N ach den Stunden in der Kita gibt es so viel zu erzählen. Mein Vater lacht. »Und du hast ernsthaft Grießbrei gegessen?«, fragt meine Mutter ungläubig nach.
Ich nicke. Allein die Erinnerung an die Konsistenz und den Geschmack des Breis bringt mich innerlich zum Frösteln.
Ich habe mich selten so geekelt wie heute Mittag und dann … kommen die Erzieherinnen mit Bratwürsten herein und packen sie einfach so vor uns und den Kindern aus. Mann, habe ich die Zwei beneidet. Ich konnte mein Glück kaum fassen als ich kapierte, dass es auch eine Tüte für Ali und mich gab. Und dann …
»Ihr müsst euch das mal vorstellen. Sie sprang einfach auf und ist über den Tisch gehechtet. Dann hat sie sich die Tüte gekrallt. Sie hat Antonia einfach die Tüte aus der Hand gerissen. Und dann … hat sie in die Würste gebissen.«
Ich schüttle den Kopf. Kann immer noch nicht recht fassen, was heute Mittag passiert ist.
»Schaut her. So!«
Ich schmeiße mich auf den Tisch und bekomme den Ärmel vom Hemd meines Vaters zu fassen. Meine Mutter lacht so laut, dass gefühlt die Wände wackeln.
»Hör auf!«, jault sie.
»Und das hat sie einfach so in der Kita gemacht?«
Oh ja. Das hat sie. Wirklich. Einfach so. Ihre Begründung war noch einfacher. Sie hatte Hunger. Die Frau schafft mich. Sie macht so viel, worüber ich von Herzen lachen muss. Aber … sie kann mich nicht leiden. Im Gegenteil. Sie hasst mich. Ich habe die Freude in ihren Augen gesehen als sie von meiner Abneigung Süßspeisen betreffend Wind bekommen hat. Ganz sicher wird sie sich in der nächsten Zeit noch häufig daran ergötzen. Warum mag sie mich nicht? Ich verstehe es nicht. Ich meine … wir ticken in so vielen Dingen so ähnlich. Wir könnten Freunde sein. Stattdessen … macht sie mir das Leben schwer.
»Diese Ali setzt dir ganz schön zu. Kann das sein?«
Ich weiß es nicht. Aber gerade das ist ja das Problem. Irgendwie … hat meine Mutter wohl recht. Ali setzt mir zu. Weil sie so reizend und gleichzeitig so unberechenbar ist. Und darüber hinaus gut aussieht. Ich habe eine Schwäche für Frauen, die so ticken wie sie.
Es reizt mich, eine Frau wie sie zu knacken, aber in diesem besonderen Fall fürchte ich … beiße ich mir die Zähne aus. Ali ist ein knallharter Brocken.
»Was willst du jetzt machen?«, fragt mein Vater und lehnt sich ganz entspannt zurück.
Er freut sich sichtlich, dass ich wieder da bin.
»Wie meinst du das?«
»Genau so, wie ich es sage. Was willst du jetzt machen?«
Ich zucke mit den Schultern und bin mir ganz sicher, dass mein Gesicht Ahnungslosigkeit ausstrahlt. Ich. Bin. Ahnungslos.
»Was hältst du davon, wenn du sie ganz unverbindlich zum Essen einlädst?«
Haha. Neee. Ist klar. Wenn ich das mache, mache ich mich automatisch zum Gespött. Alis Abfuhr wird vom Feinsten sein.
»Hast du ein Bild von dieser Miss Wonderwoman?«
Na klar. Ich habe ja nichts besseres zu tun, als mich hinzustellen und das Handy in Alis Richtung zu halten. Natürlich nur, um im passenden Moment abzudrücken. Ich lache trocken.
»Auf eurer Firmenwebsite oder so?«
Ah, das ist die Idee. Ich krame das Handy heraus und bitte Tante Google, mir ein paar Bilder von Ali auszuspucken. Ah, da ist ja ein Foto von ihr. Nett sieht sie auf dem Bild aus. Nicht annähernd so kratzbürstig, wie sie sich mir gegenüber zeigt.
Ich schiebe das Handy über den Tisch. Meine Eltern beugen sich darüber.
»Eine sehr attraktive junge Frau.«, sagt meine Mutter.
