I ch liege neben Conny im Bett und kann nicht einschlafen. Connys Geruch steigt mir in die Nase. Sie riecht nach Duschgel, Haarshampoo, Deo, Knoblauch, Wein und … würziger Landluft. Eine sehr interessante Kombination.
Connys kurze blonde Haare lugen zwischen Decke und Kissen hervor.
Ich muss zugeben, dass aus dem attraktiven und interessanten Mädchen von damals eine noch viel attraktivere und interessantere erwachsene Frau geworden ist. Wäre sie nicht der Feind … Schade, dass es so ist. Aber ich will und kann nicht vergessen, was sie mir angetan hat.
Conny schläft tief. Im Schlaf stellt sie ihr rechtes Bein auf, wodurch ihr die Decke zwischen die Schenkel rutscht. Sie trägt ein langes Schlafshirt. Ihre Beine sind nackt. Ich schlucke und rufe mir extra immer wieder ins Gedächtnis, wer die Frau ist, die neben mir im Bett liegt. Mir ist warm. Deshalb schiebe ich die Decke weg. So ist es angenehmer. Viel angenehmer. Ich schließe die Augen und versuche endlich die nötige Ruhe zu finden um einschlafen zu können. Morgen wird ein langer Tag. Schlaf könnte also durchaus hilfreich sein.
Da sich der Schlaf nicht einstellen will, versuche ich, Schäfchen zu zählen, doch auch das ist nicht besonders hilfreich. Ich döse immer wieder ein, wache kurz danach aber wieder auf.
So wird das nichts. Ich richte mich auf und verlasse das Bett. So leise wie möglich schlüpfe ich in Hose und Pulli und ziehe die Schuhe an. Dann schleiche ich zur Tür und verschwinde nach draußen.
Die kühle Luft tut mir gut. Ich atme mehrmals tief ein und aus und inhaliere den Duft, der mich umgibt. Im Stall wiehert ein Pferd. Gemächlich schlendere ich los. Ich gehe an den Pferdeställen vorbei und verlasse anschließend das Grundstück. Die Straße liegt dunkel und leer vor mir. Um diese Uhrzeit ist hier niemand mehr unterwegs. Ein paar hundert Meter laufe ich an der Straße entlang und schlage dann den Weg zu den Feldern ein. Der Mond steht hoch über den Wiesen und Feldern. Die Ähren schaukeln im sanften Wind. Ist das schön hier.
Hier würde ich mich bestimmt langfristig wohlfühlen. Sogar als Stadtmädchen.
Ich folge dem Weg durch die Felder, den ich gefühlt schon hundert Mal eingeschlagen habe. Im Dunklen sieht alles so anders aus. So friedlich und harmonisch. Nichts stört die Ruhe. Entspannt setze ich mich auf einen Baumstamm und schaue den Ähren dabei zu, wie sie sich, einem unbekannten Lied folgend, im Takt wiegen.
Mein Herz klopft ganz ruhig. Allmählich werde ich müde. Endlich. Ich könnte mich einfach ins Gras legen und schlafen, aber … nein. Lieber nicht. Wer weiß, ob es hier nicht Wildschweine gibt. Oder Füchse. Zu sehr muss ich mein Glück nicht herausfordern. Also rutsche ich von meinem Baumstamm und begebe mich auf den Rückweg. Hinter einem hohen Bretterzaun bellt ein Hund. Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Wenn ich irgendwann so weit bin und endlich in Rente gehen darf, werde ich mir auch einen Hund anschaffen. So viel steht fest. Gut gelaunt und entspannt biege ich in die Einfahrt von Barbara Adams Hof ein. Aus einem der Zimmer dröhnt ein Schnarchen. Ich unterdrücke ein Lachen.
Vor der Tür von Apartment Nummer drei bleibe ich kurz stehen. Dann halte ich die Karte vors Lesegerät und betrete das Zimmer. Im fahlen Mondlicht erkenne ich, dass Linh und Conny tief und fest schlafen. Conny hat sich in der Zwischenzeit vollständig von ihrer Decke befreit. Schluckend schaue ich in die andere Richtung. Ohne noch einen Blick in Connys Richtung zu riskieren, ziehe ich meine Klamotten aus und schlüpfe ins Bett. Für die Decke ist es viel zu warm.
