilou aß langsam und genoss jeden Bissen. Dazu trank sie den Wein in kleinen Schlucken, und ihr Kopf wurde angenehm leicht. Sie schaffte es, nicht mehr ständig an Isabelle Vallerons schrecklichen Unfall zu denken, und auch nicht an Simon, obwohl ihr das deutlich schwerer fiel. Erst während sie den Teller spülte und den Rest des Auflaufs in den Backofen zurückschob, kamen die Selbstvorwürfe zurück. Warum hatte sie Simon nicht einfach gefragt, anstatt heimlich seinen Rucksack zu durchwühlen? Sie goss sich noch ein Glas Wein ein und trat ans Fenster.

Mick Pendragon, der Tätowierer, war auf seinem Balkon und rauchte. Er hob die Hand und winkte ihr zu, sie grüßte zurück und hob das Glas. Er grinste und hob den Daumen. Er war wirklich nett.

Sie trank den Wein aus und ging ins Bett.

 

Irgendwann gegen Morgen erwachte Lilou von lautem Gepolter. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und lauschte. Unterdrücktes Fluchen war zu hören, dann klirrte ein Schlüssel. Eine Tür fiel ins Schloss, und es war wieder still. Sie glaubte, Schritte aus der Nachbarwohnung zu hören, dann ein lautes Stöhnen, etwas Weiches plumpste zu Boden. Einen Augenblick überlegte sie, hinüberzugehen und nachzusehen, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie war wahrscheinlich die letzte Person, die Simon jetzt sehen wollte.

Sie drehte sich zur Seite und versuchte, wieder einzuschlafen, aber es gelang ihr nicht. Draußen vor dem Fenster wurde es langsam hell. Sie stand auf, schlich leise über den Flur zur Toilette und trank ein Glas Wasser, bevor sie wieder ins Bett kroch. Sie schloss die Augen, blendete jeden Gedanken an Simon aus und dachte stattdessen über den Fall nach. Ob Isabelle Vallerons Unfall mit dem Mord an Monsieur Benoit zusammenhing? Wusste Isabelle etwas darüber, und man wollte sie deshalb zum Schweigen bringen? Solange sie nicht mit der jungen Frau gesprochen hatte, durfte sie diese Möglichkeit nicht ausschließen. Oder war der Unfall doch ein Zufall gewesen, und die Fahrerflucht hatte nichts mit ihrem Fall zu tun? Lilou gähnte und drehte sich auf die andere Seite.

Monsieur Benoits Testament kam ihr in den Sinn. Wo es wohl abgeblieben war? Dass die Täter es mitgenommen hatten, wie Nicolas Dompierre angedeutet hatte, war nicht sehr wahrscheinlich. Viel eher hatte Monsieur Benoit es doch einem Notar zur Aufbewahrung gegeben, und Nicolas Dompierre wusste nur nichts davon. So wie er offenbar auch nichts von den Plänen des alten Mannes wusste, zusammen mit seinem Großneffen Simon ein Restaurant in dem leer stehenden Lokal zu eröffnen.

Lilous Gedanken vermischten sich mit Fetzen eines Traums, und auf einmal stand sie Hand in Hand mit Isabelle Valleron vor Frédéric Benoit, der in seinem Rollstuhl saß. Benoit hielt ein Blatt Papier in der Hand und sagte: »Mit diesem Testament erkläre ich euch zu Mann und Frau.« Isabelle Valleron nahm ihre silberne Perücke ab, und plötzlich war es Simon Bastien, der neben ihr stand und sich zu ihr herabbeugte, um sie zu küssen.

Lilou schreckte hoch. Draußen schien die Sonne, eine Taube gurrte vor ihrem Fenster. Sie schlug das Laken zurück und sah auf die Uhr, es war kurz nach zehn. Sie hatte verschlafen. Sie sprang erschrocken aus dem Bett, doch dann hielt sie inne. Heute war Samstag, sie musste gar nicht zur Wache. Aber zu tun hatte sie trotzdem.

