U ff. Mein Herz rast. Wieder mal bin ich hier die Neue, die alle offen anstarren. Ich bin nicht gern die Neue.
Hoffentlich erfüllt dieser Job mich so, dass ich nicht mehr das Bedürfnis verspüre, mir einen neuen, einen besseren, zu suchen.
Die Gespräche im Vorfeld waren jedenfalls ziemlich vielversprechend. Marek, der Chef, wirkt ziemlich cool. Für einen Nerd.
Obwohl er der Chef dieser Firma ist, wirkt er nicht, als würde er sich in den Mittelpunkt stellen müssen. So weit ich mitbekommen habe, sieht er sich als Teil des großen Ganzen. Das hat mich beeindruckt.
»Nur Mut.«, sagt er leise.
»Die werden dich nicht fressen.«
Na, das hoffe ich doch. Ich versuche mich an einem Lächeln, werde aber das Gefühl nicht los, dass es irgendwo im Hals stecken bleibt. Ich bin viel zu verkrampft. Unauffällig versuche ich, meine Muskeln zu lockern.
Marek gibt meinen neuen Kolleginnen und Kollegen eine oder zwei Minuten, in denen sie mich nach Herzenslust begutachten können. Minuten, die sich für mich wie Stunden anfühlen.
Solche Situationen mag ich nicht, aber da muss ich wohl durch. Wieder mal.
Ich begegne jedem einzelnen Blick mit einem Lächeln.
»So Leute, genug gegafft.«, sagt Marek lachend und geht weiter in den Raum hinein.
Ich folge ihm und nicke einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu.
Marek stellt sich hinters Pult. Ich stehe ein paar Schritte von ihm entfernt.
»Guten Morgen allerseits.«, sagt er freundlich.
»Das ist Cornelia Langer.«, stellt er mich vor.
»Ab sofort wird sie als meine rechte Hand in der Firma unterwegs sein.«
Marek dreht sich zu mir.
»Ich wünsche uns allen eine schöne Zeit zusammen. Stell dich bitte selbst vor.«
Ürks.
Mann. Ich bin nicht schüchtern oder so. Trotzdem … würde ich mich am liebsten verstecken.
Ich räuspere mich.
»Guten Morgen, verehrte Damen und Herren.«, sage ich so verkrampft, dass mich das mehrstimmige Kichern und unterdrücktes Lachen nicht allzu sehr überraschen sollte.
Es überrascht mich auch nicht. Nein. Das, was ich empfinde, ist viel unangenehmer als Überraschung. Ich bin peinlich berührt. Weil ich mich so doof anstelle. Mann. Das kann doch nicht wahr sein. Wie oft stand ich schon als die Neue vor versammelter Mannschaft? Viel zu oft, ehrlich gesagt.
Ich ringe mir ein Lächeln ab und versuche es erneut. Die Daten und Fakten meines Lebenslaufs gehen mir locker über die Lippen.
Mit »Ich freue mich auf eine gute und Gewinn bringende Zusammenarbeit.« schließe ich meine persönliche Vorstellung und ernte verhaltenen Applaus.
Mein Schlusswort ist für den Großteil der Anwesenden anscheinend das Signal, auf das sie gewartet haben. Sie stehen auf und schieben ihre Stühle an den Tisch. Mit einem stummen Nicken in meine Richtung entfernen sie sich schnellen Schrittes. Übrig bleibt außer Marek und mir nur noch etwas mehr als eine Hand voll.
Männer und Frauen unterschiedlichen Alters schauen mich neugierig an. Nur eine Frau ist offensichtlich eher gereizt als neugierig. Ihre Blicke sind ziemlich eindeutig. Oh je. Mit ihr werde ich es wohl schwer haben. Ob das die ist, der ich den erhofften Aufstieg versaut habe? Wenn ja, tut es mir ehrlich leid.
Ihre Blicke durchbohren mich. Ich fühle mich äußerst unwohl.
Marek wartet, bis jemand die Tür des Sitzungsraums schließt. Dann wendet er sich seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu.
»Conny wird die ersten Monate ihrer Einarbeitung nutzen, um eine Woche in jeder Abteilung zu schnuppern.«, erklärt er.
»Ich habe mir überlegt, dass es am besten ist, wenn sie im Herz der Firma, der Forschungsabteilung, startet.«
Okay. Die Forschung interessiert mich nicht so wirklich. Ich stehe eher auf das Qualitätsmanagement, die Qualitätsprüfung, den Außendienst und die Werbung.
»Unsere liebe Ali … «
Marek schlägt einer Frau mittleren Alters auf die Schulter.
»Unsere liebe Ali wird sich um dich kümmern, Conny. Sie arbeitet als Bindeglied mit den Bereichen, für die dein Herz ganz besonders schlägt. Du heftest dich einfach an ihre Seite. Sie wird dir alles zeigen.«
Marek strahlt mich an. Mir ist überhaupt nicht nach Strahlen zumute. Diese liebe Ali ist genau die Frau, die mich seit einigen Minuten so ansieht, als würde sie mich mit ihren Blicken töten wollen. Das kann ja heiter werden. Ich fühle mich alles andere als wohl in meiner Haut. Hoffentlich ist sie nur mit dem falschen Bein aufgestanden und nicht immer so gut gelaunt.
Eigentlich lasse ich mich nicht so schnell von schlechter Laune beeindrucken, aber … diese liebe Ali ist so offensichtlich übellaunig, dass es mich doch ein bisschen erschreckt. Ich habe nicht erwartet, dass ich von allen mit offenen Armen empfangen werde, aber … warum denn gleich auf diese Weise? Ich habe ihr doch gar nichts getan.
