Während Lilou ihren blauen Kangoo im Schritttempo durch die schmalen Gassen außerhalb der Altstadt steuerte, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken: Die Straßen waren verstopft, ganz Carpentras schien unterwegs zu sein. Der Samstagvormittag wurde traditionsgemäß für den Großeinkauf genutzt, und so waren alle Zufahrten zu dem großen E.Leclerc-Supermarkt verstopft, und auch dahinter wurde es nicht besser.
Dr. Bonaventures dezidierte Aussage warf ein völlig neues Licht auf die Sache. Dass Monsieur Benoit das zufällige Opfer eines brutalen Raubüberfalls geworden war, konnten sie nun endgültig ausschließen. Es sah eher so aus, als wäre die ganze Sache exakt geplant worden. Der Täter hatte in seinem Vorgehen große Umsicht bewiesen, das schloss eine Tat im Affekt aus. War die Ermordung von Monsieur Benoit das eigentliche Ziel gewesen? Demoireau hatte recht, sie standen wieder ganz am Anfang.
Endlich bog sie auf die Zufahrt zum Krankenhaus ein. Sie stellte den Wagen am Rand des Parkplatzes ab und beeilte sich, in das klimatisierte Gebäude zu kommen.
Der Flur der chirurgischen Abteilung war erneut völlig leer; das war wirklich erstaunlich für ein so großes Krankenhaus. Doch als sie sich der Milchglastür näherte, über der heute kein Licht brannte, öffnete sie sich mit einem leisen Zischen. Der Arzt von gestern kam heraus. Er starrte sie erst einen Moment lang aus müden Augen an, dann schien er sich an sie zu erinnern, denn sein Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen.
»Bonjour, Madame«, sagte er.
»Bonjour, Dr. Morteau«, erwiderte Lilou und machte Anstalten, durch die Glastür zu treten.
Der Arzt hielt sie am Arm zurück. »Wir haben Madame Valleron in ein Krankenzimmer verlegt«, sagte er. »Heute Nacht war hier die Hölle los, wir brauchten den Platz im Aufwachraum.« Er deutete auf eine Tür zur Linken. »Es ist noch keine Besuchszeit, ihr kann also nichts passieren«, fügte er rasch hinzu, als er ihr grimmiges Gesicht sah.
Lilou hatte schon Luft geholt, um ihm eine scharfe Antwort zu geben, aber sie verkniff sie sich und sagte nichts. Er war Arzt und kein Polizist, sie konnte nicht erwarten, dass er sich wie einer verhielt. Und offenbar war ja nichts passiert. Die vage Angst, die sie gestern erfasst hatte, erschien ihr nun selbst übertrieben.
»Kann ich sie sehen?«
»Natürlich.« Er ging voraus zu dem Krankenzimmer. »Aber bitte nur kurz. Sie hat starke Schmerzmittel bekommen und ist noch geschwächt.«
Lilou nickte und öffnete die Tür.
Isabelle Valleron lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Ihr Gesicht war blass, die Sommersprossen auf ihrer Nase stachen scharf hervor. Ihre Haare waren an der Seite rasiert, und ein breites Pflaster bedeckte die halbe Kopfseite.
Lilou schloss leise die Tür hinter sich, und Isabelle Valleron schlug die Augen auf. Als sie Lilou erkannte, drehte sie den Kopf zur Seite, und ihre Miene verdunkelte sich. Lilou zog einen Stuhl ans Bett – genau so ein Plastikstuhl wie der, auf dem sie gestern gewartet hatte – und setzte sich.
»Madame Valleron, ich muss kurz mit Ihnen sprechen«, begann sie.
»Lassen Sie mich in Ruhe«, antwortete die junge Frau. »Sie sind doch an allem schuld!« Tränen glitzerten in ihrem Augenwinkel.
»Isabelle.« Lilou griff nach der Hand der Frau. »Sie wissen genau, dass das nicht stimmt.«
Isabelle Valleron schluchzte auf.
»Schuld hat ganz allein der Autofahrer, der Sie angefahren hat.« Lilou drückte ihre Finger. »Deshalb bin ich hier.«
Die junge Frau drehte den Kopf und sah sie misstrauisch an. »Ich dachte, es geht um Dimitri?«
»Ja, auch, aber das ist jetzt nicht so wichtig.« Lilou sprach betont ruhig. »Wir wollen herausfinden, wer Ihnen das angetan hat.« Sie deutete mit der Rechten auf Isabelles Beine, die unter der weißen Decke lagen.
»Das weiß ich doch nicht.« Isabelle Valleron schloss die Augen. »Es ging alles so schnell. Ich war auf dem Zebrastreifen und überquerte die Straße, da kam das Auto angeschossen, und …« Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. »Der Arzt hat gesagt, ich werde nie wieder tanzen können«, sagte sie leise.
