E in unentspanntes und schreckliches Wochenende liegt hinter mir. Ich war selten so sehr durch den Wind wie an diesem Wochenende. Das, was zwischen Ali und mir in der Nacht vor unserer Rückkehr von der Tagung passiert ist, wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Egal, was ich gemacht habe, oder wie ich versucht habe, mich abzulenken, die Bilder im Kopf hielten sich hartnäckig. Es war schrecklich. Und schön. Zu gleichen Teilen.
Immer, wenn ich daran gedacht habe, wie es war, mit Ali zu schlafen, huschte ein Lächeln über meine Lippen und ein sehr angenehmes warmes Gefühl hat sich in mir ausgebreitet. Wenn die Gedanken jedoch Bilder von dem, was am nächsten Tag war, produzierten, war ich sofort den Tränen nahe. Wie kann ein Mensch nur so … so … so kalt sein wie Ali? Ich verstehe es nicht.
Am Abend und in der Nacht war sie so lieb. So zuvorkommend und zärtlich. Keinen meiner Wünsche hat sie unerfüllt gelassen. Sie hat alles gegeben. Da bin ich mir sicher. Was sollte die Kälte am nächsten Tag?
So oft habe ich überlegt, ob ich sie anrufen, oder ihr schreiben soll, doch dann habe ich mich nicht getraut. Ich hatte Schiss. Es war so schlimm, dass ich froh war als vorhin der Wecker geklingelt und mich vom Wochenende erlöst hat.
Ungünstig ist nur, dass ich Ali heute wieder über den Weg laufen muss. Wie sie wohl heute drauf ist? Ich habe immer noch ein bisschen Angst.
Aber noch viel schlimmer ist, dass mein Herz mir immer noch allzu deutlich zeigt, dass es bereit ist, sich in Alis Arme zu stürzen. Obwohl Ali mich am Tag unserer Rückfahrt verletzt hat wie noch nie ein Mensch vor ihr, bin ich verliebt in sie. Meine Gefühle fahren Achterbahn, wenn ich an sie denke. Ich fühle mich zerrissen. In meine Einzelteile zerlegt. Gleichzeitig weiß ich, dass Ali die Person ist, die mich wieder vervollständigen kann. Ich wünsche mir, dass Ali genauso für mich empfindet wie ich für sie. Ich wünsche mir, dass sie einsieht, wie unnötig es ist, sich gegen ihre Gefühle zu wehren. Ich habe so deutlich gespürt, dass sie mich genauso will wie ich sie. Ich habe die Sehnsucht in ihren Augen gesehen. Ich habe gesehen, wie sie mich angeschaut hat. Da war kein Hass zu sehen, sondern ehrliche Zuneigung.
Warum sträubt sie sich so sehr dagegen?
Wie stelle ich es an, dass sie sich zu mir bekennt?
Oh man.
Und ich hatte mir damals, als ich noch ein Teenager war, eingebildet, dass das Herz nicht schlimmer weh tun kann. Als Teenager war ich rettungslos in eine ältere Schülerin verliebt. Sie hieß Amelie. Für mich war sie die schönste Frau überhaupt. Aber sie hatte keine Augen für mich. Das hat mich viele Jahre beschäftigt. Erst vor einiger Zeit habe ich meinen Frieden damit gefunden. Ich habe sie wieder getroffen und gesehen, wie sie sich entwickelt und verändert hat. Uff. Was soll ich sagen? Aus der strahlend schönen jungen Frau ist jetzt eine notorisch genervte Mutter von drei nervigen Söhnen geworden. Tja. Sie hat mir gesagt, dass sie mich um mein Leben beneidet.
Ein Seufzen unterdrückend lege ich mein Makeup auf und richte die Haare. Zum Abschluss werfe ich meinem Spiegelbild einen Luftkuss zu und verlasse die Wohnung.
