W ie in den letzten Jahren auch, sitze ich alleine am Tisch im Wintergarten, richte den Blick auf die Pferdekoppel und genieße die Ruhe.
Obwohl ich gerne unter Menschen bin, mag ich es auch, allein zu sein. Dann kann ich meinen Gedanken nachhängen und mich selbst sortieren. Böse Zungen behaupten, ich hätte Asperger-Tendenzen, aber ganz so dramatisch schätze ich die Lage dann doch nicht ein.
Ich bin froh, dass ich einfach mal mit mir alleine sein kann, ohne mich mit jemandem auseinander setzen zu müssen. Ich brauche das.
Natürlich ist mir die Enttäuschung in Connys Augen vorhin nicht entgangen. Aber … hey, es war doch bloß Sex. Ich verstehe es nicht, warum sie jetzt so ein Gesicht zieht. Wird Zeit, dass wir nach Hause fahren und ich ins Wochenende starten kann.
»Guten Morgen Alexandra.«
Barbara Adam ist, wie meistens, gut drauf. Sie schenkt mir ein Lächeln und obwohl ich ihr nicht signalisiere, dass ich Lust auf Gesellschaft habe, zieht sie sich den Stuhl mir gegenüber heran und setzt sich hin.
»Soll ich ein Pferd fertig machen?«, fragt sie, doch ich schüttle den Kopf.
»Nur noch einen Kaffee, dann geht es nach Hause.«
»Oh, schade. Ich hatte mir überlegt, dass es doch schön wäre, wenn wir einen kleinen Ausflug in die Felder machen könnten.«
Ich schaue Barbara Adam an. Sie trägt einen dunkelblauen Longsleeve, der bis knapp unterhalb der Brüste geknöpft ist. Die offenen oberen Knöpfe bieten einen perfekten Ausblick auf ihre nackte Haut. Im Gegensatz zu Conny ist Barbara gebräunt.
Für einen kurzen Moment denke ich tatsächlich darüber nach, Conny alleine zurück fahren zu lassen. Bestimmt würde Barbara mich sogar zum Bahnhof in Hannover fahren. Wenn ich ihre Blicke richtig deute, würde ich die Verlängerungstage vermutlich sogar kostenlos bekommen. Vorzugsweise würde ich natürlich in Barbaras Bett übernachten.
»Tut mir leid. Nächstes Jahr vielleicht.«
»Das bekomme ich jedes Jahr zu hören.«
Was wohl daran liegt, dass Barbara zwar eine interessante Frau ist, mich aber völlig kalt lässt. Ich habe kein Interesse, mich auf sie einzulassen.
»Tut mir leid. Wirklich. Aber ich muss zurück.«
Barbara neigt sich zu mir. Ihr Blick begegnet meinem. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Conny wie vom Donner gerührt mitten im Raum steht und uns anstarrt.
Das veranlasst mich dazu, doch ein wenig Nähe zuzulassen. Meine Lippen sind denen von Barbara nun ziemlich nahe. Barbaras Atem streift mein Gesicht.
Ich lege meine Lippen auf die von Barbara. Hinter meinem Rücken klirrt es. Conny stöhnt gequält. Sie bückt sich und hebt das kaputte Geschirr wieder auf.
Barbara versucht, mit der Zunge in meinen Mund zu dringen, doch ich habe keine Lust mehr. Also weiche ich ihr aus.
Barbara fährt sich mit der Hand über den Mund. Dann richtet sie sich auf und schaut mich genervt an.
»Wusste ich es doch, dass du es nicht bringst.«, knurrt sie, und geht.
Ich zucke mit den Schultern. Dann richte ich den Blick wieder aus dem Fenster und hoffe, dass Barbaras Erinnerungsfähigkeit bis zum nächsten Jahr komplett eingeschränkt ist. Hoffentlich vergisst sie, was hier gerade passiert ist.
B in ich froh. Endlich. Mit einem lässigen Tritt befördere ich die Haustür ins Schloss zurück und atme erleichtert auf.
Die letzten Stunden waren anstrengender als die gesamte Tagung. Conny hat mich, ohne lange mit mir herum zu diskutieren, fahren lassen. Sie saß in sich zusammen gesunken auf dem Beifahrersitz, hat ab und zu tief ein und aus geatmet und geseufzt. Immer mal wieder hatte ich das Gefühl, dass sie weint. Die Straße war frei. Wir kamen schnell voran. Ich habe alles aus dem Auto herausgeholt.