»Jetzt warten Sie erst einmal ab.« Lilou gab sich betont munter. »Ein künstliches Hüftgelenk ist heutzutage keine Einschränkung mehr.«
Isabelle schlug die Augen wieder auf und sah sie an. Ihre blauen Augen waren dunkel vor Schmerz. »Um professionell zu tanzen?« Ein bitterer Zug erschien um ihren Mund. »Das glauben Sie doch selbst nicht.«
Lilou schwieg, drückte ihr nur nochmals die Hand. Isabelle Valleron hatte natürlich recht. Sie würde irgendwann wieder laufen können, aber mit dem artistischen Tanz an der Stange war es wahrscheinlich für immer vorbei.
»Und sagen Sie jetzt nicht, dass ich froh sein soll, überlebt zu haben.«
»Nein, das sage ich nicht.« Lilou rutschte auf dem Plastikstuhl herum, unter ihrer Uniformhose bildete sich bereits ein Schweißfilm. »Konnten Sie den Wagen erkennen? Oder vielleicht sogar den Fahrer?«
Isabelle drehte den Kopf wieder zur Seite und entzog ihre Finger Lilous Hand. Sie griff nach der Bettdecke und knetete sie mit schnellen, hektischen Bewegungen.
»Nein. Wie gesagt, es ging alles viel zu schnell.«
»Welche Farbe hatte das Auto?«
»Ich glaube …« Sie zögerte. »Ich glaube, es war blau. Ganz bestimmt sogar. Ja, es war blau.«
Lilou zog überrascht die Augenbrauen hoch. Die beiden Zeugen hatten etwas anderes gesagt.
»Hellblau oder dunkelblau?«
»Ich weiß nicht. Himmelblau. Es war ein himmelblaues Auto.«
Isabelle sah Lilou nicht an. Was hatte die Frau zu verbergen?
»Und der Fahrer?«
»Ich habe ihn nicht gesehen.«
Isabelle zog die Nase hoch. Lilou nahm ein Kleenex aus der Schachtel auf dem Nachttisch und reichte es ihr.
»Danke.« Isabelle schnäuzte sich und verbarg dabei ihre Augen in dem Papiertuch.
»Wissen Ihre Eltern Bescheid, dass Sie im Krankenhaus sind?«
»Ich habe keine Eltern«, flüsterte Isabelle heiser. »Dimitri wollte später herkommen.«
»Dimitri Petuchow ist Ihr Freund?« Lilou hatte das schon vermutet.
»Ja.« Isabelle sah sie jetzt wieder an. »Er liebt mich.« Es klang trotzig.
»Und deshalb tanzen Sie in seiner Bar?«
Isabelle warf ihr einen wütenden Blick zu. »Ich muss das nicht tun, verstehen Sie«, sagte sie. »Ich mache das gern, ich liebe das Tanzen. Ich bin nicht wie die anderen Mädchen, die für ihn arbeiten.«
Lilou wurde hellhörig.
»Wie meinen Sie das?«
»Ich bin seine Freundin. Er liebt mich«, wiederholte Isabelle. Diesmal klang es wie eine Rechtfertigung. Sie schloss die Augen und drehte den Kopf wieder zur Seite. »Würden Sie jetzt bitte gehen? Ich bin müde.«
Lilou erhob sich. »Eine Sache noch, Isabelle.« Sie holte tief Luft. »Können Sie mir sagen, wo Dimitri Petuchow am letzten Dienstag war?«
Isabelle machte die Augen wieder auf und schüttelte den Kopf. »Verdächtigen Sie ihn wirklich, diesen alten Mann umgebracht zu haben?«
»Wir müssen das fragen, Isabelle«, sagte Lilou.
»Er hat es euch doch schon gesagt, er war in der Bar.«
»Ja, zur Mittagszeit. Aber wo war er den Rest des Tages?«
Isabelle runzelte die Stirn. »Am Morgen war er zu Hause«, sagte sie. »Ich war bei ihm.«
»Wie lange?«
»Bis kurz nach acht. Ich muss ja um neun im Hôtel de Ville sein.«
Das hieß, Petuchow konnte ebenfalls vor neun in Carpentras gewesen sein.
»Und am Nachmittag?«
Isabelle hob die schmalen Schultern. Die Decke rutschte nach unten und gab den Blick frei auf ein blau gestreiftes OP-Hemd, das sie immer noch trug.
»Ich habe keine Ahnung. Ich nehme an, er war in der Bar.« Sie schloss die Augen wieder und drehte demonstrativ den Kopf zur Seite. »Am besten fragen Sie ihn selbst.«
»Das werde ich tun.« Lilou stellte den Stuhl zurück an die Wand und ging zur Tür. »Ist es okay, wenn ich Sie noch mal besuchen komme?«
»Besser nicht«, murmelte Isabelle Valleron. Im nächsten Augenblick verrieten tiefe Atemzüge, dass sie eingeschlafen war. Lilou wandte sich ab und ging aus dem Zimmer.
