5. Ali

P hu, bin ich kaputt. Dankbar nehme ich den Kaffeebecher, den Chrissy mir reicht, an. Mit dem Becher in der Hand versuche ich, meine langen Gräten unter dem viel zu kleinen Kindergartentisch zu verstauen. Es kracht. Ich reiße den Mund auf und schnappe nach Luft. Der Kaffeebecher in meiner Hand zittert. Verdammt! Tut das weh!

Wie packen Frauen wie Chrissy das bloß? Würde ich hier jeden Tag arbeiten müssen, bräuchte ich auf jeden Fall Kniebandagen. Ich weiß nicht, wie sie das macht, dass sie immer noch heil ist.

Ungelogen, jeden, wirklich jeden Montag, wenn ich in der Kita zu Besuch bin, knalle ich mindestens einmal mit dem Knie gegen den Tisch. Meistens sogar noch öfter. Ich denke einfach nicht daran und dann … kracht es und mir steigen die Tränen in die Augen.

Obwohl mir das Knie tierisch weh tut, ringe ich mir ein Lächeln ab.

Cornelia ist mit Chrissys Kollegin Antonia und den Kindern beim Händewaschen. Das gibt mir die Gelegenheit, die letzten Stunden zu reflektieren. Dafür, dass Cornelia keine Ahnung von Kindern hat, hat sie sich ziemlich tapfer geschlagen. Als am Anfang ein Mädchen mit schmutzigen Händen an ihrer edlen Business-Hose gezogen hat, sah sie kurz so aus als ob sie das Kind gleich frisst, doch dann ist sie Nias Charme erlegen und ließ sich mitziehen.

Sie hat sogar ihre Schuhe ausgezogen, um mit den Kindern durch den Garten zu rennen. Wüsste ich nicht, wie sie wirklich ist, würde ich für den Moment vermutlich Gefahr laufen, mich von ihr einwickeln zu lassen. Aber ich kenne sie. Ich weiß ganz genau, wer sie ist. Sie ist eine manipulative und intrigante Sesselfurzerin, die andere Leute für sich und ihre Zwecke missbraucht. Genau so tickt sie wirklich. Alles andere ist nichts anderes als Show.

Wobei ich gestehen muss, dass es so aussieht als ob sie ihr Drehbuch ziemlich gut beherrscht. Sie spielt die Rolle des Unschuldslamms so perfekt, dass sie glatt einen Oscar verdient hätte. Während ich sie dabei beobachtet habe, wie sie mit den Kindern durch den Garten gelaufen ist, sind mir immer wieder Blicke aufgefallen, die sie in meine Richtung geschickt hat. Es fällt mir schwer, ihre Blicke zu deuten. Die Rolle der Unwissenden und Unschuldigen ist ihr jedenfalls auf den Leib geschneidert. Faszinierend. Und ekelerregend. Gleichermaßen.

»Na, wie geht es dir?«, fragt Chrissy und setzt sich zu mir.

»Gut.«

»Ah ja. Doch so gesprächig?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Was soll ich denn sagen?«

Chrissy schaut mich mit in Falten gelegter Stirn nachdenklich an. Dann erhellt ein Lächeln ihr Gesicht.

»Was ist mit dir und Cornelia Langer?«

Was soll schon sein? Ich hasse sie.

»Nichts.«

»Wie lange kennen wir beide uns jetzt?«

»Zehn Jahre. Warum?«

»Weil ich mir einbilde, dass ich dich in der Zeit schon ein bisschen kennengelernt habe. So wie heute habe ich dich noch nie erlebt.«

Chrissy atmet ein paar Mal tief durch.

»Deine Cornelia mag dich.«

Ja. Neee. Ist klar. Ich lache trocken.

»Ganz sicher tut sie das. Glaub mir.«

Und wenn schon? Ganz bestimmt werde ich nicht auf Cornelia und ihre Spielchen hereinfallen. Wenn es ihr gelingt, Chrissy um den Finger zu wickeln, bitteschön. Aber bei mir wird ihr das nie und nimmer gelingen. Nicht in diesem Leben. Und auch in einem anderen Leben nicht.