Sie griff nach ihrem Telefon, startete den Assistenten und sagte: »Centre Hospitalier Carpentras anrufen.« Google gehorchte und wählte die Nummer. Sie ließ sich mit der chirurgischen Station verbinden, wo eine missmutige Schwester ihr die Auskunft verweigern wollte. Erst als sie Dr. Morteaus Namen nannte, teilte sie ihr mit, dass Isabelle Valleron inzwischen bei Bewusstsein war. Dr. Morteau habe keine Zeit, der sei im Operationssaal. Bevor Lilou weiter nachfragen konnte, legte die Schwester auf.

Lilou atmete tief durch. Sie ging ins Bad und warf sich so lange eiskaltes Wasser ins Gesicht, bis sie das Gefühl hatte, einigermaßen wach zu sein, dann zog sie sich an. Auf dem Weg nach draußen lauschte sie einen Moment an Simons Tür, doch alles war still. Kurz war sie enttäuscht, dann schüttelte sie den Kopf über sich selbst – was hatte sie erwartet? Sie straffte die Schultern und verließ das Haus.

 

In der Stadt war heute viel los. Den Plakaten nach war für den Abend ein großes Konzert in den Gärten des Hôtel-Dieu geplant, dem ehemaligen Krankenhaus von Carpentras, das jetzt die berühmte Bibliothèque Inguimbertine beherbergte. Bunt gekleidete junge Menschen bummelten schon jetzt in kleineren und größeren Gruppen durch die Innenstadt.

Lilou musste ihnen immer wieder ausweichen, während sie in Richtung Hôtel du Police eilte. Ihre Gedanken kreisten um Isabelle Valleron und den Fall, und sie fühlte sich unter all den fröhlichen Menschen wie ein Fremdkörper.

In der Dienststelle zog sie sich um und ging in den Aufenthaltsraum, um sich einen Kaffee zu holen. An der Kaffeemaschine traf sie Demoireau, der offenbar auch kein Wochenende kannte und überrascht aufblickte, als er sie sah.

»Mademoiselle Braque, was tun Sie denn hier?«, fragte er.

»Isabelle Valleron ist inzwischen bei Bewusstsein«, antwortete Lilou. »Ich fahre gleich zu ihr ins Krankenhaus.«

»Ach so.« Kopfschüttelnd studierte er die Anzeige des Geräts. »Seit wir diesen neuen Vollautomaten haben, habe ich ein echtes Problem«, brummte er.

Lilou grinste und warf einen Blick auf das Display.

»Sie braucht nur Wasser«, sagte sie und deutete auf das entsprechende Symbol. Sie öffnete die Rückseite, entnahm den Wassertank, füllte ihn an der Spüle und setzte ihn wieder ein. Einen Augenblick später erlosch das rote Licht, eine gelbe Lampe leuchtete auf, und die Maschine wechselte in den Reinigungsmodus.

»Was ist jetzt passiert?«, fragte der Commissaire.

»Sie führt einen Reinigungszyklus durch«, erklärte Lilou. Als leidenschaftliche Kaffeetrinkerin hatte sie sich direkt an ihrem ersten Praktikumstag mit dem Gerät vertraut gemacht. Der Apparat verstummte, die gelbe Lampe wechselte auf Grün. »Nun können Sie einen Kaffee kochen.«

»Machen Sie das bitte, und kommen Sie dann in mein Büro, ja?«

Demoireau sah sie bittend an. Lilou musste lachen. »In Ordnung, mon commissaire

 

Mit zwei großen Bechern voll dampfendem Kaffee betrat Lilou Demoireaus Büro. Er stand auf und schloss die Tür hinter ihr, wartete, bis sie auf dem Besucherstuhl Platz genommen hatte, und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Ein großes Whiteboard auf Rollen, das tags zuvor noch nicht hier gestanden hatte, nahm fast die gesamte linke Wand seines Büros ein. In der Mitte stand ein Name, der mit roter Farbe umkringelt war: Frédéric Benoit. Darum herum waren weitere Namen aufgelistet, Pfeile und Striche schufen auf den ersten Blick verwirrende Verbindungen.