Mein Vater hält sich zurück und sagt nichts. Stattdessen fixiert er das Foto.
»Irgendwoher kenne ich Alexandra Martin. Wenn ich nur wüsste woher.«
Ist doch ganz logisch. Ali hat die Stadt nur fürs Studium verlassen und ist gleich danach zurückgekehrt. Bestimmt ist mein Vater ihr irgendwann mal irgendwo über den Weg gelaufen. Oder sie ist zufälligerweise die Tochter von einem Geschäftspartner oder so. Also … mich wundert nicht, dass er meint, sich an sie erinnern zu können.
»Zeig mir mal das Bild.«
Mein Vater schiebt meiner Mutter das Handy zu.
»Hast du nicht gesagt, dass sie schon immer in unserer Stadt gelebt hat?«, hakt Mutter nach, und ich nicke.
Mein Vater winkt ab.
»Lass gut sein, Constanze. Bestimmt habe ich sie mal irgendwann beim Bäcker getroffen. Oder so.«
Doch meine Mutter lässt nicht locker. Sie hat Blut gelenkt und wie immer wenn sie Blut geleckt hat, versucht sie Antworten zu finden. Sie bleibt dann hartnäckig am Ball, bis sie gefunden hat wonach sie sucht.
»Bitte, Mutter. Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ali auseinanderzusetzen. Es reicht, wenn sie mir jeden Tag auf Arbeit an meinen Nerven zerrt.«
»Na gut. Wenn ihr meint.«, sagt meine Mutter ruhig und schenkt meinem Vater und mir ein unschuldiges Lächeln.
Aber ich weiß es besser. Sie wird nicht locker lassen, bis sie jede einzelne der Leichen, die in Alis Keller vor sich hin modern, ausgegraben hat.
»Manchmal möchte ich sie schütteln, damit die Tassen, die durcheinander geraten sind, wieder gerade stehen.«
»Ich sage es noch einmal, mein Schatz.«, murmelt meine Mutter mit liebevollem Seitenblick zu mir.
»Sie setzt dir zu.«
»Wieso sollte sie das?«
»Das wirst du wohl selbst herausfinden müssen.«
Meine Mutter lächelt so zuckersüß, dass ich automatisch in Hab-acht-Stellung gehe. Was in aller Welt will sie mir denn nun andichten? Etwa Gefühle für Ali? Das kann doch nur ein Witz sein. Wäre Ali nicht ganz so ekelhaft zu mir, würde ich vielleicht über eine tiefer gehende berufliche Beziehung nachdenken. Aber Gefühle? Niemals.
Ich lache, merke aber selbst, wie verlegen dieses Lachen klingt.
»Wie auch immer. Du kannst sagen, was du willst. Sie bringt eine Saite in dir zum klingen.«
Pha. Niemals. Nicht Ali. Im Leben nicht.
»Ich fahre nächste Woche übrigens mit ihr zu einer Tagung.«
»Das ist doch toll. Das gibt euch die Möglichkeit, euch unabhängig von der Arbeit besser kennenzulernen.«
Verdammt! Hätte ich doch einfach ausnahmsweise mein vorlautes Mundwerk gehalten. War ja klar, dass meine Mutter mir die Fakten wieder im Mund umdreht. Grrr.
Wahrscheinlich kann Mutter sich nicht vorstellen, was es für mich heißt, mehrere Tage auf engstem Raum mit Ali verbringen zu müssen. Es wird in einen Spießrutenlauf ausarten. Gott sei Dank ist wenigstens Linh mit von der Partie. Soweit ich weiß, werden wir uns zu dritt ein Zimmer teilen. Ich war alles andere als begeistert, als Marek mich darüber in Kenntnis gesetzt hat. Aber Marek hat meine Bedenken einfach weggewischt.
Erstens ist es günstiger, wenn wir nur ein Zimmer buchen müssen. Zweitens war es schwierig genug, ein Zimmer zu bekommen. Drittens schadet es euch nicht, wenn ihr euch näher kennenlernt, du und Ali.
Das waren ungefähr seine Worte.
