I st heute eigentlich Samstag oder Sonntag? Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr … Wie eine Bekloppte hämmere ich auf das Schränkchen neben meinem Bett ein. Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr … Wie ätzend. Warum hört das verdammte Ding nicht auf zu klingeln?
Weil heute Montag ist!
Ich reiße die Augen auf und bin hellwach. Also zumindest so hellwach, wie man sein kann, wenn die Träume gerade noch suggeriert haben, dass man den warmen Sand eines traumhaften, von Palmen gesäumten, Strandes unter dem Körper spürt. Ich räkle mich. Ach, war das schön. Die Sonne hat meine Wangen gestreichelt. Sanft haben die Wellen meine Zehen umspült. Hach ja.
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr … Ich werde wahnsinnig. Meine Koordination ist noch nicht richtig im ausgeschlafenen Zustand angekommen. Deswegen bekomme ich es auch nicht hin, den Handywecker einfach auszuschalten. Verdammt. Ziellos taste ich herum, entscheide mich dann aber abzuwarten, bis der Handywecker in den Ruhezustand zurückkehrt. Bis dahin halte ich mir vorsichtshalber die Ohren zu. Trotzdem fühle ich mich als würde jemand mit einem Hammer auf mein Hirn einschlagen.
Als das Handy endlich Ruhe gibt, lasse ich meine Ohren los. Das Hämmern hört nicht auf. Aber es hilft alles nichts. Ich muss aufstehen. Mich fertig machen und zur Arbeit fahren.
Gemächlich hieve ich das linke Bein über den Rand der Matratze. Dem linken Bein folgt das rechte. Nach einem herzhaften Gähnen strecke ich die Arme weit von mir. Oh ja. Allmählich fühle ich mich richtig wach.
Gut gelaunt, mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen, tänzle ich ins Bad und öffne den Klodeckel. Jeder kennt es. Jeder ist genervt davon, aber keiner tut etwas dagegen. Wie immer ist die Klobrille elendig kalt. Ich hasse das. Aber was muss, das muss.
Mein Tag wird genauso wie jeder andere Tag beginnen. Erst pinkeln, dann Zähneputzen, duschen und mich für die Arbeit fertig machen.
Ich putze die Zähne, spüle den Mund aus und stelle die saubere elektrische Zahnbürste an ihren Platz zurück.
Bester Laune hebe ich den Kopf. Und zucke zusammen. Das, was mir da aus dem Spiegel entgegen starrt, bin eindeutig nicht ich.
Oh man, die Visage aus dem Spiegel sieht steinalt aus. Mindestens sechzig, wenn nicht sogar noch älter. Überall Falten und Pölsterchen unter den Augen, die alles andere als attraktiv sind.
Vielleicht sollte ich mich doch lieber krank melden. Aber … Ich kratze mich am Kopf. Irgendwas war doch heute … Wenn ich nur wüsste, um was es sich handelt.
Splitternackt wackle ich ins Schlafzimmer zurück und öffne den Terminkalender auf dem Handy.
Okay. Das wars dann wohl mit meiner guten Laune.
Heute ist Montag. Theoretisch ein ganz normaler Arbeitstag am Anfang der Woche. Aber praktisch ist heute eben kein normaler Montag. Heute nimmt eine neue Person einen der Stühle im Leitungsteam ein. Und diese Person bin nicht ich.
Dabei war ich mir so sicher, dass die Wahl auf mich fallen wird. Ich habe mir den Arsch für die Firma aufgerissen, bin, wenn es hart auf hart gekommen ist, mit dem Kopf unter dem Arm aufgekreuzt und und und. Genau genommen lebe ich für die Firma. Mein gesamtes Leben findet in und um die Firma herum statt.
Der Großteil meiner Freunde sind Kolleginnen und Kollegen mit denen ich jeden Tag zusammen arbeite. Wir sind ein kleines Unternehmen, das erst seit ungefähr zehn Jahren auf dem Markt ist. Nach dem Vorbild amerikanischer Firmen arbeiten wir mit reduziertem Stundenumfang bei vollem Gehalt. Die Gründer der Firma bieten jede Menge Programme zur Freizeitgestaltung an, die von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unterschiedlich angenommen werden. Bei mir hat das Angebot dazu geführt, dass ich einen großen Teil meiner Freizeit auf dem Firmengelände verbringe.
Der überwiegende Anteil meiner Kolleginnen und Kollegen ist jünger als ich. Mit fast Ende vierzig bin ich älter, aber auch erfahrener.
