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Das letzte Biest

„Tom, bist du verletzt?“, fragte Elenna besorgt.

Tom saß am Waldrand auf dem Boden und hielt sich seinen schmerzenden Kopf. Das Blut pochte in seinen Adern und es fühlte sich an, als würde sein Kopf jeden Moment platzen. Tom hatte wieder eine Vision von seiner sterbenden Mutter gehabt, die ihm der böse Zauberer Velmal geschickt hatte. Tom wollte die schrecklichen Bilder vergessen, aber Freyas lebloses Gesicht hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt. Er sah sie immer noch vor sich.

„Ich darf jetzt nicht aufgeben“, dachte er. „Ich bin kurz davor, die letzte Zutat für den Heiltrank zu finden, der meine Mutter retten wird.“

Silver schleckte Tom mit seiner feuchten Zunge über das Gesicht. Tom sah hoch. Elenna und der Wolf knieten neben ihm und blickten ihn besorgt an. Hinter ihnen stieß Storm ein beunruhigtes Wiehern aus.

„Es geht mir gut“, sagte Tom heiser. Er rappelte sich auf und versuchte, das Zittern in seinen Beinen zu unterdrücken. Er straffte die Schultern. „Velmal wird mich nicht davon abhalten, diese Mission zu Ende zu bringen“, schwor er. „Wir müssen nur noch ein Biest besiegen!“

„Was ist auf dem Amulett zu sehen?“, fragte Elenna.

Tom zog das magische Amulett an einer Lederschnur aus seinem Hemd und betrachtete die Landkarte, die sich auf der Rückseite bildete. Ein Weg führte nach Südosten.

„Meaton“, las Tom das Wort vor, das auf einmal erschien. „Das ist unser nächstes Ziel.“

„Sieh dir das an!“ Elenna deutete auf das winzige Bild eines Schlosses mit Türmen, Wehrmauern und einer Fahne, die auf dem höchsten Turm wehte. „Meaton muss die Hauptstadt sein, in der auch Königin Romaine lebt. Sie … Oh nein!“

Tom keuchte, als er entdeckte, was seine Freundin erschreckt hatte. Eine große Wespe flog um den Schlossturm herum. Ihre Flügel sirrten wütend und ihr Stachel leuchtete unheilvoll grün. Der Name Vespix erschien neben ihr.

„Das ist das letzte Biest“, stellte Tom fest. „Die Königin ist in großer Gefahr!“

„Aber wo ist die nächste Zutat für den Heiltrank?“, fragte Elenna und betrachtete das Amulett. „Die anderen Zutaten waren bisher immer auf der Karte zu sehen. Ohne sie können wir deine Mutter nicht retten.“

„Ich weiß“, erwiderte Tom grimmig. „Vielleicht trägt das Biest die Zutat bei sich, was auch immer es ist. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“

Er drehte sich um und ging entschlossen auf Storm zu. „Wir müssen uns dem Biest stellen“, sagte er und schwang sich in den Sattel. Er streckte Elenna die Hand entgegen und zog sie hinter sich auf den Rücken des Pferdes.

„Wir machen uns besser auf den Weg. Es liegt noch eine lange Strecke vor uns und wer weiß, wann die Nacht anbricht“, schlug Tom vor. „Oder wie lange meine Mutter noch leben wird“, fügte er in Gedanken hinzu.

Als sie eine Weile geritten waren, brachte Tom seinen Hengst am Rande eines Getreidefeldes zum Stehen. Die Halme raschelten und wogten in der sanften Brise hin und her.

Silver wollte geradewegs in das Feld stürmen, doch Elenna hielt ihn zurück.„Bleib stehen!“, befahl sie ihrem treuen Gefährten. Silver winselte und setzte sich gehorsam neben Storm.

Tom warf einen schnellen Blick auf das Amulett. „Nach Meaton geht es dort entlang“, sagte er und deutete auf die Straße, die um das Feld herumführte. Diese würde sie allerdings auf einem weiten Umweg zu ihrem Ziel bringen. Schneller wäre es, wenn sie quer durch das Feld ritten.

„Das Feld gehört bestimmt einem Bauern aus der Gegend“, sagte Elenna unsicher. „Wenn wir mitten hindurchreiten, zerstören wir einen großen Teil des Getreides.“

„Wir dürfen aber keine Zeit mehr verlieren“, entgegnete Tom ungeduldig.

Er zog seinen Kompass aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf. Die Nadel pendelte zwischen Schicksal und Gefahr hin und her, bis sie schließlich stehen blieb. Sie zeigte auf Schicksal und deutete in Richtung des Feldes. „So soll es also sein“, sagte er und steckte den Kompass wieder ein. „Wir reiten hier entlang.“

Tom lenkte Storm in das Getreidefeld und achtete darauf, dass sie nicht mehr Halme als nötig zerknickten. Silver folgte ihnen in der Spur, die die Hufe des Hengstes hinterließen.

Als sie schon weit ins Feld hineingeritten waren, hörte Tom ein Rascheln. Er blickte über die Schulter, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. „Das war sicher nur der Wind“, dachte er. „Oder nicht?“ Tom hatte ein merkwürdiges Gefühl.

„Hast du auch etwas gehört?“, fragte er Elenna und sah sich misstrauisch um.

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Seine Freundin schüttelte den Kopf. „Nur die Getreidehalme, die bei Storms Schritten rascheln.“

Tom blickte sich wachsam um. „Mein Kopf tut immer noch weh“, dachte er und biss die Zähne zusammen. „Vielleicht höre ich deshalb seltsame Geräusche.“ Er versuchte, seine Sorgen abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. „Wir müssen uns beeilen“, sagte er. „Ein Biest wartet auf uns!“

Bald erblickte Tom eine Hecke, die den Feldrand säumte, und dahinter sanfte grasbedeckte Hügel. „Da vorne kann Storm wieder galoppieren“, sagte er. „Wenn wir Glück haben, sind wir bald in Meaton.“

Plötzlich senkte sich ein Netz über sie und Storm stieg auf die Hinterbeine.

„Ein Fangnetz!“, dachte Tom entsetzt.

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Storm schüttelte den Kopf und wieherte panisch. Silver stieß ein lautes Heulen aus.

Tom zog sein Schwert und versuchte, das Netz zu zerschneiden, aber es gelang ihm nicht. Sie waren gefangen!