B in ich kaputt. Was für eine Tagung. Was für eine unnötige Zeitverschwendung. Ich habe keine Ahnung, warum Ali so gerne zu dieser Tagung fährt. Das stundenlange Sitzen auf Aulastufen aus Holz kann es ja wohl nicht sein. Mir schmerzt der Hintern. Nicht nur der. Der Rücken gibt bei jeder Bewegung unangenehmes Knacken von sich. Oh, eine Massage wäre jetzt toll.
Wie gut, dass ich nach diesem Tag ein paar Minuten für mich habe. Linh steht unter der Dusche um ihre müden Knochen wieder fit zu bekommen. Ali hat sich vor einer Stunde verabschiedet. Sie will wohl wieder Fotos machen oder so.
Ich frage mich, woher sie nach einem Tag wie heute noch die Nerven und die Kraft her nimmt.
Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen.
Linh lässt sich richtig Zeit. Ihre Haut muss doch schon ganz schrumpelig sein. Keine Ahnung, was sie so lange unter der Dusche anstellt. Vielleicht macht sie es sich ja auch selber. Keine Ahnung. Aber angeblich hat sie doch gerade eine neue Affäre am Start. Im Grunde ist das auch egal. Ich muss auf mich schauen. Und irgendwie diese Tagung überstehen. Sobald wir zurück sind, werde ich dafür sorgen, dass wir im nächsten Jahr nicht hier sind. So eine sinnlose Zeitverschwendung. Die Pädagogen hier schwören auf Holzspielsachen. Möglichst klare Linien und Raum für Phantasie. Mir ist heute niemand über den Weg gelaufen, der in irgendeiner Weise Interesse an den Sachen, die wir anbieten, haben könnte.
Kopfschüttelnd hieve ich meine müden Knochen aus dem Bett und schleiche zum Balkon.
Aber eines muss ich ehrlich zugeben, das Hotel ist toll. Ich lasse mich auf einen der Liegestühle auf dem Balkon fallen, schließe die Augen und denke über den vergangenen Tag nach. Ali wirkt hier so zufrieden. So entspannt und gut gelaunt. Sie benimmt sich nicht annähernd so ekelhaft wie sonst. Sie lächelt auch mehr. Ein paar Mal habe ich mitbekommen, dass sie mit Leuten im Gespräch war. Sie hat Visitenkarten verteilt und ihrerseits Visitenkarten entgegen genommen. Ich habe keine Ahnung, wozu das gut sein soll. Die Leute interessieren sich doch gar nicht für uns.
Sie sammeln Kastanien, Eicheln, Äste von Bäumen und Steine. Viel mehr bekommen die Kinder nicht zum spielen.
Ali scheint in diesem Punkt zur Abwechslung anderer Meinung zu sein als ich. Sie denkt offenbar tatsächlich, dass es hier Leute gibt, die auf unser Spielmaterial anspringen könnten. Oder denkt sie, dass wir Material für diese Art Pädagogen herstellen können?
Ich stöhne auf. Was ich auch mache, ich muss ständig an Ali denken. Ali hier, Ali dort. Ali ist... vierundzwanzig Stunden am Tag präsent.
Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Hat meine Mutter mit ihrer Behauptung, dass Ali mir zusetzt, womöglich recht?
Nein. Ich will und werde nicht darüber nachdenken. Die Träume letzte Nacht waren schon intensiv genug. Ich habe noch nie zuvor so etwas in der Art geträumt. Nackte Frauen mit sehr klar erkennbaren Gesichtern kommen sonst eigentlich nicht in meinen Träumen vor.
Mann. Mann. Mann. Wo soll das nur enden?
Ali hasst mich. Wann kapieren meine Hormone das endlich?
»Wenn du willst, kannst du jetzt duschen gehen!«, ruft Linh.
Ich öffne die Augen und richte mich auf. Auf dem Hof ist das Trappeln von Hufen zu hören. Ich schaue mich um. Auf einem großen braunen Pferd sitzt eine Frau. Sie hält sich absolut gerade. Ihr langes dunkles Haar hüpft trotz Reiterhelm. Sie sieht zufrieden aus und sehr glücklich.
