7. Ali

D as Gepäck ist im Kofferraum verstaut, Linh hat sich schon auf der Rückbank breitgemacht. Nur Conny und ich stehen noch neben dem Auto. Ich schiele Richtung Fahrerseite. Conny ebenfalls. Sie zieht den Autoschlüssel aus der Umhängetasche und wedelt damit vor meinem Gesicht.

Ihre Körperhaltung und der Ausdruck in ihren Augen zeigen ganz deutlich, dass sie keine Lust auf Diskussionen hat.

»Ich fahre.«, sagt sie in einer Tonlage, die keinen Widerspruch zulässt.

»Ich fahre immer.«, erkläre ich ruhig, obwohl es in mir brodelt.

»Wenn du es immer gemacht hast, ist es wohl jetzt an der Zeit, mal etwas anderes zu tun. Steig ein.«

Ich schüttle den Kopf und stemme die Hände in die Seiten. Conny überragt mich um ungefähr einen halben Kopf, doch davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Wenn ich gereizt bin, kann ich zu einer Körpergröße von zwei Metern heranwachsen und das Kampfgewicht eines Sumoringers erreichen. Seit Conny bei uns arbeitet, bin ich so gut wie immer gereizt. Sie reizt mich.

Mir wäre es lieber, wenn sie mich nicht so reizen würde, was mich auch schon wieder reizt.

Immer tut sie so als wäre sie ein Engelchen, das kein Wässerchen trüben kann. Wenn sie ihr Lächeln aufsetzt, fliegen ihr die Herzen der Leute um uns herum zu. Sie muss nicht viel machen, um die Menschen für sich zu begeistern. Das ist auch eine der Tatsachen, die mich aufregen.

Sie ist so … schwer zu greifen. Angreifbar ist sie auch fast nicht. Irgendwie wirkt sie immer gut gelaunt und entspannt. Ich … war, bevor sie bei uns angefangen hat, auch meistens gut gelaunt und entspannt. Das hat sich massiv verändert.

Oh, was ich mir schon alles ausgemalt habe. Womit ich sie so richtig auflaufen lassen könnte. Aber so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe, ist es leider doch nicht. Conny bietet einfach zu wenig Angriffsfläche. Sie erfüllt die Anforderungen an sie mit einer Lässigkeit, dass es schon fast beängstigend ist. Außerdem ist sie immer nett und hat grundsätzlich für jeden ein Lächeln auf den Lippen. Sogar für mich. Obwohl ich es ihr alles andere als einfach mache. Aber hey, ich bin auch nicht dazu da, es ihr einfach zu machen.

Würde es mir gelingen auszublenden, was sie mir vor vielen Jahren angetan hat, käme ich bestimmt ganz gut mit ihr zurecht. Aber … in dieser Beziehung habe ich halt leider ein Gedächtnis wie ein Elefant. Einmal abgespeichert, vergesse ich nie mehr. So ist das bei mir nun mal. Damit muss ich jetzt klarkommen. Und Conny auch. Sie ahnt vermutlich nicht mal, dass ich sie hasse. Vielleicht wundert sie sich manchmal über mich und mein Verhalten. Soll sie doch. Mir ist das egal. Schön wäre es, wenn SIE mir egal wäre. Aber leider ist es auch nicht so einfach, den Hass umzuwandeln.

Dafür hat sie mich leider viel zu sehr verletzt.

»Steig endlich ein. Oder willst du, dass wir ohne dich fahren?«

Argh. Wüsste ich nicht, dass ich dann von Marek einen Einlauf bekomme, würde ich natürlich lieber Zuhause bleiben, aber das ist es mir dann doch nicht wert.

Außerdem freue ich mich doch eigentlich auf die Abwechslung. Und das leckere Frühstück in unserem Hotel.

Mit missmutig aufeinander gepressten Lippen schwinge ich mich auf den Beifahrersitz und schnalle mich seufzend an.

»Na wunderbar.«, flötet Conny gut gelaunt.

