Tom zerrte wütend an den Netzmaschen, als wie aus dem Nichts eine Gruppe Männer auftauchte. Tom war sich sicher, dass sie sich im Getreidefeld versteckt gehalten hatten. Durch das Netz konnte er erkennen, dass ihre Kleidung zerlumpt und ihre Haare zerzaust waren. Die Männer blickten sie aus grimmigen Gesichtern an. Sie fuchtelten mit Speeren und Sicheln und schrien wütend durcheinander.
„Diebe!“
„Eindringlinge!“
„Wir wollen euch hier nicht!“
Ein Mann trat vor und bedrohte sie mit seinem Speer. „Wir haben euch beobachtet“, sagte er. „Wir haben gesehen, wie ihr unser Land betreten habt.“
„Das war also das Geräusch, das ich gehört habe“, dachte Tom. Laut sagte er: „Ihr seid uns gefolgt.“
„Und es ist gut, dass wir das getan haben“, knurrte der Mann. „Wie könnt ihr es wagen, über Bauer Joss’ Feld zu trampeln?“
„Wir waren so vorsichtig wie möglich“, erklärte Elenna. „Ihr macht mit euren Füßen doch mehr kaputt als wir!“
Tom stupste Elenna warnend in die Seite. Sie hatte recht, aber es war gefährlich, die Männer noch wütender zu machen.
Die Männer hoben das Netz über Tom und Elennas Köpfe. Dann zogen sie die beiden von Storms Rücken und banden ihnen die Hände zusammen. Silver knurrte und fletschte die Zähne.
„Nicht“, sagte Elenna zu ihm. „Greif sie nicht an. Wir haben im Moment sowieso keine Chance zu fliehen. Es sind zu viele!“
Tom nickte. „Wir warten auf die richtige Gelegenheit“, murmelte er Elenna zu.
Die Männer kreisten sie ein. „Hier entlang!“, befahl ihr Anführer.
Er packte Storm am Zügel und führte ihn zum Feldrand. Der Hengst wehrte sich nicht, denn auch er spürte, dass sie in Gefahr waren.
Die anderen Männer schubsten Tom und Elenna hinter ihrem Anführer her und bedrohten sie mit ihren Waffen. Silver trottete dicht neben Elenna her.
Auf der anderen Seite des Feldes angekommen, schoben die Männer Tom und seine Freunde durch ein großes Tor. Dann folgten sie einem Weg, bis sie zum Rand einer Stadt kamen. Hier waren die Straßen gepflastert und die Häuser aus Stein.
„Das muss Meaton sein“, dachte Tom.
Er hörte entferntes Stimmengewirr, während sie an zerstörten Häusern vorbeikamen, die auf beiden Seiten die Straße säumten. Schließlich erreichten sie einen Platz voller Menschen. Der Anführer drängte sich durch die Menge und bahnte ihnen einen Weg.
„Hallo, Brandt“, sagte jemand zu ihm und betrachtete Tom und seine Gefährten neugierig. „Wen bringst du uns da?“
„Eindringlinge!“, rief der Anführer. „Wir werden ihnen einen Denkzettel verpassen!“
Der andere Mann lachte spöttisch. „Ihr solltet das die Wespen erledigen lassen.“
Toms Herz machte einen Sprung. Er warf Elenna einen Blick zu. „Wenn es hier Wespen gibt, dann kann das Biest nicht weit sein“, flüsterte er.
Brandt pflügte ihnen weiter einen Weg durch die Menge, bis sie zur Mitte des Platzes kamen. Dort stand ein Brunnen in Gestalt eines Seepferdchens. Es sprudelte jedoch kein Wasser heraus. Das Becken war trocken und staubig. Neben dem Brunnen waren schwitzende Männer damit beschäftigt, Käfige aus Holzbrettern zu bauen.
„Wir dürfen uns nicht einsperren lassen“, raunte Tom Elenna zu. „Wir müssen das Biest finden und zwar schnell!“
Die Menschenmenge drängelte und schubste und ein Meer aus wütenden Gesichtern starrte sie an. Auf Tom wirkten die Menschen wie ein Rudel wilder Tiere, das seine Beute umkreist.