»Wow.«, sagt Linh, die soeben zu mir auf den Balkon gekommen ist.
»Ist das etwa … Ali?«
Und ob das Ali ist. Ich kann den Blick nicht abwenden.
»Wow, mir war nicht bewusst, wie attraktiv Ali ist.«, murmelt Linh sichtlich von dem, was sie sieht, fasziniert.
Ich drehe mich zu Linh um. Wie selbst vergessend starrt sie auf den Punkt, an dem Ali sich gerade eben noch mit ihrem Pferd befunden hat.
»Ich dachte, du stehst auf Kerle.«, sage ich, während ich versuche, meine Gedanken zu sortieren.
»Tue ich ja auch. Aber du musst zugeben, dass Ali wirklich gut aussieht.«
Linh schaut mich mit großen Augen an. Ich lächle.
»Gar nichts muss ich zugeben.«
»Komm schon, Conny. Denkst du, ich bin blind? Ich sehe doch, wie du sie anschaust.«
»Wie schaue ich sie denn an?«
Meine Stimme klingt ziemlich belegt.
»Na, so … wie man jemanden anschaut, den man gerne hätte. Du willst Ali.«
Argh. Ist das wirklich so offensichtlich? Wenn Linh meine Blicke schon bemerkt hat, wie steht es dann mit Ali? Bekommt sie auch mit, wie ich sie anschaue? Ich muss an meiner Mimik arbeiten. Es kann nicht sein, dass meine Blicke zu viel über mich preisgeben.
»Mach dir keine Sorgen.«, sagt Linh ganz leise, als hätte sie Angst, dass jemand Zeuge unseres Gesprächs sein könnte.
»Sie ist so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nichts merkt.«
Uff. Ich atme tief ein und aus.
»Wie gesagt, ich kann dich verstehen. Würde ich auf Frauen stehen … hui … «
Linhs Grinsen wird breiter. Ich fühle mich nackt unter ihren wissenden Blicken.
»Mach dich locker.«
Ha, wenn das so einfach wäre. Nichts ist mehr einfach, seit ich Ali kenne. Meine Gedanken kreisen um sie. Tag und Nacht. Was ich auch versucht habe, es lässt sich nicht abschalten. Und das, obwohl Ali nicht besonders nett zu mir ist.
»Weißt du, was Ali für ein Problem mit mir hat?«
»Keine Ahnung. Sorry. Hast du sie noch nicht angesprochen?«
Ich schüttle den Kopf. Ich kann Ali nicht fragen, wo ihr Problem mit mir ist. Weil ich Angst vor ihrer Antwort habe. Vielleicht bin ich ja schlicht und ergreifend nicht ihr Fall. Gut möglich, dass ihr mein Charakter nicht gefällt. Oder ich gefalle ihr nicht. Hat sie womöglich doch mitbekommen, wie ich sie anschaue? Und nun versucht sie, mich auf Distanz zu halten, damit ich mich nicht verrenne? Aber warum ist sie dann so anders, seit wir hier sind? Ich verstehe es nicht.
»Wenn du sie nicht fragst, wirst du es nie erfahren. Dann kannst du auch nichts verändern.«
Linh hat ja recht. Trotzdem habe ich Angst.
»Ich traue mich nicht, sie zu fragen. Sie ist so ganz anders, seit wir hier sind.«
»Das ist mir auch schon aufgefallen.«
Linh und ich stehen immer noch auf dem Balkon nebeneinander. Linh hat sich an mich gelehnt. Es piept leise.
»Sie ist wieder da.«, murmelt Linh.
Erst jetzt fällt mir auf, dass Linh nur einen Bademantel trägt und ihr Haar noch feucht ist vom Duschen. Das, was mich bei Ali regelrecht um den Verstand bringen würde, lässt mich bei Linh völlig kalt. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn Linh nackt neben mir stünde.
