8. Conny

I ch schaue Ali an. Sie schaut mich an. Ihr Blick geht mir durch und durch. Mein Herz fängt an zu rasen. Uff. In meinem Körper stellt sich Zittern ein. Die Luft um mich herum vibriert. Meine Ohren rauschen. Im rechten Ohr ist leises Fiepen zu hören. Dieses Gefühl ist schön. Und beängstigend zugleich.

Schön, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass mir mal eine Frau begegnen könnte, die so widersprüchliche Gefühle in mir auslöst. Beängstigend, weil es sich bei dieser Frau um jemanden handelt, die kaum ein gutes Wort für mich findet.

Ali steht da und schaut mich an wie vom Donner gerührt. Sie macht ganz den Anschein, als ob sie nicht weiß, was sie tun soll. Es gelingt mir nicht, den Kontakt unserer Augen zu unterbrechen. Das, was gerade jetzt, in diesem Moment, hier in unserem Zimmer zwischen uns geschieht, kann man nur mit einem Wort beschreiben – Magie.

Wäre Linh nicht da, wären wir allein, würde Ali mich nicht so hassen, würde ich vielleicht … die paar Schritte überwinden und auf dem Weg zu Ali wie zufällig das feuchte Duschtuch von meinem Körper auf den Boden gleiten lassen.

Wäre und würde. Nur leider … liegt Linh immer noch in ihrem Bett. Wir sind also nicht allein. Außerdem hasst Ali mich.

Es gibt also nichts, was dafür spräche, dass ein Angriff meiner Lippen auf Alis eine Aussicht auf Erfolg hätte. Trotzdem juckt es mich. Mein Herz und die Reaktionen meines Körpers sprechen eine absolut deutliche und unmissverständliche Sprache.

Ich will Ali.

Von dieser Erkenntnis erschlagen, wird mir schwarz vor Augen. Ich gehe in die Knie.

Linh und Ali sind ungefähr zur gleichen Zeit bei mir. Linh stützt mich von hinten, Ali von vorn. Gemeinsam halten sie mich fest, damit ich nicht umkippe.

»Hast du zu heiß geduscht, oder was ist los mit dir?«, neckt Linh.

Ali sagt gar nichts. Sie greift unter meinen linken Arm, Linh unter meinen rechten. Mit vereinter Kraft führen sie mich zum Bett. Ich lege mich hin und erlaube meinen Lidern die Augen zu verschließen.

Obwohl ich nun nichts mehr sehe, gelingt es mir nur schwer, das, was während der letzten Minuten zwischen Ali und mir passiert ist, zu verdrängen. Ich unterdrücke ein Seufzen.

Es könnte so einfach sein. Verdammt nochmal, es fällt mir alles andere als leicht zu akzeptieren, dass das, wonach mein Herz, mein Körper, meine Seele, meine Hormone, schlicht mein ganzes Sein sich sehnt, wohl niemals zur Realität werden wird. Ali hasst mich. Und ich bin auf dem besten Weg, mich Hals über Kopf in sie zu verlieben.

Dafür hat es nicht viel gebraucht. Ein einziger Blick in meine Augen hat genügt.

E ine gute halbe Stunde später bin ich so weit wieder hergestellt, dass ich mit Ali und Linh das Hotelzimmer verlassen kann. Ali schlägt den Weg ins Dorf ein. Laut ihrer Aussage gibt es hier ein griechisches Lokal, das erstklassiges Essen in urigem Ambiente serviert.

Statt den direkten Weg an der Straße entlang zu nehmen, führt Ali uns durch die Felder und an Wiesen vorbei. Zwischen gelb schimmernden Weizenpflanzen leuchten roter Mohn und blaue Kornblumen. Es riecht herrlich. Nach Sommer. Und ein bisschen nach würziger Landluft. In den Bäumen zwitschern Vögel. Schmetterlinge kreuzen unseren Weg. Nicht weit entfernt ist der Schrei eines Raubvogels auf der Jagd zu hören.

Die Kombination aus dem, was wir hören, sehen und riechen grenzt schon ein bisschen an Kitsch, ehrlich gesagt. Trotzdem gefällt es mir. Ich pfeife vor mich hin. Linh und Ali drehen sich zu mir. Linh schaut mich fragend an. Dann grinst sie wissend und blickt in Alis Richtung.

Ali bekommt davon nichts mit. Mit dem Telefon in der Hand kniet sie auf dem Boden und macht Bilder von den sich in der Sonne wiegenden Weizenähren. Die Sonne schimmert auf ihrem Haar. Durch das Schimmern schaut ihr Gesicht ganz weich aus und so schön, dass mein Herz schon wieder wie verrückt pocht.