Vor dem Krankenzimmer wartete Dr. Morteau auf Lilou. Er hatte die Operationsmütze abgenommen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
»Ich sollte Ihnen das wahrscheinlich nicht sagen«, begann er. »Aber dem Narkosearzt ist etwas aufgefallen.«
Lilou blieb stehen und sah ihn fragend an. »Ja?«
»Madame Valleron hat auf die Narkosemittel …«, er zögerte, »… atypisch reagiert.«
»Was bedeutet das?«
»Normalerweise werden Narkosemittel nach dem Körpergewicht dosiert«, erklärte der Arzt. »Wenn es möglich ist, macht man zuvor eine Blutuntersuchung, um bestimmte Krankheiten auszuschließen, die einen Einfluss auf die Narkose haben könnten.«
»Bei einem Unfall ist das aber nur schwer möglich«, sagte Lilou.
»Genau.« Der Arzt nickte. »Das ist dann immer eine besondere Herausforderung für den Anästhesisten.«
»Und bei Isabelle Valleron wurde solch eine Krankheit festgestellt?«
»Nein.« Er sah sie ernst an. »Der Narkosearzt vermutet, dass sie Drogen nimmt.«
»Oh.« Lilou zog überrascht die Luft ein. »Weiß man, welche?«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein. Ohne medizinische Notwendigkeit machen wir kein Drogen-Screening. Und schon gar nicht ohne Einwilligung des Patienten.« Dem letzten Satz gab er eine besondere Betonung, und Lilou verstand.
»Aber auf Anforderung der Staatsanwaltschaft könnten Sie das tun?«, fragte sie.
»Ja, selbstverständlich.«
Lilou dachte kurz nach. Hatte ihr nicht Demoireau weitreichende Ermächtigungen versprochen, um den Unfall aufzuklären? Wenn das Opfer unter Drogen gestanden hatte, war das durchaus relevant für die Ermittlungen.
»Ich kümmere mich darum.«
Sie verabschiedete sich von dem Arzt und ging zu den Aufzügen.
Sie hatte Glück, die Türen einer Aufzugskabine öffneten sich zischend vor ihr, noch bevor sie den Rufknopf betätigen konnte, und ein auffallend großer Mann schob sich an ihr vorbei. Sie betrat die Kabine, drückte auf die Taste mit der Null, und die Türen schlossen sich mit einem dumpfen Geräusch.
Kaum hatte sich der Aufzug in Bewegung gesetzt, erfasste sie ein plötzliches Gefühl von Unruhe. Erst wusste sie nicht, woher es kam, doch dann erinnerte sie sich an die Türsteher im La Cocotte, an die beiden hünenhaften Männer in schwarzen Anzügen, die wie Brüder ausgesehen hatten. In Jeans und hellem Hemd hatte sie den großen Mann, der ihr gerade aus dem Aufzug entgegengekommen war, zunächst nicht erkannt, doch nun war sie ganz sicher: Der Mann war einer der beiden Aufpasser von Dimitri Petuchow.
Sie schlug mit der Hand auf den Knopf des Stockwerks, in dem sich die Chirurgie befand, doch nichts passierte, die Kabine setzte ihre Fahrt nach unten fort. Erst im nächsten Stockwerk hielt sie an, und Lilou sprang hinaus, vorbei an einer Krankenschwester, die ihr erstaunt hinterherblickte. Einen Moment lang war sie Demoireau dankbar für den Auftrag, Kaffee zu holen und dabei die Treppe zu benutzen, denn so musste sie den Zugang zum Treppenhaus nicht erst suchen. Sie stürzte die Stufen hoch, die Angst, zu spät zu kommen, wurde immer stärker.
Der Flur der chirurgischen Station lag leer vor ihr, von dem großen Mann war nichts zu sehen. Alle Türen waren geschlossen. Sie raste den Gang entlang, plötzlich unsicher, welche der weißen Türen zu Isabelle Vallerons Zimmer führte. Sie öffnete die erstbeste, aber das Zimmer war leer. Hinter der zweiten befanden sich zwei Betten, von denen eines besetzt war; ein älterer Mann starrte sie überrascht an. Sie nahm sich nicht die Zeit, die Tür wieder zu schließen, sondern stürzte zur nächsten.
Sie riss die Tür auf, der große Mann aus dem Aufzug fuhr herum. Er hatte ein Kissen in der Hand. Mit seinem breiten Körper verstellte er ihr den Blick auf Isabelle Valleron.
»Was tun Sie da?«, schrie Lilou. »Weg vom Bett!«
Sie tastete nach der Waffe an ihrer Seite, aber es war zu spät. Mit zwei großen Schritten kam der Hüne auf sie zu und erhob seine riesige Hand zum Schlag. Lilou trat ihm entgegen, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatte, und schlug seinen Arm zur Seite. Doch er war darauf vorbereitet. Er ließ das Kissen fallen und packte mit der Linken ihr Handgelenk, er drängte sie gegen die Wand, seine Faust schoss auf ihr Gesicht zu. Sie wich aus, trat gegen sein Knie, der Schlag streifte sie nur, aber die Wucht reichte aus, um ihren Kopf gegen die Wand knallen zu lassen. Sie fühlte keinen Schmerz, keine Angst, nur grenzenlose Wut. Wie konnte er es wagen, sie anzugreifen! Sie hämmerte mit dem Absatz gegen seinen Knöchel, drehte gleichzeitig ihr Handgelenk nach innen, rammte ihm das Knie zwischen die Beine und schlug mit der Faust auf seinen Unterarm. Seine Finger gaben nach, er fluchte und taumelte zurück, sie ergriff den Stuhl und zog ihm die Plastikschale über den Schädel. Wie vom Blitz getroffen ging er zu Boden.
