E igentlich mag ich meinen neuen Job ja schon. Die Arbeit bereitet mir Freude. Die Kolleginnen und Kollegen sind nett. Also im Grunde alles perfekt. Wenn die liebe Ali nicht wäre.
Ali ist anstrengend. Sie hasst mich. Bis jetzt hat sie zwar noch nichts unternommen, um ihren Hass gegen mich auszuleben, aber ich weiß es trotzdem. Ich sehe es. Jeden Tag. In ihren Augen. Sie ist wütend. Auf mich.
Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, kennen Ali anders. Laut ihrer Aussage gehört sie zu den beliebtesten Mitarbeiterinnen, was ich mir ehrlich gesagt nur schwer vorstellen kann. Mittlerweile weiß ich immerhin, dass sie der Überzeugung ist, ich hätte ihr ihren Job weggenommen. Aber so ist es doch gar nicht. Marek hat mir erklärt, dass er frischen Wind für die Chefetage sucht. Weil die Gefahr, betriebsblind zu werden, mit den Jahren steigt.
Das ist doch nur verständlich. Ich bringe jede Menge Erfahrung in verschiedenen Positionen und Städten mit und habe einen objektiven Blick. Weil ich die Neue bin.
»Was hast du denn vor?«, frage ich Ali, die mit ihrer Umhängetasche über der Schulter vor mir steht.
»Nicht ich. Wir. Wir gehen in die Kita.«
Soll das ein Witz sein? Was zur Hölle soll ich in einer Kita? Ich kann nicht mit kleinen Kindern.
»Ich gehe jeden Montag Vormittag in die Kita, um die Kinder zu beobachten und mit ihnen zu spielen. Auf diese Weise bekommen wir einen Eindruck, welche Spielzeuge besonders begehrt sind und welche Spielsachen die Kinder eher links liegen lassen.«
Ah ja. Und was habe ich damit zu tun?
»Weil du die nächsten Wochen mit mir unterwegs bist, kommst du natürlich auch mit in die Kita.«
Also ich weiß ja nicht. Ich schaue Ali skeptisch an. Sie grinst, eine Spur zu triumphierend, wie ich meine. Das ist doch … ein Schachzug. Um mich mit dem zu konfrontieren, was ich nicht kann. Ich kann nicht mit Kindern.
Schon im zarten Alter von drei Jahren habe ich mich eher an den Älteren orientiert, weil mir die Kinder in meinem Alter zu kindisch waren. Kinder sind … nichts für mich. Mir graust bei der Vorstellung, mich mehrere Stunden mit einer ganzen Gruppe auseinandersetzen zu müssen.
Ich muss aufpassen, dass ich mir meine Befindlichkeit nicht zu deutlich anmerken lasse. Sonst kommt Ali womöglich noch auf die Idee, die Kita jeden Tag zu besuchen. Natürlich nur, um mich zu ärgern. Zutrauen würde ich es ihr.
Also ringe ich mir ein Lächeln ab, von dem ich hoffe, dass es nicht zu schief ausfällt.
»Na, dann mal los.«, sagt Ali lässig und stolziert wie ein stolzer Pfau an mir vorbei.
Ich schüttle den Kopf und weiß einmal mehr nicht, was ich von ihr halten soll.
Das ganze Wochenende über habe ich damit zugebracht, mir Gedanken zu machen, wie ich das Eis zwischen Ali und mir brechen könnte. In meiner Hilflosigkeit habe ich sogar das Gespräch mit meinen Eltern gesucht, was so noch nie vorgekommen ist. Aber … in diesem Fall musste ich eine Ausnahme machen. Nicht nur in der Einarbeitungszeit werde ich viel mit Ali zu tun haben. Auch danach werden sich unsere Wege zwangsläufig immer wieder kreuzen.
Wenn ich diesen Tag ohne größere Zwischenfälle überstehe, kann ich mich von und zu schreiben. Dann werde ich nach Feierabend wohl mal wieder bei meinen Eltern vorbei schauen. Meine Mutter hat das, was mir manchmal ein bisschen fehlt. Ein Gespür für Menschen.