Demoireau deutete auf das Whiteboard. »Wir konnten den Tag, an dem Monsieur Benoit ermordet wurde, nun vollständig rekonstruieren.«

Lilou stand auf und ging zu der Tafel hinüber. »Das ist gut.«

Demoireau erhob sich ebenfalls und stellte sich neben sie. »Es beginnt mit der Aussage der Nachbarin hier.« Er wies auf einen Namen ganz oben auf dem Board. »Sie hat gesehen, wie Nicolas Dompierre zusammen mit Monsieur Dulac um halb neun das Haus verließ.« Er deutete auf den nächsten Namen. »Madame Dulac hat ausgesagt, dass sie an dem besagten Vormittag niemanden gesehen und nichts gehört hat.«

Lilou nickte.

»Kurz nach 12.00 Uhr lieferte der Mann vom Sozialdienst das Essen«, fuhr Demoireau fort. »Zu diesem Zeitpunkt war die Wohnungstür noch intakt. Er stellte das Essen auf dem Tisch ab, wo es Madame Dulac sah, als sie um 13.00 Uhr das Haus verließ.«

»Das bedeutet, dass Monsieur Benoit um 13.00 Uhr noch gelebt hat«, warf Lilou ein.

»So ist es. Allerdings schließt Dr. Bonaventure einen so späten Todeszeitpunkt inzwischen kategorisch aus. Damit haben wir einen Widerspruch zwischen den Zeugenaussagen und dem Befund des Rechtsmediziners.«

»Kann sich Dr. Bonaventure denn nicht irren?«, fragte Lilou. »Ich denke an das, was Guillaume Mistral gesagt hat, als wir mit ihm im Krankenhaus gesprochen haben.«

»Natürlich ist auch der Médecin légiste nicht unfehlbar«, erwiderte der Commissaire. »Aber ich habe soeben einen Anruf von ihm erhalten.«

Lilou hob die Brauen. »Was hat er gesagt?«

»Er hat mir alles Mögliche über die Leitfähigkeit von Muskeln und chemische Reaktionen erzählt, die sich mit der Temperatur verändern. Aber das Wichtigste ist wohl, dass sich Monsieur Benoits Frühstück zum Großteil noch in seinem Magen befunden hat. Das bedeutet, selbst wenn er sehr spät gefrühstückt hat, kann er keinesfalls erst um 13.00 Uhr getötet worden sein. Im Gegenteil, Dr. Bonaventure vermutet einen deutlich früheren Zeitpunkt, als wir bisher angenommen haben.«

»Aber das passt doch nicht zusammen«, widersprach Lilou. »Denken Sie nur an den Zustand der Wohnung. Das Haus ist so hellhörig, Claire Dulac hätte mit Sicherheit etwas bemerkt, wenn der Einbruch am Vormittag stattgefunden hätte.«

»Das ist anzunehmen.« Demoireau hob die Schultern. »Und dem Mann vom Sozialdienst wäre die aufgebrochene Tür bestimmt aufgefallen, er stand ja unmittelbar davor.«

Lilou runzelte die Stirn. »Vielleicht müssen wir den Mord getrennt vom Einbruch betrachten«, überlegte sie laut. »Wäre es möglich, dass Monsieur Benoit am Vormittag ermordet wurde, während der Einbruch am Nachmittag stattfand?«

»Sie meinen, wir haben zwei verschiedene Täter?« Der Commissaire schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Nicht zwei Täter.« Lilou war sich plötzlich ganz sicher. Sie hob den Kopf und sah Demoireau triumphierend an. »Der Mord wurde am Vormittag begangen, und der Täter kehrte am Nachmittag zurück. Er brach die Tür auf und stellte die Wohnung auf den Kopf. Und niemand war im Haus, der den Lärm hätte hören können.«

»Hm«, machte Demoireau. »Aber wie kam der Täter denn am Vormittag in die Wohnung?«

»Monsieur Benoit ließ seinen Mörder selbst ein«, antwortete Lilou. »Deshalb war auch das Radio ausgeschaltet. Er stellte es nämlich immer ab, wenn er Besuch hatte. Es kam zum Streit, der Täter griff sich das nächstbeste Kissen und erstickte Monsieur Benoit. Anschließend verließ er die Wohnung und wartete in der Nähe, bis er sicher war, dass alle das Haus verlassen hatten.«