Verdammt! Ich war mir so sicher, dass ich es geschafft habe und endlich in die Chefetage aufsteige. Wie konnte mir bloß entgehen, dass der Zug vor meinen Augen abgefahren ist? Wie konnte es nur passieren, dass ich mich so vorführen lasse?
Als ich erfahren habe, dass nicht ich es bin, die in die Chefetage aufsteigt, habe ich im ersten Moment darüber nachgedacht, die Firma zu verlassen, aber dann hat sich mein Kopf ins Spiel gebracht und mir wurde klar, dass ich so auch nicht weiterkomme.
Ich habe einen Job, der mich erfüllt und mir Freude bereitet. Ich liebe es, Augen und Ohren offenzuhalten und die neuesten Trends auszuprobieren. Vielleicht ist es so, wie meine Schwester so gerne behauptet und ich bin im Herzen ein Kind geblieben.
Ich liebe den Kontakt mit den Entwicklern neuer Spiele und bin regelmäßig in der Forschungsabteilung, in der an neuartigen Spielzeugen geforscht wird, anzutreffen.
Bevor wir Spielzeuge, Brettspiele, Sammelfiguren und ähnliches auf den Markt werfen, besuche ich Kindertagesstätten und probiere mit den Kindern die Spielsachen aus. Diesen Bereich meines Jobs liebe ich ganz besonders.
Ich hatte es mir so schön ausgemalt. Wie ich in der Chefetage sitze und wichtige Entscheidungen treffe. All das, was ich so liebe, hätte ich verbinden können. Ach, verdammt.
Würde ich meinen Job nicht so lieben, hätte ich mich ganz sicher umorientiert und mir einen neuen gesucht. Aber …
Bestimmt setzen sie mir einen weiteren jungen Hüpfer vor die Nase. Frisch von der Uni und noch feucht hinter den Ohren. Ohne den Hauch einer Ahnung, wie das wirkliche Leben funktioniert.
Ich kann es mir schon bildlich vorstellen. In ihrem super noblen und völlig überteuerten Business Outfit wird sie in ihrem bequemen Chefsessel sitzen, die Beine übereinander schlagen und Leuten wie mir mit einem Fingerschnippen zu verstehen geben, wo unser Platz in der Nahrungskette ist. Sie wird uns behandeln als wären wir als ihre Laufburschen nur dazu da, um ihre Wünsche auszuführen und die niederen Arbeiten zu verrichten. Argh.
Ich hätte nicht gedacht, dass es funktioniert, aber es gibt wirklich Tage und Wochen, die sich ganz von selbst versauen. Nur, weil man Montag Morgen aufsteht, statt die Bettdecke bis über die Augen zu ziehen und einfach weiter zu schlafen.
Hätte ich den Wecker gestern Abend nicht gestellt, würde ich jetzt vermutlich immer noch am Strand liegen und mir den Wind um die Nase wehen lassen. Stattdessen stehe ich vor dem Spiegel und bekomme eine Vorstellung, warum eine neue Kollegin den Posten in der Chefetage bekommt und nicht ich. Ich bin einfach zu alt. Das wird es sein.
Das Alter lässt sich nicht aufhalten. Daran ändern auch Kriegsbemalung, Facelifting und Botox nichts. Nicht mal eine Straffung der Schamlippen würde daran etwas ändern.
Wenn man in meinem Alter angekommen ist, muss man der Realität ins Auge schauen. Es hilft ja doch alles nichts.
Ich kneife ein Auge zu und werfe mir ein schiefes Grinsen zu. Ich kann es nicht fassen, dass es jetzt endgültig soweit sein soll und ich auf gerader Strecke auf die Wechseljahre zu laufe.
Als meine Mutter damals in die Wechseljahre kam, habe ich noch gedacht, dass mir so etwas niemals passieren wird. Aber leider … dreht sich das Rad der Zeit immer weiter. Egal …
Am zunehmenden Altern und dem allmählich immer stärker werdenden Verfall kann ich nichts ändern. Trotzdem kann ich den Kopf recken und meinen Mann stehen.
Ich werde auch heute mein Bestes geben. Und dann werden wir sehen, ob Madame Neu-in-der-Chefetage sich lange halten wird. Gut möglich, dass ihr eine ältere Frau den Rang abläuft. Diese ältere Frau werde dann ganz zufällig ich sein. Ich werde ihre Schwächen herausfinden und ihr dann das Leben so richtig schön schwer machen.
Wenn ich es richtig anstelle, wird sie in ein paar Wochen ganz schnell ihre Sachen wieder einpacken und dorthin verschwinden, wo sie herkommt. In Muttis Bauch. Die Vorstellung erheitert mich so sehr, dass meine Laune ganz von selbst wieder steigt.