Ali läuft mit hoch erhobenem Kopf vor mir her. Aus ihrer Körperhaltung lässt sich nicht herauslesen, was in ihr vorgeht und ob sie sich nicht diebisch darüber freut, dass sie mich in ein paar Minuten meinen Scharfrichtern vorführen darf. Meinen schreienden Scharfrichtern in Pampers.
Ich mag kleine Kinder nicht. Nur für den Fall, dass es noch Leute gibt, die das noch nicht mitbekommen haben.
Missmutig stapfe ich hinter ihr her.
»Na, Conny, geht es in den Kindergarten?«, ruft mir jemand aus dem Vertrieb zu und lacht mich offen aus.
Er bückt sich zu seinem Schreibtisch und holt ein Päckchen aus der Schublade. Begleitet von »Die wirst du brauchen.«, wirft er mir das Päckchen zu.
Mit einer Hand fange ich das Päckchen und betrachte das aufgedruckte Bildchen. Ohrenstöpsel. Ich weiß nicht genau, ob ich lachen soll oder weinen. Mein Kollege lacht so offen, dass ich nicht anders kann als mich von ihm anstecken zu lassen.
Eine andere Kollegin schaut mich so mitleidig an, dass ich mich frage, ob sie auch schon mal in den Genuss kam, mit Ali in den Kindergarten zu gehen.
»Hast du kurz noch eine Sekunde?«, fragt sie und kommt auf mich zu.
Ali läuft einfach weiter. Also hat sie es entweder nicht mitbekommen, oder sie ignoriert es absichtlich.
»Was gibt es denn?«, frage ich meine jüngere Kollegin.
»Du darfst keine Angst zeigen. Zeigst du Angst, hast du verloren.«
Jetzt. Habe. Ich. Angst.
Ich fange an zu schwitzen. Mir bricht der Schweiß aus. Auf der Stirn, unter der Nase, unter den Brüsten und am Rücken. Ich will lieber nicht wissen, wie schnell mein Herz schlägt.
»Danke für den Tipp.«, zische ich in Richtung meiner jungen Kollegin.
»Aber ich wünschte, du hättest ihn für dich behalten.«
»Ich wollte doch nur helfen.«
Komischerweise nehme ich ihr ihre Worte sogar ab. Jacky ist eine coole junge Frau mit pinken Haaren, die seit meinem ersten Arbeitstag immer wieder meine Nähe sucht. Ich weiß nicht, warum sie das tut. Schließlich könnte ich vom Alter her ihre Mutter sein. Keine Ahnung, was sie von mir will.
»Also … viel Glück.«, sagt sie und macht sich dann davon.
Der Abstand zwischen Ali und mir ist mittlerweile so groß, dass ich keine Zeit mehr habe, mich mit Jacky auseinander zu setzen. Deshalb schicke ich nur kurz ein Lächeln in ihre Richtung und laufe dann eilig weiter. Ali steht vor dem Haupteingang und schaut ärgerlich in meine Richtung.
»Wir haben einen Termin!«, schimpft sie und tut gerade so als wüsste ich das nicht.
»Zu dem wir pünktlich erscheinen sollten.«
Auch das ist mir bekannt. Weiß Ali eigentlich, mit wem sie hier spricht? Mir kommt die Galle hoch.
»Es reicht jetzt!«, brülle ich.
Ali schaut mich nur an. Ziemlich desinteressiert, wie es scheint. Das bringt mich nur noch mehr auf die Palme.
»Ich kann viel aushalten, aber auch ich habe meine Grenzen!«, schimpfe ich.
Ali hält ihre undurchdringliche Maske aufrecht. Sie sagt kein Wort. Sie steht einfach nur da und schaut. Auf. Die. Uhr.
»Bist du dann fertig?«, fragt sie schließlich.
Sie läuft los und ich stolpere hinter ihr her und frage mich, warum ich nicht in der Lage bin, ihr ordentlich Paroli zu bieten. Ich bin hier der Chef. Nicht sie. Aber im Moment sieht es von außen komplett anders aus. Wenn jemand uns beobachtet, wird er denken, dass Ali die Chefin ist und ich nichts zu melden habe. Oder aber er denkt, dass wir ein streitendes Pärchen sind.
