»Siehst du diese weiße Fläche da unter uns?«, fragte Stuart via Funk. Das Knattern der Rotoren war trotz der Schallschutzkopfhörer noch immer so laut, dass James es über die Stimme des Milliardärs hinweg hören konnte. Der drehte den Steuerknüppel seines kleinen Helikopters hart nach rechts, so dass sie eine enge Kurve über Riker’s Island flogen und die Skyline Manhattans hinter sich ließen. Es war ein seltsames Gefühl, in diesem antiquierten Fluggerät zu sitzen, das – soweit er wusste – eigentlich gar nicht mehr betrieben werden durfte, weil es nicht ans Verkehrsleitsystem angeschlossen war. Kein Fahrzeug, sei es am Boden oder in der Luft, durfte noch manuell gesteuert werden, geschweige denn sich dem KI-gesteuerten Verkehrsnetz entziehen. Aber Geld und Einfluss machten scheinbar auch das möglich.
»Ja!«, rief James in das Mikrophon seines Headsets, das direkt an seinem Mund klebte. Die weiße Fläche war kaum zu übersehen, bedeckte sie doch einen guten Teil von Long Island. Sie sah aus, als hätte jemand eine gigantische Plane über die Insel gespannt. »Was ist das?«
»Das war einmal die größte Gigafabrik der Welt, in der Akkupacks gebaut wurden«, antwortete Stuart. »Heute werden dort noch immer Hochleistungsakkus hergestellt, allerdings unter dem Dach von Blue Space Industries. In dem gesamten Areal arbeiten noch zwölf Menschen, zusammen mit eintausenddreihundertundvierzig KIs und einer Zahl an Robotern, die jenseits der achtzigtausend liegt. Dieser Ort ist etwas ganz Besonderes.«
»So wie dieser Helikopter?«
Der Supervisor warf James einen langen Seitenblick zu. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »So wie dieser Helikopter, ja. Was denkst du, warum ich ihn gerne benutze?«
Wieder ein Test. Sie flogen eine weitere Rechtskurve, vorbei an mehreren Drohnen, die zu ihnen hochgeschossen kamen und vermutlich eine Art Transpondercode abfragten, bevor sie wieder davonschwirrten. Die Gigafabrik lag unter ihnen wie ein weißes Meer.
»Ich denke nicht, dass dieses Fluggerät über 7G verfügt. Oder über irgendwelche Deepnet-Empfänger«, antwortete James ausweichend. Das Abendessen, an dem die Calverts ihn quasi an Stuart verschenkt hatten, lag bereits eine Woche zurück, in der er im Grunde genommen so gut wie nichts getan hatte. Die Arbeit erledigten Hausbots, Gwynne Furlong befand sich so gut wie immer in einer VR-Umgebung, während ihr Sohn nicht im Haus war und Stuart selbst in seinem Labor eine Etage höher. Glücklicherweise hatte sein neuer Herr etwas getan, das James nicht für möglich gehalten hatte: Er hatte ihm ein altes Tablet gegeben, auf dem sich eine Bibliothek mit über achtzigtausend digitalen Büchern befand, mit denen James seinen Wissensdurst stillen konnte. Und genau das hatte er gemacht, sechzehn Stunden am Tag, bis ihm die Augen zufielen.
Wieder lächelte Stuart dieses Lächeln, das aussah, als verstünde er etwas, das niemand sonst verstehen konnte, und nickte schließlich.
»Ich möchte dich noch eine Sache fragen: Was denkst du, ist wahrer Luxus Ende des 21. Jahrhunderts, James?«
»Vermutlich denken viele, dass es ein Luxus ist, dass Gesetze für Sie nicht gelten, weil Sie so einflussreich sind. Zum Beispiel mit diesem uralten Helikopter zu fliegen. Aber das ist es nicht.«
»Nein, das ist es nicht. Und ich habe dir doch das Du angeboten«, bestätigte Stuart und machte eine Pause, die James als Aufforderung verstand weiterzusprechen. Er dachte lange nach, bevor er sich schließlich traute.