»Hey, lasst uns doch ein Selfie machen!«, schlägt Linh vor als Ali sich wieder aufgerichtet hat.

Alis Begeisterung hält sich sichtlich in Grenzen. Trotzdem lässt sie sich breit klopfen und stellt sich zwischen Linh und mich. Das Telefon hat sie so ausgerichtet, dass ein Stück der Baumkronen und des blauen Himmels aber auch unsere Gesichter zu sehen sind. Ich neige mich ein Stück zu ihr. Der erste Versuch geht schief, weil ich mehr damit zu tun habe, sie anzuschauen als den Blick Richtung Kamera zu richten.

Ali schüttelt den Kopf, wodurch ich wieder wach werde. Mit den Schultern zuckend lächle ich geradeaus.

Erst nachdem Ali mehrere Male den Auslöser gedrückt hat, lässt sie das Telefon wieder sinken. Zu dritt beugen wir uns übers Display. Es lässt sich nicht vermeiden, dass mein Gesicht Alis ziemlich nahe kommt. Ich schlucke. Ali schluckt ebenfalls. Leider dauert dieser Moment nicht sehr lang.

»Ich schicke euch die Bilder, wenn wir im Restaurant sind.«, sagt Ali so leise, dass ich mich frage, ob sie das, was zwischen uns passiert, ebenfalls spürt.

Aus ihrem Blick lässt sich nicht herauslesen, was sie denkt oder fühlt. Schade eigentlich.

Linh fährt sich auffällig mit der Zungenspitze über die Lippen. Sie zwinkert mir zu.

»Hör schon auf.«, zische ich in Linhs Richtung.

»Schnapp sie dir, Cowgirl.«, neckt Linh, und setzt sich gemächlich wieder in Bewegung.

»Geht schon mal vor!«, ruft Ali.

»Ich komme gleich!«

Beim nächsten Umdrehen in Alis Richtung, hockt meine Kollegin wieder auf dem Boden und fotografiert etwas. Sie wirkt so in sich versunken, dass ich mir einen längeren Blick auf sie genehmige. Was für eine gut aussehende Frau. Hach. Es wäre doch zu schön, wenn …

D as griechische Restaurant ist nicht nur urig, sondern auch sehr gemütlich eingerichtet. Jede Sitzgruppe ist wie eine Art Terrasse, die von einem weißen Zaun, Pflanzen und Säulen in den Ecken eingefasst. Auf den Säulen stehen Statuen von griechischen Gottheiten, wie ich meine.

»Das ist Pallas Athene.«, erklärt Ali, der mein Blick natürlich aufgefallen ist.

»Sie ist die Göttin des Kampfes und der Weisheit.«

Kampf und Weisheit also. Das passt doch ziemlich perfekt auf unsere Situation. Ali fechtet einen Kampf mit mir aus, dessen Ursprung nur sie kennt. Ich wünsche mir die Weisheit, die ich brauche um zu verstehen, wo ihr Problem ist. Ich wüsste gerne, wo ihr der Schuh drückt. Dann könnte ich versuchen, die Probleme zu beseitigen.

Ali macht einen Schritt zur Seite, damit Linh und ich uns setzen können. Auf einer Tafel in der Mitte des Tischs steht Alis Familienname.

»Macht es euch gemütlich.«, sagt Ali ruhig.

»Ich sage nur kurz hallo.«

Ali wartet bis wir unsere Plätze eingenommen haben. Dann geht sie weg. Meine Blicke folgen ihr.

Linh lehnt sich über den Tisch. Sie schaut mir in die Augen.

»Was soll das werden?«, fragt sie, und ich zucke mit den Schultern.

»Wenn ich das wüsste.«

»Wenn du es nicht weißt … soll ich dir sagen, was ich glaube?«

Lieber nicht. Ich seufze. In den letzten Wochen habe ich nicht nur Ali kennengelernt, sondern auch Linh. Das gibt mir die Gewissheit, dass Linh ziemlich sicher in spätestens zehn Sekunden ihre Gedanken vor mir ausbreitet. Erneut seufze ich. Linh beugt sich noch weiter vor.

»Ich sag dir was.«, flüstert sie mit Blick in die Richtung, in die Ali zuvor verschwunden ist.

»Du bist dabei, dich Hals über Kopf in Ali zu verlieben.«

Umpf. Ich wollte es doch nicht wissen.

»Ha! Wusste ich es doch. Dein Blick spricht Bände. Aber … Ali hasst dich.«

Grrr. Wieder so eine Tatsache, die Linh mir nicht extra hätte unter die Nase reiben müssen.