»Wie war die Tagung?«, fragt Marek kaum dass ich den ersten Fuß in die Firma geschoben habe.
»Ganz gut, denke ich.«
»Super. Ihr könnt ja nachher bei der Besprechung erzählen, was ihr für Erkenntnisse gewonnen habt. Ali ist auch schon da.«
Und wo steckt Linh? Warum sagt Marek nichts von Linh?
»Gehe ich richtig in der Annahme, dass du nach Linh Ausschau hältst? Linh hat sich für die ganze Woche krank gemeldet. Sie hat wohl die norddeutsche Luft nicht ganz so gut vertragen.«
Marek zuckt mit den Schultern. Ich unterdrücke ein genervtes Stöhnen. Na, die Woche fängt ja schon toll an.
Auf dem Weg zu meinem Büro muss ich an dem Raum vorbei, in dem die Grafiker sitzen. Obwohl die Frau, die am Schreibtisch lehnt und mit den anderen Leuten spricht und lacht, mir den Rücken zukehrt, weiß ich sofort, dass es sich bei der Frau um Ali handelt. Alis Lachen ist unverkennbar. Sie liebt es offensichtlich, mit den Leuten zu lachen und zu scherzen. Wenn mich nicht alles täuscht, flirtet sie sogar ein bisschen.
In mir regt sich Groll. Mit allen anderen kann sie so locker umgehen. Es wird Zeit, dass sie es auch mit mir hin bekommt, egal, was für ein Problem sie mit mir hatte oder hat.
Missmutig stapfe ich in den Raum. Die Kolleginnen und Kollegen begrüßen mich freundlich und lächeln mich an. Ali begrüßt mich nicht. Statt sich wenigstens zu mir umzudrehen, beugt sie sich weiter vor und tut so als würde sie etwas auf dem Bildschirm auf dem Schreibtisch begutachten.
»Ali?«, frage ich mühsam um Kontrolle beherrscht.
»Kannst du bitte mal mitkommen? Wir müssen unsere Präsentation vorbereiten.«
Ich verspüre Erleichterung, weil Marek mir vorhin einen Grund Ali anzusprechen geliefert hat.
Ali dreht sich immer noch nicht zu mir um.
»Ist schon fertig.«, brummt sie lediglich, und ich schaue sie voller Überraschung im Blick an.
»Sag das noch mal.«, knurre ich.
Die Kollegen und Kolleginnen aus der Grafikabteilung schauen interessiert von mir zu Ali und wieder zurück.
Ali richtet sich auf. Nun endlich dreht sie sich zu mir. Ihre Blicke durchbohren mich. Mir wird kalt. Trotz sommerlicher Temperaturen.
»Ich habe die Präsentation bereits vorbereitet.«, erklärt Ali so langsam, dass selbst ein schwerhöriger Neunzigjähriger sie gut verstanden hätte.
Der Groll in mir verwandelt sich in gefährliches Brodeln. Was denkt sie eigentlich, wer sie ist? Gräfin Kotz? Ich bin auf hundertachtzig.
»Mitkommen!«, herrsche ich sie an, aber sie dreht sich bereits wieder um, um mit der Kollegin zu flirten.
»Könnt ihr bitte kurz rausgehen?«
Die Leute aus der Grafikabteilung stehen auf und verlassen den Raum. Ich schließe die Tür und baue mich vor Ali auf.
»Ich weiß zwar nicht, was du für ein Problem hast, aber hör endlich auf damit!«, schimpfe ich.
»Wir waren miteinander auf der Tagung, also werden wir auch die Präsentation zusammen vorbereiten.«
»Das ist doch unnötiger Schwachsinn. Warum etwas noch einmal machen, wenn es bereits fertig ist?«
»Weil es unser Job ist und nicht deiner.«
Ali zuckt mit den Schultern. Ihr Blick ist so eisig kalt, dass es mich fröstelt. Obwohl das Bedürfnis, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, immer größer wird, beherrsche ich mich.
