C onny schleicht die ganze Zeit um mich herum. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht mindestens zehnmal in meinem Büro vorbeischaut. Obwohl mich die Besuche und die fadenscheinigen Erklärungen nerven, gewöhne ich mich langsam an Connys Anwesenheit.
Wenn sich ihr die Gelegenheit bietet, folgt sie mir auf Schritt und Tritt. Sie flirtet mit den Erzieherinnen im Kindergarten und wickelt die Kolleginnen und Kollegen mit lockeren Sprüchen und sinnigen Kommentaren ein. Die Leute lieben sie.
Während der letzten Tage habe ich zunehmend das Gefühl, dass Conny sich den Arsch für die Firma aufreißt. Sie will anscheinend wirklich, dass das hier funktioniert.
Obwohl sie noch ein oder zweimal versucht hat, mir dazwischen zu grätschen, scheint sie langsam zu kapieren, dass meine Ideen Sinn bringen. Es kostet uns zwar Zeit, in die Kita zu gehen, die Kinder zu beobachten, uns mit den Erzieherinnen zu unterhalten und Rückmeldung von den Eltern zu bekommen, doch diese Zeit ist eine gute Investition. Unsere Firma hat dem Einsatz der Leute aus der Kita so viel zu verdanken. Nur durch ihre Hilfe ist es uns gelungen, neue Spiel- und Lernmaterialien zu entwerfen, die den Kindern Spaß bereiten. Unsere Spielmaterialien sind so aufgebaut, dass sowohl mit Hilfe von Technik gearbeitet werden kann als auch mit ganz einfachen Hilfsmitteln.
Wir gehen mit der Zeit, schaffen aber auch den Spagat, der nötig ist, um Vergangenheit und Zukunft miteinander zu verknüpfen. So können die Kinder auch mit ihren Großeltern Rätsel lösen, Zahlen und Wörter kennenlernen und sich mit Dingen auseinandersetzen, die für alle Seiten gewinnbringend sind.
Obwohl ich Conny immer noch aus Grunde meines Herzens hasse, muss ich zugeben, dass es Spaß macht, mit ihr zu arbeiten. Es macht Spaß, mit ihr über neuen Ideen zu brüten, und Vorschläge für die Fertigung zu entwerfen. Conny sprüht vor Ideen. Selbst, wenn ich es nicht gerne zugebe, muss ich wohl akzeptieren, dass sie gut ist. Sie ist wirklich gut.
Es klopft an die Tür. Ich hebe den Kopf. Conny strahlt mich an. Über ihrem Arm baumelt eine Papiertüte.
»Darf ich reinkommen?«, fragt sie mit einem fröhlichen Lächeln um die Lippen.
»Eigentlich bin ich gerade beschäftigt.«
»Na und?«
Conny zuckt mit den Schultern.
»Ich habe Eis mitgebracht.«
Eis? Hellwach richte ich mich auf und schaue interessiert in Connys Richtung.
»Sagst du mir, warum du nach unserer gemeinsamen Nacht so komisch warst?«, fragt sie neben mir sitzend.
»Ich … «
Ich springe auf und fange an, in meinem Büro hin und her zu laufen.
»Weil ich dich hasse.«
»Aber warum hasst du mich?«
»Weil … «
Ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an damals schneidet mir den Schmerz so fest ins Herz, dass es mir die Stimme weg drückt. Ich schlucke. Mehrmals. Ich schaue Conny in die Augen. Dort sehe ich aufrichtige Zuneigung, aber auch tausend Fragen und Unsicherheit. Ich kann ihrem Blick nicht länger standhalten, denn, wenn ich sie länger anschaue, fängt die Mauer, die ich um mein Herz gezogen habe, an zu bröseln. Die ersten Steine sitzen schon ziemlich locker. Um Connys Blicke nicht länger ertragen zu müssen, gehe ich zum Fenster und schaue hinaus. Ich drehe Conny den Rücken zu.
»Bitte geh.«, sage ich mit zitternder Stimme.
Meine Lippen beben.
»Aber ich dachte, dass … «
»Bitte geh.«, wiederhole ich.
Mein Herz rast.
Endlich erfüllt Conny meine Bitte und geht. Ich höre die sich entfernenden Schritte. An der Tür bleibt sie stehen. Bestimmt schaut sie jetzt wieder so fragend in meine Richtung.
Ich will Conny weiterhin hassen. Aber es geht nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich kann sie nicht mehr hassen.
Weil sich etwas in mir verändert.
Ich will nicht, dass es sich verändert. Ich will nicht, dass sie noch einmal die Möglichkeit bekommt, mir das Herz zu brechen.
Geh endlich., flehe ich in Gedanken.
»Bist du sicher, dass ich gehen soll?«, höre ich Conny fragen.
Ihre Worte hallen wie ein ständig wiederkehrendes Echo in meinen Ohren. Ich schüttle den Kopf. Doch dann … nicke ich. Ich muss allein sein. Allein mit mir und meinen widersprüchlichen Gedanken.
Ich will Conny hassen.
Ich will nicht, dass Conny mir noch näher kommt.
Ich will mich nicht in sie verlieben.
Ich will … Verdammt.