Normalerweise freue ich mich auf Tagungen, Seminare, Fortbildungen und Messen, aber … diesmal hält sich meine Freude doch sehr in Grenzen. Drei volle Tage muss ich Ali in meiner Nähe ertragen. Sie und ihre Spitzen und Sticheleien. Sie und die unübersehbare Abneigung gegen mich. Sie und ihre scharfe Zunge. Sie … ist omnipräsent. Selbst, wenn ich sie nicht sehe, ist sie doch irgendwie da. Wie auch heute Abend. Es fühlt sich fast ein bisschen so an als wäre sie als vierte Person im Haus meiner Eltern anwesend.
»Mach dich locker, Conny. Wenn du entspannt bist, wird auch eure gemeinsame Zeit entspannt sein. Vertraue darauf.«, sagt meine Mutter mit sanften Unterton in der Stimme.
Ihr Wort in Gottes Gehörgang. Wenn sie sich da mal nicht täuscht. In der Beziehung ist meine Mutter leider etwas einfach gestrickt. Ganz bestimmt kommt gleich der Spruch Wie man in den Wald hinein schreit, so kommt es auch wieder heraus . Grrr. Mutter tut gerade so als wäre immer alles super einfach. Aber so ist es eben nicht.
Ich versuche die ganze Zeit, nett, offen, freundlich und zuvorkommend zu sein. Ich gebe mir wirklich Mühe … aber von der anderen Seite kommt schlicht und ergreifend nichts. Zumindest nichts Positives. Das ist so frustrierend. Mit den anderen Kolleginnen und Kollegen komme ich gut klar. Die Einzige, die mir das Leben schwer macht, ist Ali. Ausgerechnet mit ihr muss ich auf die Tagung fahren. Verdammt. Mir graust jetzt schon davor.
Ich schlafe schlecht und finde kaum Ruhe. Mein Herz läuft auf Hochtouren. Ich habe das Gefühl, neben mir selbst herzulaufen und mir dabei zuzuschauen, wie ich verzweifelt den Strohhalm, nach dem ich greifen könnte, suche.
Ali könnte es mir schon ein bisschen leichter machen. Ganz sicher hätte ich nichts dagegen einzuwenden.
»Mal was anderes. Hattest du in der letzten Zeit mal ein Date?«
Date? Was ist das? Kann man das essen? Ich verziehe den Mund und rolle mit den Augen.
»Schatz, es ist Frühling, die beste Zeit, um sich neu zu verlieben. Sehnst du dich nicht manchmal nach Schmetterlingen im Bauch und Frühlingsgefühlen?«
»Vergiss die Frühlingsgefühle!«, knurre ich ärgerlich.
Obwohl ich mich auf meine Eltern gefreut habe, halte ich es keine Sekunde länger in ihrem Haus aus. Eine Entschuldigung vor mich hin murmelnd stehe ich auf und verlasse das Wohnzimmer. Ich spüre die Blicke meiner Eltern im Rücken.
»Musst du denn immer so taktlos sein?«, höre ich meinen Vater leise auf meine Mutter einreden.
»Wo war ich denn bitte taktlos?«, schießt meine Mutter zurück.
»Schau sie dir doch mal an. So haben wir sie nicht in die Welt hinaus geschickt. Sie ist so blass und leblos. Keine Farbe im Gesicht. Nicht mal was auf den Rippen. Sie ist so verbissen. So unentspannt. Es wird wirklich Zeit, dass sie ihr Herz verschenkt. Oder wenigstens Sex hat.«
»Woher will sie denn wissen, dass ich keinen Sex habe?«, zische ich dem Gesicht aus dem Flurspiegel zu.
»Und? Hast du Sex?«, schallt es von drinnen, und ich rolle mit den Augen.
Das laute kehlige Lachen meiner Mutter ertönt. Ich drehe mich um. Mein Vater sitzt neben meiner Mutter und schüttelt den Kopf. Er wedelt mit der Hand vor den Augen. Mutter steht auf und kommt zu mir.
»Komm wieder rein, Schatz. Du kannst doch nicht gehen. Nicht jetzt, wo es langsam spannend wird.«
Also echt. Ich frage mich, womit ich das verdient habe. Wieso beißt sie sich immer an mir fest? Wahrscheinlich, weil ich ein Einzelkind bin und sich ihre mütterliche Neugier somit nicht auf mehrere Schultern verteilt. Im Moment hätte ich nichts gegen zwei oder drei Geschwister einzuwenden.