Uff. Gerade noch wild gestikulierend hinter Ali her gerannt, bleibe ich nun abrupt stehen und starre ihr hinterher.
Ich weiß nicht genau, was mich mehr schockt. Der Gedanke, dass jemand meinen könnte, dass sie die Chefin ist und nicht ich? Oder doch eher die Tatsache, dass Außenstehende uns für ein streitendes Pärchen halten könnten.
Wir. Sind. Kein. Pärchen.
Und wir werden niemals eines werden.
Ali und ich sind wie Feuer und Wasser. Sage ich hü, macht sie hott.
Dabei war Marek bei meiner Einstellung der Meinung, dass Ali und ich ziemlich gut harmonieren würden. Weil wir, wie hat er sich ausgedrückt? Weil wir … für das gleiche Team spielen. Bis jetzt habe ich nicht herausgefunden, für welches Team Ali spielt.
»Ali! Warte mal!«, rufe ich, aber Ali geht unbeirrt weiter, dreht sich nach ein paar Schritten aber um.
»Hör zu.«, schnappt sie ärgerlich.
»Wir haben einen Termin im Kindergarten und ich habe nicht vor, wegen dir zu spät zu kommen.«
Ich zucke mit den Schultern.
»Wo ist das Problem? Die machen doch sowieso nichts anderes als den ganzen Tag zu spielen. Und Kaffee zu trinken.«
»Du hast keine Ahnung. So ein Kindergartentag ist klar strukturiert. Ich bin froh, dass wir überhaupt dort sein dürfen. Wir sollten das nicht gefährden.«
Oh doch. Das sollten wir. Besuche im Kindergarten. So ein Schwachsinn. Ich bin Managerin und keine Leseoma oder so was in der Art. Hätte ich im Kindergarten arbeiten wollen, wäre ich Erzieherin geworden oder hätte soziale Arbeit studiert.
Ich stehe nun mal nicht auf Kindergeschrei und voll geschissene Windeln.
Mit langen Schritten schließe ich zu Ali auf, stemme die Hände in die Seiten und schaue sie böse an. Wird Zeit, dass Madame kapiert, wer hier das Sagen hat. Nur, weil sie mich einarbeitet, heißt das nicht, dass sie sich wie ein Feldmarschall aufführen und mich wie Fußvolk behandeln kann. So geht es nun mal nicht, selbst wenn die Hierarchien in unserem Betrieb so flach sind, dass man sie von außen kaum erkennen kann. Umso wichtiger ist es, dass zwischen den einzelnen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Klarheit herrscht.
Ich glaube, ich muss hier mal für Klarheit sorgen.
»Es reicht jetzt!«, schimpfe ich.
»Die Probleme, die du mit mir hast, interessieren mich nicht. Es geht hier nur um unseren Job und darum, ihn so gut wie möglich auszuführen. Besuche im Kindergarten gehören da bestimmt nicht dazu.«
Ali zuckt nicht mal zusammen. Sie schaut mich einfach nur an, mit diesem Blick, aus dem ich nicht herauslesen kann, ob sie kurz vor dem Platzen ist oder noch nicht. Ich kann es nicht leiden, wenn sie mich so anschaut.
»Wie lange bist du jetzt bei uns in der Firma?«, zischt sie leise.
Im Gegensatz zu mir scheint sie ziemlich beherrscht zu sein. Ich hasse das.
»Seit einer Woche? Und dann hast du schon so den Durchblick, dass du sagen kannst, was gut läuft und was nicht? Wunderbar. Dann können wir deine Einarbeitungszeit ja hiermit beenden. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
Sie strafft die Schultern und hebt den Kopf so, dass das Kinn ein bisschen nach oben gereckt ist. Wie ein Löwe stolziert sie an mir vorbei. Was für eine arrogante und großkotzige Person. Ali läuft ein paar Schritte, dreht sich dann aber doch noch einmal zu mir um.