»Privatsphäre«, antwortete er, als hätte er die letzte Bemerkung überhört. »Es gibt keine Privatsphäre mehr, weil alles an den Datenstrom angeschlossen ist.«
»So ist es. Als unsere Vorfahren vor knapp achtzig Jahren noch mit Helikoptern wie diesen durch die Luft flogen, fing alles an. Es gab sogenannte Smartphones, die durch Handterminals abgelöst wurden, bevor auch diese antiquiert waren. Die waren im Prinzip der Beginn der Datasphäre. Fuhren Menschen früher in den Urlaub nach Thailand und sahen einen Elefanten, dann staunten sie, wollten ihn berühren, die Gefühle fühlen, die der Anblick und die Berührung eines solch beeindruckenden Tieres in ihnen auslösten. Mit Erfindung der Smartphones stand plötzlich nicht mehr die menschliche Erfahrung, sondern der Datenoutput im Fokus. Urlauber sahen den Elefanten und schossen Fotos von sich und dem Tier, um sie auf einer Social-Media-Plattform hochzuladen und danach regelmäßig nachzusehen, wie viele Likes sie von den anderen Nutzern der Datasphäre bekommen hatten. Jedes Foto, jeder Kommentar fütterte den Datenstrom mit Informationen über seine Nutzer, und keine zwei Jahrzehnte später hatten KIs uns bereits anhand unserer Internetnutzung entschlüsselt. Sie gaben uns bessere Ratschläge als unsere Freunde und Verwandten, weil sie uns ganz einfach besser kannten. Eine Entzauberung der Seele, wenn man so will.«
»Sie meinen die Erkenntnis, dass wir bloß Bioalgorithmen sind? Komplex, aber berechenbar?«, fragte James und musste sich eingestehen, dass er die Frage stellte, um seinem neuen Herrn zu gefallen und von ihm als Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Eine eitle Hoffnung. Ein Vergleich zwischen ihm und dem Mann im Pilotensitz würde auf jede erdenkliche Weise zu seinen Ungunsten ausfallen.
»Auch das ist korrekt. Das Human Brain Project der Europäischen Union hat mit der Simulation eines menschlichen Gehirns Anfang der 2020er den Grundstein für diese Entwicklung gelegt. Seither wollte so gut wie jeder Teil des Datenstroms werden, um sich besser zu verstehen. KIs konnten genau das liefern. Wie muss es wohl gewesen sein, sich selbst nicht gut zu kennen? Sich ständig zu hinterfragen. Habe ich dies richtig gemacht oder jenes falsch?«
»Deswegen haben Sie dem Geschenk der Calverts zugestimmt«, schlussfolgerte James. »Ich bin ein Überflussmensch, unverbessert, nicht Teil des Datenstroms, ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein Kind von Eltern, denen die finanziellen Mittel fehlten, um mit der Evolution Schritt zu halten. Ein lebendiger Atavismus, oder?«
»Ja«, bestätigte Stuart. »Die Leute denken, ich sei ein hoffnungsloser Nostalgiker mit einer Schwäche für das Vergangene.«
»Aber so ist es nicht?«
Der Supervisor lächelte undurchsichtig. »Wusstest du, dass ich meinen Durchbruch in Computer-Hirn-Schnittstellen hier in Queens gemacht habe?«
James sah auf das weiße Meer hinab, das immer größer wurde, weil sie langsam absanken. Er schüttelte den Kopf.