Normalerweise brauche ich nach Tagungen, Messen und anderen großen Events ein paar Tage, um mich neu auszurichten. Diesmal ist es anders. Ich brauche meine Mädels. Deshalb lasse ich die Leitungen glühen und verschwinde danach unter die Dusche.
Punkt neunzehn Uhr dreißig betrete ich das Irish Pub und steuere unseren Stammplatz an. Die anderen sind schon da. Sie schauen mir entgegen. Es ist ihnen anzusehen, dass sie vor Neugier fast platzen.
Obwohl mir nicht danach ist, umarme ich meine Freundinnen und setze mich dann auf meinen Stammplatz. Auf dem Tisch steht mein Guinness. Ich lächle dankbar.
»Fängst du freiwillig an zu sprechen, oder sollen wir dir die Worte aus der Nase ziehen?«, meckert Larissa.
»Ich habe mit Conny geschlafen.«, platze ich heraus.
»Nicht dein Ernst.«
Meine Mädels schauen mich ungläubig an.
»Mein voller Ernst.«
»Ist das jetzt eine neue Kriegstaktik? Mit dem Feind ins Bett gehen?«
So würde ich es jetzt nicht nennen. Aber so ähnlich. Und vermutlich kommt es aufs Gleiche heraus.
»Seid ihr jetzt zusammen?«
»Ich verstehe es nicht.«
»Bist du bescheuert?«
Meine Freundinnen schnattern wie die Enten. Ihre Fragen überfordern mich. Auf dem Tisch steht eine Vase, in der eine pinke und eine gelbe Gerbera vor sich hin gammeln. Aus den Lautsprechern hämmert die Melodie eines Liedes von Fiddlers Green.
Meine Freundinnen reden und diskutieren. Ich greife nach meinem Bierglas und nehme einen großen Schluck. Ich liebe den cremigen Schaum eines frisch gezapften Guinness. Allmählich entspanne ich mich wieder.
»Und jetzt?«
»Was wirst du jetzt tun?«
Die Fetzen aus den Gesprächen meiner Freundinnen fliegen mir um die Ohren wie Geschosse. Larissa war anscheinend kürzlich beim Friseur. Sie trägt ihr Haar jetzt ein bisschen kürzer. Sieht ganz gut aus. Ein bisschen langweilig, aber es passt zu ihr.
»Ali?«
Hmh?
Ich schaue meine Mädels fragend an.
»Warum triffst du dich mit uns, wenn du gar keine Lust auf Gesellschaft hast?«
Aber … oha. Anscheinend war ich doch etwas zu abweisend.
»Entschuldigung.«, murmle ich, und schicke ein besänftigendes Lächeln in die Runde.
»Seid ihr jetzt Freunde, du und Conny?«
Ich schüttle den Kopf.
»Bist du in sie verknallt?«
Wieder schüttle ich den Kopf. Wenn die Fragen so weiter auf mich herein prasseln, muss ich aufpassen, dass ich kein Schleudertrauma erleide vom vielen Nicken und Kopfschütteln.
»Wie wirst du weitermachen?«
»So wie vorher auch. Ich meine, es war doch nur Sex.«
Larissa dreht den Kopf in meine Richtung. Sie schaut mich aus zusammen gekniffenen Augen böse an.
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«
Also … eigentlich schon.
»Hast du vergessen, dass dein Drama mit Conny mit nur einem Kuss begann?«
Das kann man doch so nicht gleichstellen. Ich rolle mit den Augen. Damals waren wir noch Teenager, deren Gefühle jederzeit durch die Decke gehen können. Es ist doch nur logisch, dass mich Connys Verhalten verletzt hat. Aber das, was gestern zwischen uns passiert ist, ist doch etwas ganz anderes. Wir sind beide erwachsene Frauen und in der Lage, mit unseren Gefühlen umzugehen.
»Moment. Willst du damit sagen, dass der Sex mit ihr ein Rachefeldzug war? Du wolltest ihr damit etwas vor Augen führen?«
Na da schau einer kuck an. Der Groschen ist also gefallen. Larissa ist die Erste, die es kapiert hat, doch nach und nach verstehen auch die anderen. Meine Mundwinkel zucken. Grinsend hebe ich das Bierglas, setze es an die Lippen und trinke.
»Du bist unmöglich, Ali.«
Jupp.