Einigermaßen beruhigt gehe ich unter die Dusche und lasse das warme Wasser über meine nackte Haut laufen.
Ach, eigentlich habe ich doch ein schönes Leben.
Wer weiß, wozu es gut ist, dass ich nicht befördert worden bin? Nun, das wird sich vielleicht in der Zukunft zeigen. Vielleicht aber auch nicht. Mal sehen.
Ausgerechnet heute erweist sich mein welliges Haar als äußert widerspenstig. Statt sich glätten zu lassen, springt es immer wieder in sanften Wellen über meine Schultern. Argh. Nicht mein Tag heute. Eindeutig nicht.
Wo zur Hölle habe ich meine Lesebrillen versteckt? Ohne Brille bin ich mittlerweile leider blind wie ein Maulwurf und kann das, was ich vor Augen habe, kaum noch lesen. Ohne Brille brauche ich gar nicht erst das Haus verlassen.
Schon so lange habe ich mir vorgenommen, mindestens eine Brille in der Firma zu lagern, aber wie das so ist … am Abend denke ich immer daran, bin dann aber zu faul, noch mal aufzustehen und nehme mir vor, am nächsten Morgen eine Brille in die Tasche zu packen. Morgens vergesse ich es dann doch, oder finde keine Brille. So wie jetzt. Verdammt.
Wie ein geölter Blitz renne ich durch die Wohnung und inspiziere all die schönen Verstecke, an denen ich sonst meine Brillen lagere.
Ha! Wusste ich es doch, das hinter dem Sofakissen eine liegt. Toll, oder? Ich bin richtig gut. Ich halte die Brille in den Händen und betrachte sie aufmerksam. Einer der Stege hängt ein bisschen schief. Ziemlich schief genau genommen. Mit diesem Nasenfahrrad mache ich mich zum Affen. Also weitersuchen.
G anz anders als sonst bin ich eine der Letzten, die mit wehenden Fahnen über den Firmenparkplatz hetzt. Ich hasse es, auf den letzten Drücker zu kommen.
»Hey!«, rufe ich beim Betreten der Firma der jungen Frau am Empfang zu und renne dann direkt zur Treppe.
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend hetze ich die Treppe hinauf und fliege förmlich durch die offene Tür des Besprechungsraums. Schwer atmend bleibe ich stehen, stütze die Hände auf die Oberschenkel und schnappe nach Luft.
Zahlreiche Blicke treffen mich. Ein Teil meiner Kollegen verbirgt den Mund hinter der Hand. Zuckende Schultern verraten mir trotzdem, dass sie über mich lachen.
»Guten Morgen.«, japse ich und fächle mir Luft zu.
Einer meiner jungen Kollegen kommt auf mich zu und klopft mir auf die Schulter.
»Dieser Tag ist ein besonderer Tag.«, philosophiert er ernst.
»Denn heute beginnt eine andere Ära.«
Ach so? Was denn für eine Ära? Ich schaue den jungen Mann verwundert an.
»Na, du zeigst menschliche Züge. So spät wie heute warst du noch nie.«
Er lacht wie … keine Ahnung. Wie eine Hyäne vielleicht? Oh ja. Wie eine Hyäne. Ich mochte den Typen noch nie.
Mit einem Seufzen lasse ich mich auf meinen Platz fallen und zeige dem Typen mit einem sehr unmissverständlichen Blick, dass er sich verziehen soll.
Er zuckt mit den Schultern und geht. Dafür gesellt sich meine Kollegin Anna zu mir und schaut mich mitleidig an.
»Harter Morgen heute?«, fragt sie.
»Frag lieber nicht.«, brumme ich.
»Als ich wach geworden bin, dachte ich, dass heute Samstag ist. Oder Sonntag. Ich habe mich noch mal gemütlich umgedreht, aber dann hat der Wecker geklingelt.«
»Oh je. Du arme Maus.«
Anna streichelt mir über die Schulter und setzt sich auf den freien Platz neben mir.
»Ist die Neue eigentlich schon da?«, frage ich so unbeteiligt wie möglich.
»Jupp. Sie ist bei Marek im Büro. Die Zwei müssten aber gleich auftauchen.«
Okay. Ein paar Minuten bleiben mir also noch. Zeit, die ich dringend brauche. Ich muss mich sammeln und irgendwie wieder richtig Luft bekommen.
Wie immer vor einem wichtigen Meeting, lege ich das Tablet auf den Tisch und starte es. Dieses Mal lege ich allerdings auch meine Brille daneben. Meine Sitznachbarin schaut mich verwundert an.
»Ich wusste gar nicht, dass du eine Brille trägst.«, murmelt sie.