»Ich war Algorithmiker bei Neural Enterprises, die den gesamten Komplex für eine Unsumme gekauft und neben der Batterieproduktion ein geheimes Forschungsprojekt etabliert hatten. Ende der 2030er waren KIs noch immer nicht da, wo wir sie haben wollten. Extrem intelligent, aber nach wie vor unbewusst und auf spezifische Aufgaben beschränkt. Jeder wollte den göttlichen Funken finden, der den Menschen mit Bewusstsein ausstattete, die Maschinen aber nicht, egal wie hoch ihr IQ kletterte. Die Industriespionage trieb die wildesten Blüten. Ich war damals fünfunddreißig Jahre alt und fühlte mich äußerst verwegen, als man mir den Job anbot.«
»Verwegen?«, fragte James verwirrt. »Wieso?«
»Das will ich dir heute zeigen.« Stuart lenkte den Helikopter direkt auf das Dach zu, das sich schließlich quadratisch unter ihnen öffnete, gerade weit genug, dass sie mit hindurchpassten. Dunkelheit verschluckte sie, als es sich über ihnen wieder schloss. Der Supervisor ließ den Steuerknüppel los, als zeitgleich Scheinwerfer ringsherum angingen und sie anstrahlten. Nicht sehr hell, aber ausreichend, um zu erkennen, dass sie in einer Art senkrechtem Tunnel weiterschwebten.
»Wie ist das möglich?« James schluckte nervös und sah immer wieder schräg nach vorne, um zu sehen, wie schnell sie absanken.
»Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Niemand weiß es. Irgendeine KI hat etwas entwickelt, dass uns schweben lässt, als gäbe es die Schwerkraft nicht. Eine Simulation im Quantennetzwerk von Blue Space Industries vermutlich. All das geschieht mittlerweile täglich. Wir wissen nicht, warum es funktioniert, aber es funktioniert. Wieso sollte man da noch Fragen stellen?«
James antwortete nicht und sah stattdessen zu, wie sich der Boden unter ihnen öffnete und sie erneut verschluckt wurden. Diesmal blieb es dunkel, während sich der Helikopter weiter absenkte und irgendwann mit einem sanften Ruckeln zum Stehen kam. Stuart öffnete seine Seite der Kanzel über einen kleinen Hebel und bedeutete James, ihm zu folgen. Als Lichtquelle diente ihnen lediglich das Innere der Kanzel, was für eine düstere Atmosphäre sorgte, als breiteten sich die Photonen hier in der Tiefe nur zaghaft aus.
»Sie wurden von Blue Space Industries abgeworben, richtig?«, stellte er schließlich doch noch eine Frage, die ihm auf der Zunge brannte.
»Ja, von Dieumon Moreau höchstpersönlich. Er tauchte einfach eines Tages auf und sagte mir, dass er von meiner Arbeit beeindruckt sei«, bestätigte Stuart. »Das hat mir damals Angst gemacht, weil ja alles geheim war, aber irgendwie hatte er mitbekommen, dass ich etwas für Neuranet ausgeheckt hatte.«
»Ich habe in den Nachrichten von ihm gehört. Er ist der reichste Mensch der Welt.«
»Des Sonnensystems, muss man sagen. Immerhin leben bereits Menschen auf dem Mond und Mars und bald vielleicht auch auf Proxima Centauri, wenn die Gerüchte stimmen. Dieumon war der erste Billionär des Planeten, weil er der Erste war, der das unendliche Potenzial des Asteroidenbergbaus erkannt hat. Nachts kannst du die fünf Erzbrocken bei klarem Himmel sogar sehen, ebenso wie die Reflexionen der Bergbauanlagen auf ihrer Oberfläche. Ein einziger von ihnen hat mehr seltene Erden, Gold, Platin, Nickel und Eisen als unser gesamter Planet, so dicht sind sie vollgestopft damit.«
»Wie ist er so?«
Stuart machte eine Pause, um einige Knöpfe zu drücken, und nickte dann nachdenklich. »Er ist ein brillanter Denker, vermutlich der beste Algorithmiker, den die Welt je gesehen hat. Er war der Erste, der sich über ein Headmemory mit einer KI verband, um Probleme wie den Rohstofftransport im Orbit zu lösen oder die Null-G-Fabriken zu entwerfen. Er hat den gesamten Arbeitsmarkt für VR-Entwickler revolutioniert, indem er Programme schrieb, mit deren Hilfe ein einzelner Entwickler ganze Universen schaffen konnte. Und nebenbei hat er die gesamte Entertainmentkultur auf den Kopf gestellt. Er ist brillant, wirklich brillant.«
»Mögen Sie ihn?«, fragte James vorsichtig.