»Was ist denn hier los?« Dr. Morteau hatte offenbar den Kampflärm gehört.
»Sehen Sie nach, ob es ihr gut geht«, keuchte Lilou und wies auf das Bett. Sie drehte dem Türsteher die Arme auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. Sie hatte Mühe, das Metall über seinen feisten Handgelenken zu schließen.
Der Arzt stieg über die Beine von Petuchows Türsteher hinweg und beugte sich über Isabelle. »Sie ist bewusstlos«, sagte er. »Aber sie atmet.«
Er klopfte ihr leicht auf die Wangen, und die Frau stöhnte. Lilou kam näher. Isabelle war womöglich noch blasser als zuvor, ihre Lippen schimmerten bläulich. Der Arzt drückte auf den Notrufknopf, und ohne sie anzusehen, sagte er: »Sie warten besser draußen, ich komme gleich zu Ihnen.«
Lilou warf einen Blick auf den Türsteher. Sein Rücken hob und senkte sich wie ein Blasebalg, von seiner Stirn tropfte Blut, aber ansonsten rührte er sich nicht. Da sie ihn alleine ohnehin nicht von der Stelle bewegen konnte, widersprach sie nicht, sondern verließ mit weichen Knien das Zimmer. Nun holte die Reaktion sie ein, die der Adrenalinschub bis jetzt unterdrückt hatte. Sie wankte zu dem Aufenthaltsraum, in dem sie gestern mit Demoireau gesprochen hatte, und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Sie atmete tief durch, ehe sie das Telefon aus der Tasche zog und die Nummer des Commissaires wählte.
Es dauerte nur fünfzehn Minuten, bis Demoireau den Krankenhausflur betrat, er musste geflogen sein. Er hatte drei Polizisten im Schlepptau, und Lilou erkannte Cropardin und Jacques Tairrousse, einen älteren Gardien, mit dem sie noch nichts zu tun gehabt hatte. Die Letzte war Valérie Cravasse, die offenbar immer im Dienst war. Sie nickte ihr zu, es war das erste Mal, dass die Polizistin von ihr Notiz nahm.
In der Zwischenzeit hatte der Arzt die Platzwunde am Kopf des Türstehers versorgt und ihr geholfen, ihn aus dem Zimmer zu schaffen. Lilou hatte seine Personalien festgestellt, der Mann hieß Dragan Mikita und war Weißrusse wie sein Arbeitgeber. Jetzt saß er auf einem der Plastikstühle im Flur, der sich gefährlich unter seinem Gewicht bog, leicht vornübergebeugt, die gefesselten Hände im Rücken. Er hielt den Kopf gesenkt und weigerte sich zu sprechen.
Lilou saß ein paar Meter neben ihm und ließ ihn nicht aus den Augen. Ihre Wange brannte von dem Schlag, ihr Schädel brummte wie ein Bienenstock, und ihr Handgelenk, das der Angreifer wie ein Schraubstock umklammert hatte, war inzwischen schmerzhaft angeschwollen.
Die Tür zu Isabelle Vallerons Zimmer war geschlossen, Dr. Marteau und eine Krankenschwester kümmerten sich noch immer um sie. Die Tatsache, dass Dragan Mikita versucht hatte, die wehrlose Isabelle mit einem Kissen zu ersticken, warf ein mehr als schräges Licht auf Dimitri Petuchow und seine Leute, aber Lilou ahnte jetzt schon, dass alle ein perfektes Alibi für den Dienstag haben würden.
Sie sprang auf, als der Commissaire und seine Leute durch die Tür kamen. Im nächsten Augenblick bereute sie es, ihr wurde schwindelig, und sie konnte sich gerade noch an der Stuhllehne festhalten. Sie atmete tief durch, nahm die Schultern zurück und trat Demoireau entgegen.
»Bonjour, mon commissaire.«
Er nickte ihr zu, seine Augenbrauen wanderten nach oben, aber er sagte nichts.
»Das ist er?«, fragte er und wies auf den Koloss.
Dragan Mikita hob den Kopf und sah den Commissaire aus trüben Augen an.
»Ja.«
»Am besten nehmen Sie ihn direkt mit«, wandte er sich an die Polizisten. »Der Haftbefehl ist unterwegs.«
Er drehte sich wieder zu Lilou um. »Und jetzt berichten Sie.«
Mit kurzen Worten setzte sie ihn ins Bild. Das Stehen fiel ihr zunehmend schwerer, aber sie ignorierte das Brummen in ihrem Kopf und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Isabelle Valleron hält nach wie vor zu Petuchow. Aber nach diesem Angriff wird sie vielleicht reden«, schloss sie.