Ich gähne herzhaft. Dann klappe ich die Augendeckel zu und döse ein. Wach werde ich, weil ungewohntes Gewicht auf meinem Bauch liegt.
Ich reiße die Augen auf und schaue an mir herunter. Conny hat sich zu mir gedreht. Ihre Hand ruht auf meinem Bauch. Meine Haut fängt an zu kribbeln. Ich will nicht, dass mein Körper so auf sie reagiert.
Ich würde mich gerne umdrehen, um ihrer Hand auszuweichen, aber dann wacht Conny womöglich auf. Also lasse ich es bleiben und verhalte mich ganz ruhig. Solange ich mich nicht bewege, gelingt es mir vielleicht, die Hand auszublenden.
B in ich kaputt. Diese Nacht war … nicht wirklich entspannend. Ich richte mich auf und strecke meine Arme weit von mir. Conny und Linh sind bereits wach, geduscht und angezogen.
»Na, Schlafmütze.«, neckt Linh.
Conny schaut mich an. Aus ihrem Gesicht lässt sich nicht herauslesen, ob sie mitbekommen hat, wo ihre Hand in der Nacht lag. Im Gegensatz zu mir wirkt sie ganz entspannt. Und ausgeschlafen.
Ich gähne.
»Ich habe in der Nacht noch einen kleinen Spaziergang gemacht.«, erkläre ich.
»Konnte nicht schlafen.«
»Du hast einen Spaziergang gemacht?«, fragt Linh und guckt dümmlich.
Klar, warum denn auch nicht? Dieser Ort ist so ländlich. Hier hätte mich niemand weg getragen. Und wenn, hätte er mich spätestens nach einer Stunde wieder zurück gebracht, weil ich ihm so auf den Senkel gegangen wäre, dass er mich nicht länger ausgehalten hätte.
So bin ich. Mich bringt man freiwillig wieder zurück. Dabei bin ich eigentlich vom Umtausch ausgeschlossen.
Der quasi nicht vorhandene Schlaf der Nacht führt dazu, dass es mir nicht gelingt, energiegeladen aus dem Bett zu springen. Stattdessen schlurfe ich ins Bad und komme mir einmal mehr vor wie eine alte Schachtel. Na toll. Das ist doch mal ein hervorragender Start in meine Lieblingstagung.
Zwanzig Minuten später tauche ich einigermaßen zufrieden mit mir und meinem Spiegelbild wieder bei Conny und Linh auf. Conny lächelt mir entgegen. Linh liegt wie üblich im Bett und liest in ihrem Buch.
»Auf geht’s. Frühstück.«, sage ich fröhlich.
Das Frühstücksbuffet ist in diesem Hotel besonders reichhaltig. Die Eier holt Barbara Adam jeden Morgen aus dem Hühnerstall. Herrlich. Außerdem gibt es Quark, frisches Obst und Gemüse, ein reichhaltiges Wurst- und Käseangebot, frische Säfte, selbst gebackenes Brot und die Möglichkeit an einem Waffeleisen Waffeln zu backen. Der Duft der Waffeln breitet sich im Frühstücksraum aus.
»Guten Morgen die Damen.«, flötet Barbara Adam fröhlich, und führt uns an unseren Tisch.
Sie hat den besten Platz für uns reserviert. Im Wintergarten direkt am Fenster mit Blick über die Pferdekoppel. Ich strahle Barbara an.
Sie schafft es immer wieder, mich zu begeistern, selbst wenn ich so gut wie nicht geschlafen habe.
»Soll ich dir wieder deine Milch abfüllen?«, fragt sie mit liebenswürdigen Augenaufschlag.
Ich reiche ihr meine kleine Flasche, die ich mir extra für diverse Tagungen angeschafft habe.
»Dreimal Kaffee?«, fragt Barbara und läuft los, um uns und unsere müden Glieder mit Kaffee in Gang zu bringen.
Der Kaffee und das reichhaltige Frühstück tun mir gut. Als wir gute eineinhalb Stunden später im Auto sitzen, bin ich so gut wie wieder hergestellt. Ich freue mich auf die Tagung.