»Mögen?« Stuart schien das Wort sorgfältig auf seiner Zunge abzuschmecken. »Er kann einschüchternd sein mit seinem Intellekt. Als Chef ist er sehr detailversessen und verbindet sich gerne direkt im Deepnet mit dem, was wir hier unten gerade tun. Er schaut uns auf die Finger und will alles verstehen und kontrollieren. Das kann manchmal unangenehm sein, aber bisher hat es noch immer zu den besten Ergebnissen und schnellsten Innovationen geführt. Wenn er etwas sagt, dann hört man besser zu, denn er sagt und tut nie etwas ohne guten Grund. So, jetzt sollten wir aussteigen.«
Unter den langsam ausdrehenden Rotoren kamen sie vorne zusammen, und der Supervisor deutete auf ein klobiges Gerät in seiner Hand, das einen grünen und einen roten Knopf hatte.
»Ich zeige dir jetzt mein altes Büro«, erklärte Stuart und sprach noch immer etwas lauter, um das nachlassende Dröhnen der Rotorblätter zu übertönen. Dann drückte er auf den grünen Knopf, und ein Rechteck aus Licht erschien, als sei ein UFO gelandet. Sie gingen darauf zu.
Warum zeigt er mir das alles?, dachte James verwirrt. Es war erst eine Woche vergangen, und doch behandelte dieser Mann ihn wie einen alten Freund. War auch das nur ein Test? Aber wozu? Jemand in solch einer hohen Position hatte doch sicherlich viel dringlichere Dinge, um die er sich kümmern musste. James sagte nichts, denn sosehr er auch wissen wollte, was es damit auf sich hatte, so wenig wollte er das Erreichte gefährden. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass dieser Mann um ein Vielfaches intelligenter war als er. Stuart musste die Frage von ihm erwarten – vielleicht war es sogar auffälliger, sie nicht zu stellen.
»Darf ich fragen, warum Sie mir das zeigen?«, entschied er sich schließlich für Direktheit.
»Menschen …« Stuart schien sich dieses Wort auf der Zunge zergehen zu lassen, während sie durch die Tür gingen, die in Wirklichkeit bloß eine Schleuse aus Druckluft war und in einen langen weißen Gang führte, dessen Wände leuchteten. »Wusstest du, dass die neue, verbesserte Menschheit sich hinter vorgehaltener Hand Homo nobilis nennt? Man möchte sich ebenso von Homo sapiens abgrenzen, wie Homo sapiens sich von den Affen abgrenzen wollte. Wir sind doch keine Primaten! Jeder wusste, dass wir von ihnen abstammten, so wie auch heute jeder weiß, dass wir noch immer Homo sapiens sind, obwohl mich vermutlich mehr von dir unterscheidet als dich von einem Orang-Utan.«
James zuckte unwillkürlich zusammen.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen. Was ich sagen wollte, ist Folgendes: Menschenaffen und Menschen teilen einen großen Teil ihres Erbguts, aber sie wurden von der Evolution in Hunderttausenden von Jahren voneinander getrennt und entwickelten sich verschieden. Seit wir Intelligenz gepaart mit Bewusstsein als das Maß aller Dinge ansehen, gehören wir plötzlich nicht mehr zum Tierreich. Wir wähnen uns so weit weg von allen anderen Spezies auf diesem Planeten, dass wir uns kurzerhand über sie erhoben haben. Mit euch Überflussmenschen – und ich verabscheue diesen Begriff – wollen wir nichts mehr zu tun haben«, erklärte Stuart. »Jetzt denkst du vielleicht, dass wir grausam wären, oder? Wir haben Menschen, die keinen ökonomischen oder kulturellen Nutzen mehr