»So selbstgefällig hatte ich dich gar nicht in Erinnerung. Das ist ekelerregend.«
Anja steht auf. Ihr Blick ruht auf mir. Sie schüttelt den Kopf.
»Ich hätte nie gedacht, dass du so ein Miststück sein kannst. Melde dich erst bei mir, wenn du wieder normal bist.«
Sie knallt einen Zwanziger auf den Tisch und geht. Unter meinen fragenden Blicken und den entgeisterten Blicken meiner Freundinnen stürmt sie wie eine Furie zum Ausgang und verschwindet.
Wie es aussieht, habe ich wohl eine Freundin weniger. Nun, auch gut. Mit Anja konnte ich sowieso nie so gut. Kein Verlust für die Menschheit also.
»Was regt die sich denn so auf?«, murmle ich.
»Also, ich kann sie ja schon ein bisschen verstehen. Denk doch mal daran, wie grauenhaft die Schulzeit für dich nach diesem Vorfall war. Wie sehr du es gehasst hast, Conny jeden Tag sehen zu müssen. Wie sehr du gelitten hast.«
Ja eben. Das ist es ja gerade. Deshalb doch der ganze Zauber. Ich will, dass Conny versteht, dass ich nicht alles mit mir machen lasse.
Früher war ich ein unreifes Mädchen, das unsterblich in die bildhübsche Sportskanone aus der gleichen Klasse verliebt war. Ich hätte alles für Conny getan. Wirklich alles. Sie hat mir das Herz gebrochen. Sie ist schuld, dass ich unfähig bin, mich auf Beziehungen einzulassen. Ich bin kein Asperger, ich bin einfach nur zerstört worden.
Heute bin ich eine starke Frau. Eine starke Frau, die aus eigener Kraft ihren Platz in der Welt gefunden hat. Ich bin gut in dem, was ich mache. Wenn Conny denkt, dass sie mich noch einmal zerstören kann, hat sie sich geschnitten.
So schaut es aus.
»Mann, Ali, überleg doch mal. Du hast mit Conny geschlafen. Sie denkt doch jetzt sicher, dass du auch Gefühle für sie hast.«
Wenn es so ist und Larissa recht hat, dann ist Conny ganz schön naiv.
»Ich glaube nicht, dass sie sich Gefühle auf meiner Seite verspricht.«
»Wieso nicht?«
»Weil ich ihr heute ganz schön die kalte Schulter gezeigt habe.«
Larissa schüttelt den Kopf. Zwei meiner anderen Freundinnen scheinen sich ziemlich unwohl in meiner Nähe zu fühlen. Sie können mich kaum anschauen.
»Also, ganz ehrlich, Ali, du entwickelst dich gerade in eine Richtung, die nicht mehr gut ist. Conny hat damals Mist gebaut und dich schlecht behandelt, das stimmt. Aber das gibt dir doch nicht das Recht, das Gleiche mit ihr zu machen.«
Uff, ich wollte mich mit meinen Mädels treffen, um Spaß zu haben. Stattdessen beschießen sie mich jetzt von allen Seiten. Ich bin das Opfer. Nicht die Täterin. Außerdem habe ich Conny nicht dazu gezwungen, mit mir zu schlafen. Sie hat es aus freien Stücken getan. Wo also ist das Problem?
»Du entwickelst dich gerade total zum Arschloch, Ali.«
Das muss ich mir nicht länger geben. Ich springe auf und funkle meine Freundinnen, oder sollte ich besser sagen ehemaligen Freundinnen, aus zusammen gekniffenen Augen an.
»Conny hat mir das Herz gebrochen!«, schleudere ich ihnen entgegen.
»Zu einer Zeit, in der das Herz ganz besonders empfindlich für Verletzungen ist.«
»Das wissen wir doch. Aber überleg doch mal...«
»Wir meinen es doch nicht böse. Wir bitten dich doch nur, noch mal darüber nachzudenken.«
Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal., würde ich am Liebsten brüllen, doch ich halte mich zurück.
Meine Mädels sind mir zu wichtig, um das, was zwischen uns entstanden ist, zu zerstören.
Sollen sie doch ihre Meinung haben. Ich habe meine.
»Mal was anderes.«, fängt Larissa an, und ich schenke ihr ein dankbares Lächeln.
Ich bin ihr dankbar. Weil sie die Gespräche in eine andere Richtung lenkt.