Wie in jedem Jahr beginnt die Tagung mit einem Vortrag. Dieses Mal spricht der Redner über Alltagsrassismus in Kindertagesstätten. Sehr interessant. Allerdings sind die Sitzplätze in der Aula nicht besonders bequem, so dass mir nach einer Weile Rücken und Hinterteil weh tun.
Neben mir rutschen Conny und Linh hin und her. Conny wechselt ständig zwischen Schneidersitz und dem kläglichen Versuch, einigermaßen bequem zu sitzen. Sie sieht ziemlich unzufrieden aus.
»Wie lange geht das noch?«, fragt sie nach einer Weile.
»Ungefähr eine Stunde.«, gebe ich zurück, und versuche meine eigenen Knochen irgendwie zu sortieren.
»So lange noch? Wie soll ich das aushalten?«
Gute Frage, nächste bitte.
Mein Hintern schmerzt mit Sicherheit mindestens genauso wie der von Linh und Conny. Wäre es anders, würde ich mich vor Genugtuung kaum noch einkriegen. Aber ich Vollpfosten habe beim Packen das Kissen, das ich sonst immer dabei habe, vergessen. Zu dumm. Bin ich froh, wenn der Vortrag vorbei ist. Obwohl ich diesem Redner gerne zuhöre und seine Ausführungen interessant sind, fällt es mir extrem schwer, ihm zu folgen.
Nach etwas mehr als einer Stunde erbarmt er sich und schlägt vor, eine Pause zu machen. Dem allgemeinen erleichterten Aufatmen begegnet er mit einem Lächeln.
»Wusste ich doch, dass ich Ihnen mit einer Pause eine Freude machen kann. Wir sehen uns in einer halben Stunde.«
Mit diesen Worten verlässt er das Rednerpult und strebt dem Ausgang entgegen. Mein Versuch, von meinem Platz aufzuspringen, scheitert kläglich. Mir tun alle Knochen, Muskeln und Sehnen weh. Es ist viel schlimmer als anfänglich gedacht. Nicht nur der Hintern schmerzt. Ich kann die Knie kaum durchdrücken, was bedeutet, dass ich wie auf rohen Eiern laufe. Conny schaut ziemlich zerknittert aus. Sie verzieht die Lippen. Ihre Knochen knacken ähnlich laut wie meine.
Zu dritt schlurfen Linh, Conny und ich hinter den anderen her Richtung Ausgang. Endlich draußen schlägt Linh den Weg zu den Toiletten ein. Conny und ich gehen zur Kaffeeausgabe.
»Von wegen Kondensmilch. Sieh doch nur. Ganz normale Milch.«
Conny strahlt. Ich strahle auch. Weil ich im Gegensatz zu Conny ganz genau weiß, dass der erste Eindruck eben oftmals täuscht. Wie immer kippt Conny ordentlich Milch in ihren Kaffee. Ich hole meine Flasche aus der Tasche und schütte die Milch, die Barbara Adam mir gegeben hat, in meinen Kaffeebecher. Mit einem zufriedenen Seufzen nehme ich einen großen Schluck. Conny trinkt ebenfalls, schlägt dann jedoch die Hand vor den Mund und verschwindet schnellstens um die Ecke.
Als sie zurückkommt, sieht sie ziemlich genervt aus.
»Sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt habe.«, kommentiere ich grinsend.
Conny verzieht die Lippen. Ihr Mund ist genauso leer wie ihr Kaffeebecher.
»Was hast du mit dem Kaffee gemacht?«, frage ich übertrieben entspannt.
»Bäume gegossen.«, grunzt Conny.
Sie sieht ziemlich genervt aus. Mir ist klar, dass es an der Zeit wäre, das Kriegsbeil zu begraben und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Es wäre ein Leichtes, ihr meine Milch anzubieten, aber … In der Beziehung bin ich halt doch nur ein Elefant mit einem unerschütterlichen Gedächtnis.
Ungestraft verletzt mich niemand. Auch Conny nicht. Soll sie doch schauen, woher sie echte Milch bekommt.
»Okay. Du hattest recht.«, gibt Conny zu, und schaut dabei ziemlich missmutig aus der Wäsche.