»Conny kann niemanden leiden außer sich selbst.«

»Was macht dich da so sicher? Du kennst sie doch auch noch nicht lange.«

»Oh doch. Das tue ich. Das kannst du mir glauben.«

Chrissy schaut mich fragend an. Da in diesem Moment die Tür aufgerissen wird und gefühlt hundert quäkende Kinder zur Tür herein fliegen, bleibe ich Chrissy eine Erklärung schuldig. Allerdings wird mir das wohl nicht besonders helfen. In manchen Dingen hat Chrissy ein Gedächtnis wie ein Elefant. Sie wird sich eine ganze Woche lang ihre Gedanken machen und spätestens nächsten Montag wird sie mich wieder damit konfrontieren. Ich unterdrücke ein Seufzen.

Mein Blick fällt auf Cornelia. Abgekämpft und fertig sieht sie aus. Ein Umstand, der mich zum Schmunzeln bringt.

Cornelia ist das, was sie hier erlebt, nicht gewöhnt. Ganz sicher fällt sie heute Abend wie ein Stein ins Bett bevor sie annähernd komplett ausgezogen ist. Warum schlägt mein Herz auf einmal schneller? Wie bescheuert. Ich schüttle ganz leicht den Kopf.

»Vergiss es, Ali.«, erklärt Chrissy und erhebt sich mit Blick auf mich.

»So leicht kommst du mir nicht davon.«

Wir grinsen uns an und wissen beide, dass sie nicht locker lassen wird, bis sie alle schmutzigen Details kennt.

Ich weiß nicht mehr genau, wann sich unser Kontakt so verändert hat. Es ist wohl einfach irgendwann so passiert. Vielleicht als wir nach einem Elternabend, bei dem ich mich den Eltern vorgestellt habe, noch ein Gläschen Wein zusammen getrunken haben.

Irgendwann glaubten wir beide, dass wir uns ineinander verliebt haben. Wir sind zusammen im Bett gelandet und haben es eine Nacht lang wild miteinander getrieben. Am nächsten Morgen wussten wir beide, dass es nur Anziehung war. Seitdem sind wir befreundet.

Chrissy beugt sich zu mir.

»Ich bekomme mit, wie sie dich anschaut.«, flüstert Chrissy mir ins Ohr und geht lachend weiter.

Mit dieser Information überfordert, schaue ich ihr hinterher. Obwohl ich es nicht will, wandert mein Blick ganz automatisch in Cornelias Richtung. Ich will auch nicht lächeln. Trotzdem kann ich es nicht verhindern. Das, was sich vor meinen Augen abspielt, ist einfach zu süß.

Cornelia hat ihre erste kleine Bewunderin. Die kleine Nia heftet sich so an ihre Fersen, dass sie ihr wie ein Schatten überall hin folgt. Irgendwie süß. Allerdings würde ich Nia lieber warnen, damit sie nicht Gefahr läuft, ihr Herz an die falsche Person zu verschenken.

Cornelia setzt sich ebenfalls an den Tisch. Genau mir gegenüber. Ja. Genau. Sie lässt einfach keine Möglichkeit aus, um mir zu zeigen, wie viel Respekt sie vor mir hat. Oder besser, wie wenig. Um mich nicht allzu sehr ärgern zu müssen, wende ich den Blick ab und schaue in eine andere Richtung. Trotzdem sehe ich aus den Augenwinkeln, dass Cornelia ziemlich geschafft ist. Das aufmüpfige Schmunzeln ist verschwunden. Ihre Augen wirken leer und müde. Noch nie habe ich Cornelias Haar so stumpf gesehen.

Dass sie mindestens genauso fertig ist wie ich bei meinem ersten Termin hier, gibt mir ein gutes Gefühl. Es zeigt mir, dass sich irgendwo tief drin in Cornelia doch noch menschliche Züge verstecken.