»Dann kann es ja endlich los gehen.«

Sie startet den Motor und schert aus der Parklücke. Ich atme tief durch und versuche, das mulmige Gefühl im Bauch hinunterzuschlucken. Ich mag es schlicht und ergreifend nicht, auf dem Beifahrersitz ausharren zu müssen. Ja. Okay. Es ist etwas mehr als nicht mögen. Ich habe Angst. Jawohl. Weil ich auf dem Beifahrersitz die Kontrolle abgeben muss.

Ich muss immer die Kontrolle behalten. Wenn das nicht geht, kann es passieren, dass ich in den Panikmodus verfalle. Dann fange ich an zu zittern und verliere jegliche Kontrolle über meine körperlichen Reaktionen.

Das klingt schlimm? Ha, von wegen. Es ist noch viel schlimmer. Aber vor allem ziemlich peinlich.

Ich hoffe so sehr, dass ich auf dieser Fahrt von einer Panikattacke verschont bleibe.

Im Gegensatz zu mir macht Conny einen ganz entspannten Eindruck. Wie immer wirkt sie selbstsicher und zuversichtlich. Beneidenswert. Natürlich hat sie auch nicht in einer der wichtigsten Phasen ihres Lebens einen Tritt in die Weichteile kassiert. Bestimmt hat sie auch Eltern, die ihr jeden Tag gesagt haben, wie toll sie ist und wie gut sie alles macht.

Ich wünschte, ich hätte auch solche Eltern gehabt. Zwei Menschen, die mir jeden Tag zeigen, wie froh sie sind, dass sie mich haben. Meine Eltern haben von früh bis spät gearbeitet. In den Ferien haben sie mich auf Ferienfahrten geschickt, oder stellten mich, wenn wir mal alle gemeinsam im Urlaub waren, im Kinderclub ab. Ich war ein Schlüsselkind, das früh selbständig wurde, aber jeden Tag die elterliche Nestwärme vermisste.

Ich kenne Connys Eltern. Sie waren bei jedem Schulfest anwesend und haben Conny angefeuert, wenn sie für die Schulmannschaften angetreten ist. Sie waren Connys größte Fans. Meine Eltern waren manchmal nicht mal zu meinem Geburtstag daheim.

Trotz allem habe ich meinen Weg gefunden und darauf bin ich stolz. Dass ich heute dort bin, wo ich bin, war ein hartes Stück Arbeit. Aber ich habe es aus eigener Kraft geschafft und das werde ich mir von niemandem zerstören lassen. Auch von Conny nicht. Reicht, dass sie mir meine Schulzeit zerstört hat.

Ja. Ich weiß, es ist nicht gut, dass ich noch mit halben Hintern in der Vergangenheit festhänge. Aber … was soll ich denn tun? Meine Vergangenheit liegt nun mal wie ein dicker Mantel aus Blei über mir.

Ich würde es mir ja anders wünschen. Ach … Egal. Ich muss versuchen, mich zu entspannen. Vor mir liegen noch ungefähr sechs Stunden Fahrt und dann beginnt das Vergnügen erst so richtig.

Ich schließe die Augen und bemühe mich auszublenden, wo ich bin.

Im Hintergrund läuft leise Musik. Ab und zu meldet sich die Stimme aus dem Navi und teilt Conny mit, in welche Richtung sie fahren muss. Das monotone Brummen des Motors und die ruhige Musik sorgen dafür, dass es mir tatsächlich gelingt, ein bisschen einzuschlafen.

»Ali? Schläfst du?«

Conny tätschelt meinen Oberschenkel. Ich reiße die Augen auf und schüttle den Kopf.

»Natürlich nicht.«, brumme ich.

Was für eine blöde Frage. So blöd kann auch nur Conny sein. Als ob ich schlafen könnte, wenn sie am Steuer sitzt. Also wirklich.

»Ich habe nur ein paar Minütchen Augenpflege betrieben.«

»Ein paar Minütchen also.«, kommentiert Linh trocken und fängt an zu lachen.