„Das ist er!“, rief jemand. „Es ist alles seine Schuld!“
Tom sah sich um und entdeckte einen Mann, der sich nach vorn kämpfte. Er erkannte Jed, einen der Minenarbeiter aus dem Goldenen Tal im Norden. Elenna und er hatten die Männer dort aus der Sklaverei befreit und vor Pharox, der Riesenfledermaus, gerettet. Aber dankbar schien Jed ihnen dafür nicht zu sein.
„Das Chaos, das sich im ganzen Königreich ausbreitet – nur er ist daran schuld“, sprach der Minenarbeiter weiter und bohrte seinen Zeigefinger in Toms Brust. „Er hat die Mine geflutet, die all die Jahre unseren Reichtum gesichert hat.“
„Du verstehst das falsch“, erwiderte Tom und versuchte, seine Hände zu befreien. Die Fessel schnitt schmerzhaft in seine Haut. „Ihr wart blind und hattet Angst vor Pharox. Wir haben ihn besiegt! Wir haben euch aus der Mine befreit!“
Aber die wütende Menge schrie so laut, dass Toms Stimme darin unterging.
Ein stämmiger Mann mit einer Augenklappe trat neben Jed. Tom erkannte ihn und die tödlichen Wurfsterne, die in seinem Gürtel steckten.
„Das ist der Mann, der Silver töten wollte, um seinen Pelz zu verkaufen“, zischte Elenna Tom zu. „Der, den wir vor dem Kampf mit Modrik getroffen haben.“
Tom nahm all seine Kräfte zusammen, doch er konnte die Fessel nicht lockern. Angst und Wut tobten in ihm. „Ich bin hier, um meine Mutter zu retten“, dachte er verzweifelt. „Ich muss das Biest finden, bevor es zu spät ist!“
Selbst wenn er den Bewohnern von Meaton von seiner Mission erzählte, würden sie ihm nicht glauben.
„Wir sollten den Jungen bestrafen!“, rief der stämmige Mann. „Er hat nichts als Ärger verursacht.“
„Nein, bringt ihn zur Königin!“, rief jemand anderes.
„Ich wünschte, das würdet ihr tun“, dachte Tom. „Die Königin würde uns bestimmt zuhören.“
„Das bringt nichts“, meinte eine Frau. Sie fuchtelte mit einem langen Küchenmesser vor Toms Gesicht herum. „Das Königreich bricht zusammen und Königin Romaine tut nichts dagegen. Sie unternimmt noch nicht mal etwas gegen diese Wespenplage!“
„Die Wespen müssen ganz in der Nähe sein!“, überlegte Tom. Er sah zu Elenna. In ihrem Gesicht spiegelten sich seine eigenen Gedanken wider. Plötzlich traf ihn etwas Hartes am Kopf.
„Uff!“, stöhnte Tom, als er zu Boden ging. Ihm wurde schwarz vor Augen und er spürte, wie er über das Kopfsteinpflaster gezerrt wurde.
Tom versuchte aufzustehen, aber jemand drückte ihn fest nach unten. Ein glatzköpfiger Mann kam auf ihn zu. Er war groß und muskulös, trug ein Lederwams und Lederbänder an seinen Handgelenken und hatte eine lange Peitsche in der Hand.
Tom wehrte sich mit aller Kraft und versuchte, den Mann abzuschütteln, der ihn festhielt. Doch der Schlag auf den Kopf hatte ihn geschwächt. Er hatte Schmerzen und die Gesichter seiner Gegner verschwammen vor seinen Augen.
Er hörte Elenna rufen: „Lasst ihn los!“
Die Menge jubelte, als der Mann seine Peitsche mehrmals auf den Boden knallen ließ. Tom versuchte zum letzten Mal, sich zu befreien. Aber der Schmerz pochte heftig in seinem Kopf und sein Körper gehorchte ihm einfach nicht.
Als der Mann die Peitsche hob, schloss Tom die Augen und wappnete sich für das, was ihm bevorstand …