»Ja, die Chance besteht.« Demoireau nickte.
In diesem Moment kam der Arzt aus Isabelles Zimmer. Er schloss die Tür mit Nachdruck hinter sich, dann ging er auf sie zu. »Madame Valleron ist im Augenblick nicht vernehmungsfähig«, eröffnete er ihnen. »Sie steht unter Schock. Sie bekommt gerade Sauerstoff und eine Infusion. Sie können erst wieder zu ihr, wenn sich ihr Zustand stabilisiert hat.«
Lilou verzog das Gesicht. »Wie lange wird das dauern?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Mindestens bis morgen, vielleicht länger.«
»Mist.«
Demoireau drehte sich um und deutete auf Tairrousse. »Der Kollege bleibt hier«, bestimmte er. »Isabelle Valleron steht ab jetzt unter Polizeischutz.«
Der Arzt nickte.
Lilou hob die Hand und deutete auf die Tür. »Kann ich sie wenigstens kurz sehen?«
Dr. Morteau schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein, niemand darf zu ihr.« Er stutzte. »Was ist denn mit Ihnen passiert? Lassen Sie mich mal sehen.«
Er griff nach ihrem Kinn und drehte es zur Seite, musterte ihre Wange und sah ihr anschließend scharf in die Augen. »Sie kommen erst mal mit«, befahl er.
Demoireau nickte ihr zu, und sie folgte dem Arzt in ein Behandlungszimmer, das neben dem Aufenthaltsraum lag. Er wies sie an, sich auf die Untersuchungsliege zu setzen, dann leuchtete er ihr in die Augen und Ohren, tastete ihren Hinterkopf ab und drückte auf das Jochbein, was sie aufkeuchen ließ. Anschließend untersuchte er ihr Handgelenk und bewegte es in alle Richtungen.
»Sie sollten eigentlich auch hierbleiben«, sagte er. »Sie haben eine hübsche dicke Beule am Hinterkopf, Schürfverletzungen und eine Prellung am Jochbein, Ihr Handgelenk ist gezerrt, und ich kann eine leichte Gehirnerschütterung nicht ausschließen.«
»Mir geht es gut.« Um nichts in der Welt wollte sie ausgerechnet jetzt krankgeschrieben werden.
Der Arzt musterte sie scharf. »Ich würde Sie lieber hierbehalten.«
Lilou schüttelte den Kopf. Das war ein Fehler, ein stechender Schmerz fuhr ihr in den Nacken.
»Nun gut, ich kann Sie nicht zwingen. Aber fahren Sie bitte direkt nach Hause und legen Sie sich hin. Mit so etwas ist nicht zu spaßen.«
Er trug eine kühlende Salbe auf ihr Handgelenk auf und legte einen leichten Verband an, dann desinfizierte er die Abschürfung am Jochbein, was Lilou die Tränen in die Augen trieb. Endlich war er fertig, und sie durfte aufstehen. Sie wusch sich am Waschbecken die Hände. Als sie ihr Gesicht im Spiegel sah, erschrak sie. Die Wange, an der der Weißrusse sie erwischt hatte, war bläulich rot angelaufen und geschwollen, eine blutige Strieme zog sich darüber, die wohl von seinem dicken Siegelring stammte. Kampfnarben sind Ehrennarben, sagte sie sich und presste die Lippen zusammen.
Später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wie sie auf den Parkplatz des Krankenhauses gekommen war. Sie wusste nur noch, dass Demoireau ihr den Autoschlüssel abgenommen und ihren alten Kangoo durch den dichten Verkehr bis zur Place de l’Horloge gesteuert hatte. Er hatte sie bis nach oben begleitet, ihre Dienstwaffe an sich genommen und ihr befohlen, sich sofort ins Bett zu legen. Morgen werde er sie anrufen und auf den neuesten Stand bringen, aber bis dahin sei sie außer Dienst, und er wolle keine Widerrede hören. Die Autoschlüssel behielt er, »damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen«.
Lilou war alles egal. Um nichts in der Welt hätte sie es zugegeben, aber sie wollte nur noch ins Bett. Sie streifte die Uniform ab, klappte nicht einmal mehr die Bettcouch aus, sondern ließ sich einfach fallen und zog sich die Decke über den Kopf.
Stunden später wurde sie von einem leisen Klopfen an der Tür geweckt. Sie fuhr hoch und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Draußen war es noch hell, das Fenster stand offen, und im Zimmer war es warm.
»Lilou, ich bin es, bist du da?« Es war Simon.