»Wir sind bald da.«

WAS? Echt jetzt? Das kann doch nicht sein. Ich drehe den Kopf zur Seite und schaue aus dem Fenster. Heftig, wie schnell die Zeit vergeht.

»Du warst doch schon öfter bei dieser Tagung, oder?«, fragt Conny, und ich nicke.

»Prima. Dann kannst du uns doch bestimmt die Umgebung zeigen. Restaurants und so.«

Oh ja. Mit Restaurants kenne ich mich an jedem Tagungsort so gut aus, dass ich für jede Geschmacksrichtung etwas auf Lager habe.

Allerdings habe ich eigentlich keine Lust, mit Linh und Conny Essen zu gehen. Deshalb zähle ich die Möglichkeiten auf.

»Perfekt.«, flötet Conny.

»Such du eines aus. Für mich klingt Alles lecker.«

Connys Magen fängt an zu knurren, was dazu führt, dass Conny sich verlegen durchs Haar streicht. Ich grinse.

»Wenn ich auch etwas dazu sagen dürfte … «

Ich drehe mich zu Linh um. Sie zupft sich am Ohr, was mir zeigt, dass wir alle unsere Eigenarten haben, vor allem, wenn wir verlegen sind.

»Ich würde nicht so gerne asiatisch essen.«

Endlich beim Hotel, einem Reitergestüt in der Nähe von Hannover, angekommen, schlage ich den direkten Weg zur Rezeption ein um uns anzumelden und die Schlüsselkarten abzuholen. Die Hotelbetreiberin begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung.

»Alexandra. Wie schön, Sie zu sehen.«, sagt sie.

Die Freude zeigt sich deutlich in ihren Augen. Ich freue mich auch, sie zu sehen. Sie ist eine liebenswerte und freundliche Person. Es geht nicht anders, man muss sie einfach mögen.

»Wie ist es Ihnen ergangen? Wie sieht es aus, haben Sie Lust, ein Tässchen Tee mit mir zu trinken?«

Tee klingt so verlockend, dass ich mich am liebsten sofort mit der Hotelbetreiberin Frau Achim in den Wintergarten oder auf die Terrasse gesetzt hätte. Allerdings warten Linh und Conny beim Auto auf mich. Wäre ich mit Conny allein unterwegs, würde ich sie glatt warten lassen. Aber Linh kann schließlich nichts dafür.

Mit einem Seufzen schüttle ich den Kopf und murmle ein halbherziges »Tut mir leid.«

Mit ihrer offensichtlichen Enttäuschung bringt Barbara Achim mich dazu, mich erklären zu wollen.

»Meine Kolleginnen warten auf mich.«

»Ach so. Stimmt ja. Sie reisen dieses Mal ja nicht alleine.«

Wieder schaut sie so enttäuscht, dass ich mich frage, was sie sich von meinem diesjährigen Besuch erwartet hat.

»Vielleicht später?«, schlägt sie vor.

Ach, warum nicht? Nur weil ich mit Conny und Linh unterwegs bin, heißt das doch lange nicht, dass ich die Zeit auf ihrem Schoß verbringen muss. Ich bin schließlich älter als siebzehn und kann selbst entscheiden, was ich mit meiner freien Zeit anfange. Einen Tee mit Barbara Adam zu trinken, klingt definitiv besser als mit Conny abhängen zu müssen.

»Ich bringe meinen Kolleginnen die Schlüsselkarte und bin dann gleich wieder da. Okay?«

»Perfekt.«

Barbara Adam strahlt mich an. Mir tut es gut, dass jemand sich so offensichtlich über meine Anwesenheit freut.

Conny und Linh stehen neben dem Auto und schauen in meine Richtung. Conny schaut ziemlich genervt aus.

»Wo warst du so lange?«, fragt sie mit gereizten Unterton in der Stimme.

»Schlüssel holen.«, entgegne ich und halte ihr die Zimmerkarte unter die Nase.