Wie immer nehmen die Kinder lautstark ihre Plätze ein. Dass Nia sich neben Cornelia setzt, überrascht mich nicht.

»Hab ich einen Hunger.«, brummt Cornelia.

Mein Herz tanzt vor Freude. Innerlich reibe ich mir die Hände. Cornelia wird gleich so Augen machen. Wie ein kleines Kind freue ich mich auf diesen Moment.

Chrissy schiebt den Wagen mit Mittagessen und Geschirr herein und fängt mit der Hilfe der Vorschulkinder an, das Geschirr zu verteilen.

»Was gibt es denn heute?«, fragt Franco ein Junge mit spanischen Wurzeln.

»Lieblingsessen.«, gibt Chrissy zurück.

Franco fängt an zu strahlen. Er fliegt Chrissy um den Hals und drückt sie fest.

»Freust du dich?«, fragt sie sanft.

»Oh ja.«

Der Junge nickt und strahlt.

»Ich liebe Grießbrei.«

»Grießbrei?«, stottert Cornelia mir gegenüber.

»Mit Zimt, Zucker und Kirschen.«, erklärt Franco immer noch strahlend.

Cornelia strahlt nicht mehr. Und ich könnte vor Begeisterung an die Decke gehen. Cornelia hatte schon damals eine Abneigung gegen Süßspeisen. Ich gehe schwer davon aus, dass die Aussicht auf ungenießbares Mittagessen Cornelias Laune in den Keller befördert. Und genau da gehört sie hin. Ich will, dass Cornelia schlecht gelaunt ist.

Mir ist klar, dass das ganz schön gemein ist. Trotzdem muss ich mich köstlich darüber amüsieren. Oder vielleicht sogar gerade deswegen. Je bösartiger meine Gedanken Cornelia betreffend sind, desto besser komme ich damit klar, dass sie wieder in meinem Leben aufgetaucht ist.

Cornelia ist der Ekel deutlich anzusehen. Ihre Augen werden immer größer. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihr in den Schuhen die Zehennägel hoch rollt. So ähnlich schaut sie jedenfalls aus der Wäsche. Ich grinse. Muss allerdings ehrlich zugeben, dass ich mir zum Mittagessen auch besseres als Grießbrei vorstellen kann.

»Bedienen Sie sich.«, sagt Chrissy in diesem Moment zu Cornelia.

Cornelia nimmt ihr Schüsselchen und geht damit an den Essenswagen. Die Blöße, das angebotene Essen abzulehnen, will sie sich anscheinend doch nicht geben.

Cornelia taucht den Löffel in den Grießbrei und befördert einen ganz kleinen Klecks in ihre Schüssel, kippt Zimt-Zucker darüber und ertränkt alles mit Kirschkompott.

Chrissys Lippen verziehen sich zu einem Grinsen. Sie sagt aber nichts.

»Hast du keinen Hunger?«, fragen die Kinder an Cornelia gerichtet.

»Nicht wirklich.«, erklärt sie ruhig.

Erst als jeder seinen Grießbrei vor der Nase hat, dürfen die Kinder anfangen zu essen. Cornelia jagt mit dem kleinen Löffelchen den Grießbrei durch die Schüssel. Es ist ihr anzusehen, dass der Ekel ihr den Hals zuschnürt.

Ich mag Grießbrei ebenfalls nicht, aber das lasse ich mir ganz bestimmt nicht anmerken. Diesen Triumph gönne ich Cornelia nicht. Ich halte die Luft an und schlucke.

Im Gegensatz zu uns schaufeln die Kinder ihr Essen voller Begeisterung in sich hinein.

»Mittagessen!«, ruft es von der Tür.

Antonia hält eine Tüte in der Hand aus der verführerischer Duft ausströmt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Mein Magen knurrt. Bilde ich es mir ein, oder fängt Cornelia an zu sabbern? Sie fixiert die so lecker duftende Papiertüte als würde sie versuchen, sie zu hypnotisieren.