»Wenn du keinen Bock hast, mit mir in die Kita zu gehen, dann lauf doch zurück und erkläre Marek, warum du mich nicht begleitet hast.«
Sie schüttelt ihre lange Mähne und dreht sich wieder um. Wie vom Donner gerührt schaue ich ihr hinterher. Was für eine wunderschöne Frau. Wenn sie doch nur nicht ständig so übel gelaunt wäre. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, was sie gegen mich hat. Vielleicht sollte ich sie fragen. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich ihre Antwort wirklich wissen will.
Ich erlaube mir, ein paar Sekunden hinter Ali herzuschauen und zu beobachten, wie sie sich immer weiter von mir entfernt. Meine Lust auf Kinder und Kindergarten ist nicht gestiegen. Da ich noch weniger Lust habe, mich mit unserem Boss auseinander zu setzen, laufe ich aber doch los und schließe zu Ali auf.
»Na, hast du dich doch anders entschieden?«, fragt Ali.
Im Moment habe ich keine Lust, mich mit ihr auseinander zu setzen. Also schweige ich lieber und trabe nachdenklich neben ihr her.
Wir laufen durch ein kleines Wäldchen und landen schließlich in einem relativ neuen Wohnviertel. Mir war nicht klar, dass hier ein Kindergarten untergebracht sein soll.
Ali biegt in eine schmale Straße mit Einfamilienhäusern in hübschen Gärten ab. In den Gärten blühen bunte Blumen. Die Büsche fangen auch bereits an zu blühen. Nicht schlecht. Ein nettes kleines vorstädtisches Wohngebiet. Manche Häusle-Besitzer haben sogar kleine Teiche in ihren Vorgärten. Irgendwie sind hier alle Häuser gleich und doch wieder nicht. Jeder Häusle-Besitzer hat etwas an seinem Haus oder Garten gemacht, was andere nicht haben. Somit hat jedes Haus doch irgendwie einen persönlichen Stempel. Obwohl die Sträßchen mit ihren schmucken Häuschen ganz nett aussehen, würde ich hier nicht wohnen wollen. Mir wäre die Umgebung zu eintönig. Zu langweilig. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich große und bunte Städte kennengelernt habe. Die Eintönigkeit einer klassischen Vorstadt ist nichts mehr für mich.
Ali biegt nach links ab.
»Bis zur Kita ist es nicht mehr weit.«, behauptet sie aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mich ein bisschen an der Nase herumführt.
Zehn Minuten später stehen wir vor einem Grundstück, dessen Zaun viel länger ist als die anderen. Zur Straße sind Bäume und Büsche angepflanzt, die den Blick in den Garten versperren. Ali öffnet das Gartentürchen.
»Hey Ali!«, plärren ein paar vorbeikommende Kinder.
»Ali ist da! Und eine andere Frau! Chrissy, wer ist die Frau?«
»Jetzt wartet doch mal ab. Ich gehe ja schon.«
Die Kinder umringen eine Frau und schieben sie in unsere Richtung. Die Frau hat ein offenes, herzliches und ziemlich einnehmendes Lächeln.
»Alexandra.«, sagt sie freundlich, windet sich aus der Umklammerung der Kinder und schließt Ali in ihre Arme.
Sie strahlt Ali an. Alis Augen leuchten. Hübsch sieht sie aus. So entspannt und zufrieden. Viel weicher und sanfter als sonst. Als wäre sie ein anderer Mensch.
»Wen hast du uns denn mitgebracht?«, fragt die Erzieherin, die die Kinder Chrissy genannt haben.
Als Ali in meine Richtung schaut, ist es als ob sich ein Schalter umgelegt hätte. Ihr Blick ist kalt und hart.
»Das ist Cornelia Langer. Wenn es für euch in Ordnung ist, wird sie mich in der nächsten Zeit begleiten.«
Sobald Ali sich wieder Chrissy zuwendet, zieht Wärme in ihren Blick, die sofort wieder verschwindet, wenn sie zu mir schaut. Es ist zum Mäuse melken.
Wenn ich nur wüsste, was ich verbrochen habe. Dann könnte ich mich dafür entschuldigen und ihr einen Reset anbieten. Ich mag unklare Situationen nicht. Ich mag es nicht, wenn jemand mich nicht leiden kann. Noch schlimmer ist es, wenn beides zusammen kommt.