Hätte ich Brüder oder Schwestern, könnte ich das Gespräch jetzt ganz entspannt auf die lieben Enkel lenken. Meine Eltern wären abgelenkt und würden mir die Ohren voll schwärmen und ich... könnte mich zurücklehnen und die Zeit verstreichen lassen.
Hach ja. Das wäre schön. Aber ich bin nun mal ein Einzelkind.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Welche deiner vielen Fragen meinst du?«
»Fangen wir mit der einfachsten an. Hast du Sex?«
Also … das geht doch jetzt zu weit, oder? Ich meine … hallo? So indiskret kann doch nicht mal meine Mutter sein. Doch. Kann sie anscheinend. Sie schaut mich durchdringend an. Ich wünschte, der Boden würde unter mir nachgeben und ich könnte in einem Loch versinken. Argh.
Am liebsten würde ich meine Mutter ja fragen, ob sie kein eigenes Leben hat, um das sie sich kümmern muss, aber so frech kann ich dann doch nicht sein. Sie ist immerhin meine Mutter. Selbst, wenn sie gerade ziemlich anstrengend ist, lässt sich an dieser Tatsache nicht rütteln.
»Und?«, hakt sie hartnäckig, wie sie nun mal ist, nach.
Ich winde mich unter ihren Blicken. Was soll ich denn jetzt sagen? Die Wahrheit? Oder doch lieber lügen? Verdammt!
Wenn ich ihr sage, dass ich sehr wohl regelmäßig erfüllenden Sex habe, wird sie mich mit ihren großen dunklen Augen anstrahlen und dann … wird sie fragen, ob es etwas Ernstes ist und ob ich sie nicht mal mit nach Hause bringen möchte. Sie wird eine Einladung aussprechen und darauf bestehen, dass sie die Einladung auch annimmt.
Entscheide ich mich für die Wahrheit, wird Mutter mich mitleidig anschauen, mir die Schulter tätscheln und mir erzählen, dass irgendwann schon noch die Richtige in mein Leben tritt.
Ein Dilemma. Ich möchte nicht bemitleidet werden. Ich möchte mir auch keine stumpfen Belehrungen anhören müssen. Ich will aber auch nicht lügen. Ein Dilemma. Sag ich doch.
Also? Was soll ich tun? Wenn jemand eine Idee für mich hat, dann bitte her damit.
Mit angehaltener Luft ziehe ich die Schuhe an, schlüpfe in meine Jacke und hänge mir die Tasche über die Schulter.
»Conny?«
Mutter kommt hinter mir her und legt ihren Arm um mich.
»Ich habe keinen Sex!«, keife ich wütend, und stürze zur Tür.
Obwohl meine Mutter sich normalerweise nicht besonders schnell bewegt, schafft sie es, schneller an der Tür zu sein als ich. Sie hält die Tür zu und baut sich wie der Racheengel in Person vor mir auf.
»Was willst du denn noch?«
Ich bin auf hundertachtzig.
»Bist du immer noch nicht zufrieden?«
»Ich bin nicht zufrieden. Da hast du recht.«
Na und? Ich zucke mit den Schultern und zische »Lass mich bitte durch.« in Richtung meiner Mutter. Doch wie so oft hat meine Mutter andere Pläne und tut nicht mal so als würde sie zur Seite gehen wollen.
»Conny. Bleib. Bitte. Lass uns reden.«
Da gibt es nichts zu reden. Die Fakten sind nun mal so wie sie sind. Ich kann nichts vorweisen. Ich habe keine Partnerin. Ich habe keine Affäre. Ich habe keinen Sex. Ich habe nicht mal ein Haustier. Sogar die Fliegen und Mücken ergreifen bei mir die Flucht. Ich kann niemanden halten. Keinen Job und erst recht keine Frau. Weil ich so bin, wie ich bin. Oder weil die anderen so sind, wie sie sind. So ganz klar ist das nicht.
»Aber wie kann das sein? Du bist eine gut aussehende Frau. Du bist erfolgreich, kennst lauter spannende Orte auf der Welt und bist auch vom Charakter her keine volle Katastrophe.«
In diesem Punkt bin ich mir eben nicht so sicher. Was, wenn … ?