Ich drehe mich um und gehe langsam ins Zimmer zurück. Ali legt gerade ihre Jacke und einen dünnen bunten Schal auf den Hocker neben ihrem Bett.
»Hey!«, rufe ich freundlich.
»Hey. Ich bin wieder da.«
Ali strahlt mich an.
»Hast du ein paar schöne Fotos gemacht?«, frage ich, und lächle sie an.
»Fotos? Ach so. Ja. Ja, na klar.«
Ich kneife die Augen zusammen, doch davon bekommt Ali nichts mit.
»Wo sind denn deine Schuhe?«
»Stehen draußen. Bin in einen Pferdeappel getreten.«
»Du warst im Stall?«
»Auch.«
Oh man. Warum sagt Ali nicht, dass sie reiten war?
»Hey, Ali!«
Linh stapft an mir vorbei auf Ali zu und schließt unsere verwirrt drein blickende Kollegin in die Arme.
»Weißt du eigentlich, wie toll du auf dem Pferd ausgesehen hast?«
»Ihr … «
Ali stockt.
»Ihr habt mich gesehen?«
Linh nickt. Ich schlucke.
»Warum hast du nicht gesagt, dass du reiten gehst? Wir hätten doch ein paar Bilder von dir machen können.«
»Äh … ich wusste nicht, wie ich mich auf dem Pferd halte. Ich bin doch schon so lange nicht mehr geritten. Aber Oskar war so toll. Er hat einfach so getan als wäre ich ein Profi.«
Alis Augen leuchten noch intensiver als zuvor schon. Mir geht das Herz auf. Sie so glücklich zu sehen ist … wow … unbeschreiblich. Mein Herz klopft eine Spur schneller als sonst. Wie so oft, wenn Ali so toll aussieht und wenn dann auch noch ihre Augen so leuchten. Ihre Stimme überschlägt sich regelrecht, so glücklich ist sie. Der Wahnsinn. Was für eine Frau.
Ich wünschte, ich wäre der Grund für dieses Leuchten und das Glück, das sich so deutlich in ihrem Gesicht abzeichnet.
»Wir könnten doch auch jetzt noch ein paar Bilder machen.«, schlägt Linh vor.
»Aber … Oskar ist doch schon wieder auf der Weide. Schade eigentlich. Vielleicht ja morgen?«
Ihre Stimme klingt hoffnungsvoll.
»Dann wirst du allerdings mit Conny vorlieb nehmen müssen. Ich haue doch morgen nach der letzten Veranstaltung ab.«
»Ach so. Stimmt ja.«
Mit Blick in meine Richtung zieht Ali ihre Socken aus.
»Ich verschwinde kurz unter die Dusche und dann können wir los.«
»Das ist deine Chance.«, zischt Linh als Ali außer Sicht- und Hörweite ist.
»Sie hat nicht abgesperrt.«
Das habe ich auch mitbekommen. Aber ich kann doch nicht … einfach ins Bad gehen. Oder doch?
Linh schiebt mich kurzer Hand Richtung Bad. Sie öffnet die Tür und schiebt mich hinein. Wasser rauscht. Es dampft. Ich drehe mich um und schicke einen strafenden Blick in Linhs Richtung, doch meine Kollegin zuckt nur grinsend mit den Schultern.
»Manchmal muss man die Leute eben zu ihrem Glück zwingen.«
Sie schließt einfach die Tür hinter mir. Obwohl die Frau unter der Dusche mit einer Milchglastür vor neugierigen Blicken geschützt ist, bleibt es nicht aus, dass Alis Konturen sich dunkel abzeichnen. Ich kann den Blick nicht von ihr abwenden. Soweit ich sehen kann, haben Alis Brüste eine nette handliche Größe. Sie würden perfekt in meine Hand passen. Verdammt. Wie soll ich denn nun noch schlafen, ohne dass meine Hormone total Party machen?
»Wer ist da?«, fragt Ali, die meine Anwesenheit anscheinend doch bemerkt hat.
»Ich.«, hauche ich unsicher.