»An ihr wirst du dir einen Zahn ausbeißen. Mindestens.«

Warum hält Linh nicht einfach den Mund.

»Du bist nicht die Erste, die ihr Glück bei ihr versucht. Sie lässt alle abblitzen. Du hast es gleich doppelt schwer.«

»Weil Ali auf Männer steht?«

Linh schüttelt lachend den Kopf.

»Das nun nicht gerade. Aber … ach, nicht mein Thema. Das wirst du schon selbst heraus finden müssen.«

Linh rutscht wieder auf ihren Platz zurück. Genau im richtigen Moment. Ali biegt mit einer nicht ganz schlanken Frau im Schlepptau um die Ecke. Linh schaut mich an und grinst. Dass ich ein »Das war knapp.« von ihr höre, ist vermutlich keine Einbildung.

Ali bleibt vor unserem Tisch stehen und schaut die Bedienung unschlüssig an. Die Bedienung nimmt ihr die Entscheidung ab und legt eine der Speisekarten vor mich, eine vor Linh und eine auf den Platz neben mir. Sie nickt Ali zu und verschwindet wieder. Ali schaut minimal überfordert aus und kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob sie die Pest (mir gegenüber sitzen) wählen soll, oder lieber die Cholera (neben mir sitzen) wählen soll.

Ich tippe auf die Speisekarte auf dem Tisch. Ali zieht scharf die Luft ein und setzt sich schließlich hin. Besonders zufrieden schaut sie nicht aus, versucht sich ihre Unlust jedoch nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.

Zehn Minuten später nimmt die Bedienung unsere Bestellungen auf und tauscht die Speisekarten gegen randvoll gefüllte Ouzo-Gläser. Ich mag keinen Ouzo. Trotzdem hebe ich mein Glas und stoße mit Ali und Linh an.

Ali sitzt direkt neben der Statue von Pallas Athene. Vor den Füßen der Statue flackert eine Kerze, wodurch Alis Profil in warmen Farben leuchtet. Ich könnte Ali die ganze Zeit anschauen. Ob es sehr auffällt, wenn ich mich einfach neben Linh setze? Dann kann ich Ali noch besser anschauen. Umpf. Alis Oberschenkel ist meinem so nah, dass nur der Stoff unserer Jeans verhindert, dass nackte Haut auf nackte Haut trifft.

»Wie oft warst du eigentlich schon bei dieser Tagung?«, fragt Linh mit übertriebenem Interesse.

Dankbar, dass Linh mich mit ihrer Frage wieder zurück ins Hier und Jetzt holt, schicke ich ein Lächeln in ihre Richtung.

Mich würde allerdings viel mehr interessieren, was wir bei dieser Tagung überhaupt wollen. Die Pädagogen, mit denen wir Vorträgen lauschen und uns in Gesprächen begegnen, sind meiner Meinung nach keine potenziellen Kunden. Während der letzten Wochen habe ich mich öfter gefragt, ob wir das ganze Gedöns mit Pädagogen, Pädagoginnen, Erziehern und Erzieherinnen nur machen, weil Ali Spaß daran hat. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass sich auf dieser Weise unser Kundenstamm erweitert.

»Ich glaube, diese Tagung ist meine siebte hier. Apropos. Wenn ihr keine Dosenmilch mögt, solltet ihr morgen beim Frühstück etwas Milch mitnehmen.«, erklärt Ali.

Häh? Warum denn das? Ich verstehe nur Bahnhof.

»Im ersten Jahr habe ich bei einem meiner Kurse beinahe den Kaffee durch den Raum gespuckt, weil ich nicht wusste, dass das Zeug aus den Tetrapacks Dosenmilch ist. Jedenfalls bin ich seitdem vorbereitet.«

Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass Ali grinst. Ich grinse ebenfalls. Es ist schön, Ali zwischendrin entspannt zu erleben. Ich glaube, der Abstand zur Firma tut ihr gut. Auch mir gegenüber verhält sie sich im Moment nicht mehr ganz so zickig wie sonst. Das macht mir Mut und gibt mir die Hoffnung, dass der Kontakt zwischen uns irgendwann ein normales Level erreicht.

Wäre Alis Oberschenkel meinem nicht so nahe, könnte ich mich vermutlich besser entspannen, aber ich spüre ihre Nähe nur allzu deutlich. Ali scheint nichts davon mitzubekommen.

Sie unterhält sich mit Linh und ich sitze da und lausche. Jedes Wort sauge ich auf wie ein trockener Schwamm. Ich könnte ihr stundenlang zuhören.