»Wir sind doch ein Team.«, erkläre ich nach außen hin einigermaßen kontrolliert.
»Na und? Sei doch froh, dass ich mich am Wochenende hingesetzt und den Scheiß gemacht habe. Ein Danke wäre wohl eher angemessen.«
»Was ist denn hier bitte los?«
Marek steht an der Tür und schaut uns giftig an.
»Sind wir hier im Kindergarten? Kann mir mal jemand sagen, warum ihr das Büro der Grafiker blockiert und die Leute gemächlich durch die Firma laufen?«
»Ich … «
Ich stocke.
Ali lächelt ungerührt. Im Gegensatz zu mir hat sie anscheinend kein Interesse daran, sich zu erklären. Unglaublich diese Frau.
»Wir haben uns nur kurz absprechen müssen wegen unserer Präsentation.«, sagt Ali ruhig.
Absprechen nennt sie das also. Fassungslos schüttle ich den Kopf.
»Und? Zu welchem Schluss seid ihr gekommen?«
»Die Präsentation ist fertig.«, erklärt Ali schnell, und Marek strahlt.
Ich fühle mich übergangen.
»Na wunderbar. Dann ist doch alles gut. Wir sehen uns in fünfzehn Minuten im Sitzungsraum.«
Kaum ist Marek zur Tür draußen, fährt Ali herum. Ihre Augen blitzen. Sie guckt genervt.
»Kannst du mir mal sagen, wie wir die Präsentation in fünfzehn Minuten geschafft hätten? Vermutlich nicht.«
Alis Stimme ist ein einziges unzufriedenes Schnauben und Zischen. Die Frau mir gegenüber wartet ab.
»Dankeschön.«, hauche ich, obwohl ich Ali viel lieber anbrüllen würde.
Natürlich nur, um sie danach in die Arme zu reißen und zu küssen.
Alis Lippen sind so … süß. So herrlich schön geschwungen. Ich weiß jetzt auch, wie sie schmecken. Und wie sie sich verlangend an meine Lippen pressen können.
Herrje.
Ich muss mich beruhigen. So schnell wie möglich. Möglichst gestern schon. Wenn das nur so einfach wäre. Es war ja vorher schon schwierig, aber jetzt … ist es ganz schlimm geworden.
A m Ende von Alis Präsentation applaudieren unsere Kolleginnen und Kollegen.
»Sehr interessant. Wirklich.«, kommentiert Marek, und nimmt seinen Platz neben Ali ein.
»Gibt es noch irgendwelche Fragen.«
Das ist meine Chance. Ich stehe auf.
»Die Tagung war wirklich interessant. Darin besteht kein Zweifel.«, erkläre ich.
»Allerdings frage ich mich, was es uns bringt, bei so einer Tagung dabei zu sein. Dort gibt es keine potenziellen Kunden.«
»Oh doch. Die gibt es.«, fällt Ali mir ins Wort.
»Man muss nur wissen, wie man die Nüsse knacken kann. Auch Pädagogen aus Waldorf-Einrichtungen überlegen, wie sie die Kinder fit fürs Leben machen sollen. Das Programm verändert sich auch dort. Es finden zunehmend Vorschulgruppen statt. Außerdem ist es wichtig, dass wir breit aufgestellt sind. Je mehr und breiter gefächert wir auftreten können, desto mehr werden wir die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Das Geheimnis lautet zuhören. Und die richtigen Schlüsse ziehen.«
Argh. Ali hat mich mal eben ganz einfach vor allen anderen bloßgestellt. Und ich kann nichts dagegen tun.
»Man muss nur mit den Leuten ins Gespräch kommen und schon erfährt man einiges, was uns helfen kann. So funktioniert das. Werbung ohne Werbung zu machen.«
»In diesem Punkt muss ich Ali zumindest halb zustimmen. Ali hat ein Händchen für Menschen. Nutze die Gelegenheit und beobachte sie, wie sie Leute zu Kunden macht.«
Autsch. Das hat gesessen. Ich bin geplättet.