»Oh. Ach so. Dann nicht.«
»Was … wolltest du denn?«, krächze ich.
»Ich habe mein Shampoo vergessen.«
»Sh … Sh … Shampoo vergessen?«, stammle ich.
»Ja. Mein Shampoo. Es steht neben meiner Tasche auf dem Fensterbrett.«
Ich nehme das Shampoo und gehe zur Milchglastür. Ali öffnet die Tür einen Spalt. Ich halte die Hand vor Augen, damit Ali sich nicht von mir beobachtet fühlt. Allerdings habe ich nicht mehr ausreichend Kraft übrig, um die Hand stabil in der Luft zu halten. Sie rutscht herunter. Mein Blick fällt auf Alis nackten Körper.
Ali greift nach ihrem Shampoo.
»Gefällt dir, was du siehst?«, fragt sie.
Ihre Stimme klingt für mein Empfinden ziemlich belegt.
»Sehr.«, erwidere ich, halte dann aber inne und wende den Blick ab.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stürze ich aus dem Badezimmer. Der fragende Ausdruck in Linhs Blick verfolgt mich. Um ihrem Blick auszuweichen, flüchte ich ins Bett und ziehe mir die Decke bis zur Stirn. Ich atme hektisch.
»Was ist denn passiert?«, fragt Linh mitfühlend, und setzt sich zu mir aufs Bett.
Sanft streichelt sie mein Haar.
»Sie hat mich gefragt, ob mir gefällt, was ich sehe.«
»Und was hast du gesagt?«
»Was wohl? Die Wahrheit natürlich.«
Ich kann schließlich nicht gut lügen. Ausnahmslos jeder würde meine Lüge sofort bemerken.
»Oha. Wie hat sie reagiert?«
»Keine Ahnung. Wie du vielleicht mitbekommen hast, habe ich fluchtartig das Bad verlassen.«
»Und ich hab gedacht, dass du einen Geist gesehen hast, so panisch, wie du aus dem Bad gerannt bist und dich in dein Bett geschmissen hast.«
Und dann noch die Decke bis zur Stirn gezogen. Ich weiß. Besonders erwachsen war mein Verhalten ja nicht gerade. Aber … ich war und bin überfordert. Da darf man doch auch mal etwas überreagieren. Oder etwa nicht?
»Mach dich mal locker. Ali wird dich schon nicht fressen.«
In diesem Punkt bin ich absolut nicht Linhs Meinung. Im Gegensatz zu ihr habe ich allerdings auch den Ausdruck in Alis Augen gesehen. Und das verwegene Grinsen, das ihre Lippen umspielt hat.
Ali macht mich fertig.
»Ab morgen Nachmittag habt ihr mehr als genug Zeit, euch ausgiebig zu beschnuppern.«
Das ist es ja gerade. Ich habe Angst davor, mit Ali allein zu sein. Linhs Anwesenheit hat bis jetzt die Stimmung wenigstens einigermaßen entzerrt. Wenn sie morgen weg ist … oha. Das könnte spannend werden.
»Linh, sie hasst mich. Schon vergessen?«
»Bullshit. Sie mag dich. Sie weiß es nur noch nicht.«
»Und was soll ich deiner Meinung nach tun?«
»Dafür sorgen, dass sie es weiß.«
Und wie in aller Welt stelle ich das an? Ich kann mich doch schon von und zu schreiben, dass sie mich ausnahmsweise nicht mit ihren Blicken durchbohrt. Immerhin ein Fortschritt, wenn auch nur ein ganz kleiner.
»Flirte mit ihr. Verwickle sie in Gespräche. Keine Ahnung. Sei einfach du selbst.«
Ob das so eine gute Idee ist, einfach ich selbst zu sein?
Linh beugt sich wieder ein Stück zu mir.
»Du bist eine interessante Frau, Conny. Das musst du Ali nur klar machen. Dann wird sie ganz von selbst darauf kommen, dass es sich nicht lohnt, sich über dich zu ärgern. Wenn du all deine Karten clever ausspielst, wird sie dir aus der Hand fressen.«
Ha! Ha! Von wegen. Wie soll ich mich als interessante Frau präsentieren, wenn ich gleichzeitig ich selbst sein soll? Ich meine … wie soll ich das erklären? Ich bin nicht so … äh … keine Ahnung. Ich bin verwirrt.