»Mach schon. Mir platzt gleich die Blase.«

Conny und Linh versuchen ihre Koffer über den Hof zu schieben, heben sie dann aber an und tragen sie. Mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen schultere ich meine Tasche und folge den zwei Frauen.

Connys Gang wirkt etwas … verklemmt. Es sieht gerade so aus, als würde sie die Schenkel zusammen pressen, damit sich ihre Blase nicht in die Hose entleert. Obwohl ich selbst bestimmt genauso dringend auf die Toilette muss, wird mein Grinsen breiter. Für einen Augenblick denke ich ernsthaft darüber nach, Linh und Conny mit ihren Koffern übers ganze Grundstück zu jagen. Hach, das würde mir gefallen. Zu sehen, wie sie vor mir her laufen und die Verzweiflung in Connys Blick immer deutlicher wird. Das wäre meine Chance. Ich könnte dafür sorgen, dass Conny in die Hose pinkelt. Was für eine Genugtuung wäre das.

Wieder mal seufze ich. Es fällt mir wirklich schwer, mich nicht von meinen Gefühlen leiten zu lassen, doch der Verstand siegt.

»Gleich habt ihr es geschafft.«, erkläre ich.

Conny und Linh drehen sich zu mir um. Ich deute in die entsprechende Richtung.

»Nur noch wenige Schritte. Apartment drei.«

Während Conny und Linh ihre Koffer die fünf Stufen vor unserem Zimmer hinauf wuchten, frage ich mich, warum in aller Welt sie so große Koffer brauchen. Für drei Tage Tagung. Wir werden weder ins Theater gehen, noch zu einer Modenschau oder in noble Restaurants. Es ist mir ein Rätsel, wozu manche Menschen so viel Gepäck brauchen. Ich reise lieber mit kleinem Gepäck. Außer meiner mittelgroßen Sporttasche und einer Umhängetasche, in der Laptop und Tablet untergebracht sind, brauche ich nichts. Aber bitte, wenn die Zwei meinen. Nicht mein Problem.

Vor der Tür mit der Nummer drei gehen meine zwei Kolleginnen zur Seite um für mich Platz zu machen. Ich halte die Karte vor das Lesegerät. Hohes Piepen erklingt. Fast wie bei einem Rauchmelder, nur nicht so laut und nicht annähernd so penetrant. Conny stößt die Tür auf und läuft ins Zimmer. Sie steuert direkt das Bad an. Ihren Koffer lässt sie mitten im Raum stehen. Linh schaut mich an. Ihr Grinsen ist mindestens genauso breit wie meines.

Das Dreier-Zimmer ist ziemlich groß. Ein Doppelbett ist in der Mitte des Raums untergebracht und ein Einzelbett an der Seite. Außerdem gibt es einen dreitürigen Kleiderschrank, ein Schränkchen, auf dem ein Fernseher untergebracht ist, einen Zugang zum Balkon und eine Tür, die zu einer Teeküche führt.

Linh schiebt ihren Koffer vor den Kleiderschrank und macht die mittlere Tür auf. Während ich die Balkontür öffne, klappt sie ihren Koffer auf und fängt an, ihre Kleidung in den Schrank zu räumen. Ich schaue zu ihr. Mir fallen schier die Augen aus dem Kopf. Ihr Koffer ist komplett voll. Meine Güte. Hat sie gedacht, dass wir zwei Wochen verreisen?

»Wozu brauchst du so viele Sachen?«, frage ich neugierig.

»Das ist privat.«, weicht Linh mir aus.

Eigentlich müsste Linh mich gut genug kennen, um zu wissen, dass sie mit so einer Aussage meine Neugier erst recht auf den Plan bringt.

»Du bist unmöglich Ali.«

Japp. Das weiß ich doch. Ich grinse.

»Wenn du es so genau wissen willst … ich fahre am Freitag nicht mit euch zurück. Am Donnerstag nach der letzten Veranstaltung nehme ich den Zug nach Hamburg. Ich treffe mich dort mit einem Freund.«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Für mit einem Freund treffen , hat Linh definitiv ziemlich sexy Klamotten eingepackt.