»Und?«
»Und ich hatte unrecht.«
Conny schluckt. Ich grinse zufrieden und nehme demonstrativ einen weiteren Schluck aus meinem Becher. Conny läuft das Wasser im Mund zusammen. Sie schluckt erneut. In ihrem Blick zeichnet sich Neid ab.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, frage ich gut gelaunt.
»Meinst du, dass in deiner Flasche noch so viel Milch ist, dass du mir etwas abgeben kannst?«
Ohoooo. Schau einer kuck an.
»Biiiiitteeee.«, jammert Conny.
»Du würdest mir das Leben retten.«
»Ich hatte heute schon meine gute Tat.«, gebe ich zurück, und zwinkere Conny zu.
Dieses Spiel gefällt mir so sehr, dass ich nur zu gerne noch eine Weile daran festhalte.
Conny schaut aus als wäre sie zu allem bereit, selbst dazu, mir die Flasche aus der Hand zu rupfen.
»Was muss ich tun, damit du mir einen Schluck von deiner Milch abgibst?«
Du könntest dich zum Beispiel bei mir entschuldigen, für alles, was du mir damals angetan hast., denke ich, aber ich spreche es nicht aus.
Stattdessen erzähle ich etwas von auf ein Eis einladen und anderen Blödsinn.
»Das lässt sich einrichten.«, sagt Conny freudig, und hält mir ihren leeren Becher hin.
Jetzt sitze ich in der Klemme. Ich habe keine andere Wahl mehr. Also schraube ich den Deckel von meiner Flasche und schütte etwas Milch in Connys Becher. Conny strahlt mich an. Und ich... stehe vor ihr, starre sie an und weiß nicht, was ich sagen oder tun soll.
Mein Gehirn ist wie weggetreten. Ich bin wie weggetreten.
Conny sieht so hübsch aus. Wenn ihre Augen vor Freude leuchten, sieht sie ganz besonders gut aus. Was für eine Frau. Was für ein Miststück.
Und ich bin auch noch so bekloppt, dass ich auf sie hereinfalle.
Ich darf nicht vergessen, dass Conny sich niemals ändern wird. Nicht für mich und auch für sonst niemanden. Conny ist nur auf sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse bedacht. Was andere wollen oder fühlen, interessiert sie nicht. So war es schon immer und so wird es immer bleiben.
Conny tut vielleicht so, als hätte sie sich verändert, aber … das täuscht.
»Warte hier.«, flötet sie überfreundlich.
»Ich bin gleich wieder da.«
Sie trabt los und geht zur Kaffeeausgabe. Kopfschüttelnd schaue ich ihr hinterher. Wenige Minuten später ist sie wieder bei mir und schlürft mit einem breiten Lächeln auf den Lippen ihren Kaffee.
»Hätte ich dir auch noch einen Kaffee mitbringen sollen?«, fragt sie mit Blick auf meine Hände.
»Nicht nötig.«, brummle ich.
»Ich habe selbst gesunde Beine.«
»Na, das klang vorhin aber nicht so.«, neckt Conny und kommt sich offensichtlich fürchterlich lustig vor.
»Ha! Ha! Sehr witzig.«, knurre ich.
»Als ob deine Knochen nicht kacken.«
Conny schaut mich an. Sie fängt an zu lachen.
Ich habe keine Ahnung, was an meiner letzten Aussage so lustig sein soll.
»Also … kacken können meine Knochen Gott sei Dank noch nicht.«, wiehert sie.
Kacken? Habe ich wirklich kacken gesagt? Oh nein. Bitte nicht. Das kann doch nicht wahr sein.
»Knacken. Ich meinte natürlich knacken.«
Conny wischt sich über die Augen und die Wangen. Ich starre peinlich berührt meine Fußspitzen an. Der Boden ist staubig. Meine Schuhe ebenfalls.
»Du bist der Brüller, Ali.«
Damit es nicht ganz so doof aussieht, steige ich in Connys Lachen ein. Obwohl ich es hasse.
»Was habe ich verpasst?«, fragt Linh, als sie endlich bei uns eintrudelt.
»Nichts.«, geben Conny und ich wie aus einem Mund Auskunft.
Wir schauen uns an. Und zucken im gleichen Moment mit den Schultern. Langsam wird die Einigkeit zwischen Conny und mir echt beängstigend. Ich will mir nicht mit Conny einig sein.