Sie sprang auf und eilte zur Tür. Dort stellte sie fest, dass sie außer einer Unterhose nichts anhatte, lief zum Kleiderschrank und griff nach dem ersten Kleidungsstück, das ihr in die Hände fiel, ein einfaches knielanges Trägerkleid, das sie sich über den Kopf zog. Der Schlaf hatte ihr gutgetan, ihr Kopf fühlte sich deutlich besser an, das Brummen war so gut wie verschwunden. Dafür hatte sie Hunger, was kein Wunder war, sie hatte heute noch gar nichts gegessen.
Es klopfte noch einmal.
»Ich komme schon!« Sie riss die Tür auf. Simon stand vor ihr, beladen mit zwei Einkaufstüten.
»Entschuldige bitte«, sagten sie beide wie aus einem Mund.
Lilou musste lachen. Sie beugte sich vor und begrüßte ihn mit zwei Wangenküssen. »Ich bin es, die sich entschuldigen muss. Du warst völlig im Recht«, sagte sie.
»Du bist schließlich Polizistin«, sagte er und folgte ihr ins Zimmer. Er stellte die beiden Einkaufstüten auf den Tisch und wandte sich zu ihr um. »Natürlich musst du misstrauisch werden, wenn auf einmal ein wildfremder Mann vor deiner Tür steht und behauptet, er sei der Großneffe eines Mordopfers.«
»Ich hätte niemals deinen Rucksack durchsuchen dürfen«, erwiderte Lilou. »Ich hätte dich einfach fragen sollen.«
Simon nickte. »Ja, deshalb war ich gestern so sauer. Aber heute Morgen war ich bei Onkel Frédéric, und als ich …«
»Du warst was?« Lilou starrte ihn an.
»Ich war im Krankenhaus, in der Rechtsmedizin«, erklärte er. »Ein dicker Arzt ließ mich zu ihm.«
»Dr. Bonaventure«, murmelte Lilou.
»Genau, so hieß er.« Simon sah sie ernst an. »Ich wollte Onkel Frédéric wenigstens einmal sehen«, fuhr er fort. »Und da habe ich verstanden, warum du das tust. Deshalb wollte ich mich entschuldigen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Du bist verrückt, weißt du das?«
»Nicht verrückter als du, wenn du dich mit Menschen auseinandersetzt, die dir so etwas antun«, erwiderte er ernst. Er hob die Hand und berührte ihre Wange. »Was ist passiert?«
»Ach, ich musste einen Gorilla daran hindern, eine junge Frau zu töten«, sagte sie leichthin. »Es sieht schlimmer aus, als es ist.«
Er schüttelte den Kopf und deutete auf den Verband an ihrer Hand. »Er hat sich wohl zur Wehr gesetzt?«
»Ein bisschen.« Lilou wollte nicht über den Vorfall sprechen. »Was hast du eingekauft?«, fragte sie stattdessen und zeigte auf die beiden Einkaufstaschen.
»Ich wollte dich zum Essen einladen«, antwortete er und zeigte wieder sein schiefes Grinsen. »Sozusagen als Wiedergutmachung.«
»Essen klingt gut«, antwortete sie. »Aber eine Wiedergutmachung ist wirklich nicht nötig.«
»Ich glaube doch.« Er musterte sie von oben bis unten. »Ich schlage vor, du gehst wieder auf die Couch, ruhst dich noch ein wenig aus und lässt mich einfach machen.«
Sie zögerte einen Moment, doch ihr Magen machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Aus Simons Tüten roch es nach frischem Baguette, nach Zwiebeln und Knoblauch und reifen Tomaten, und prompt begann ihr Magen zu knurren. Sie gab sich geschlagen.
»In Ordnung«, sagte sie.
Simon beim Kochen zuzusehen, war eine Offenbarung. Er hatte verschiedene regionale Gemüse gekauft, Auberginen, Tomaten, Zucchini, Paprika und Zwiebeln, dazu frische Kräuter, kleine Tiegel und Töpfe mit geheimnisvollem Inhalt und zwei Flaschen, die er schnell im Kühlschrank verschwinden ließ. Er bewegte sich in ihrer Küche, als wäre er hier zu Hause, und hackte Zwiebeln in einer Geschwindigkeit, dass Lilou beim Zusehen schwindelig wurde. Er wusste sogar, wo sich der Dosenöffner befand, mit dem er eine Dose Thunfisch öffnete. Immer wieder klapperte das Messer, die Kühlschranktür ging auf und zu. Irgendwann verlor Lilou den Überblick darüber, was er tat, und sie döste wieder ein.
Sie hatte das Gefühl, kaum die Augen geschlossen zu haben, da servierte er ihr schon die Vorspeise: kleine Weißbrotschiffchen, die sich um eine Insel aus hellem Aufstrich drängten. Schwarze Oliven, geviertelte Mini-Tomaten und darübergestreute Lavendelblüten machten daraus einen Augenschmaus. Dazu gab es ein Glas mit einer weinroten Flüssigkeit, aus der Bläschen aufstiegen.
»Rillette de Thon mit Kir royal«, erklärte Simon, als er den Teller mit einer formvollendeten Verbeugung auf dem Couchtisch abstellte.