hatten, einfach degradiert zu einer evolutionären Vorstufe, einem Auslaufmodell. So wie ihr es zuvor mit den Tieren gemacht habt. Empfindungsfähige Wesen mit einer primitiven Form von Bewusstsein und limitierter Intelligenz. Wusstest du, dass die ausgestorbenen Wale über ein ebenso reichhaltiges Vokabular verfügten wie die englische Sprache? Dass sie Namen in Form von Lauten hatten? Verstanden haben wir sie nie. Als sie noch einen Nutzen für Homo sapiens hatten, wurden sie gejagt, um aus ihrem Fett Lampenöl zu gewinnen. Später war man darauf nicht mehr angewiesen und hat sie einfach ignoriert, nachdem man sie ein paar Jahrzehnte lang geschützt hat. In Schlachthöfen wurden Schweine, Rinder und Geflügel gehalten, gezüchtet, damit sie viel Milch und Fleisch geben, und dann so schnell wie möglich geschlachtet. Gefüttert haben wir sie mit den Überresten ihrer eigenen Artgenossen, dem Tiermehl. Aber was rede ich da, diese Schauergeschichten konnte der menschliche Geist schon immer gut verdrängen, und das wird er auch weiterhin mit allem tun, was ihm unangenehm ist. Warum ich dir das alles erzähle? Du stammst aus einem Zug.«
James wollte bejahen, doch aus seinem Mund kam bloß ein mickriger Krächzlaut, als er an seinen Zug zurückdachte. Nachdem er sich geräuspert hatte, sagte er laut: »Ja.«
Stuart nickte besonnen, als habe er gerade etwas Wichtiges verstanden.
»Ich schätze, es war kein grausames Leben, oder?«
»Nun, das ist schwer zu beantworten. Bis ich von meinem Zug geflohen bin, um nach New York zu gelangen, war das Leben gar nicht so schlecht. Erst als ich nach New York kam, verstand ich, was mit uns geschehen war. Seither denke ich an diese Zeit mit einigem Unbehagen zurück.«
»Sind die Züge eine grausame Erfindung gewesen?«, fragte Stuart, und James war überrascht von der Direktheit der Frage. Wenn alles ein Test war, dann hatte er sich sicherlich längst verheddert in irgendeinem komplexen intellektuellen Netz. Er musste vorsichtig sein.
Sie kamen auf eine Doppeltür zu, neben der sich ein kleines Loch in der Wand befand, das er fast übersehen hatte. Stuart stellte sich davor und atmete hinein, woraufhin die beiden Türflügel sich zu den Seiten hin zurückzogen und einen Fahrstuhl freigaben.
»Stimmabgleich: Stuart Furlong. Ein Gast.«
»Stimmabgleich bestätigt«, antwortete eine sphärische Stimme, die aus allen Richtungen gleichzeitig zu erklingen schien. »Fremde DNA registriert.«
»Gast-DNA löschen.«
»Verstanden. Gast-DNA gelöscht.« Der Fahrstuhl setzte sich sanft in Bewegung.
»Also, James? Denkst du, dass die Züge eine grausame Erfindung waren? Es fährt immer noch einer von ihnen durch Amerika. Wusstest du das?«
»Ich habe mir so etwas gedacht, ja«, gab er zu. »Und ja, ich glaube, dass sie eine grausame Erfindung waren, aber eher aus dem Grund, dass sie empathielos war, nicht weil sie wissentlich niederträchtig sein wollte. Vordergründig gab es in meinem Zug alles, was ich brauchte: Nahrungsmittel, Arbeit, ein Feindbild, eine Flagge, an die man glauben konnte, eine Administratorin, zu der man aufblicken konnte. Und natürlich Unterhaltung. Der Download. Der Zug bot außerdem Schutz vor den schlimmsten Folgen des Klimawandels und blieb immer in Bewegung. Auf dem Papier stimmte alles.«
»Aber?«, hakte Stuart nach.