Vielleicht hat sie auch ein Problem, weil mit mir eine Frau in ihrem Alter mit einer wichtigen Stelle betraut wird. Ist sie womöglich eifersüchtig? Oder … Es bringt doch nichts, wenn ich mir den Kopf zerbreche. Bestimmt ist die liebe Ali nur mit dem falschen Bein aufgestanden. Oder sie bekommt ihre Tage. Soll ja vorkommen. Habe ich auch vollstes Verständnis dafür. Mit mir ist an solchen Tagen auch nicht gut Kirschen essen. Im besten Fall lässt man mich in diesen Momenten in Ruhe.
Warum auch immer sie schlecht drauf ist. Es gibt ihr nicht das Recht, mich mit ihren Blicken zu erdolchen.
Ich schicke ein Lächeln in ihre Richtung. Sie guckt finster.
»Wenn wir schon mal alle beieinander sind, möchte ich die Gelegenheit nutzen und die nächsten Termine mit euch durchgehen. Wie immer sind wir auch in diesem Jahren auf sämtlichen Messen, die für uns geeignet sind, anzutreffen. Hat jemand von euch Lust, mit Ali und Conny hinzufahren?«
Ich halte die Luft an. Nicht nur ich, wie mir scheint. Die liebe Ali sieht auch so aus als ob ihre Lungen gleich reißen, weil sie so lange die Luft anhält.
Eine junge asiatische Frau, die mir als Linh vorgestellt worden ist, wischt über das Display ihres Smartphones. Sie hat die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt.
»Ich könnte bei drei Messen dabei sein.«
Vor Erleichterung stoße ich die Luft etwas zu auffällig wieder aus. Da die liebe Ali mir direkt gegenüber steht, entgeht mir nicht, dass ihre Atmung sich allmählich wieder beruhigt. Wer weiß, vielleicht hat sie der Aussicht, mit mir allein zu Messen fahren zu müssen, mit Bauchschmerzen entgegen gesehen.
Ich frage mich ernsthaft, was die Gute für ein Problem (mit mir) hat.
Vermutlich hat sie Vorurteile. Weil ich in der Rangordnung über ihr stehe. Allerdings sind in diesem Betrieb die Hierarchien ziemlich flach. Soweit ich mitbekommen habe jedenfalls.
Na, mal sehen, ob ich in den nächsten Wochen herausfinde, womit sie ein Problem hat. Die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begegnen mir offen. Sie zeigen ihr Interesse an mir als Vorgesetzte, aber auch an mir als Person durch die Fragen, die sie mir stellen.
»Bis zum Abitur habe ich in dieser Stadt gelebt. Danach bin ich zum Studieren nach Hamburg gegangen.«
»Hamburg ist toll.«
Oh ja. Hamburg ist wirklich schön. Aber irgendwie konnte auch diese Stadt mich nicht halten. Es scheint so, als wäre ich mit dem Reise-Gen ausgestattet. Mir fällt es einfach schwer, sesshaft zu werden.
Dass ich in die Stadt meiner Kindheit zurückkehre, werte ich eher als Rückschritt. Aber immerhin habe ich einen offiziellen Grund, der mich hierher zurückgeführt hat.
Ich habe mehrere Jahre meines Lebens damit verbracht, durch die Welt zu reisen, war in London, New York, Los Angeles, Kapstadt, Tokio, Sydney und Buenos Aires.
Ich kann definitiv behaupten, dass ich die Welt kenne. Was ich jedoch nicht kenne, ist, wie es ist, irgendwo anzukommen. Ich habe die spannendsten Orte dieser Welt bereist, aber Zuhause habe ich mich nirgends gefühlt. Warum auch immer.
Als meine Eltern mich vor einem halben Jahr angerufen und gefragt haben, ob ich in das Haus, das früher meine Großeltern bewohnten, ziehen möchte, habe ich spontan zugesagt. Und jetzt bin ich hier und habe nicht vor, wieder weg zu gehen.
Wohl oder übel werde ich lernen müssen, mit Menschen wie dieser lieben Ali klarzukommen.
»Gut.«, sagt Marek in meine Gedanken hinein.
»Dann fahrt ihr zu dritt auf die Spielwarenmesse in Nürnberg und besucht Tagungen für Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer und so weiter. Die restlichen Tagungen und Events bestreiten Conny und Ali im Doppel.«
Marek lacht. Mir ist nicht so sehr nach Lachen zumute. Vor allem die Events, zu denen ich alleine mit Ali fahren muss, liegen mir ein bisschen im Magen.
Ich fahre gerne zu Tagungen, Messen und anderen Events. Ich mag es, neue Leute kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Allerdings fahre ich lieber alleine. Dann bestimme ich das Tempo und entscheide, mit wem ich ins Gespräch kommen will.
Zwei oder drei Personen bedeutet zwei oder drei verschiedene Meinungen, die wir dann wohl unter einen Hut bekommen müssen.
Ich kann mir nur schwer vorstellen, mit Ali auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
»Gut. Von meiner Seite gibt es keine weiteren Punkte. Dann ab an die Arbeit.«
Marek klatscht in die Hände, grinst aber, was der Strenge in seiner Stimme eine gewitzte Note verpasst.
»Ali, du kümmerst dich bitte um Conny. Und... tu mir einen Gefallen … friss sie nicht.«
Timo, der Kollege, der Social Media Manager, lacht offen. Ali rollt mit den Augen. Ich auch. Wenigstens ein Punkt, in dem wir uns einig sind.
Ich klemme mir die Tasche unter den Arm und laufe hinter Ali her. Ali scheint es eilig zu haben. Sie läuft einfach los, ohne darauf zu achten, ob ich ihr folge. Man, ist das anstrengend.
Was hat sie, verdammt nochmal, für ein Problem?