»Und dafür brauchst du das da?«, frage ich und deute auf das Negligee, das Linh gerade in den Kleiderschrank räumen will.

»Pha.«, grummelt sie.

»Lass mich doch. Muss schließlich nicht jeder mit Liebestötern in die Welt reisen.«

Liebestöter? Worauf will sie anspielen? Als ob ich Liebestöter in meinem Besitz hätte. Also wirklich.

»Ist es etwas Ernstes?«, hake ich leise nach.

Mit »Was ist ernst?« mischt sich Conny in unser Gespräch. Sie biegt um die Ecke und sieht irgendwie erleichtert aus.

»Nichts.«, geben Linh und ich wie aus einem Mund zurück.

»Mann. Das war vielleicht knapp. Eine Minute länger und … «

Ich hätte sie doch erst eine Runde über den Hof führen sollen. Das wäre ein Schauspiel gewesen. Zu schade, dass mein Verstand gegen das innere Bedürfnis, sie auflaufen zu lassen, gesiegt hat.

»Wunderbar, dann kann ja jetzt ich auf die Toilette gehen.«, brumme ich, und dampfe ab in Richtung stilles Örtchen.

Als ich zurückkehre, stehen Linh und Conny nebeneinander vor dem Kleiderschrank und räumen ihre Klamotten ein.

»Ich bin dann mal weg.«, erkläre ich, und gehe zur Tür.

»Häh? Ich dachte, wir wollen etwas Essen gehen.«

»Zu früh. Die Restaurants machen erst um siebzehn Uhr auf.«

Zwei Zimmerkarten lege ich auf das Fernsehschränkchen. Die dritte Karte nehme ich mit. Die Blicke der überraschten Frauen im Rücken gehe ich hoch erhobenen Hauptes durch die Zimmertür. Die Tür fällt ins Schloss. Ich atme tief durch.

Oh man. Das kann ja heiter werden. Schon jetzt bin ich fix und fertig und pfeife aus dem letzten Loch.

E ineinhalb Stunden, drei Tassen Tee und ein großes Stück Käsekuchen später halte ich die Zimmerkarte wieder vor das Lesegerät. Es piept. Ich trete ein. Während ich weg war, haben Linh und Conny die Betten unter sich aufgeteilt. Linh liegt entspannt auf dem Bett an der Wand und liest. Conny hat es sich im Doppelbett gemütlich gemacht. Nur das Bett neben der offenen Balkontür ist noch frei, was bedeutet, dass ich mir das Doppelbett mit Conny teilen muss. Ausgerechnet.

Ich hätte doch erst nach der Aufteilung der Betten gehen sollen, aber für mich war ganz klar, dass Conny und Linh das Doppelbett nehmen und ich den Platz an der Wand bekomme. Mist. So haben wir nicht gewettet.

Wie vom Donner gerührt bleibe ich mitten im Zimmer stehen und starre von Conny zu Linh und wieder zurück. Conny legt ihr Telefon zur Seite, Linh schaut mich nicht an.

»Alles in Ordnung?«, fragt Conny freundlich.

»Natürlich!«, entgegne ich scharf.

Nichts ist in Ordnung. Dabei war ich bis gerade eben noch so schön entspannt.

Die Gespräche mit Barbara Adam waren wie immer ziemlich … gut. Obwohl wir uns nur einmal im Jahr sehen und immer noch per Sie sind, können wir uns ganz entspannt über Gott und die Welt unterhalten. Wir funken einfach auf einer Welle. Ich habe gespürt, wie die Aufregung langsam von mir abgefallen ist und ich mich allmählich wieder beruhigt habe.

Von der inneren Ruhe ist nicht mehr viel übrig.

Conny macht mich einfach wahnsinnig. Lieber würde ich auf dem Misthaufen übernachten als mir das Bett mit Conny zu teilen. Grrrr.