»Wer bist denn du?«, fragt ein kleines Mädchen und zupft an meiner Hose.
Die Hände des Mädchens sind schmutzig. Meine Hose ist jetzt … auch schmutzig. Ich verziehe den Mund. Es fällt mir schwer, mich zusammen zu reißen.
»Kannst du nicht sprechen?«, fragt der kleine Rotzlöffel jetzt.
Ich bin so geschockt, dass mir schier die Augen aus den Höhlen kullern.
»Na … türlich kann ich sprechen.«, brumme ich.
»Warum sagst du dann deinen Namen nicht?«
Ali geht vor dem Mädchen und mir in die Hocke. Sie redet ganz ruhig mit dem Kind.
»Schatz, sie ist ein bisschen aufgeregt, weil sie noch nie hier war und euch gar nicht kennt. Ihr Name ist Conny. Sie arbeitet mit mir.«
Sanft streichelt Ali mit der linken Hand über den Kopf des Mädchens.
»Du weißt doch sicher, wie es ist, wenn man aufgeregt ist.«
»Klar weiß ich das.«
Das Mädchen strahlt erst Ali, dann ihre Erzieherin Chrissy und dann mich an.
»Willst du Conny nicht sagen, wie du heißt?«
»Klar. Ich bin Nia.«, sagt die Kleine und strahlt mich immer noch aus ihren großen dunklen Augen an.
Sie schiebt ihre Hand in meine und zieht mich hinter sich her. Eigentlich will ich nicht mitgehen, aber das Mädchen ist so süß, dass ich nicht anders kann.
Die kleine Nia führt mich im Zickzackkurs durch den Garten. Ich muss aufgeschüttete Hügel überqueren, mich durch Hecken schlagen, mich durch Treibsand in der Sandkiste kämpfen, heran rasenden Rollerfahrern und Rollerfahrerinnen ausweichen und die Kinder auf der Schaukel anschieben. Als Nia endlich die Runde für beendet erklärt, bin ich außer Puste und kämpfe mich mit letzter Kraft zu Ali und der Erzieherin durch.
Die Erzieherin hebt einen Kaffeebecher.
»Hier. Bitteschön.«, sagt sie und lächelt herzlich.
Dankbar nehme ich den Becher an und schicke ein dankbares Lächeln in Richtung der Erzieherin.
»Wir haben es uns so vorgestellt, dass Alexandra und Sie heute bis zur Mittagsruhe bei uns bleiben. Aber vorher kommen Sie bitte mit mir. Sie müssen mir ein paar Sachen unterschreiben.«
Häh? Was soll ich denn bitte unterschreiben? Ahnungslos schaue ich die Erzieherin an. Sie lacht leise.
»Es bedeutet schon etwas mehr, mit den Kindern zusammen zu sein als nur ein bisschen mit ihnen zu spielen.«
Chrissy lässt mich vor sich hergehen. Ich spüre Alis Blick im Rücken.
»Setzen Sie sich bitte.«, sagt die Erzieherin und deutet auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Sie selbst geht um den Schreibtisch herum und schiebt mir auf dem Tisch ein paar Blätter zu.
»Bitte lesen Sie sich die Unterlagen durch und unterschreiben sie dann.«
»Was ist das alles?«
»Schweigepflichtserklärung, Datenschutz-erklärung und lauter solche Sachen.«
Ich staune nicht schlecht. Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass es so viel zu beachten gibt. Hey, ich meine, es geht um Kinder. Kleine Menschen. Was wissen die schon von Datenschutz und so?
»Es gehört zu unseren Aufgaben, die Kinder zu schützen. Deswegen müssen Unterschriften geleistet werden. Sie müssen bitte auch ein erweitertes Führungszeugnis besorgen.«
»Wozu brauche ich denn das?«
Chrissy, die Erzieherin, nimmt sich Zeit und klärt mich über die Notwendigkeit der einzelnen Unterlagen auf. Ich bin fasziniert. Was diese Frau alles weiß. Wahnsinn.
Wie mir scheint, beinhaltet ihr Job viel mehr als ich es mir hätte vorstellen können.