Lilou sah bewundernd auf das Kunstwerk. »Wow.«
»Ich habe keine Bank überfallen, falls du das befürchtest«, erklärte er. »Maman hat mir Geld geschickt. Damit komme ich über die Runden, bis ich einen Job gefunden habe.«
Sie nickte nur, sie konnte sich nicht mehr zurückhalten und begann zu essen. Es schmeckte einfach himmlisch. Die letzten Reste des Rillette wischte sie mit dem Finger vom Teller.
Während sie aß, beobachtete sie fasziniert, wie er eine weitere Zwiebel schälte und in Ringe schnitt, die Paprika vom Strunk und den Kernen befreite und sie in schmale Streifen auffächerte. Die Zucchini ereilte das gleiche Schicksal, nur bei der Aubergine zögerte er.
»Hat dein Backofen auch einen Grill?«, fragte er und ging vor dem Ofen in die Hocke. Er drehte an den Knöpfen, bis die Heizspirale rot aufleuchtete. Er halbierte die Aubergine, schnitt das Fruchtfleisch kreuzweise ein, dann bestrich er die Hälften mit Olivenöl, bestreute sie großzügig mit Meersalz und schob sie auf dem Rost in den Ofen. Anschließend hackte er eine Knoblauchzehe in winzige Würfel und gab sie in die Pfanne, in der schon die Zwiebeln bräunten. Er wartete einen Augenblick, dann löschte er alles mit einem großzügigen Schuss aus der Flasche Prosecco ab. Eine Dampfwolke erhob sich und wehte bis zu Lilou.
»Das riecht großartig«, sagte sie.
»Das wird auch großartig schmecken«, antwortete er und warf die Paprikastreifen in die Pfanne.
Lilou trank einen Schluck von dem Kir und sah Simon zu, wie er die Tomaten viertelte, die Haut abzog, die Strünke entfernte und sie mit dem Messer innerhalb von Sekunden in eine Art Mus verwandelte. Er hatte schmale, feingliedrige Hände, fiel ihr auf, die das große Messer so geschickt handhabten, dass die Tomaten kaum Saft verloren. Die Zucchinischeiben wanderten zu den Paprikastreifen, und er rüttelte die Pfanne, in der es zischte und brutzelte. Anschließend öffnete er den Backofen und zog den Rost heraus.
Die Auberginenhälften hatten sich in dunkelbraune Schalen verwandelt, aus deren Innerem ein herrlicher Duft aufstieg. Simon kratzte die Masse mit einem Löffel heraus, hackte sie klein und gab sie in einen Topf. Das Tomatenmus folgte, er bediente sich reichlich an der Dose mit den Kräutern der Provence, fügte eine große Prise Lavendelblüten hinzu, rührte um und kostete. Offenbar war er mit seinem Werk zufrieden, denn er nickte. Er füllte die Paprika-Zucchini-Mischung in eine Keramikschüssel, die er in den Ofen schob, dann wischte er die Pfanne aus, stellte sie wieder auf den Herd und goss Öl hinein. Aus dem Kühlschrank holte er zwei dicke Fleischstücke.
In Lilou breitete sich eine wohlige Wärme aus. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche und Gerüche, die von der Küchenzeile herüberzogen. Es knisterte und prasselte, das waren wohl die Steaks im heißen Öl, der Duft der gegrillten Auberginen hing in der Luft und vermischte sich köstlich mit dem Geschmack des spritzigen Getränks in ihrer Hand. Sie seufzte beglückt.
»Aufwachen!« Simon stand vor ihr. »Das Essen ist fertig.«
Sie streckte sich, dann stand sie auf und ging zu ihm. Während sie eingenickt war, hatte er den Stuhl aus seiner Wohnung geholt und den Tisch gedeckt. Er stellte zwei Gläser auf den Tisch und öffnete eine Flasche Rotwein. Es waren richtige Weingläser, wie sie feststellte, große Ballons, in denen sich das Licht brach. Er musste sie heute gekauft haben. Simon goss ein und hob das Glas.
»À ta santé, Lilou«, sagte er.
Sie stieß mit ihm an, setzte sich und nahm eine Nase voll von dem Wein. Er hatte eine helle Farbe und roch frisch, nicht so schwer und harzig wie die dunklen Weine aus dem Burgund. Sie nahm einen Schluck und schloss die Augen. »Ah.«
Als sie sie wieder öffnete, stand ein Teller vor ihr, von dem ein betörender Geruch aufstieg. Rosmarin, Thymian und – natürlich – Lavendel.
»Ratatouille déconstruite mit Filet vom Stier aus der Camargue«, deklamierte Simon und setzte sich auf den anderen Stuhl, der protestierend knarrte.
Lilou riss die Augen auf. Sie kannte Ratatouille nur als Schmorgericht aus gebratenem Gemüse. Simon hatte die gegrillten Auberginen und das Tomatenmus zu einer dicken Creme eingekocht. Sie bildete ein Bett für die angebratenen Paprikastreifen, die Zwiebelringe und die Zucchinischeiben, die er auf dem Teller zu einem geschmackvollen Bukett arrangiert hatte. Auf dem knusprig gebratenen Steak lag ein Sträußchen aus Lavendelzweigen als aromatische Dekoration.