Meine Mutter glaubt mich zu kennen. Allerdings ist sie, wie die meisten anderen Mütter auch, etwas voreingenommen. Es wäre auch schlimm, wenn in ihren Augen nicht ihr Kind die beste Wahl wäre.
»Ich verstehe die Frauen nicht.«, brummelt sie.
»Haben die alle keine Augen im Kopf?«
Doch. Haben sie schon. Vielleicht ist ja auch das das Problem? Früher oder später durchschauen sie mich oder ich sie und dann wird es Zeit, weiterzuziehen.
So halte ich es schon mein ganzes Leben lang. Statt mich mit den Macken der Menschen um mich anzufreunden, breche ich die Zelte ab und ziehe weiter. Ich mag es locker und entspannt. Ich will mich nicht anpassen. Eine potenzielle Partnerin muss zu hundert Prozent mit mir kompatibel sein. Ich will Spaß haben und genieße es, das Leben auf der Überholspur zu verbringen. Frauen sind doch sowieso nur ein Klotz am Bein. Für ein paar nette Stunden im Bett ganz in Ordnung, aber mehr? Nööö. Ist nichts für mich.
Nicht mehr.
Ehrlich gesagt war es früher mal anders. Doch dann … wurde mir das Herz gebrochen. Seitdem ist meine Lust aufs weibliche Geschlecht stark eingeschränkt.
»Bitte Mutter. Hör auf, mir zu sagen, dass ich eine tolle Frau und eine gute Partie bin.«
»Aber das bist du doch. Du bist erfolgreich und hast was im Oberstübchen. Darüber hinaus siehst du gut aus.«
Meine Mutter schaut mich liebevoll an.
»Du bist stark und weißt, was du willst.«
Ha, in diesem Punkt bin ich zur Abwechslung nicht ihrer Meinung. Ist aber trotzdem schön, dass sie so über mich denkt. Bitte mehr.
»Manchmal müsstest du dich allerdings ein bisschen zurückhalten, damit dein Gegenüber auch mal zu Wort kommt. Es bringt nichts, wenn du immer mit dem Kopf durch die Wand gehst.«
Spricht Mutter jetzt von mir oder von sich selbst?
»Beschreibst du gerade dich selbst?«, donnert Vaters Stimme aus dem Wohnzimmer, und ich verziehe die Lippen zu einem Grinsen.
Diesmal ist es meine Mutter, die mit den Augen rollt. Sie wendet sich von mir ab, streckt den Kopf, drückt die Brust raus und zieht den Bauch ein. Sie öffnet den Mund. Instinktiv greife ich mir an die Ohren, denn ich weiß ganz genau, was jetzt gleich passiert. Mutter kann ziemlich... wie soll ich sagen … laut sein. Wenn es darauf ankommt. Ganz sicher kommt es ihr genau jetzt ganz besonders darauf an.
»Und wenn schon?«, blafft sie.
»Von dir kann Conny ihre Fähigkeiten schließlich nicht haben!«
Mein Grinsen wird breiter. Das meiner Mutter ebenfalls. Sie zieht die Brust wieder zurück und lässt den Bauch hängen.
Meine Mutter ist schon sehr speziell. Mein Vater auch. Und ich … dann wohl auch.
Also, ganz ehrlich, bei uns stellt sich die Frage, ob ich nach der Geburt vielleicht im Krankenhaus vertauscht worden bin, wohl eher nicht. Dafür habe ich eindeutig zu viele Ähnlichkeiten mit meinen Eltern, speziell mit meiner Mutter.
Optisch komme ich eher nach meinem Vater als nach ihr. Meine Mutter ist klein und rundlich und hat helles Haar und große Brüste. Mein Vater ist groß und schlank, fast schlaksig. Er gehört zu der Sorte Mann, der zwar gelegentlich einen flapsigen Kommentar fallen lässt – wie vorhin zum Beispiel – unter dem Strich aber froh ist, wenn er seine Ruhe hat. Deshalb lässt er meiner Mutter so gut wie alles durchgehen und arrangiert sich sogar damit, dass das große Familiensofa nicht schwarz, braun oder weiß, sondern hellpink ist. Genau. Meine Eltern haben eine pinke Wohnlandschaft im Wohnzimmer stehen. Ziemlich cool. Allerdings muss man bei längerem Hinschauen aufpassen, dass man keinen Augenkrebs bekommt oder sich von der grellen Farbe der Kissen erschlagen fühlt.