»Gut. Wenn Sie dann alle Papiere unterschrieben haben, können wir uns wieder ins Chaos stürzen.«, schlägt Chrissy nach einer guten halben Stunde vor und grinst.
Ich würde mich ja lieber noch ein bisschen mit ihr in ihrem Büro verstecken, aber so, wie es im Moment aussieht, kommt das wohl eher nicht in Frage. Schade eigentlich. Chrissy ist nett anzuschauen. Nicht so gut aussehend wie Ali, aber … trotzdem irgendwie hübsch.
Ob sie wohl liiert ist? Vielleicht sogar mit Ali? So, wie die Zwei sich vorhin angeschaut haben... hmh … wäre es durchaus eine Möglichkeit, dass Ali und Chrissy etwas am Start haben.
Ach, was geht es mich eigentlich an? Ich habe keine Zeit, mir Gedanken um die Beziehungen meiner Mitmenschen zu machen. Außerdem kann ich Chaos in meinem Leben nicht brauchen. Ich muss mich auf die Arbeit konzentrieren und darf mich nicht wieder ablenken lassen.
Weibliche Ablenkung war nicht nur einmal der Grund, der mich zur Aufgabe eines Jobs gebracht hat. Noch einmal muss ich so etwas nicht haben. Ich sollte mich von allem, was in irgendeiner Weise mit weiblicher Schönheit zu tun hat, fern halten.
Gott sei Dank verhält Ali sich mir gegenüber so ekelhaft. Wäre es anders …, wären Komplikationen wohl vorprogrammiert. Ich kenne mich. Eine Frau wie Ali würde mich wohl ziemlich schnell um den Verstand bringen.
Ich weiß noch nicht allzu viel über Ali. Aber ich weiß, dass sie verdammt gut aussieht. Wenn sie sich unbeobachtet fühlt, zeigt sich in ihren Augen ein sehr spezielles Strahlen. Sie hat interessantes Haar, das so aussieht als ob es manchmal etwas widerspenstig ist. Ihre Schultern sind schmal. Trotzdem strahlt Ali Kraft und Stärke aus und lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Das ist eine Eigenschaft, die mich sehr anspricht. Sie weiß, was sie will und was sie nicht will. Außerdem ist sie ziemlich clever und lässt sich nicht so leicht Fisch für Fleisch verkaufen. Eine interessante Kombination, die mir im normalen Leben gefährlich werden könnte. Wie gesagt, Gott sei Dank kann sie mich nicht ausstehen.
Trotzdem geht es mir auf die Nerven, dass sie mich die meiste Zeit so herablassend behandelt.
»Hat es einen speziellen Grund, dass Sie Alexandra begleiten?«, fragt Chrissy.
»Ich bin in der Einarbeitung.«, erkläre ich vage.
»Dann ist Alexandra Ihr Boss?«
Anders herum wird ein Schuh draus.
»Nicht ganz.«
Eigentlich habe ich keine Lust, mit Chrissy über Alis und mein dienstliches Verhältnis zu sprechen. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie habe ich trotzdem das Bedürfnis, die Erzieherin aufzuklären. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich es nicht leiden kann, wenn die Leute denken, dass ich Ali unterstellt bin.
Allerdings frage ich mich, weshalb ich damit so ein Problem habe. Ich meine … Theoretisch wäre es doch ganz egal, was die Leute denken. Entscheidend sind doch eigentlich die Fakten.
In Bezug auf Ali bin ich so hin und her gerissen. Das kenne ich gar nicht von mir.
Ich suche nach den richtigen Worten, um Chrissy die Positionen zwischen Ali und mir zu erklären.
»Ach, eigentlich geht es mich doch gar nichts an.«, meint Chrissy unvermittelt und ich lächle dankbar.
Ich folge Chrissy in den Garten und sehe gerade noch ein paar Strähnen von Alis Haarpracht um die Ecke biegen. Der Rest von ihr ist bereits verschwunden.
Hier, außerhalb der Firma, zeigt Ali sich ganz anders als sonst. Im Umgang mit den Kindern wirkt sie locker und entspannt und lässt sich einfach mitziehen.
Was für eine faszinierende Frau. Theoretisch.