»Ich wusste gar nicht, dass man in meiner Küche so etwas Tolles kochen kann«, sagte Lilou und sog genießerisch den Duft ein.
»Ich gebe zu, ich hatte Hilfe«, erwiderte Simon und zeigte sein schiefes Grinsen. »Ich habe gestern Abend im Journal d’Armand gelesen, während ich auf dich gewartet habe.«
Lilou sah überrascht auf. »Das Ratatouille-Rezept ist von Armand?« Sie nahm das Rezeptbuch und schlug es auf, es öffnete sich direkt beim Rezept für Ratatouille. Sie las die Kochanweisungen durch und musste schmunzeln. In einer der Variationen war das Gericht genau so beschrieben, wie Simon es zubereitet hatte.
»Aber trotzdem muss man es erst einmal so hinbekommen«, stellte sie fest.
»Das ist immerhin mein Beruf«, sagte er und hob sein Glas. »Iss jetzt, sonst wird es kalt.«
Lilou aß langsam und genoss jeden Bissen. So gutes Fleisch hatte sie schon lange nicht mehr gegessen. Wo er es wohl aufgetrieben hatte? Er kannte hier doch niemanden. Als sie ihn danach fragte, grinste Simon.
»Ich war gestern Abend mit Onkel Nicolas unterwegs«, antwortete er. »Er hat mir eine gute boucherie empfohlen.«
»Nicolas Dompierre?« Lilou sah ihn erstaunt an. »Ich dachte, der kann gar nicht kochen.«
»Offenbar weiß er trotzdem, wo man gut einkaufen kann.« Er grinste sein schiefes Grinsen. »Nachdem ich abgehauen bin, war ich in der Bar gegenüber und habe ein Bier getrunken. Da habe ich Onkel Nicolas getroffen. Er ist wirklich nett, und wir hatten am Ende einen sehr lustigen Abend.«
»Hast du ihm von den Plänen eures Onkels erzählt?«
»Ja.« Simon hob die Schultern. »Er fand die Idee großartig. Aber ich hatte das Gefühl, noch lieber würde er das Haus verkaufen.«
»Falls er der Erbe ist.«
»Davon geht er aus. Er sagte, er habe das Testament, in dem Onkel Frédéric alles ihm vermacht, schließlich mit eigenen Augen gesehen. Und er ist überzeugt, dass er es finden wird, sobald die Polizei die Wohnung freigibt.«
Lilou sagte nichts dazu. Der alte Mann schien Nicolas Dompierre nicht wirklich vertraut zu haben, sonst hätte er ihm doch von Simons bevorstehendem Besuch erzählt. Sie aß ihr Steak auf und kratzte den Rest der Soße mit dem Messer zusammen.
»Danke fürs Kochen«, sagte sie und hob das Glas. »Ich glaube, ich habe noch nie etwas so Gutes gegessen.«
»Ich habe es sehr gern gemacht«, sagte er. »Auf dein Wohl, Lilou.«
Er stieß mit ihr an und sah ihr tief in die Augen. Lilou wandte schnell den Blick ab und trank ihr Glas aus. Die Hitze, die in ihre Wangen stieg, kam sicher nur vom Wein, sie war durstig gewesen und hatte viel zu schnell getrunken.
Später saßen sie auf dem Sofa und tranken den Rest des Weins. Die Fensterflügel waren geöffnet, die laue Nachtluft trug den Geruch von Sommerblüten und vereinzelte Töne von Musik herein, die aus weiter Ferne kam. Simon hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, Lilou lehnte ihren Kopf in seine Armbeuge. Das Gespräch war versiegt, aber es war ein angenehmes, ein entspanntes Schweigen. Ihr Kopf fühlte sich ganz leicht an, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie Simons Gesellschaft genoss.
Er schien ähnlich zu empfinden, er verstärkte den Griff um ihre Schulter und zog sie an sich. Einen Augenblick lang dachte sie an Pasquale, der sich nicht mehr gemeldet hatte, doch dann verbannte sie ihren Ex-Freund aus ihren Gedanken. Sie wich nicht aus, als Simon den Kopf senkte, und auch nicht, als ihre Lippen sich berührten. Sie umschlang Simons Nacken und küsste ihn, erst vorsichtig, tastend, dann immer heftiger, bis er sie von sich schob und sie ernst anblickte.
»Lilou«, flüsterte er, »willst du das wirklich?«
Sie nickte. Sie wollte.
Seine Hände waren überall zugleich, er streichelte ihre Schultern, schob die Träger des Kleids zur Seite, küsste ihren Hals, ihren Brustansatz. Sie strich über seinen sehnigen Rücken, fuhr durch sein Haar, er presste sie an sich. Sie fühlte sein Begehren und ließ sich einfach fallen, zog ihn mit sich und dachte an nichts anderes mehr.