So, wie es aussieht, hat Marek nicht ganz unrecht. Ich muss noch viel lernen.
Vor allem aber muss ich lernen zu taktieren. Ali taktiert ziemlich gut. Sie ist raffiniert und listig. Mit einem einnehmenden Lächeln im Gesicht stellt sie mir wie ganz nebenbei ihren Fuß in den Weg und ich sehe es nicht und stolpere. So ist es die ganze Zeit. Egal, was ich mache, ich werde immer den Kürzeren ziehen.
Diese Erkenntnis schmerzt so sehr, dass ich getroffen die Augen zusammen kneife. Marek schaut mich prüfend an.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragt er.
Ich nicke gequält.
»So sieht es allerdings nicht aus. Komm mal mit.«
Obwohl ich versuche, meinen Chef mit einem Lächeln zu beschwichtigen, lässt er sich nicht von seinem Vorhaben, mit mir zu sprechen, abbringen. Er leitet mich aus dem Sitzungsraum. Ich spüre Alis Blicke im Rücken und kann mir ihr triumphierendes Grinsen bildlich vorstellen. So kann es nicht weitergehen. Ali spielt sich auf als wäre sie der Boss. Sie will nicht begreifen, dass ich weisungsbefugt bin und nicht sie. Ich muss ihr einen Riegel vorschieben. Wenn ich doch nur wüsste, wie.
Ali hat einen guten Stand in der Firma. Die Kolleginnen und Kollegen mögen und schätzen sie für ihre Kompetenz und Hilfsbereitschaft. Wenn ich es richtig mitbekomme, hat sie für jeden ein offenes Ohr und ist äußerst talentiert, wenn es darum geht, andere zu motivieren. Die Kolleginnen und Kollegen nehmen sie ernst und freuen sich, wenn sie in den verschiedenen Abteilungen vorbeischaut.
Mir kommt es gerade so vor als hätten wir mit verschiedenen Personen zu tun. Alis unmögliches Verhalten mir gegenüber geht mir zunehmend auf die Nerven.
»Was ist eigentlich los?«, fragt Marek, kaum, dass wir sein Büro betreten haben.
»Was ist das mit dir und Ali?«
Ich zucke mit den Schultern und schaue ihn an als wüsste ich nicht, was er von mir will.
»Soll ich Ali dazu holen?«
Bloß nicht.
»Damit wir endlich alle Karten auf den Tisch legen können. Seit du hier bist, habe ich das Gefühl, dass ihr euch gegenseitig blockiert. Dabei dachte ich, dass ihr ähnlich denkt und euch antreibt. Ich verstehe es nicht.«
Marek wirkt so fertig, so nachdenklich und enttäuscht. Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Will er mir jetzt sagen, dass er sich getäuscht hat und ich nun gehen muss? Vor lauter Nervosität fange ich an zu zappeln. Marek läuft in seinem Büro hin und her.
»Wir brauchen eine Lösung.«
Bin ganz seiner Meinung.
»Sonst fahren wir uns selbst an die Wand.«
Also so sehr würde ich die Sache jetzt nicht dramatisieren wollen.
»Ich hole Ali.«
Oh nein. Ich schüttle den Kopf so sehr, dass mein ganzer Körper wackelt.
»Nur ein paar Anlaufschwierigkeiten.«, wiegle ich ab.
»Das wird sich schon einrenken.«
»Zwei Wochen, Conny. Wenn ich dann immer noch das Gefühl habe, dass ihr euch am liebsten gegenseitig abschlachten wollt, werden wir uns für ein Gespräch zusammen setzen.«
Marek nickt mir zu. Ich verstehe. Mit einem windschiefen Lächeln auf den Lippen verlasse ich sein Büro und schließe die Tür vorsichtig hinter mir.