Wieso hat Linh sich nicht das Bett neben der Balkontür geschnappt? Sie ist doch sonst so eine Frischluftfanatikerin.

Conny steht auf und kommt auf mich zu. Wenige Schritte von mir entfernt bleibt sie stehen und schaut mich ernst an.

»Warum ziehst du so ein Gesicht? Passt etwas nicht?«

»Nein. Nein. Alles in Ordnung.«, flunkere ich.

»Ich bin nur müde.«

Entweder lässt Conny sich wirklich so leicht verarschen, oder sie hat schlicht keine Lust, sich mit mir und meiner miesen Laune auseinanderzusetzen. Mit einem Lächeln im Gesicht geht sie ins Bad. Ich höre Wasser rauschen.

»Warum muss ich neben Conny schlafen?«, zische ich.

»Weil … ich nicht gerne das Bett mit Fremden teile. Du warst nicht da, also … «

Linh zuckt mit den Schultern.

Na toll. Ganz toll. Was mit mir ist, juckt hier ja offensichtlich niemanden.

Ich bin schon so lange in der Firma, dass ich gefühlt bereits einen Inventarstempel habe. Trotzdem bleibt es mir nicht erspart, mich mit Leuten wie Conny herum zu ärgern. Dass ich nun auch noch das Bett mit ihr teilen soll, nervt mich so sehr, dass mein Puls ansteigt.

»Ihr hättet wenigstens auf mich warten können.«

»Wieso? Du hattest es doch so eilig, hier wegzukommen. Also haben wir die Betten unter uns aufgeteilt.«

Fehlt nur noch, dass Linh mir erklärt, dass das halt nun mal so ist, wenn man nicht da ist. Mir kocht die Galle hoch. Warum nur hat sich neuerdings die ganze Welt gegen mich verschworen? Obwohl ich eigentlich keine entsprechenden Tendenzen habe, muss ich aufpassen, dass ich nicht im Selbstmitleid versinke. Es wird Zeit, dass ich wieder bei mir selbst ankomme, denn eigentlich bin ich doch eher ein positiv denkender Mensch.

Dummerweise läuft, seit Conny wieder in mein Leben getreten ist, nichts mehr so, wie es sollte. Ich bekomme den Job, den ich will, nicht. Ich darf nicht selbst fahren und dann muss ich zur Krönung des Ganzen auch noch mit Conny in einem Bett schlafen. Argh. Ich will nach Hause. Hoffentlich ist es bald Freitag.

Ich schaue Linh mit einem hilflos fragenden Blick an, doch Linh hat offensichtlich kein Interesse an einer Diskussion mit mir. Statt auf meine Blicke einzugehen, schiebt sie sich das Buch vor die Augen und liest einfach weiter. Na toll. Dann bleibt mir also keine Wahl. Entweder schlafe ich wirklich auf dem Misthaufen, oder ich akzeptiere die Tatsache, dass ich die nächsten zwei Nächte das Bett mit Conny teilen muss. Missmutig öffne ich den Reißverschluss meiner Tasche und räume die paar Klamotten in den freien Teil des Kleiderschranks. Dann gehe ich auf den Balkon.

Der unverbaute Blick über die Felder versöhnt mich ein bisschen. Ich hole tief Luft. Die Luft riecht würzig. Landluft eben. Nicht weit entfernt wiehert ein Pferd. Das bringt mich auf eine Idee.

Ich war schon so lange nicht mehr ausreiten. Wird Zeit, dass ich meinen Hintern mal wieder auf den Rücken eines Pferdes schwinge. Vielleicht hilft das, um die Zeit hier leichter zu ertragen.

Nach ein paar Minuten gehe ich wieder ins Zimmer. Conny kommt aus dem Bad. Ihr Haar ist noch nass. Ihre Wangen sind gerötet. Ihren Körper hat sie lediglich mit einem großen weißen Duschtuch bedeckt.

Ich schlucke. Verdammt. Wie damals. Ich könnte schreien.