Antonia holt ein Paar Bratwürste im Brötchen aus ihrer Tüte und legt sie auf ihren Teller. Dann reicht sie die Tüte an Chrissy weiter. Chrissy bedient sich ebenfalls und zerknüllt dann das Papier.

Für Cornelia und mich ist leider nichts dabei.

»Guten Appetit.«, sagt Chrissy freundlich und beißt herzhaft in ihr Brötchen.

Ich. Will. Auch.

Ich schaue zu Cornelia. Die Bewegung ihrer Lippen verrät, dass ihr auch das Wasser im Mund zusammen läuft. Ich fange an zu hecheln.

Chrissy und Antonia kauen genüsslich. Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen fassungslos bin.

»Iff waf?«, fragt Chrissy.

»Ihr esst Bratwürste, während die Kinder nur Grießbrei bekommen?«, hakt Cornelia an meiner Stelle nach.

»Die Kinder lieben Grießbrei und Milchreis und solche Sachen, wissen aber auch, dass Antonia und ich keine Süßspeisen mögen. Deshalb ist es für die Kinder kein Problem, wenn wir etwas anderes essen.«

Oh man. Warum haben die Zwei vorher nichts gesagt? Ich hätte mir doch auch ein paar Bratwürste mitbringen lassen.

Chrissy schaut von mir zu Cornelia und von Cornelia zu Antonia. Sie nickt grinsend, steht dann auf und verlässt den Gruppenraum.

Ich zwinge mich dazu, den Grießbrei zu essen. Cornelia stopft ebenfalls den abgesoffenen Brei in ihren Mund. Sie schiebt und schluckt und schiebt und schluckt. Auf ihrer Stirn haben sich Schweißperlen gebildet. Ihre Haut ist aschfahl.

Ein bisschen erinnert mich das, was sich vor meinen Augen abspielt an die Stars und Sternchen, die im Dschungel Kamelhoden, Känguru-Muschis und Penisse von Warzenschweinen essen müssen.

Oh nein. Jetzt bloß keine solchen Bilder. Ich muss an etwas anderes denken. Warum taucht ausgerechnet jetzt ein Schuh und dessen Gestank nachdem man in einen Hundehaufen getreten ist, in meinem Gedächtnis auf? Ich schlage mir die Hand vor den Mund und versuche alles, um nicht zu würgen. Es fällt mir verdammt schwer. Cornelia schwitzt immer noch. Sie reibt sich über die Stirn. Sie hat ja wirklich menschliche Züge. Wow. Das hätte ich so nicht für möglich gehalten.

Antonia kommt mit einer weiteren duftenden Tüte herein. Sie tritt neben Cornelia und schwenkt die Tüte vor ihrem Gesicht hin und her. Cornelias Augen folgen der Tüte wie hypnotisiert. Antonia lacht herzhaft. Chrissy lacht so sehr, dass ihr Tränen über die Wangen rinnen.

Meine Güte, habe ich einen Hunger. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Mein Magen knurrt. Ich springe auf und schmeiße mich halb auf den Tisch. Mit zwei Fingern bekomme ich eine Ecke der Papiertüte zu fassen. Ich reiße die Tüte aus Antonias Hand. Antonia starrt mich an. Mit beiden Händen klammert sie sich an Chrissy fest und fängt an zu gackern.

»Du bist der Brüller!«, jault Chrissy unter Tränen.

Ich schaue sie unschuldig an.

»Du weißt doch, wie es ist, wenn ich Hunger habe. Dann werde ich zum Raubtier.«

»Oh ja. Das stimmt!«, mischt sich der sechsjährige Simon ein.

Ich tue so als ob ich alles um mich herum ausblende.

»Guten Appetit.«, sage ich freundlich, wickle die Bratwürste aus der Papiertüte und beiße herzhaft hinein.

Ich kaue genüsslich.