Wenn ich ich selbst bin und meine Hormone weiterhin mit mir machen, was sie wollen, dann kann das Ganze nur in fürchterlicher Peinlichkeit enden. Dann werde ich Blödsinn reden, den Wein verschütten, oder mich an einem Reiskorn verschlucken. So bin ich nun mal.
Held ist nicht gerade mein zweiter Vorname.
»Ich kann versuchen, dir ein bisschen unter die Arme zu greifen, aber den Rest wirst du alleine hinbekommen müssen.«
Na, das sind ja tolle Aussichten. Ich schniefe.
»Lass den Kopf nicht hängen. Alles wird gut.«
Linhs Worte in Gottes Gehörgang.
»Na, ihr Zwei, seid ihr fertig?«, flötet Ali als sie aus dem Bad kommt.
Ich drehe den Kopf in ihre Richtung und schaue sie an. Sie trägt eng geschnittene Jeans und eine locker sitzende weiße Bluse aus dünnem Stoff. Über ihrem Arm liegt ein schwarzer Blazer. Ali sieht, wie eigentlich immer, atemberaubend gut aus. Ich schlucke.
Ali schaut an sich herunter. Mit der freien Hand streicht sie ihre Bluse glatt.
»Passt was nicht?«, nuschelt sie, und wirkt von meinen Blicken leicht irritiert.
»Du siehst toll aus.«, erklärt Linh gut gelaunt.
»Haben wir etwas verpasst? Einen Termin in der Oper oder so?«
»Neee. Alles gut.«
Linh schickt ein wissendes Grinsen in meine Richtung. Das macht sie nur wegen dir., formen ihre Lippen, so dass nur ich es sehen kann.
»Wo wollt ihr hingehen?«
»Also, ehrlich gesagt ist mir nicht nach herumfahren oder lange überlegen. Ich bin für den Griechen.«, schlägt Linh vor.
»Können wir gerne machen.«
»Gut. Also gehen wir wieder zum Griechen. Warum nicht?«
Ali zuckt mit den Schultern. Mit dem Blazer über dem Arm schwebt sie an Linh und mir vorbei auf den Balkon. Ihr Po wackelt bei jedem ihrer federnden Schritte. Wir schauen ihr hinterher.
»Siehst du?«, flüstert Linh.
»Alles nur wegen dir. Sie will dich einwickeln.«
Linh macht mich fertig. Ich unterdrücke ein Seufzen. Weil ich mich nicht länger mit Linhs wissendem Grinsen auseinandersetzen will, schiebe ich die Decke weg und rapple mich auf. Mein Herz klopft so schnell, dass es nahezu unmöglich ist, das heftige Hämmern zu ignorieren. Auf wackeligen Beinen gehe ich zum Kleiderschrank und ziehe eine Bluse heraus. Ich ziehe die Bluse an, lasse die Knöpfe aber offen.
»Oha. Ich bin ausschließlich von attraktiven Frauen umgeben. Da könnte man glatt neidisch werden. Stell dir nur mal vor, du und Ali, was wäre das für eine spannende Kombination.«
Uff. Oh ja. Das wäre es. Allerdings auch ziemlich unrealistisch. Ich sollte mir …
»Seid ihr endlich fertig? Ich sterbe vor Hunger.«
»Fertig.«
»Na endlich. Dann können wir ja jetzt los.«
Da die Temperaturen im Lauf des Tages angestiegen sind, entscheiden wir uns für einen Tisch auf der sonnigen Terrasse des Restaurants.
Die Frau, die uns gestern schon bedient hat, bringt unseren Wein und einen Ouzo für jeden. Wir stoßen an. Der Ouzo schmeckt heute viel besser als gestern. Außerdem brennt er nicht mehr so fies im Rachen.