Der Commissaire nickte anerkennend. »So könnte es tatsächlich gewesen sein.«

»Es ist die einzige Erklärung, die zu allen Zeugenaussagen passt«, betonte Lilou. Sie wies mit der Hand auf das Wort »Mittagessen« auf dem Whiteboard, das mehrfach unterstrichen war. »Das mit dem Essen war ein geschickter Schachzug. Indem es der Täter später mit in die Wohnung genommen hat, hat er den Tatzeitpunkt verschleiert.«

»Und die Hitze trug das ihre dazu bei, den Médecin légiste zu verwirren«, ergänzte Demoireau. »Ja, was den Tathergang betrifft, könnten Sie recht haben.« Er verzog das Gesicht. »Aber das bedeutet auch, dass wir wieder ganz am Anfang stehen. Alle Alibis sind damit hinfällig.«

»Also beginnen wir wieder von vorn?«

Der Commissaire nickte. »Bisher wissen wir nur von Dompierre, wo er sich während des Vormittags aufhielt. Wir haben sein Alibi überprüft.« Er deutete auf das Whiteboard. »Allerdings war er laut Mick Pendragons Aussage am Nachmittag ›für kurze Zeit‹ im Haus, was auch immer das bedeutet. Wir müssen also auch ihn nochmals befragen.«

»Und er ist immerhin der Alleinerbe«, stimmte Lilou zu.

»Das wissen wir nicht, denn das Testament ist bisher nicht aufgetaucht.« Demoireau schüttelte den Kopf. »Lieutenant Roguenot hat Monsieur Benoits Notar angerufen, der die Mietverträge zu seinen Häusern erstellt hat. Der wusste zwar von einem Testament, aber er sagt, er hat es nicht. Angeblich hat Monsieur Benoit es zu Hause aufbewahrt. Roguenot hat daraufhin alle Notare in Carpentras und Umgebung angerufen, aber niemand kennt Monsieur Benoit, geschweige denn, dass jemand sein Testament hat.«

»Besaß Monsieur Benoit nicht ein Schließfach in der Bank?« Lilou erinnerte sich, dass Dompierre so etwas erwähnt hatte.

»Auch da konnten wir inzwischen Einsicht nehmen. Frédéric Benoit war kein armer Mann, er besaß zwei Häuser hier in Carpentras, und darüber hinaus einiges an Wertpapieren.« Demoireau runzelte die Stirn. »Nur das Testament haben wir nicht gefunden.« Der Commissaire hob die Schultern. »Wir dürfen die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass der Mörder das Testament gesucht und es mitgenommen hat, um es verschwinden zu lassen. Das spräche gegen Dompierre als Täter. Außerdem ist er nicht unser einziger Verdächtiger. Wir haben Dimitri Petuchow bisher nur nach seinem Alibi für die Mittagszeit gefragt, aber nicht danach, was er den Rest des Tages gemacht hat.«

Lilou nickte zustimmend. »Und da sind immer noch das Kochbuch und Bérénice Benoit. In meinen Augen hat sie ein sehr starkes Motiv.«

»Sie glauben ja immer noch an die Theorie mit der Sterneküche!« Er sah sie stirnrunzelnd an. »Haben Sie schon mit ihr gesprochen?«

»Nein«, antwortete sie. »Ich habe sie noch nicht erreicht.«

»Ich glaube, Sie verrennen sich da in etwas.« Er ging zurück zu seinem Schreibtisch. »Niemand tötet einen Menschen für ein Kochbuch.« Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schlug einen Schnellhefter auf. »Was ist eigentlich mit diesem Neffen, der so plötzlich aufgetaucht ist?«

»Ich habe seine Bordkarte gesehen«, sagte Lilou. Bei dem Gedanken an ihre Eigenmächtigkeit wurden ihre Wangen heiß. »Simon Bastien ist tatsächlich erst am Donnerstagmorgen nach Frankreich eingereist.«

»Hm.« Demoireau zog die Augenbrauen zusammen. »Eigenartig ist das trotzdem.«

»Er und Monsieur Benoit planten, in dem leer stehenden Lokal ein Restaurant zu eröffnen. Aber daraus wird jetzt wohl nichts mehr.«

»Nun gut.« Demoireau deutete zur Tür. »Fahren Sie jetzt zu Isabelle Valleron ins Krankenhaus. Vielleicht kann sie uns ja sagen, wo Monsieur Petuchow am Dienstagvormittag war.«