Meine Mutter hat einen etwas … sagen wir mal so … einen etwas gewöhnungsbedürftigen Geschmack. Wie man unschwer auch an meinem Namen erkennen kann. Ich mag meinen Namen nicht. Ich mag auch das pinke Sofa nicht. Aber ich muss es auch nicht mögen.
»Hör auf, dich einzumischen, wenn ich mit meiner Tochter spreche!«, poltert Mutter.
»Conny ist auch meine Tochter. Schon vergessen?«, schießt mein Vater zurück.
Anscheinend ist er heute in Kampfstimmung. Wäre es anders, würde er Mutters Worte einfach verpuffen lassen. Meine Eltern benehmen sich wie kleine Kinder. Ich schüttle den Kopf. Ob ich, wenn ich in ihr Alter komme, auch mal so wie sie sein werde? Ich hoffe ja eher nicht.
Meine Mutter wendet sich wieder mir zu. Ihr Blick ist ernst und voller Wärme.
»Schatz, du bist zu jung, um alleine durchs Leben zu gehen. Es wird Zeit, dass du vergisst, was Lisa dir angetan hat und neu durchstartest. Auch andere Mütter haben hübsche Töchter. Vergiss das nicht.«
Als ob ich das jemals vergessen würde. Es bringt nur alles nichts. Lisa hat etwas in mir kaputt getreten, was nicht so leicht repariert werden kann. Ich habe Monate damit verbracht, meine Wunden zu lecken. Über diesen Punkt bin ich mittlerweile Gott sei Dank hinaus, was aber noch nicht heißt, dass ich bereit bin, mich auf etwas Neues einzulassen.
»Denk doch nur daran, wie aufregend es ist, sich neu zu verlieben. Die vielen Schmetterlinge im Bauch und so.«
Ob meine Mutter sich wohl manchmal nach den Schmetterlingen sehnt? So oft, wie sie davon spricht, könnte man es glatt für möglich halten.
»Dein Vater und ich sind schon so lange zusammen, aber ich liebe ihn immer noch genauso sehr wie am Anfang. Obwohl … Nein. Wohl eher nicht. Meine Gefühle für ihn sind mit den Jahren immer stärker geworden.«
Schön für meine Eltern. Wirklich. Ich freue mich für sie.
»Haben wir dir eigentlich erzählt, dass wir einen Tanzkurs besuchen? Wir lernen jetzt Tango tanzen.«
Wow … das ist ja klasse. Ich bin sprachlos. Die Augen meiner Mutter leuchten.
»Frag lieber nicht, wie oft ich deiner Mutter auf die Füße trete.«, höre ich meinen Vater aus dem Wohnzimmer.
»Du kennst deinen Vater ja.«
Oh ja. Manchmal hat er einfach zwei linke Füße und stolpert sogar beim Stehen über selbige.
Es ist schön zu sehen, dass meine Eltern immer noch so glücklich miteinander sind. In mir regt sich Neid. Es ist ja nicht so, dass ich mir nicht wünsche, eine Frau an meiner Seite zu haben. Aber … ich bin einfach nicht mit anderen Frauen kompatibel. Also wird der Traum von einer erfüllten Beziehung wohl immer ein Traum bleiben.
Außerdem habe ich das Talent, mich in die falschen Frauen zu verlieben. Frauen, die mich interessieren, ticken in der Regel ähnlich wie ich selbst. Sie sind stark und stehen mit beiden Beinen im Leben, haben eine starke Meinung und stehen zu sich und ihren Wünschen. Diese Frauen sind selbstbewusst und selbstsicher. Mich reizen Frauen, die sogar noch etwas stärker sind als ich selbst. Ich mag es, wenn ich zu einer Frau aufschauen kann, sie aber gleichzeitig meine Qualitäten zu schätzen weiß. Solche Frauen begegnen mir nicht so häufig.
Soweit ich es bis jetzt mitbekommen habe, wäre Ali so eine Frau.
Womit wir wieder beim Thema wären.