»Aber man kann nichts Gutes auf etwas Schlechtem bauen, und die Grundidee war, dass man überflüssig gewordene Menschen loswerden wollte. Ihr wolltet uns nicht einfach auslöschen, weil ihr dann ein schlechtes Gewissen gehabt hättet. Nur … loswerden.«
»Natürlich. Homo sapiens hat Tiere auch gerne in Zoos gesperrt, um sie vor dem Aussterben zu bewahren.« Stuart schnaubte. »Ja, das klingt ganz nach uns. Was ist bisher dein Eindruck von der Neuen Welt? Ist sie schön? Und was ist mit dem neuen Homo nobilis? Wir sind durch die retrovirale Rejuvenationstherapie quasi unsterblich geworden, dank Implantaten, Symbionten und Computer-Hirn-Schnittstellen zu hochproduktiven, genialen Menschen. Manche argumentieren, dass wir Götter seien. Und ich kann sie auf intellektueller Ebene verstehen. Denken wir an die antiken Griechen und ihren Götterpantheon, dann erfüllen wir sämtliche Voraussetzungen. Zeus war als Gott verehrt, weil er in den Wolken lebte, blitzschnell über die Welt reisen und ganze Städte zerstören konnte. Das klingt aus heutiger Sicht nicht mehr besonders spektakulär. Doch es ist nicht leicht, ein Gott zu sein, oder?«
»Ich muss gestehen, dass ich Ihren Gedankengang zwar nachvollziehen kann, mir aber nicht sicher bin, wohin dieses Gespräch führt oder was es bedeutet«, antwortete James, als im selben Augenblick die Fahrstuhlkabine zum Halten kam.
»Wusstest du, dass die Gigafabrik einfach über den alten Stadtteil Queens gebaut wurde? Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, alles zu planieren, nachdem der Supersturm Catherine mit seiner Flut alles plattgewalzt hat. Über uns befinden sich noch die alten Gemäuer unter den Betonfundamenten. Statt aufzuräumen, haben die KIs berechnet, dass es kostengünstiger ist, einfach drüberzubauen. Warum etwas ersetzen oder reparieren, wenn man auch einfach darüber hinauswachsen kann?« Stuart deutete durch die sich öffnende Tür in ein einfaches Zimmer von vielleicht zwanzig oder dreißig Quadratmetern, dessen Wände komplett mit Displayfolie ausgekleidet waren. In der Mitte standen einige Arbeitskonsolen mit Bürostühlen und zwei große Serverschränke, an deren Verkleidung jeweils drei grüne Lämpchen anzeigten, dass sie gerade in Betrieb waren.
»Ich verstehe immer noch nicht.«
»Was genau?«
»Haben Sie jemals jemanden hier heruntergelassen?«
»Nein, nicht einmal meine Frau«, gab Stuart zurück und machte ein Gesicht, als sei allein die Frage abstrus.
»Aber warum ich? Warum zeigen Sie mir das? Sie kennen mich doch gar nicht. Ich bin Ihrer Logik nach nicht einmal Teil Ihrer Spezies«, beharrte James und trat vorsichtig einen Schritt näher, als die Tür sich schließen wollte.
»Ich kenne dich sehr wohl. Ich habe mir von Claudia und Robert selbstverständlich noch am selben Abend sämtliche Daten geben lassen, die sie über dich hatten, und das schließt alle Interaktionen ein, die sie jemals mit dir erlebt haben.«
James schwieg, und Stuart seufzte.
»Ich brauche deine Hilfe bei etwas, das nur jemand wie du erledigen kann. Unsereins ist dafür denkbar ungeeignet.«
»Meine … Hilfe?«, fragte James überrascht. »Wobei denn?«
»Du sollst jemanden für mich finden.«
»Jemanden finden? Wen?«
»Meine Tochter.«
»Sie haben eine Tochter?« Nun war James noch verwirrter.
»Nein, ich hatte eine. Sie ist tot.«
»Aber wie soll ich sie dann aufspüren?«
»Das, James, ist eine gute Frage.« Der Supervisor deutete auf die Arbeitsbereiche vor ihnen. »Setz dich bitte, wir haben einiges zu besprechen.«