Mit »Seit wann reitest du eigentlich?« lenkt Linh die Gespräche am Tisch auf Alis Reitausflug.
»Seit der Grundschule. Aber in den letzten Jahren hatte ich nur sehr selten die Gelegenheit auszureiten. Frag nicht, wie sehr mir der Hintern brennt.«
Ali lacht leise.
»Ich komme mir gerade vor als ob ich auf rohen Eiern sitze.«
Oh, ich hätte da schon so einige Ideen, um Alis Schmerzen zu behandeln. Ich grinse dümmlich. Unter dem Tisch trifft Linhs Fuß mein Schienbein. Ich schaue auf. Möglichst unauffällig schüttelt Linh den Kopf. Phu.
Wir stoßen mit dem Wein an. Die Bedienung bringt das Essen. Und mehr Wein. Ich habe mich für gegrillte Calamari entschieden, Linh isst eine Grillplatte mit Gyros, Bifteki und Lamm.
»Ali, äh, es tut mir leid, aber du musst dich noch ein bisschen gedulden. Dein Teller hat… «
»Ich habe es gehört.«, brummelt Ali.
»Mein Teller hat einen Abgang gemacht.«
»Richtig. Tut mir leid. Dafür geht eure nächste Runde aufs Haus.«
Na, das ist doch mal ein Deal.
»Fangt ruhig an.«, fordert Ali Linh und mich auf, weil wir keine Anstalten machen, nach unserem Besteck zu greifen.
»Nö.«
»Ihr seid also scharf darauf, euer Essen kalt zu genießen. Bitteschön. Wenn ihr meint. Beschwert euch nachher aber nicht bei mir, wenn mein Essen heiß ist.«
Linh und ich schauen uns an.
»Bist du sicher?«
Ali nickt. Na gut. Wenn sie meint. Bitteschön. Ich wickle das Besteck aus, wünsche freundlich einen guten Appetit und fange an zu essen. Wie gestern Abend auch schon schmeckt das Essen äußert vorzüglich. Wirklich sehr lecker.
»Bedien dich bitte.«, schlage ich vor, obwohl ich es eigentlich nicht besonders mag, wenn jemand in meinem Essen herum stochert.
»Echt jetzt?«, fragt Ali, greift aber sofort nach ihrer Gabel.
Ich schiebe den Teller ein Stück in ihre Richtung. In ihren Augen zeichnet sich Freude ab.
»Ist das lecker.«, murmelt sie, und mir bleibt nur, ihr zuzustimmen.
Als die Bedienung Alis Teller bringt, ist mein Teller fast leer.
Bevor Ali zu essen beginnt, schiebt sie ihren Teller in meine Richtung.
»Bedien dich bitte ebenfalls.«, sagt sie ruhig, und fängt ganz entspannt an zu essen.
Ich bin nicht mehr entspannt. Das Gegenteil ist der Fall. Der erste Hunger ist bei mir gestillt. Und schwupp, wandern meine Blicke in Alis Richtung. Ali leckt sich genüsslich über die Lippen, während ich alle Hände voll zu tun habe, damit mir nicht die Gabel aus der Hand rutscht und in den Teller fällt. Ob Ali sich vorhin schon so … herausfordernd über die Lippen gestrichen hat, kann ich nicht beurteilen, da ich mit mir selbst beschäftigt war. Aber jetzt … jetzt gleitet ihre Zungenspitze über die Lippen. Ali hält die Augen geschlossen und wirkt ganz in sich versunken. Ich weiß nicht, ob sie bewusst mitbekommt, was nur der Anblick ihrer Zungenspitze mit mir anrichtet.
Ich bin verloren. So viel ist mittlerweile klar. Nie wieder werde ich Ali mit neutralem Blick begegnen können.
Ich bin angespannt wie ein Bogen kurz bevor der Pfeil los zischt, um sein Ziel zu treffen.
Obwohl wir keine weitere Runde geordert haben, stellt die Bedienung vor jeden ein Glas Wein. Wir heben die Gläser und stoßen an.