»Mache ich auch nicht.«, knurre ich und schicke einen ärgerlichen Blick nach rechts.
Anna zieht den Kopf ein.
»Bekommst du deine Tage, oder warum bist du so gereizt?«
Ich. Bin. Nicht. Gereizt.
Ich will mich nur in Ruhe auf das Unvermeidliche vorbereiten. Ist das denn zu viel verlangt?
Ich will wieder ins Bett. Bitte lass den Tag schnell vorbei gehen.
»Hey, Ali. Gut schaust du aus.«
Tarek, den ich nicht allzu oft sehe, weil er im Außendienst arbeitet, gesellt sich zu mir. Er stützt sich mit der Hand auf dem Tisch ab und lächelt mich an. Ich schenke dem netten Außendienstler ein freundliches Lächeln.
»Du hast ein bisschen zugenommen, kann das sein? Deine Wangen wirken fülliger. Steht dir gut.«
»Frag sie doch gleich, ob sie schwanger ist.«, lästert Anna neben mir.
»Woher weißt du, dass ich genau das fragen wollte? Na, Ali, wer ist denn der glückliche Vater?«
Oh man. Ich schnappe nach Luft.
Mittlerweile bin ich auf hundertachtzig. Gereizt stehe ich auf und streiche das Oberteil glatt. Spätestens jetzt müsste auch der letzten Blindschleiche aufgehen, dass ich NICHT zugenommen habe. Okay. Ein Kilo vielleicht. Oder auch zwei oder drei. Schon möglich, dass ich ganz vielleicht sogar vier Kilo zugelegt habe. Aber hey, viel ist das doch nicht. Oder?
Außerdem ist es doch kein Wunder. Ich habe einen Job, bei dem ich viel Zeit am Schreibtisch verbringe. Außerdem gibt es hier leckeres Essen. Anna und Tarek sollen mir mal jemanden zeigen, der hier nicht zulegt.
Immer noch gereizt packe ich das Tablet in meine Tasche zurück und entferne mich. Anna und Tarek stecken die Köpfe zusammen und lachen. Vermutlich über mich.
Auf der anderen Seite des Raumes ist genau noch ein Platz frei. Zwischen Hannes und Lisa aus dem Kundenservice. Ich schicke ein Lächeln nach rechts und links und lege dann meine Tasche und das Tablet auf den Tisch. Von dieser Seite sieht der Raum ganz anders aus. Irgendwie größer und beeindruckender. Durch die Fensterfront, der ich sonst immer den Rücken zudrehe, fallen Sonnenstrahlen auf den Tisch.
Ich schaue mich im Raum um. Heute ist wirklich jeder einzelne Mitarbeiter im Sitzungsraum aufgetaucht, was die Wichtigkeit des Termins heute nur noch unterstreicht. Sogar die Leute aus der Küche sind da. Sie sind an ihren karierten Hosen, den weißen Jacken und den weißen Mützen auf dem Kopf zu erkennen.
Eigentlich ist es schon cool, Teil eines so interessanten und vielseitigen Teams zu sein.
Viel lieber würde ich natürlich als Mareks rechte Hand das Team leiten, aber … Was nicht ist, kann ja noch werden. Irgendwann. Eines Tages. Wenn ich so alt bin, dass ich mit dem Rollator in die Firma wackle, mich in den Treppenlift setze und an den vielen jungen Leuten vorbei nach oben fahre.
Mein eigener Zynismus bringt mich zum Grinsen. Ich habe es doch echt drauf, mich selbst schlecht zu machen. Argh.
Um mich abzulenken, fange ich ein Gespräch mit Hannes aus dem Kundendienst an. Wir reden übers Wetter, den Verkehr heute früh und die Parkplatzsituation auf dem Firmengelände. Alles Dinge, über die man mit Leuten spricht, die einem im Grunde egal sind. Trotzdem ist selbst das besser als die nächsten zwei Stunden alleine über mich ergehen lassen zu müssen.
Marek, der Big Boss dieser Firma, taucht in der offenen Tür auf. Sämtliche Anwesende drehen die Köpfe in seine Richtung. Ich auch.
Er lächelt strahlend und schaut, wie immer, aus wie von einem Nobeldesigner persönlich eingekleidet. Sein Haar sieht aus wie von einem Starfriseur kreiert. Nicht ein Strähnchen steht irgendwie hilflos von seinem Kopf ab. Einer Art Automatismus folgend, streiche ich eine Strähne hinters Ohr.
Hinter Marek schiebt sich eine Frau ins Sichtfeld und stellt sich so, dass die Sonne ihr Gesicht in warmes Licht taucht. Uff.